Das ist die nackte Zahl. Aber hinter dieser Zahl stecken Menschen. Menschen, die im Jahr 2021 in Deutschland aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. Im Bistum Osnabrück waren es insgesamt 6.146 Menschen, in der Stadt Osnabrück 914, in unserer Pfarrei 108. Diese 108 Menschen haben von mir einen Brief bekommen. Dort heißt es unter anderem:

Es gibt viele Gründe, der Kirche den Rücken zu kehren: die Skandale, die einen sprachlos machen, die Verbrechen, die in der Kirche geschehen sind, die Art und Weise des Umgangs damit, strukturelle Ungerechtigkeiten, wenig entgegenkommendes Verhalten, vielleicht sogar sehr persönliche Verletzungen oder auch einfach die Erkenntnis: „Mir bedeutet das alles nichts mehr – warum soll ich also bleiben?“ Vielleicht mögen Sie mir von Ihren Gründen erzählen. Auch wenn wir vor Ort nicht alles beeinflussen oder ändern können, haben wir hier doch die Möglichkeit, andere Akzente zu setzen, damit Menschen sich wohl und ernstgenommen fühlen. Ich würde mich freuen, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen.

Ungefähr ein Viertel derer, die ihren Kirchenaustritt erklärt haben, nimmt das Gesprächsangebot an. Per E-Mail, per Brief oder per Telefon. Manchmal wird daraus auch eine Einladung zum Kaffee. Fast immer beschreiben mir die Männer und Frauen dann, dass es meist nicht daran liegt, wie sie die Kirche in ihrer Kindheit und Jugend oder auch hier vor Ort erlebt haben und erleben. Es sind die großen, bekannten Themen, die bei vielen erst zur Resignation und dann zum Austritt geführt haben: „Es ändert sich ja doch nichts!“ – „Ich will keine Institution unterstützen, die Frauen und homosexuelle Menschen diskriminiert!“ – „Wer immer noch vertuscht oder Aufklärung behindert, der kann nicht mehr mit meiner Unterstützung rechnen!“

Ganz oft wird bei diesen Gesprächen spürbar: Diese Menschen haben nicht ihren Glauben verloren. Manche sagen mir aber: „Nur wenn ich gehe, kann ich meinen Glauben noch retten!“ Ich überrede niemanden zurückzukommen. Aber mir ist es wichtig, deutlich zu machen, dass unsere Türen offen stehen und offen bleiben.

Nach solchen Gesprächen wünsche ich mir, dass es unserer Kirche auf allen Ebenen gelänge, schlicht und ergreifend das zu tun, was Jesus getan hat: Menschen zu sehen. Sie zu fragen: „Was brauchst du?“ Und ihnen zu helfen, Gott und einander zu begegnen. Warum ist das nur so schwer?

Alexander Bergel

.
Bild: Jürgen Damen
In: Pfarrbriefservice.de