Geschichten gehen immer weiter. Diese auch. „Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er sandte aus und ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte.“ Ganz gleich, ob es diesen Kindermord so konkret gegeben hat oder ob er nur illustrieren soll, wie Herodes von seinen Zeitgenossen erlebt wurde – eine Blutspur zieht sich durch seine Herrschaft, durch ein ganzes Land, durch eine ganze Geschichte. Und diese Blutspur – sie reicht bis in unsere Tage.

Was ist eigentlich los mit unserer Welt? Was ist los mit einem Land, das zu Recht zu den ältesten und stärksten Demokratien unserer Erde zählt? Was ist los in Washington, wo ein aufgeheizter Mob durch die Straßen zieht und das Kapitol stürmt? Was ist los mit einem Machthaber, der vom Wohl des Volkes spricht, dem es aber nur um seinen eigenen narzisstischen Machterhalt geht? Eine Blutspur des Misstrauens, des Hasses, der Polarisierung zieht sich durch ein ganzes Land. Überraschen kann das niemanden.

Und bei uns? Was ist los mit einem Land, das zu den reichsten der Erde zählt, in dem Politiker natürlich auch nicht alles richtig machen, aber doch versuchen, Entscheidungen zu treffen, die uns allen helfen wollen, gut durch diese Krise zu kommen? Was ist los bei uns, wenn sich Menschen gegen das Impfen aussprechen, dies aber nicht in einem vernünftigen Diskurs tun, sondern in der Öffentlichkeit Aufkleber anbringen, vor ein paar Tagen auch am Schaukasten vor der Heilig-Geist-Kirche. Auf diesem Aufkleber war ein Judenstern abgebildet. Mittendrin stand: Ungeimpft. Und darunter war zu lesen: „Es geht wieder los.“ Eine Blutspur der Gedanken, der Manipulation, eine Blutspur, von der wir noch nicht absehen können, wohin sie führt.

Worum geht es all diesen Leuten? Worum geht es dem abgewählten Präsidenten der USA? Worum geht es den Radikalen überall auf der Welt? Jenen, die nicht bereit oder willens oder fähig sind, Argumente auszutauschen, gemeinsam nach Lösungen, nach Perspektiven, nach Wegen in eine gute Zukunft zu suchen? Es ist schwer zu sagen. Manchen geht es wirklich nur um das eigene Ich. Andere wollen den Hass, die Zerstörung, das Chaos. Und man wird sie vermutlich nicht ändern können. Umso wichtiger ist es dann aber zu überlegen: Was wollen wir denn? Was ist unsere tiefste Sehnsucht? Und: Wie können wir helfen, dass sich die Wege des Heiles durchsetzen und nicht das Unheil der Narzissten, der Blender, der Verkürzer, der Polemisierer und Verführer?

„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ Ganz gleich ob es nun Könige waren oder Weise, ganz gleich ob es drei waren oder mehr, da waren Männer unterwegs – selbst das wäre egal, warum nicht auch Frauen? –, Menschen waren unterwegs. Haben sich auf den Weg gemacht. Weil sie gespürt haben: Es gibt da noch etwas anderes. Ja, es gibt da noch einen Anderen. Den zu suchen – das lohnt sich. Und so haben sie sich aufgemacht. Haben die Zeichen des Himmels richtig gedeutet – ohne zu wissen, wohin sie das führt. Sie haben das Alte hinter sich gelassen, denn das gab ihnen nicht mehr den nötigen Halt. Sie sind losmarschiert. Hitze am Tag, Kälte in der Nacht. Durch Gebirge und Täler. Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen – das hatten sie bei sich. Sonst nichts.

Und dann – die erste Adresse: Herodes. Wohin auch sonst, wenn man einen neuen König sucht? Aber da leuchtete der Stern schon nicht mehr. Und sie ahnten: Bei Herodes gibt es keine Ehrlichkeit. Und keine Zukunft. Seine Verschlagenheit war ihm wohl ins Gesicht geschrieben. Also: Weitergehen. Und dann finden Sie das Unerwartete. Dann finden Sie ein Kind. Und sie spüren. Das ist er. Und allen war klar: Das ist es! Ein neuer Anfang muss her. Die Begegnung mit dem verletzlichen Kind, die Begegnung mit ihrer eigenen Verletzlichkeit, die Begegnung mit dem ganz Neuen weckt Kräfte, macht Mut und schenkt die Fähigkeit, wieder zu träumen.

„Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.“ Gott-Sucher und Friedens-Sucher aller Zeiten haben auf ihr Inneres gehört. Gott-Sucherinnen und Frieden-Sucherinnen aller Zeiten haben sich bewegen lassen. Und sind so Gott und seinem Frieden ganz nahe gekommen. Gott-Sucher und Friedens-Sucherinnen aller Zeiten haben neue Wege gefunden, um das erfahrene Heil, den ersehnten Frieden dorthin zu bringen, wo Gott und sein Frieden am Nötigsten sind. „I have a dream – Ich habe einen Traum!“: Martin Luther King hatte diesen Traum. 1963 hat er ein ganzes Land, sein Land, die USA, damit bewegen und begeistern können. 2021 wartet darauf, dass Menschen einen solchen Traum leben. Anders gesagt: Geschichten gehen immer weiter. Diese auch?

Alexander Bergel

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Bild: Peter Weidemann
In: Pfarrbriefservice.de