Unter diesem Leitwort standen die Tage bis Weihnachten in unserer Pfarrei.

Gemeindereferentin Gisela Schmiegelt hat am 1. Adventssonntag über die Friedensvision des Jesaja gepredigt, über Schwerter, die zu Pflugscharen werden, über Visionen, die keine verrückten Ideen von Naiven oder Überforderten sind, sondern wirklich möglich – wenn er eintritt, der Ernstfall Advent.

Gregor Kleine-Kohlbrecher hat sich am 2. Adventssonntag diese Worte des Jesaja zueigen gemacht: Er richtet nicht nach dem Augenschein und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht, sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist” – und gefragt: “Was heißt das denn nun für uns? Die Starken werden sich an den Schwachen orientieren und sie werden die mitnehmen, die einen Schritt langsamer unterwegs sind als sie selbst. Dann wird das Unglaubliche zur Normalität: ‘Dann findet der Wolf Schutz beim Lamm. Der Panther liegt friedlich beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen.’ Ja, es kann paradiesisch werden auf seinem heiligen Berg – aber auch nur dann, wenn es Gerechtigkeit für Jederfrau und Jedermann im göttlichen Sinne gibt – dann werden die utopischen Bilder für uns einen Sinn ergeben und wir werden sie als Normalität wahrnehmen können.”

Am 3. Adventssonntag hat Maria Schmiegelt das Jesaja-Wort „Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest!” ausgelegt und in die Gegenwart geholt. Was das konkret bedeuten kann, mag der Auzug einer Rede des in der Türkei inhaftierten Schriftstellers Ahmet Altan zeigen, die dieser verfasst hat, als er im November für sein Buch „Ich werde die Welt nicht wiedersehen“ mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wurde: „Bei der Erschaffung des Menschen war wohl ein wenig Eile am Werk; es kam ein Lebewesen hervor, in dem etliche miteinander unvereinbare Gefühle eng beieinander liegen. Wie Mitleid und Hass, Güte und Bösartigkeit gedeihen Klugheit und Dummheit nebeneinander in gleicher Erscheinungsform. Wenn Nationalismus, Hass, Schlechtigkeit und Dummheit in angereichertem Maße zusammenfinden, entsteht eine toxische Mischung. Gegen diese tödliche Krankheit  wirken als Gegengift Mitleid, Güte und Klugheit, doch muss auch der hässlichen Fratze des Nationalismus die Maske der Heiligkeit abgerissen werden, hinter der dieser sich versteckt. In unseren Tagen, in denen die Fahnen, Märsche, Waffen und Gewalttaten des Rassismus und Militarismus erneut die Menschheit beschmutzen, kann man es nicht laut genug ausrufen, dass das gemeinsame Wohl der Menschheit nicht in ihrer Spaltung, sondern in ihrer Einheit liegt. […] Wer wird dies aussprechen, wenn wir es nicht tun? Wollen wir denn nicht wahrhaben, dass es für alle von uns eine ‚erfüllende Verpflichtung‘ gibt, nämlich aufzustehen und für das Wohl der Menschheit zu kämpfen, die Wahrheit zu verkünden und so unser Leben mit etwas zu bereichern, das dieses an Wert übersteigt?“ Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest!

Andrea Tüllinghoff schließlich hat am 4. Adventssonntag die Jesaja-Stelle von der Ankündigung des Immanuel, ausgelegt. Es ging um König Ahas, der eher fromm tut, als es wirklich zu sein. In Wahrheit nämlich war er ein knallharter Machtmensch. „Hier sind wir mitten in der großen Politik des 8. Jahrhunderts vor Christus – oder auch des 21. Jahrhunderts nach Christus? Jede/Jeder von uns hat sofort Bilder von Politikerinnen und Politikern vor Augen, die in ihrem Hochmut, in ihrer Machtversessenheit bewährte Zusammenarbeit ablehnen und dafür ‘unheilige’ Allianzen eingehen. Ahas lehnt die Hinwendung zu Gott ab, die Bitte an JHWH, in dessen Beziehung das Volk über Jahrhunderte lebt. Schon vorher hatte Jesaja Ahas gesagt, nur mit Gottvertrauen werden die Angreifer scheitern. Und nun lautet Jesajas deutliche – sehr eindringliche Antwort: Auch wenn du kein Zeichen von Gott erbitten willst, denn du willst die Botschaft nicht wahrhaben, du willst das Unheil nicht sehen, das auf dein eigenmächtiges Handeln folgt – wird Gott selbst ein Zeichen geben: Die junge Frau hat empfangen – nicht: sie wird empfangen, wie es in den früheren Übersetzungen lautete, sondern sie hat empfangen – das heißt: das Zeichen von Gott ist nicht ‘aufzuhalten’. Und sie gebiert einen Sohn, dem sie den Namen Immanuel – Gott mit uns – geben wird. Damit wird gesagt, auf welcher Seite Gott steht bzw. nicht ist – nicht auf der Seite des Ahas, der seine eigenen Wege gehen will. […]
Ernstfall Advent – so haben wir in unserer Vorbereitungsgruppe unsere Gestaltung überschrieben. Und ich finde, an diesem letzten Adventssonntag, am 4. Advent, sollten wir die Botschaft des Propheten Jesaja besonders ernst nehmen: Klar – könnt ihr sagen / können Sie sagen – wir sind doch nicht so machtbesessen wir Trump in den USA, so radikal wie Bolsonaro in Brasilien. Und doch kann Jesaja auch uns aufrütteln – zum Nachdenken bewegen. Wir können, wir müssen uns gerade heute davon infrage stellen lassen.Haben wir auch manchmal Angst vor Machtverlust? Oder gehen wir zu schnell Bündnisse oder Allianzen ein, die verlockend zu sein scheinen?Sind wir bereit für die Propheten heute? Für die leisen und für die lauteren? Für eine Wende? Auch für einen eigenen Richtungswechsel? Sind wir offen, hellhörig, hellsichtig für die Zeichen der Zeit – für die Zeichen „von oben“ – für die Zeichen ‘von unten’ – aus unserer Mitte – aus unserem Innern? Lassen wir diese Stimmen zu?”

In den Kirchen finden Sie, begleitend zu dieser Predigtreihe, auch über den Advent hinaus eine kleine Leseecke mit der Bibel und einer eigens hergestellten, stetig wachsenden Zeitung. Neugierig? Kommen Sie vorbei!

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Bild: Peter Weidemann
In: Pfarrbriefservice.de