Sprechen Sie Klingonisch? Vermutlich nicht. Einige von Ihnen fragen sich vielleicht gerade, was das überhaupt sein soll: Klingonisch. Klingonisch ist eine konstruierte Sprache, die im Auftrag einer Filmgesellschaft Anfang der 80er-Jahre für die Klingonen, eine außerirdische Spezies in den Star-Trek-Filmen, geschaffen wurde. Ein ganz eigenes Sprachenuniversum, das man sogar lernen kann. Als Hobby sicher eine interessante Sache. Es macht eingefleischten Fans großen Spaß und ist in der fiktiven Welt etwas, womit man sich ein Leben lang beschäftigen kann. Keiner käme jedoch auf die Idee, Klingonisch zu einer weiteren Amtssprache in der EU oder im Deutschen Bundestag zu machen. Denn Klingonisch ist eine Fiktion. Mehr nicht. Und damit sind wir bei der katholischen Kirche im Jahr 2021 angekommen.

Was wir allein in den letzten Tagen erlebt haben, lässt einen – im harmlosesten Fall – verwundert die Augen reiben. Da erreicht uns ein Brief aus Rom, der – wie schon so häufig – huldvollst dazu aufruft, homosexuell liebenden Menschen mit Takt und Mitgefühl zu begegnen, denn sie sind ja schließlich Menschen. Das, was aber zu ihnen gehört, nämlich Menschen desselben Geschlechts zu lieben, das ist nicht so in Ordnung. Jedenfalls dann nicht, wenn sie unter partnerschaftlicher Liebe das verstehen, was die meisten Menschen unter partnerschaftlicher Liebe verstehen. Das widerspreche nämlich – und da müsse man bitte Verständnis haben, da könne die Kirche einfach nicht anders handeln –, das widerspreche dem Schöpferwillen Gottes, den man in Rom nun einmal exklusiv und bis ins Detail kennt. Daher könne man eine solche Verbindung auch nicht segnen. Gott segne nämlich nicht die Sünde. Ist das denn so schwer zu verstehen?

Ein paar Tage später erleben wir, und damit dringen wir noch tiefer ein in das Paralleluniversum katholische Kirche, ein paar Tage später erleben wir in Köln die Veröffentlichung des lang erwarteten, von Kardinal Woelki in Auftrag gegebenen Gutachtens zur Untersuchung der Strukturen der Vertuschung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln. Es werden Namen benannt. Endlich. Es werden Rücktritte angeboten. Selbstverständlich. Es werden Interviews gegeben, nach denen ich aber einmal mehr den Eindruck habe, dass deren Sprache – juristisch ausgewogen, jedes Wort bedacht – große Chancen hätte, eine neue Unterart des Klingonischen zu werden. Warum? Weil hier so getan wird, als ob man mit verschwurbelten Formulierungen und dem Hinweis auf vieles, was doch auch richtig gelaufen sei, zu den Menschen vordringen könne. Das Gegenteil ist der Fall. Was sich manche Kirchenfürsten in ihrem Paralleluniversum zurechtbasteln, hat mit der Realität vieler Menschen rein gar nichts mehr zu tun. Das Tragische daran ist: Die Fans des Klingonischen wissen in der Regel, dass sie sich zum Spaß in eine Parallelwelt begeben haben. Die amtlichen Vertreter des katholisch Klingonischen scheinen ihre Parallelwelt für die Realität zu halten.

Wir müssen uns nichts vormachen: Ein Paralleluniversum hat in der realen Welt keine Überlebenschance. Natürlich muss man nicht allem, was in der Welt geschieht, zustimmen. Zu sehr gibt es Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, Fanatismus, eine Wirtschaft, die tötet, und auch so manches, von dem man zu recht sagen kann: Das ist plumper Zeitgeist, der sich nach kurzer Dominanz wieder legt. Es muss – ganz sicher – immer auch Aufgabe der Kirche sein, Alternativen aufzuzeigen. Aber die müssen sich doch messen lassen am Leben Jesu. An seiner Botschaft. An seiner klaren Art, sich an die Seite der Menschen zu stellen. Vorbehaltlos. Ohne Diskussion. An die Seite derer, die von Mächtigen malträtiert, von den religiösen Eliten ausgeschlossen und von den moralisch Hochbegabten verachtet werden. Da und nur da, finde ich, ist dann auch der Platz der Kirche.

Kirche muss neugierig machen auf diesen Jesus von Nazareth. Kirche muss Menschen helfen, den Weg zu ihm zu finden. So wie es Philippus und Andreas gemacht haben, damals mit den griechischen Pilgern in Jerusalem. Die hatten wohl irgendwie von Jesus gehört. Von seiner Art, Menschen zu berühren. Von seiner Kraft und seinen neuen Ideen. Sie hatten die Hoffnung, dass dieser Jesus auch sie berühren, stärken, vielleicht sogar heilen könnte. Zumindest aber erhofften sie sich von ihm Antworten auf ihre Fragen. Also nahmen sie Kontakt zu Philippus auf. Den kannten sie. Der verstand ihre Sprache. Und er sprach sie auch. Griechisch war das, nicht Klingonisch. Philippus wiederum fragt Andreas um Rat, der Jesus auch kennt, ihm vielleicht ein wenig näher steht. Und dann gehen sie gemeinsam zu ihm. Und nehmen die Fragenden mit.

So kommen Menschen zu Jesus. Ohne Einlasskontrolle. Ohne Überprüfung, ob man bestimmten Kriterien entspricht. Ohne Belehrung. Ohne gönnerische Geste. Jesus lässt alle zu sich, die sich das wünschen. Und dann spricht er zu ihnen. So wie die Menschen es brauchen. Damit sie ihren Weg finden. Damit sie Perspektiven entdecken. Damit sie Gott in ihrem Leben spüren. Damit die Welt ein Ort des Heiles wird. Und zwar nicht in einem Paralleluniversum. Sondern in der Welt, die ist, wie sie ist. Eigentlich ist das alles nichts Neues. Aber nach den Ereignissen der letzten Tage, Wochen und Monate, in denen wir erleben mussten, wieviel Klingonisch in Rom, in Köln und an manch anderen Orten gesprochen wurde, ist es an der Zeit, eines klar zu fordern: Überlasst das Klingonische den Star-Trek-Fans. Die Sprache der Jüngerinnen und Jünger Jesu ist eine andere.

Alexander Bergel

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Bild: Peter Weidemann
In: Pfarrbriefservice.de