Wie schön, wenn er das wirklich täte: „Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem. Deine Gefangenen werde ich freilassen aus ihrem Kerker, der wasserlosen Zisterne. Kehrt in Scharen zurück, ihr Gefangenen voll Hoffnung!“ Zu allen Zeiten haben Menschen gehofft, ja darum gefleht und oft voller Verzweiflung gebettelt: Herr, du unser Gott, setz den Kriegen, setz der Unterdrückung ein Ende! Auch damals in Jerusalem. Die Stimmung war angespannt. Das Joch der Unterdrücker schwer. Freiheit? Fehlanzeige. Überall war die Sehnsucht nach unbeschwertem Leben mit Händen greifbar. Jerusalem war ein Pulverfass. Und genau dorthin kommt Jesus. Ist er der Friedensbringer? Wird mit ihm die alte Prophezeiung Wirklichkeit? „Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft. Vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden. Seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer.“

Jesus spürt genau, was die Menschen brauchen. Das hatte er ihnen gezeigt. Immer und immer wieder. Wenn er Kranke geheilt, Ausgestoßene in die Mitte gestellt, Menschen ihre Würde zurückgegeben hat – auch gegen den Widerspruch der Mächtigen. In all dem macht Jesus deutlich: Ja, ich kenne euer Leid! Ja, ich stelle mich dagegen! Ja, ich bin an eurer Seite! Man möchte es ihm glauben. Und die, die es erlebt haben, die, die geheilt wurden, die, die wieder lebendig geworden sind, die, die ihren Frieden wiedergefunden haben – all diese Menschen haben Jesus als den Befreier erlebt. Aber die Römer – die sind geblieben. Die Hohenpriester mit ihren wirtschaftlichen und politischen Interessen – die haben sich auch von Jesu Aufstand im Tempel nicht beeindrucken lassen. Der ersehnte Friedensfürst – er wird nach triumphalem Einzug in jene Stadt, die den Frieden im Namen trägt, am Kreuz enden. Und mit ihm die Hoffnungen der Menschen damals. Und die Hoffnungen der vielen Menschen heute.

Warum handelt Jesus so anders, als es sich viele ersehnen? Warum schlägt er nicht drein, warum jagt er die Aggressoren dieser Welt nicht zum Teufel? Warum richtet er nicht seine Herrschaft des Friedens auf? Warum nicht damals? Und warum nicht heute? Es ist die sehnsuchtsvolle Frage der vielen Millionen Menschen, die seit Urzeiten unter der Aggression der Potentaten zu leiden haben. Und wer die vielen dahingemetzelten Menschen sieht, die in der Ukraine, aber auch überall auf der Welt auf den Straßen liegen, wer die Menschen sieht, die in Bunkern und U-Bahn-Stationen hausen, wer das Leid all derer an sich heranlässt, die voller Angst und Verzweiflung um ihr Leben rennen, der kann doch gar nicht anders, als zu fragen: Wann, ja wann setzt du den Kriegen ein Ende, du Gott, der du alles geschaffen hast?

Wir stehen am Beginn einer Woche, in der es ums Ganze geht. Um Freundschaft und Verrat. Liebe und Hass. Schmerzen und Zärtlichkeit. Einsamkeit und Begegnung. Fragen und Antworten. Licht und Dunkel. Leben und Tod. Diese Woche führt uns vor Augen, dass Jesus nicht als Kriegsherr daherkommt. Schon damals hat er die enttäuscht, die sich erhofft hatten: Endlich hat die Unterdrückung ein Ende! Vielleicht war das einer der Gründe, weshalb Judas sich dazu entschloss, seinen Freund und Meister unter Druck zu setzen und ihn den Soldaten des Hohen Rates zu übergeben, damit er kraftvoll zurückschlägt. Aber genau das tut Jesus nicht. Er bleibt der Gewaltlose. Denn das ist sein Weg. Für viele ein unverständlicher. „Wenn du Gottes Sohn bist, dann …“ Diese Aufforderung hat er oft gehört. Zuletzt am Kreuz. „Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig herab und handle!“ Er hat es nicht getan. Warum, bleibt sein Geheimnis. Und so bleiben auch die vielen schmerverzerrten Gesichter, die vielen Fragen, das große Elend durch alle Zeiten hindurch. Es bleibt die Frage: Warum handelst Du nicht?

Diese Frage – sie begleitet uns ein Leben lang. In dieser Woche gehen wir ihr nach, Schritt für Schritt. Ob wir je eine Antwort bekommen? Schwer zu sagen. Aber wir können uns vom ohnmächtigen Jesus inspirieren lassen. Können seine heilenden Hände in dieser Welt sein. Sein Ohr, das den Schrei der vielen Leidtragenden nicht überhört. Sein Blick, der den rotgeweinten Augen der Flüchtenden nicht ausweicht. Wir können handeln so wie er – und in aller Ohnmacht das Böse von innen heraus zur Strecke bringen. Das hört sich naiv an? Vielleicht. Aber wer hätte gedacht, dass der am Kreuz Hingerichtete nach drei Tagen der Lebendige sein würde?

Alexander Bergel

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Bild: Caritas International
In: Pfarrbriefservice.de