Predigtgedanken am Tag der Profanierung
der Franziskuskirche

Ich sehe ihn noch genau vor mir. Immer dann, wenn ihm etwas besonders wichtig war, legte er das Manuskript zur Seite und fing an, sich in Rage zu reden. Auch in seiner Vorlesung mit der programmatischen Überschrift ‚Kirchenräume – Kirchenträume‘ hat er dies getan: Klemens Richter, mein Lehrer im Fach Liturgiewissenschaft in Münster. Seine tiefe Überzeugung: Es gibt keinen Ort, an dem Gott nicht gegenwärtig ist. Daher sei auch die Rede von ‚sakralen‘, also ‚heiligen‘ Orten, Orten, an denen Gott mehr zu finden sei als im ‚profanen‘, im ‚weltlichen‘ Bereich, irreführend. Im Gegenteil: Die ganze Welt, Gottes gute Schöpfung, so Klemens Richter, sei Gottes Wohnstatt.

Auch der Blick ins Neue Testament zeige doch sehr deutlich: Das Heil, das Menschen in der Gestalt Jesu ganz konkret erfahren haben, war auf keine ausgesonderten Orte beschränkt. Jesus begegnet dem Menschen dort, wo er lebt und arbeitet, feiert und trauert, am Krankenbett der Schwiegermutter des Petrus genauso wie bei der Hochzeit zu Kana.

Lange ist es her, dass mich diese Gedanken zum ersten Mal erreicht haben. Aber sie berühren mich immer noch. Und treffen mich heute in ganz neuer Weise. Denn heute verabschieden wir uns von dieser Kirche. Wir werden sie – kirchenrechtlich korrekt – ‚profanieren‘, sie also ihrer ‚sakralen‘ Funktion entziehen und dem ‚profanen‘ Bereich überantworten. Rein rechtlich ist das so. Aber das war es dann auch. Denn St. Franziskus war – Weihe hin, Weihe her – dem ‚Weltlichen‘ niemals entzogen. Von Anfang an war diese Kirche – auch wenn sie architektonische Avantgarde, Begegnungsraum zwischen Himmel und Erde und Rückzugsort in einem sein sollte – immer Teil der Welt: Mitten in der Welt sollte sie stehen, und mitten in der Welt stand sie auch. Rudolf und Maria Schwarz, die beiden Erfinder und Denker dieses Raumes, hatten sich zum Ziel gesetzt, keinen abgekapselten Ort zu schaffen, sondern mitten in der Dodesheide ihrer Idee eine Gestalt zu geben.

Wie es der Zufall will, finden wir einen Aspekt dieser Idee im Evangelium des heutigen Tages – nicht ausgewählt, weil er so passend ist, sondern gelesen, weil die Leseordnung uns diese Worte Jesu vorlegt: „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus.“ Die Franziskuskirche steht zwar nicht auf einem Berg – aber in der Mitte. Fügt sich ein in das, was damals entstanden ist. St. Franziskus liegt wie ein altes Kloster oder ein Gehöft inmitten der Siedlung, umschlossen von Schule und Kita, Jugendheim und Seniorenzentrum.

Eine solche Stadt „kann nicht verborgen bleiben“. Nein, sie steht sichtbar für das, was das Zweite Vatikanische Konzil, die große Erneuerungsbewegung der katholische Kirche Anfang der 60er-Jahre, so auf den Punkt bringt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Obwohl Rudolf und Maria Schwarz diese Worte noch nicht kannten, ist ihr Bau doch Ausdruck einer solchen Sicht auf Gott und den Menschen. St. Franziskus sollte ein Ort werden, der den Menschen hilft, zum Wesentlichen vorzudringen.

Über viele Jahrzehnte hinweg haben Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche rund um die Franziskuskirche dieses Wesentliche gesucht und gefunden. Sie haben gefeiert und gelacht, diskutiert und geweint, Gutes und Schweres miteinander geteilt und dabei vielleicht sogar etwas von dem erfahren, was der Prophet Jesaja so beschreibt: „Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf.“

All das wirkt bis heute. Und doch: Die Zeiten haben sich geändert. Als Christin und als Christ zu leben, bedeutet heute nicht mehr, Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein. In Deutschland sind wir mittlerweile in der Minderheit. Man kommt nicht mehr Sonntag für Sonntag zusammen, weil alle es tun. Nein, christlich zu leben, bedeutet heute: Ich muss mich entscheiden! Und damit sind wir dem Ursprung des Ganzen – eine gute Nachricht, wie ich finde – wieder sehr viel näher als in den letzten 1.600 Jahren Kirchengeschichte, als es zum guten Ton gehörte, Teil der Kirche zu sein.

Wie geht es weiter? Es geht – im wahrsten Sinne des Wortes – ‚weiter‘! Noch weiter als bisher. St. Franziskus war immer schon als ‚Ort für alle‘ gedacht. In den 60er-Jahren bedeutete dieser ‚Ort für alle‘ jedoch vor allem ein ‚Ort für alle Katholiken‘. Wenn wir heute Orte schaffen wollen, die für alle eine Anziehung, eine Kraft haben, dann müssen wir noch ‚weiter‘ denken. Menschen, die religiös gebunden sind genauso in den Blick nehmen wie jene, die es nicht sind. In einem großen und breitangelegten Beteiligungsprozess haben wir mit vielen Interessierten aus der Pfarrei, aus der Ökumene und der Stadtgesellschaft geschaut, was hier neu entstehen kann. Und irgendwann war klar: Unsere Antwort auf die Frage: ‚Was brauchen wir heute?‘ ist die Errichtung eines Kolumbariums, einer Begräbnisstätte für Urnen.

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Dieses Konzilswort ist uns Richtschnur und Antrieb, St. Franziskus neu zu denken. Wichtig: All das, was bisher hier gewesen ist, ist ja nicht verschwunden. Es prägt diesen Ort bis heute. Und auch nach diesem Gottesdienst wird St. Franziskus ein lebendiger Teil unserer Pfarrei bleiben. Nicht nur, weil sich die Jugend weiterhin im Jugendheim treffen wird, nicht nur, weil auch künftig Kita und Schule hier ihre Gottesdienste feiern werden, nicht nur, weil im Seniorenzentrum Menschen leben, die im Schatten dieser Kirche alt geworden sind.

St. Franziskus wird unserer Pfarrei noch einmal ganz neue Impulse geben. Dann nämlich, wenn hier Menschen zusammenkommen, um Abschied von ihren Angehörigen zu nehmen und auf Menschen treffen, die im Umfeld von Abschied und Trauer einfach da sind: als Gesprächs-partner, als Helferinnen und Helfer bei Trauercafés, bei kulturellen Veranstaltungen rund um das Thema Tod und Trauer und und und …

Auf diese Weise wird ein zweites Wort Jesu für uns bedeutsam: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden.“ Diese Gefahr besteht immer dann, wenn eine Idee ins Leere läuft, wenn eine Vision ihre Kraft verliert, kurz: wenn die Kirche nur um ihren eigenen Erhalt kreist.

Genau das aber tun wir nicht. Was heute beginnt, ist kein Kreisen um sich selbst, kein Festhalten an der Vergangenheit, so schön sie auch für viele war, sondern der Beginn eines neuen Weges – auf neue Weise hin zu den Menschen. Denn die Menschen unserer Tage, ihre Art zu leben, ihre Art zu glauben oder auch nicht zu glauben, ist der ‚Ort‘, an dem Gott sich finden lässt. Die Worte ‚profan‘ und ‚sakral‘ spielen dabei keine Rolle.

„Noch immer stehen viele Gemeinden vor der Aufgabe, das vom Konzil Angestoßene zu verwirklichen, damit es kein Traum bleibt.“ Das sagt Klemens Richter, mein Liturgielehrer, mit Blick auf die Umgestaltung von Kirchen im Geist des Konzils in den 90er-Jahren. Wir leben in einer neuen Zeit. Mit neuen Träumen. Und neuen Wegen. Danke, dass Sie mit dabei sind!

Alexander Bergel