Predigtgedanken zum Jahreswechsel
Neuanfänge sind oft nicht leicht. Manchen machen sie sogar Angst: Was wird wohl werden? Warum kann nicht alles so bleiben, wie es ist? Ich kann das gut verstehen. Und doch: Ohne Neuanfänge würde es nicht weitergehen. Es gäbe keine Entwicklung, keine neuen Ideen und immer dieselben Antworten. Neben manchen Fragen, die immer dieselben bleiben, weil sie zutiefst menschlich sind (Wer bin ich? Werde ich geliebt? Worin liegt eigentlich der Sinn des Ganzen?) warten immer wieder neue Fragen auf eine Antwort. Und denen müssen wir uns stellen.
Ganz gut sehen können wir das an unserer Franziskuskirche. Vor 60 Jahren gebaut, war sie die steingewordene Antwort auf die Frage nach Gott in der längst angebrochenen Moderne. Klare Formen, neue Baumaterialien, keine Schnörkel. Selbst Bilder waren nicht vorgesehen. St. Franziskus, so die Architekten, sollte eine Hülle sein für Menschen, die zusammenkommen, um Gott zu feiern, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Versammelt um den Altar, den Blick gerichtet auf eine Wand – nur eine Wand, kein Kreuz. Warum? Zum Gottesdienst sollte ein Kreuz herein- und danach wieder herausgetragen werden. Symbol für die Überzeugung: Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene, geht unsere Wege mit. Er kommt herein, ist zugegen, wenn wir uns versammeln, und geht dann mit uns zurück in den Alltag.
Lange hat man dieses Konzept in St. Franziskus nicht durchgehalten. Und in der Tat: Immer auf eine leere Wand zu schauen, die einen dazu animieren soll, sich ein eigenes Bild von Gott zu machen, ist gar nicht so leicht. Als wir im Zuge der Vorbereitungen für die Umgestaltung das große Kreuz hinter dem Altar abnehmen mussten, ist mancher Besucherin und manchem Besucher der Kirche klargeworden, wie schwer auszuhalten es sein kann, wenn dort nichts mehr ist, vor allem, wenn dort das Vertraute nicht mehr ist. Der Neuanfang in St. Franziskus, der Umbau von einer Kirche zu einer Begräbnisstätte für Urnen, hat nun ein vorübergehendes Symbol gefunden: diese leere Wand.
Auch hier spüren wir: Neuanfänge sind nicht leicht. Was wird wohl kommen? Ganz praktisch können wir sagen: Es werden 1.776 Urnenplätze kommen. Der Altarraum bleibt bestehen. Sein Grundriss wird wieder so sein wie von den Architekten ursprünglich gedacht. Tabernakel und Ambo werden entfernt. Der Taufbrunnen mit dem Osterleuchter bleibt erhalten. Im Mittelschiff werden Stühle stehen, die flexibel zu stellen sind. Im Eingangsbereich stehen einige Tische und Stühle für Ruhepausen und Gespräche zur Verfügung. Der Umbau wird vermutlich nach Ostern beginnen und ungefähr ein Jahr dauern.
Das sind die nackten Fakten. Und die Emotionen? Mein Eindruck ist: Viele können sich mit dieser Entwicklung anfreunden. Wir spüren ja alle: So, wie es einmal war, ist es nicht mehr. Keine volle Kirche, keine vier Messen am Sonntag allein in St. Franziskus wie noch in den Siebzigerjahren. Die Gründe dafür sind vielfältig. Und so heißt es nun, nach vorne zu schauen und Antworten zu suchen, die Menschen heute weiterhelfen. Eine dieser Antworten ist das künftige Kolumbarium.
Doch mit der Errichtung eines neuen Gebäudes ist es nicht getan. Wer für ein Kolumbarium verantwortlich ist, ist gleichzeitig verantwortlich für die Menschen, die dort die Asche ihrer Verstorbenen beisetzen. Wir werden also schauen, welche Angebote wir an diesem Ort machen können. Begegnungs- und Begleitungsangebote, Trauercafés, Gedenkfeiern und und und … Vielleicht haben auch Sie Lust, sich daran zu beteiligen und sich im neuen Kolumbarium zu engagieren?!
St. Franziskus und wie wir mit diesem Raum umgehen ist nur eine Antwort auf die vielen Dinge, die sich in der Kirche und auch in der Gesellschaft verändern. Um uns herum spüren wir so viel Angst und Verunsicherung, so viel Armut und Einsamkeit, so viel Unfrieden und Polemik, dass wir als christliche Gemeinde doch gar nicht anders können, als hier andere Akzente zu setzen. Zumindest sollten wir es versuchen! Die Begegnung mit dem neugeborenen Gottessohn in Betlehem hat die Hirten in völlige Euphorie versetzt. Alle sollten es hören. Und die, die es hören wollten, haben es auch gehört: Gott ist real! Und er hat sich gezeigt. Gezeigt in einem wehrlosen Menschenkind.
Was heißt das für uns? Es könnte heißen, dass unsere Gemeinde immer mehr zu einem Ort wird, an dem Menschen keine Angst haben müssen, auch keine Angst davor, schwach zu sein. Zu einem Ort, an dem jeder angenommen ist. Zu einem Ort, an dem wir uns bemühen, das Verbindende zu suchen und nicht auf das Trennende fixiert zu sein. Zu einem Ort, an dem wir Menschen zusammenführen, die in ihrer Einsamkeit unterzugehen drohen. Zu einem Ort, von dem andere sagen: Schau mal, wie die leben. Da möchte ich auch sein! Denn die gehen anders miteinander um. Und sie haben einen Gott, dem sie sich ganz nahe fühlen.
Die graue Wand in St. Franziskus ist nun wieder so, wie sie ursprünglich gedacht war. Nach der Renovierung auch wieder ohne Flecken. Der Raum dieser Kirche wird künftig anders genutzt. Die Frage aber, die bleibt, die immer bleibt, wenn Christinnen und Christen sich engagieren, ist: Welche Rolle spielt Jesus eigentlich in meinem Leben? Der, um den sich bei uns alles dreht. Eine Frage, die sehr persönlich ist und nur von jedem und jeder persönlich beantwortet werden kann. Eine Frage aber, die darüber entscheiden wird, ob wir als Christen in diesem Land noch eine Zukunft haben werden.
Alexander Bergel