Kreuzweg

Impulse

Worte können heilen. Und zum Nachdenken bringen. Worte können Mut machen. Und neue Wege aufzeigen. Worte bringen Gefühle zum Ausdruck. Und Sorgen. Und Nöte. Glück und Unglück zeigen sich in ihnen ebenso wie Glauben und Hoffnung. Und natürlich Zuneigung und Liebe. Besonders schön ist es, wenn einem jemand solche Worte sagt. Wenn wir sie persönlich hören. Wenn wir spüren: Der meint mich!

Wir leben in einem ständigen Auf und Ab, im Hin und Her. Versammeln, gemeinsam feiern, hören und sprechen und singen – das geht momentan nur in eingeschränkter Form. Viele vermissen das. Aber lesen – das geht. Im mittlerweile gar nicht mehr so ganz neuen Format »Impulse« finden Sie daher in loser Reihenfolge Gedanken, Erlebnisse, Deutungen, Diskussionsbeiträge, die uns im Pastoralen Team eingefallen sind. Oder die wir anderswo gefunden haben. Und die wir mit Ihnen teilen möchten. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich das bewährt, vielen Mut gemacht und Lust auf mehr. Das freut uns natürlich sehr. Und deshalb machen wir einfach weiter!

Essays, Geschichten & Gedanken

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»Meine Lieblings-Weihnachtsgeschichte. Ich finde sie so schön!«, schreibt Maria Schmiegelt aus unserer Pfarrei. »Am besten lässt man sie sich in der Dämmerstunde am Adventskranz bei Punsch mit Keksen vorlesen …«

Hier können Sie diesen Literaturklassiker selbst entdecken.
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Ist der Advent nicht längst ausgehöhlt durch Ökonomisierung, Marketing und Spektakel? Nicht unbedingt, meint der Autor Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg, in seinem Essay vom 27. November.

Hier können Sie ihn lesen und hören.
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Gedanken am Tag der Firmung

Erst war es nur ein Satz. Eines dieser Jesus-Worte, das man irgendwie kennt, aber auch schnell wieder vergisst: »Wer zu mir kommt, den weise ich nicht ab.« Beim Firmtreffen zum Thema »Wer ist eigentlich Jesus?« sollten die jungen Leute überlegen, welche der vorgestellten Worte wohl von Jesus stammen.

Bei manchen war es schnell klar, andere hingegen ließen sich nicht so eindeutig zuordnen. Dies zum Beispiel: »Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.« Dieses Wort stammt nicht von Jesus, sondern von Albus Dumbledore, dem Schulleiter der Zaubereischule Hogwarts. Er gibt diese Weisheit Harry Potter mit auf den Weg, dem vielleicht berühmtesten Zauberlehrling aller Zeiten.

Jesus sagt: »Wer zu mir kommt, den weise ich nicht ab« (Joh 6,37). Als wir den Firmgottesdienst vorbereitet haben, war dieses Wort plötzlich wieder da. Und ganz schnell waren wir im Gespräch. Darüber, wie Jesus mit Menschen umgeht. Darüber, wie tief die Sehnsucht wohl von uns allen ist, so angenommen zu sein, wie man ist. Egal, was man kann, egal, was man hat, egal, wen man liebt, egal, wie sehr man glaubt. Angenommen sein – ohne Vorleistung!

Und dann waren wir plötzlich ganz schnell dabei, Lieder zu finden, die das zum Ausdruck bringen und biblische Geschichten, die davon erzählen. Die Arche Noah – ein im wahrsten Sinne des Wortes buntes Schiff mit allen nur erdenklichen Tieren: vom Faultier bis zum Elefanten (im Porzellanladen) und mit Menschen, die noch eine ganz leise Ahnung von der Schöpfung haben, wie sie am Anfang einmal war.

Der Zöllner Zachäus, der kleine Mann mit ziemlich viel auf dem Kerbholz – er muss sich nicht entschuldigen oder alles ändern. Jesus sieht ihn. Sieht seine Geschichte. Sieht seine Sehnsucht. »Heute muss ich bei dir zu Gast sein.« Ohne Vorleistung, einfach so. Zachäus ist im Innersten erschüttert. »Bei mir zu Gast?« Ja, Zachäus, bei dir! Plötzlich ist doch alles anders.

Wir feiern die Firmung. Feiern, dass Gott die jungen Menschen mit seiner Kraft erfüllt. Feiern, dass sie geliebt und angenommen sind – einfach so. Wir sind froh, dass Ihr da seid und gratulieren Euch und Euren Familien ganz herzlich!

Alexander Bergel
13. November
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»Wenn mir jemand bewiesen hätte, dass Christus außerhalb der Wahrheit steht, so würde ich es vorziehen, bei Christus und nicht bei der Wahrheit zu bleiben«, schrieb der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski im Jahr 1854.

Dieser unbedingte Christusglaube hat sich tief in sein Werk eingeschrieben: In Form von Lew Myschkin, dem Protagonisten des Romans »Der Idiot«, aber auch in seiner berühmten Parabel »Der Großinquisitor«. Und gleichzeitig gibt es die Zweifler und Häretiker, wie Iwan Karamasow oder Stawrogin in »Dämonen«.

Wie sah Dostojewski seinen Glauben? Eine literarische Spurensuche zum 200. Geburtstag vom 7. November können Sie hier hören und lesen.
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Nach zwölf Jahren und 100 Sendungen hat Pfarrer Gereon Alter am 30. Oktober in seinem letzten Wort zum Sonntag sehr persönlich darüber gesprochen, was ihn noch in der katholischen Kirche hält, während so viele Menschen sie verlassen.

Hier können Sie das Wort zum Sonntag sehen.
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Allerheiligen
Allerseelen
Allerlei
erleben

Damit rechnen
dass noch
was kommt
am Ende

Aber nicht
nur dann
auch vorher
schon

In allem
Gott begegnen
und im Tode ihm
vertrauen

Alexander Bergel
28. Oktober
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Als Opfer sexualisierter Gewalt bezeichnet François Devaux die Kirche als Schande. Das Konzil spricht von der Kirche als Sakrament. Beides lässt sich weder trennen noch vermischen. Was bleibt, führt zu einer Zumutung: sich selbst zu relativieren.

Den Essay von Hans-Joachim Sander, Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg, vom 15. Oktober können Sie hier lesen.
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Manchmal fühle ich mich so,
wie dein Volk
es wohl getan hat.
In Babylon.
Im Exil.
Heimatlos.
Weit weg von allem,
was vertraut war.
Von Rettung keine Spur.

Ich höre
die alten Worte.
Worte der Verbitterung sind es.
Worte voller Klage.
Doch dann –
zwischendurch und immer wieder,
da taucht sie auf:
eine Spur
von Hoffnung.

Und ich denke:
Ja, du hast die Menschen
nicht verlassen.
Damals nicht.
Und auch heute suchst du
unsere Nähe.
Machst Mut.
Weckst Lust
und Leidenschaft.

Ach, Herr,
ich bin ja wohl bereit
den Aufbruch neu zu wagen.
So lange schon.
Will Kundschafter sein,
Freudenbotin,
Suchender,
will mitbauen
an einer neuen Kirche.

Aber die Welt?
Die Welt interessiert
sich nicht dafür.
Lässt mich links liegen.
Greift mich an.
Und was mir wichtig ist –
oft genug erregt es nur
ein müdes Lächeln.

Schuld daran –
das sind wir selbst.
Wir,
die wir
einer Kirche angehören,
die sich selbst
hineingeführt hat
mitten ins Exil.
Ich will nicht jammern,
will kein Mitleid.

Und doch, Herr,
ich bin aufgewühlt.
Und frage dich:
Wie lange noch?
Wie lange schaust du
da noch zu,
schaust zu,
wie alles umgewühlt wird,
wie kein Stein mehr
auf dem andern bleibt?

Oder ist dies gar dein Plan?
Dass kein Stein mehr
auf dem andern bleibt …
Ich warte, Herr.
Gib mir ein Zeichen.
Ein Zeichen des Lebens.
Ich warte.
Und hoffe.
Dass es eine Zukunft gibt.

Alexander Bergel
8. Oktober
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Jetzt stehst du da, Maria. Auf deinem Sockel – direkt im Altarraum. Für jede und jeden sichtbar. Eine Frau, die durch ihr »Ja« eine steile Karriere hingelegt hat. Du hast es als einzige Frau ins Glaubensbekenntnis der Kirche geschafft. Wirst verehrt, gepriesen und besungen als Hohe und Mächtige, wunderschön Prächtige, als edle Rose und Quelle aller Freuden. Und das nur, weil du »Ja« gesagt hast.

Gott hat sich in dem, was er getan hat, nämlich seinen Sohn in die Welt zu senden, von der Zustimmung einer Frau abhängig gemacht. Unglaublich! Gott hat sich in Jesus in völlige Abhängigkeit begeben. Abhängigkeit von dir, Maria. Dir vertraute er sich selbst an, und du warst es, die Gottes Sohn auf diese Welt brachte – als Zeichen der Hoffnung für alle Menschen. Hoffnung, dass durch diesen Sohn Gottes die Welt umgekrempelt und auf den Kopf gestellt wird, dass der Mächtige vom Thron gestoßen wird, die Kleinen und Niedrigen erhöht werden, dass endlich Recht und Gerechtigkeit in der Welt herrschen. Was ist nur daraus geworden?

Die Wunden, die wir dieser Erde zufügen, sie bluten weiterhin. Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Gewalt, Hass, Verletzungen. Das Recht auf Gleichheit aller Menschen, es wird mit Füßen getreten. Und besonders sind es Frauen, die darunter leiden, die ausgegrenzt, misshandelt und ausgebeutet werden. Es ist genug, Maria! Es reicht! Wo ist denn jetzt die Erfüllung dieser Hoffnungsbotschaft von Liebe, Gerechtigkeit und Rettung dieser Welt?

Da fällt mir dein »Ja«wieder ein. Dein »Ja«, damit Jesus und seine Botschaft in die Welt kommen können. Und wie steht es mit meinem »Ja«? Muss nicht auch ich mich zur Verfügung stellen? Kann nicht auch durch mich Gott in diese Welt kommen? Gott wohnt dort, wo man ihn einlässt. Maria, das hast du uns gelehrt.

Gisela Schmiegelt
7. Oktober
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Er hatte
einen Traum
Ein Traumtänzer
jedoch war er nicht

Wohl deshalb
sprechen wir auch
heute noch
von ihm

Sein Traum
galt einer Kirche
die die Armen
nicht vergisst

Sein Traum
galt einer Kirche
die nur Gott
in ihre Mitte stellt

Sein Traum
galt einer Welt
in der jeder
eine Zukunft hat

Wage zu träumen
sagt uns heute
immer wieder
jener Mann aus Rom

der nicht
aus Zufall
diesen alten Namen
trägt

Wir würden doch
so gerne träumen
und dann auch
handeln

sagt sich wohl
so mancher Katholik
und merkt doch schnell
wie starr die Grenzen sind

Wenn das so weiter geht
spricht bald schon
niemand mehr
von dieser Kirche

Wär das so schlimm?
Schlimm wär
wenn keiner mehr
von Jesus spricht

Alexander Bergel
4. Oktober
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Statements, Interviews & Diskussionen

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Alles bleibt in der Kirche, wie es ist? Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, hält klar dagegen – und plädiert im Interview eindringlich für Reformen bei der Frauenweihe oder dem Zölibat. Außerdem: wie er in seiner Heimatgemeinde auf einen Priester traf, der Kinder missbrauchte.

Das Interview vom 12. November können Sie hier lesen.
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1971 war das Jahr des Herrenhandtäschchens. Dieses Accessoire wurde notwendig, weil die Herren neue Hosen trugen, in Gelb, Rosa oder Lila, aus Trevira, knitterfrei und knisternd. Ob sie wegen der Kunstfaser oder der Erotik knisterten, ist schwer zu sagen. Diese Hosen schlugen unten weit aus und waren oben so eng, dass ein Portemonnaie anderswo verstaut werden musste.

Christiane Florin hat zum 50. Berufsjubiläum der Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten die Festrede gehalten. Ihre Gedanken vom 9. November können Sie hier lesen.
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Kann man Kirche und Gesellschaft wirklich nach zweierlei Maß messen, wie manche das insinuieren? Die Politikwissenschaftlerin Tine Stein fragt danach, ob die Verfassungsordnung der Kirche organisch umgestaltet werden kann und an welcher Stelle disruptive Elemente notwendig sein werden.

Ihre Gedanken vom 20. Oktober finden Sie hier.
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Das Übermaß an unglaubwürdigen Floskeln, das regelmäßig über die Gläubigen ergossen wird, lässt die katholische Kirche implodieren. Dieses Übermaß schützt die Falschen und bedrückt die, die ihnen noch ausgeliefert sind.

Die Gedanken von Wolfgang Treitler vom 1. Oktober finden Sie hier.
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Völlig egal, wie schäbig sich Bischöfe gegenüber Opfern sexualisierter Gewalt verhalten – es bleibt für sie ohne Konsequenzen, kommentiert Christiane Florin. Das abgelehnte Rücktrittsgesuch des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße sei ein weiterer Beleg dafür. Neu sei, dass diese Haltung so offen verkündet werde.

Die Meinung von Christiane Florin vom 19. September können Sie hier lesen und hören.
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Gehe man vom biblischen Zeugnis aus, seien Einheit und Vielfalt kein Widerspruch, sagt der Neutestamentler Ansgar Wucherpfennig. In seinem neuen Buch »Wie hat Jesus Eucharistie gewollt?« kommt er zu dem Schluss: Die Kirche sollte andere Eucharistietraditionen freimütiger anerkennen.

Ein Interview mit Ansgar Wucherpfennig vom 25. August können Sie hier lesen.
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Norbert Lüdecke, Professor für Kirchenrecht in Bonn, hat ein provokantes Buch geschrieben: »Die Täuschung«. Demnach täuschen Bischöfe die Gläubigen, indem sie ihre Macht mit dem kuscheligen Bild von Hirt und Herde verdecken. Die Schäfchen ließen sich davon einlullen, auch in der aktuellen Reformdebatte.

Das Gespräch mit Christiane Florin im Deutschlandfunk vom 29. Juli können Sie hier lesen und hören.
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Angesichts hoher Austrittszahlen sieht die Zukunft der Kirche nicht rosig aus. Religionssoziologe Michael Ebertz findet, dass sie ihre Angebote viel stärker auf einzelne gesellschaftliche Gruppen zuschneiden sollte. Dazu müsse sich die Seelsorge radikal ändern.

Das Interview mit katholisch.de vom 29. Juli können Sie hier lesen und hören.
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Bei Flutkatastrophen ist oft von »sintflutartigen Regenfällen« die Rede. Doch wie gut passt dieser Vergleich? In der biblischen Sintflut-Geschichte geht es auch um Erbarmen, so der evangelische Theologe Thomas Naumann. Gott gebe den Menschen eine »Bestandsgarantie«, sagte Naumann im Deutschlandfunk.

Das Gespräch mit Andreas Main vom 23. Juli können Sie hier lesen und hören.
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»Endlich erklärt es mal jemand.« Solche Rückmeldungen bekommt Erik Flügge öfter, wenn er bei Facebook oder Twitter aktuelle Themen für seine weit über 100.000 Follower einordnet. Denen erklärt er dann z.B. politische Entscheidungen oder warum bestimmte Corona-Maßnahmen sinnvoll sind. Und er nimmt auch in Sachen Kirche kein Blatt vor der Mund. Achim Stadelmaier hat mit ihm gesprochen.

Das Interview können Sie hier hören.
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Predigten

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Predigt am 1. Adventssonntag
zu Lk 21, 25-28.34-36

„Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ Jesus blickt in die Zukunft. In eine Zukunft, in der genau das passiert. Ist seine Zukunft unsere Gegenwart? Blutige Konflikte, heimtückische Terroranschläge, Zerstörung der Natur, überall Unsicherheit und Angst vor dem, was noch alles kommen mag. Werte und Ordnungen werden erschüttert, viele Menschen haben die Orientierung verloren. Ist das nicht unsere Realität?

„Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein.“ Alte Bilder sind es. Aber sie sagen auch heute noch etwas Entscheidendes: Unsere Welt ist nicht ewig, nichts in ihr hat für immer Bestand. Die scheinbar sicheren Ordnungen, auf die wir uns meist verlassen, sie sind vergänglich. Die großartigen Systeme dieser Welt, sie brechen eines Tages zusammen. Auf sie ist kein endgültiger Verlass.  Von den mächtigen Reichen der Geschichte, ihrem sagenhaften Reichtum und mit Kunstschätzen erfüllten Städten sind nur Ruinen übriggeblieben.

Es ist Advent. Jedes Jahr aufs Neue konfrontiert uns diese Zeit mit Fragen: Wozu das alles? Und: Was trägt mein Leben? Was gibt ihm Sinn? Ja, was bleibt am Ende übrig, wenn ich mir die Welt um mich herum anschaue? Die Welt, in der Menschen sich gegenseitig abschlachten, in der Menschen anderen das Recht zu leben nehmen. Was bleibt von meiner Welt, in der es doch oft genug auch nur darum geht, am Ende als der Stärkere da zu stehen, als der, der es geschafft hat? Was bleibt?

Es ist Advent. Die Zeit der Erschütterung, wie Alfred Delp es auf den Punkt gebracht hat. Zeit der Erschütterung … Ja, wenn wir uns noch erschüttern lassen, dann spüren wir nicht nur, wie unfertig die Welt, wie erlösungsbedürftig sie ist – sondern wir tun etwas. Und dann, ja dann, „wenn wir alles getan haben: die Hungernden gespeist, die Kranken besucht, die Traurigen getröstet, wenn wir uns aufgerieben haben und müde sind und es wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein war – dann wird am Ende ein anderer kommen und das Werk vollenden, das über unsere Kraft ging. Darum dürfen wir nicht nur am Ende unseres Lebens, sondern praktisch jeden Abend sagen: Maranatha! Komm, Herr Jesus!“ Das ist Advent: Zeit der Tat. Und Zeit der Erwartung.

Alexander Bergel
28. November
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Predigt am Christkönigsfest
zu Joh 18,33b-38

Es beginnt mit einer Frage: „Bist du der König der Juden?“ Skurriler geht es kaum. Der mächtigste Mann Jerusalems, der lange Arm Roms, fragt das einen, der kurz vor seiner Hinrichtung steht. Und der – der nimmt den Faden auf. Und beginnt ein Gespräch. Ganz gleich, ob es wirklich ganz genauso gewesen ist – Jesus stand vor Pilatus. Und mit ihm die Frage, auf die alles zuläuft: Was ist Wahrheit? Es ist eine Frage, die Menschen immer wieder stellen, ja stellen müssen: Was ist wahr? Denn hinter dieser Frage verbirgt sich alles: Woraus lebe ich? Und wofür? Was ist der tiefste Grund meiner Existenz? Und wofür stehe ich ein?

Seitdem Pilatus diese Frage gestellt hat, kann ihr keiner mehr ausweichen. Auch jene nicht, die bewusst die Unwahrheit sagen. Auch jene nicht, die Fake News in die Welt setzen. Auch jene nicht, die wider besseres Wissen anderes tun als der gesunde Menschenverstand es eigentlich anzeigt oder der liebende Blick auf mein Gegenüber. Wenn wir Christus als den König feiern und dabei auf einen zerschundenen Menschen kurz vor der Hinrichtung blicken, wird eines ganz klar: Die Wahrheit hat es nie leicht. Die Wahrheit kommt selten strahlend daher. Die Wahrheit muss oft genug erlitten werden.

Das sagen natürlich auch jene Menschen, die sich mit ihrer Wahrheit gerne zum Märtyrer machen. Die Demagogen in den extrem rechten oder extrem linken politischen Spektren. Die Heilsbringer der verschiedensten auch noch so obskuren religiösen Richtungen. Die Scharfmacher am rechten oder linken Rand der Kirche. Dort gibt es immer nur einen Weg, der zum Heil führt. Und das ist der eigene. Alle anderen haben immer und komplett Unrecht.

In Wirklichkeit aber ist es anders. Keiner hat die Wahrheit für sich allein gepachtet. Niemand kann für alle sprechen. Ganz im Gegenteil: Alle, die aus der Wahrheit leben, sind eine Leben lang auf der Suche nach ihr. Und selbst, wenn das Johannesevangelium die Worte Jesu überliefert: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“, muss es immer auch die Möglichkeit geben, einen anderen Weg einzuschlagen.

Wenn ich in der Spur Jesu unterwegs bin, wenn ich ihm folge, ihm, dessen Leben und Sterben durch seine Auferstehung eine einzigartige Bestätigung gefunden hat, wenn ich mich von ihm ansprechen und hinterfragen lasse – dann werde ich die Wahrheit immer dort finden, wo Menschen aufgerichtet und geheilt werden. Wo sie einen Weg einschlagen, der zum Frieden führt, zur Verständigung und zur Gerechtigkeit.

Das Anstrengende daran ist: Man wird nie fertig damit. Die Wahrheit ist kein Sofakissen, auf dem ich mich ausruhen könnte. Die Wahrheit muss immer neu gesucht und gefunden werden. Und oft genug entgleitet sie mir auch wieder, wenn die Frage laut wird: Ist das wirklich der richtige Weg? Jesus sagt am Ende seines Pilatusgesprächs: „Jeder, der die Wahrheit tut, hört auf meine Stimme.“ Auf diese Stimme kommt es also an. Nur wo ist sie zu finden? Vielleicht in der Gemeinschaft derer, die sich im Namen Jesu versammelt. Vielleicht aber auch ganz woanders.

Alexander Bergel
21. November
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Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis
zu 1 Kön 17,10-16 und Mk 12, 38-44

„Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet.“ Er braucht dringend Hilfe, ist er doch auf dem Weg nach Sarepta in Phönizien in der Wüste fast verhungert und verdurstet. Ausgerechnet eine Witwe bittet er nun um ein wenig Wasser und einen Bissen Brot. Sie, durch keine Witwenpension abgesichert, ganz auf sich allein gestellt, hat ihren Sohn zu versorgen, kämpft den täglichen Kampf ums Überleben, sieht sich am Ende. Und sagt schonungslos ehrlich: „Ich habe nichts mehr vorrätig als eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Ich will für mich und meinen Sohn etwas zubereiten. Das wollen wir noch essen und dann sterben.“ Es erscheint aussichtslos.

Die meisten Menschen kennen Dürre-Situationen, die aussichtslos erscheinen: Trauer, Angst, Mutlosigkeit, Verzweiflung. Sie können materielle, gesundheitliche oder psychische Gründe haben. „Nichts mehr vorrätig als eine Handvoll Mehl und ein wenig Öl …” An diesem Satz sind wir bei der Vorbereitung des heutigen Gottesdienstes zuerst hängen geblieben. Er passt so direkt zu der momentanen Situation der Menschen auf Kuba und somit auch unserer Schwestern und Brüder in unserer Partnergemeinde.

Bedingt durch Pandemie, Inflation, soziale Planwirtschaft und das weiter bestehende Embargo der USA ist die Versorgungslage auf Kuba seit ca. einem Jahr einfach katastrophal. Dazu kam der explosionsartige Anstieg der Coronainfektionen im Sommer. Beides führte zu für Kuba außergewöhnlichen Massenprotesten im Juli. Es besteht ein akuter Mangel an Lebensmitteln, Medikamenten und jeglichen anderen Produkten – es gibt fast nichts. Selbst in den Devisenläden gibt es kaum noch etwas. Und was man auf dem Schwarzmarkt findet, übersteigt die Kaufkraft einfacher Kubaner bei weitem. So kostet Speiseöl auf der Straße das Sechsfache des Ladenpreises. Bisher erschwingliche Grundnahrungsmittel wie Reis und Bohnen sind unbezahlbar geworden, Zahnpasta wird z.B. für umgerechnet 10 € gehandelt.

Wenn es etwas zu kaufen gibt, muss man dafür stundenlang anstehen – Marathon-Warteschlangen von fünf, sechs Stunden, die sich über mehrere Straßenzüge erstrecken. Am Ende kann es sein, dass man doch mit leeren Händen nach Hause geht. Die Not hat einen neuen Beruf hervorgebracht: Coleros, Schlangensteher. Engagiert von Menschen, die sich das leisten können, übernehmen sie das Anstehen oder kaufen selbst ein, um es anschließend auf dem Schwarzmarkt für ein Vielfaches anzubieten.

Fast nie beklagen sich die Mitglieder des Freundeskreises Osnabrück, mit denen wir in gutem Kontakt stehen. In den letzten Monaten bestätigen sie uns aber die enorme Belastung ihres Alltags, erzählen von ihren Ängsten und Sorgen um die Familien und die bedürftigen Menschen in der Gemeinde. Besonders Isolation und Einsamkeit macht den Menschen schwer zu schaffen. Gemeindeleben fand coronabedingt praktisch nicht statt. Der Stadtteil rund um die Kirche San Judas y San Nicolas wurde mehrmals wegen hoher Inzidenzwerte abgesperrt. Die Lage erscheint ziemlich aussichtslos.

Elija sagt zu der Witwe: Fürchte dich nicht! Und auf seine Verheißung hin, dass sie keinen Mangel leiden werde, nimmt sie die Herausforderung, die eigentlich eine Zumutung ist, an: Bringt zuerst Elija etwas zu essen und kümmert sich dann um sich und ihren Sohn. Ohne Diskussion. Ob sie eine Ahnung, eine Hoffnung verspürt, dass sie dem Gott, von dem Elija spricht, vertrauen kann? Oder gibt sie einfach selbstverständlich von dem wenigen, dass ihr bleibt? Das tut ebenfalls die Witwe im Evangelium: Sie gibt das wenige, was sie hat, heißt es dort, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Und das erleben wir auch als Grundhaltung vieler Menschen in unserer Partnergemeinde. Sie sagen: Es gibt nicht viel, aber das wenige, das wir haben, teilen wir miteinander. So werden z.B für Neugeborene oder für Familien in Not Sachspenden gesammelt, Kleidung umgenäht oder erstellt, nicht nur für Gemeindemitglieder. Die Menschen versuchen sich nicht aus den Augen zu verlieren, organisieren Hilfe, wo eben es geht.

Durch die Pandemie können sie die wichtigen Dinge des Lebens nur noch schwer „teilen“. Nicht das Wort, nicht die Zeit, nicht die Hilfe. Die Versorgung bedürftiger Senioren und Seniorinnen im Rahmen unseres gemeinsamen Projektes scheitert zurzeit nicht an den finanziellen Ressourcen, die sind Dank der großen Spendenbereitschaft hier aus der Gemeinde gegeben. Jedoch ist es fast ausgeschlossen, vor Ort die notwendigen Hilfsgüter zu bekommen: kein Klopapier, keine Seife, kein Öl, keine Bohnen, von Medikamenten ganz zu schweigen.

Was können wir teilen? Konkret gibt es zurzeit eine einzige Möglichkeit der praktischen Hilfe. Wir bestellen online in einem Supermarkt in Havanna Lebensmittel und Hygieneartikel. Diese werden an die Gemeinde geliefert und von dort aus verteilt. Wir teilen das Wort! Seit zwei Jahren sind die Freundeskreise auf beiden Seiten durch eine Whatsapp-Gruppe verbunden. Kein Sonntag vergeht ohne Segensgrüße. Gebete, Texte, Geburtstagsglückwünsche, Aktuelles aus den Gemeinden, aber auch Freud und Leid auf persönlicher Ebene werden hier ausgetauscht.

Die Witwe macht die Erfahrung, dass ihr Vertrauen in das Gotteswort sie rettet, ihr durch die Krise hilft: Der Mehltopf wird nicht leer werden, und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, aAn dem der Herr wieder Regen auf die Erde sendet. Wenn ich selbst eine Dürre-Situation erlebe, hilft es mir, auf Gott zu vertrauen. Gegen allen äußeren Schein, so hoffe ich, wird er mir aufhelfen.

Unsere Mitchristen auf Kuba beeindrucken uns immer wieder durch ihren lebendigen, tiefen Glauben und ihr fast unerschütterliches Gottvertrauen. In der vergangenen Woche haben sie ihr Patronatsfest  gefeiert. Sie durften es, denn die Infektionszahlen sind seit Mitte September zurückgegangen, und fast alle Erwachsenen im Land sind geimpft. Mehr denn je werden die kubanischen Christen an diesem Tag den Heiligen Judas Taddäus, den Schutzpatron für die schwierigsten, fast unmöglichen Fälle um Beistand, Kraft und Hilfe in der Krise gebeten haben. Teilen wir das Gebet und die Hoffnung mit ihnen.

Jutta Erpenbeck
7. November
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Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 12,28b-34

Den Nächsten lieben? Gründe, dem auszuweichen, gibt es eine ganze Menge: Der ist aber auch anstrengend. Die weiß immer alles besser. Und überhaupt: Soll der doch den ersten Schritt machen! „Wer etwas will, sucht Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe.“ Vielleicht sollte man doch noch mal genauer hinschauen … Wo wir gerade beim Hinschauen sind: Sich selbst zu lieben, die zweite Forderung Jesu – das ist manchmal noch viel schwerer. Und das nicht nur beim morgendlichen Blick in den Spiegel, wo sich mir gelegentlich schon die Frage stellt: Wer oder was schaut mich da eigentlich an?

Der Blick ins eigene Leben, der Blick auf das, was alles nicht so ist, wie es sein könnten: zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu klug, zu naiv und was es sonst noch so alles gibt, was bei anderen viel besser, viel ausgewogener, viel souveräner und kompetenter wirkt, weil die nämlich alle erfolgreich sind oder die perfekte Familie haben oder die schönere Wohnung, die besseren Kontakte oder oder oder – der Blick ins eigene Leben, der ist für viele ziemlich frustrierend.

Wenn Sie dieses Gefühl auch ganz gut kennen, könnten Sie sich in den kommenden Tagen vielleicht mal mit der Frage beschäftigen: Warum ist das eigentlich so? Was hindert mich daran, mich selbst zu lieben, mich so anzunehmen, wie ich bin? Immerhin hat Gott mich so gemacht! Auch hier gilt: „Wer etwas will, sucht Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe.“ Jesus hat dazu einige Wegweiser aufgestellt. Lassen Sie die Gründe links liegen. Suchen Sie Wege. Für den Nächsten. Und für sich. Vielleicht lächelt Sie ihr Spiegelbild dann ja auch mal wieder an …

Alexander Bergel
31. Oktober
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Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 10,46b-52

Blinde Flecken gibt es viele. In unserem ganz persönlichen Leben, in unserer Gesellschaft und auch in unserer Kirche. Machtmissbrauch, Ausgrenzung in all ihren Formen, Unbarmherzigkeit. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Der blinde Bartimäus spürt die blinden Flecken am eigenen Leib. Und er muss mit ihnen umgehen. Schnell merkt er, dass er dabei Hilfe von außen braucht. Sich alleine aus dem Schlamassel seines Daseins zu befreien, ist ihm nicht mehr möglich. So fleht er voller Demut Jesus um sein Erbarmen an. Er wirft sogar den Mantel weg, legt also schutzlos alles offen, was einem wirklichen Neuanfang im Wege stehen könnte. Und er spürt, dass dieser Neuanfang im Kern damit zu tun hat, sich auf Jesus auszurichten. Letztlich ist Bartimäus‘ Glaube der Schlüssel zu einem neuen Dasein, sein Glaube hilft ihm, die blinden Flecken zu überwinden und wieder ein Sehender zu werden.

Wenn ich dieses Evangelium lese, geht mir durch den Kopf, was wäre, wenn unserer Kirche mit all ihren blinden Flecken öfter eine solche Haltung voller Demut, Offenheit und Glauben gelänge? Wäre dann nicht viel gewonnen? Dann könnte sie glaubwürdig auf die andere Seite der Bartimäus-Geschichte wechseln und wie Jesus Blinde sehend machen. Und das nicht von oben herab, sondern das Gegenüber ernstnehmend: Jesus wendet sich dem Blinden zu, ohne ihm gleich das Patentrezept für sein Leben überzustülpen. Stattdessen fragt er behutsam: Was willst du, dass ich dir tue?

Der Umgang mit blinden Flecken braucht einen langen Atem. Das zeigen alle Bemühungen um Aufarbeitung und Neuorientierung. Das zeigt auch der synodale Weg der deutschen Kirche. Doch wenn wir zu neuem Sehen kommen wollen, führt kein Weg daran vorbei, sich den blinden Flecken zu stellen. Sich in aller Radikalität wie Bartimäus mutig ganz neu auf Jesus auszurichten. Und wie Jesus dem Menschen radikal zugewandt zu handeln.

Ganz unten, hier vor Ort nämlich, fängt dieser Weg an. Und zwar mit uns allen: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich!

Simone Kassenbrock
24. Oktober
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Predigt am 29. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 10,35-45

Manche Dinge ändern sich nie. „Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts
und den andern links neben dir sitzen!“ Typisch Mann, ist vielleicht die oder andere Frau geneigt zu denken: Hauptsache die besten Plätze, Hauptsache an den Schalthebeln der Macht sitzen, Hauptsache der Bestimmer sein.

Vielleicht ist es nicht nur ein Männerthema. Ein Thema, das sich durch die Geschichte der Menschheit zieht, ist es allemal. Dabei hatte Jesus denen, die mit ihm unterwegs waren, deutlich gemacht: Bei mir herrschen andere Spielregeln!

Theoretisch kennen wir die auch. Wissen genau, dass die Plätze in Jesu Nähe keine bequemen Sitzmöbel sind, sondern – ganz im Gegenteil – Schleudersitze in die Wirklichkeit. Jesus ist ohne die Mühsal des Alltags, ohne den Blick für den Schwachen, ohne wundgescheuerte Knie nicht zu haben. Alle, die ihm folgen, müssen das wissen.

Also nicht neu. Aber immer wieder eine Herausforderung. Groß wird im Reich des Nazareners der, der sich klein zu machen traut. Größe durch Dienen – das ist die Richtung Jesu. Aber was heißt das?

Größe durch Dienen könnte bedeuten: nicht immer das letzte Wort haben zu müssen. Größe durch Dienen heißt: zu überprüfen, wie ich mit Menschen umgehe. Größe durch Dienen meint: nicht immer alles selbst bestimmen zu müssen. Größe durch Dienen bedeutet: um Entschuldigung bitten zu können. Größe durch Dienen verlangt von mir eine Standortprüfung: Wer bist du eigentlich? Und wem hast du was zu verdanken?

Größe durch Dienen. Vergnügungssteuerpflichtig ist das selten. Aber es ist möglich. Vielleicht müsste man es doch mal wieder versuchen.

Alexander Bergel
17. Oktober
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Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 10,17-27

Kamel müsste man sein. Dann wäre es leichter. Zumindest am Nadelöhr. Der Gedanke daran, wie das wohl wirklich aussehen könnte, bringt mich zum Schmunzeln. Manchmal führt diese Vorstellung aber auch zu einem mittelschweren Schweißausbruch. Denn Erheiterung hatte Jesus wohl nicht im Sinn, als er das Bild vom Kamel und dem Nadelöhr gewählt hat. Im Gegenteil. Jesus wählt diese Worte, um deutlich zu machen: Es geht um Alles oder Nichts.

Wer Jesus kennt, der weiß das. Wer sich selbst kennt und ehrlich ist, der weiß auch um die üblichen Abwehrmechanismen: „Nein, mich kann er nicht meinen. Ich habe kein fettes Bankkonto oder einen reichen Erbonkel. Nein, mich kann er nicht meinen. Ich bin doch froh, wenn ich durchkomme. Wenn ich meinen Alltag geregelt kriege. Den Stress auf der Arbeit, die Sorgen um die Kinder oder Enkel. Ich bin froh, wenn ich meine Beziehungen pflegen kann, und umgebracht habe ich auch keinen. Und so sehr hängt mein Herz jetzt auch nicht an meinem Haus, meinem Auto, meinem Status. Nein, mich kann er nicht meinen.“

Vielleicht ist das alles wirklich ganz genauso. Doch bevor wir uns allzu gemütlich zurücklehnen und sagen: Ich muss durch kein Nadelöhr – vielleicht noch diese eine Frage: Bin ich eigentlich wirklich glücklich?

Alexander Bergel
10. Oktober
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Predigt am Fest des Heiligen Franziskus
zu Mt 11,25-30

Ich werde euch Ruhe verschaffen. Was für eine Verheißung! Wer sehnt sich auch nicht danach? Endlich Ruhe. Ruhe und Frieden. Doch wird es jemals so weit kommen? Der Blick in die Welt verheißt nichts Gutes: Krieg und Terror, Flüchtlingsdramen an tausend Orten dieser Erde. Deutschland – ein vereinigtes Land, die Menschen einander aber so fremd wie selten zuvor. Ein Virus, das uns immer noch Schach hält, und Menschen, denen das alles egal ist, die leugnen, dass es so etwas überhaupt gibt. Eine Kirche, die um ihren Weg in die Zukunft ringt. Gräben zwischen Bewahrern und Reformern, die immer breiter und tiefer werden. Von den persönlichen Dramen ganz zu schweigen: Beziehungen scheitern, Depressionen greifen immer mehr um sich, Arbeitsplätze werden abgebaut, Menschen sind krank oder sterben einfach so.

Ich werde euch Ruhe verschaffen. Ja, wie schön wäre das! Ausruhen. Einfach da sein können. Ohne dauernd etwas leisten zu müssen. Ohne sich im Kampf ums Überleben blutige Nasen zu holen. Ein Leben ohne Ellenbogen. Ohne Überforderung. Ohne Angst. Einfach Ruhe. Der Satz Jesu geht allerdings noch weiter: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ Jesus ist dem Leid nicht ausgewichen. Jesus hat sich auch nicht in den Frieden am See Genezareth zurückgezogen. Jesus ist den staubigen Wegs des Alltags gegangen. Jesus hat sich der Menschen angenommen, die belastet waren von Krankheit und Armut, von Konflikten, von Elend und Tod. Jesus macht es vor: Diesen Weg zu gehen, wird zur Ruhe führen. Nicht am Leben vorbei, nicht an den Konflikten vorbei, nicht an Blut und Schweiß vorbei, sondern mittendrin, genau dort – im Auge des Orkans sozusagen – wird dich eine tiefe Ruhe erfüllen, die ihresgleichen sucht. Aber kann man das wirklich schaffen? Auch wenn man nicht Jesus ist?

Kann man. Franziskus, der reiche, junge Mann aus Assisi, verzichtet auf alles, was ihn bisher ausgemacht hat. Reichtum, Ansehen, Zukunftsperspektiven. Er wirft dem tobenden Vater alles vor die Füße. Ein armer Irrer, meinen damals viele. Aber immer mehr andere arme Irre (also im Wortsinn Menschen, die irre geworden sind am Irrsinn der damaligen Zeit, in der die Kirche reich und der Papst mächtig war wie nie zuvor), immer mehr Menschen, die das alles so nicht mehr wollten, folgen dem armen Franz von Assisi. Sie leben anders. Einfach so. Suchen und fragen, wie das gehen kann. Gehen dorthin, wo die Not am größten ist. Kümmern sich um die, die auf der Straße liegen. Sprechen von Gott nicht so sehr mit frommen Worten, sondern durch gute Taten. Lassen die Leute um sie herum spüren: Die glauben wirklich das, was sie sagen. Denn das, was sie tun, spricht eine eindeutige Sprache.

800 Jahre nach dem Leben des Franz von Assisi, 2000 Jahre nach dem Leben des Jesus von Nazareth sehnen wir uns nach einem gelingenden Leben. Stehen wir in den Spannungen und Krisen unserer Zeit. Erleben wir, wie alles auseinanderzufliegen droht: die Welt, wie wir sie kannten, die Gesellschaft, in der wir leben, die Kirche, der so viele den Rücken kehren. Was können wir nur machen? Uns fragen: Was würde Jesus tun? Und was Franziskus? Es wären Fragen wie diese: Wo sind die Armen unserer Stadt? Wo warten Menschen in unserer Nachbarschaft auf Worte, auf Gesten, auf konkrete Hilfe? Wie kann der Glaube an einen menschenfreundlichen Gott das Leben bereichern und verändern? Wo kann dieser Glaube Wunden heilen und Perspektiven aufzeigen? Wer die Ruhe finden will, von der Jesus spricht, der wird ihr nicht im Wellness-Hotel begegnen. Wer die Ruhe Jesu sucht, der muss sich aufmachen. Der muss solange unruhig bleiben, bis der Schrei derer, die am Rande stehen, die niemand will und die sich selbst nicht helfen können, ein offenes Ohr findet. Und Hände, die bereit sind, etwas zu tun. Nach Erholung hört sich das nicht an. Aber nach dem Weg, der zum Leben führt. Vermutlich zum echten Leben.

Alexander Bergel
3. Oktober
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Die Predigten der Reihe »Wir verkünden das Wort«
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Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 8,27-35

Am Kreuz kommst Du nicht vorbei. Jesus sagt das sehr deutlich. Doch wer will so was hören? Wer will schon hören, dass der Weg des Meisters kein strahlender Siegeszug ist, sondern ein Weg des Scheiterns? Petrus jedenfalls nicht. Deshalb bekommt der auch gehörig eins auf die Mütze: „Geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Dabei hatte er doch gerade sein großes Glaubensbekenntnis gesprochen: „Du bist der Messias!“ Er hatte alles aufgegeben, alles hinter sich gelassen, um ihm ganz nahe zu sein. Ja, das hatte Petrus wirklich getan. Und ja, er hatte vermutlich wirklich aus tiefstem Herzen seinen Glauben bekundet, seine Liebe auch – und seine Bereitschaft, Jesus zu folgen. Aber die Wahrheit, die ganze, die wirkliche Wahrheit – hatte er die begriffen? Nein. Denn als Jesus ihm die vor Augen hält, versucht er, die Dinge anders zu regeln. Eine Wahrheit sollte es werden, die nicht wehtut. Das kann er ruhig versuchen, der Erste der Apostel. Aber Jesus – der ist dann raus.

Raus, aber aus anderen Gründen, sind heute viele Menschen. Menschen, die die Botschaft Jesu vielleicht noch als alternatives Lebensmodell ansehen oder sogar nach wie vor Kraft aus ihr schöpfen. Das Interesse an der Kirche jedoch, das nimmt ab. Und zwar enorm. Immer weniger Menschen möchten Teil einer Institution sein, die so viele Fehler gemacht hat, die aber dennoch so oft immer noch auf dem hohen moralischen Ross sitzt und sehr genau weiß, was richtig ist und was nicht. So gehen immer mehr Menschen andere Wege. Und kehren nicht zurück. Doch dann und wann begegnen mir gar nicht so selten Männer und Frauen, Junge und Alte, die den Kontakt suchen. Weil sie spüren: Das, was da läuft, das, wovon die sprechen, besser noch: der, von dem sie sprechen, von Jesus und seinem Weg – das hat ihnen geholfen. Neue Perspektiven eröffnet. Oder schlicht und ergreifend gut getan. Immer wieder begegne ich solchen Menschen. Bei einer Taufe oder einer Beerdigung. Bei Elterngesprächen. Oder beim Combi.

Und dann gibt es erstaunlicherweise auch noch Leute, die sagen: „Ich möchte in der Kirche arbeiten.“ Menschen wie Katharina Westphal, unsere neue Pastoralassistentin. Du hättest durchaus auch was Vernünftiges machen können, Katharina. Aber Dein Weg hat Dich in die Kirche geführt. Es wäre sicher spannend zu erfahren, was Dich motiviert, wer Dir auf diesem Weg begegnet ist und was Dich an dem Mann aus Nazareth so fasziniert, dass Du gesagt hast: Dem folge ich nach. Du wirst Dich um die Jugend kümmern, in der Firmung, der Schule und in anderen Bereichen dabei sein – und vielen Menschen begegnen. Menschen, die dich vielleicht fragen werden: „Sag mal, Du bist doch eigentlich ganz normal – warum machst Du das?“ Ich bin gespannt auf Deine Antworten!

Uns allen bleibt die Frage Jesu: „Willst du mir wirklich folgen? Mit all den Risiken und Nebenwirkungen? Bist Du Dir bewusst, dass mein Weg nicht der des geringsten Widerstands ist, nicht der Weg der locker-flockigen Fortbewegung, sondern ein Weg, der dem Leben mit all seinen Schattenseiten nicht ausweicht? Bist Du Dir dessen bewusst? Bedenke aber, es ist ein Weg, der in allen Schatten auch das Licht der Hoffnung entdeckt und im Scheitern nicht verzweifelt, sondern trotzdem weiter sucht und sucht und sucht und auf dem Du immer wieder staunen kannst, wie – trotz allem – nie nur Untergang und Verzweiflung die Oberhand behalten, sondern das Schöne, das Tragende und das Erfüllende.“ Wer sich darauf einlässt, der wird dadurch nicht automatisch zu einem besseren Menschen, der wird auch nicht auf alles eine Antwort haben. So wie die Petrus-Kirche sie so oft meinte, haben zu müssen. Nein, wer sich darauf einlässt, für den bedeutet dieses Wagnis ein großes lebenslanges Abenteuer. Vielleicht müsste man es doch noch mal versuchen.

Alexander Bergel
12. September
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Gebet, Musik & Poesie

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Ein Sehnsuchtslied – hier können Sie es hören.
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»Weib, was weinest du?« Einer der berührendsten Gesänge zum Fest der Heiligen Maria Magdalena, der Apostelin der Apostel, am 22. Juli.

Es gäbe sicher nach wie vor so manches, was nicht nur Frauen in dieser Kirche zu beweinen hätten. Aber es gab und es gibt sie dennoch immer noch: die Verkünderinnen dieser einen unglaublichen Botschaft. Sollte deren Kraft, die schon einmal nicht nur Felsen vor Grabhöhlen in Bewegung brachte, nicht auch heute Steine wegzuräumen in der Lage sein?

Den Gesang aus den Osterdialogen von Heinrich Schütz können Sie hier hören.
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»Veni Sancte Spiritus!« Den kraftvollen Pfingsthymnus aus Notre-Dame de Paris hören Sie hier.
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»Komm, Heiliger Geist, komm!« Dieses gesungenes Gebet zu Pfingsten hören Sie hier.
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»Ich möchte mich mit dem Wasser erfrischen, das der Heilige Geist gibt. Ich möchte ausruhen in deinen Verheißungen, und ich sehne mich danach, bei dir satt zu werden.«

Die kubanische Sängerin Narjara Portal drückt in ihrem neuen Lied die Sehnsucht nach einer neuen Erfrischung durch den Heiligen Geist aus. Hier können Sie es sehen und hören. Weitere Infos finden Sie hier.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Ostersonntag.
.  Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.

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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karsamstag.
.  Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.

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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.
.  Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.

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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zur Nacht auf den Karfreitag.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Palmsonntag.
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Schaukasten-Gedanken

… können für einen kurzen Augenblick ansprechen oder irritieren
oder einfach nur Freude bereiten.

Hier finden Sie die schönsten Exemplare, die vor unseren Kirchen hängen,
zum Anklicken.
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