Kreuzweg

Impulse

Worte können heilen. Und zum Nachdenken bringen. Worte können Mut machen. Und neue Wege aufzeigen. Worte bringen Gefühle zum Ausdruck. Und Sorgen. Und Nöte. Glück und Unglück zeigen sich in ihnen ebenso wie Glauben und Hoffnung. Und natürlich Zuneigung und Liebe. Besonders schön ist es, wenn einem jemand solche Worte sagt. Wenn wir sie persönlich hören. Wenn wir spüren: Der meint mich!

Wir leben in einem ständigen Auf und Ab, im Hin und Her. Versammeln, gemeinsam feiern, hören und sprechen und singen – das geht momentan nur in eingeschränkter Form. Viele vermissen das. Aber lesen – das geht. Im mittlerweile gar nicht mehr so ganz neuen Format »Impulse« finden Sie daher in loser Reihenfolge Gedanken, Erlebnisse, Deutungen, Diskussionsbeiträge, die uns im Pastoralen Team eingefallen sind. Oder die wir anderswo gefunden haben. Und die wir mit Ihnen teilen möchten. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich das bewährt, vielen Mut gemacht und Lust auf mehr. Das freut uns natürlich sehr. Und deshalb machen wir einfach weiter!

Essays, Geschichten & Gedanken

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In Zeiten des Umbruchs erwächst oft die Frage nach der Lebensführung in Umständen, die nicht aus einem Guss zu verstehen sind. Im Buch der Weisheit finden wir diese Suche nach praktikablen und lebensklugen Lösungen für unsere Lebensthemen, Max Weber zu Beginn des letzten Jahrhunderts frug danach, was es bedeute, ein Leben zu führen?

Ich glaube, Ignatius sah sich in seinen geistlichen Übungen einer ähnlichen Herausforderung gegenüber. Seine Genialität macht wohl aus, die Elemente der Lebensführung zunächst formal zu bestimmen in wenigen Axiomen: Mit Blick auf die je größere Ehre Gottes den Menschen zu dienen. Die Kontexte bleiben individuell offen, aber es gilt, ihnen jeweils eine Form zu geben.

Nicht die Konstanz, sondern die Folge der Bewährungen sind vielleicht die wirklichen Herausforderungen. Die Bewahrheitung des Lebens in der Erkenntnis und der Erfahrung, dass Lebensplan und Lebenslauf nicht immer identisch sind.

Vielleicht geht es auch nicht um das ständige Sich-Entscheiden, sondern um die Anerkennung, dass wir uns schon in vielfältigen Entschiedenheiten vorfinden, die es in einer Folge von Bewährungen zu ratifizieren gilt: mit offenem Blick auf das große Ziel, die Ehre Gottes und der Bereitschaft, sie in den jeweiligen Lebenskontexten zum „Heil der Seelen“ verantwortlich zu leben.

Zur Offenheit einer solchen Lebensführung gehört auch die Disziplin: sich zusammennehmen, das Verstreute und Vielfältige in eine Form bringen, manchmal auch sich zusammenreißen. Die Manuale der ignatianischen Lebensführung, ein spannendes Thema.

Freilich stimmt auch: Das Leben ist am lebendigsten, wenn es „einfach so“ gelingt. Das macht seine innere Heiterkeit aus. Im Denken kommt solche Selbstverständlichkeit aber nur vor, wenn ihm bewusst wird, dass gerade diese Selbstverständlichkeit sich nicht von selbst versteht. Keine Lebensführung ohne eine Prise Gnade, dem hätte Ignatius wohl zugestimmt.

P. Hermann Breulmann SJ
31. Juli
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Sie steigen nicht nur aus und verschwinden. Manche Hundertjährige tauchen wieder auf, steigen bei uns ein, melden sich zu Wort. Kurt Marti und Erich Fried, Friedrich Dürrenmatt und Wolfgang Borchert, Sophie Scholl und Ilse Aichinger. Oder Paul Watzlawick.

Sie waren Vorläufer und Vorbilder, Gesprächspartner und Influencer, Zwischenrufer und Provokateure. Sie vertraten eine oft sprachlose Elterngeneration. Ein vielstimmiger Chor, der den Autor, Jahrgang 1950, beeinflusste, ermutigte und noch heute in Mitleidenschaft zieht.

Die Gedanken von Christoph Störmer vom 25. Juli können Sie hier lesen und hören.
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Ob das ihr Name war?
So wirklich weiß es keiner.
Wie alt sie wurden?
Unbekannt.
Saß er bei ihnen
auf dem Schoß?
Auch das ist ungewiss.

Aber es gab sie.
Und sie waren da.
Haben Acht
auf ihn gegeben.
So wie Großeltern
es eben
tun.

Aufregende Zeiten
hatten sie schon hinter sich.
Die Tochter sprach
von einem Engel,
der viele Fragen hinterließ.
Und Zweifel auch.
Und unglaubliches Glück.

Mutter war sie
so geworden.
Mutter eines Kindes,
von dem manche später
sagen würden,
er sei Gottes Sohn.
Dieser Kleine war ihr Enkel.

Und sie,
die beiden Alten,
waren für ihn da.
Erzählten ihm
von alten Wundern,
zeigten ihm den See,
die Berge und das weite Land.

So konnte er es
spüren,
Tag für Tag,
und immer neu,
was das bedeutet,
da liebt mich einer,
einfach so.

Später,
sehr viel später,
gab er diese Liebe weiter,
einfach so,
an die Kleinen und die Großen,
die Jungen und die Alten.
an alle, die sich danach sehnten.

Vielleicht auch deshalb,
weil es diese beiden gab.
Vergessen hat er das
vermutlich nie.
Dieser Enkel,
der die Welt
verändern sollte.

Alexander Bergel
26. Juli
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wer
wenn nicht du
maria
wüsste was es heißt
da sieht mich einer an
trotz allem
was zerbrochen ist

wer
wenn nicht du
maria
wüsste was die Liebe
alles möglich macht
er hat in dir gesehn
was du allein
nicht ahnen konntest
und dir
das Leben
neu geschenkt

nicht lang
jedoch
da war er
tot
du aber
bist nicht
fortgerannt

und plötzlich
war da wieder
leben
ein zweites mal
hat er dich angerührt
in dir gesehn
was du allein
nicht ahnen konntest
und nun
nun braucht
er dich

damit es alle
hören
und verstehn
die liebe
ist nicht
tot zu
kriegen

Alexander Bergel
22. Juli
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Ich sehne mich nach einem neuen Anfang der Kirche, einem galiläischen Frühling. Und diese Sehnsucht werde ich mir um Himmels willen nicht ausreden lassen. Meint Peter Neuhaus, Theologischer Autor, Redenschreiber und Krankenpfleger.

Seine Gedanken vom 12. Juli können Sie hier lesen.
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Visionen sind ein sensibles Thema. Wer hat sie? Wer beglaubigt sie? Was bewirken sie? Egbert Ballhorn, Professor für Theologie und Exegese des Alten Testaments an der TU Dortmund und Vorsitzender des Katholischen Bibelwerks, entdeckt biblische Visionen als Inspirationsquellen für Zukunftsfragen.

Seine Gedanken vom 28. Juni können Sie hier lesen.
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Zwei Menschen
Zwei Geschichten

Dickköpfe
mit Vergangenheit

Fischer der eine
der andere ein Gelehrter

Bis da jemand kam
und rief

Den einen weg
von seinen Netzen

Den andern runter
vom hohen Ross

Beide brauchte er
der Mann aus Nazareth

Herz und
Verstand

Leidenschaft und
Phantasie

Mut und
Lust auf Neubeginn

Verstanden haben sie
sich nicht so sehr

Sie mussten suchen
wie das gehen kann

Denn ohne
den Anderen

war die Zukunft
nicht zu schaffen

Ein Hinweis
auch für uns

Wenn du die Spur
behalten willst

die er dir
vorgibt

dann suche dir
Verbündete

Doch nicht nur jene
die denken so wie du

Verbündete sind alle
die sich ergreifen lassen

von ihm
dem Mann aus Nazareth

Alexander Bergel
25. Juni
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Viele Menschen halten regelmäßig Nachtwachen, die meisten nur bei besonderen Gelegenheiten, am Bett eines kranken Kindes oder eines sterbenden Menschen. Manchmal beten sie eine Nacht lang. In manchen Nachtwachen geschehen dramatische Ereignisse, manchmal wartet man nur auf den Morgen. Wer schläft, sündigt nicht, heißt es. Auch in der Bibel spielt die Nacht eine besondere Rolle. Vor der Kreuzigung im Garten Gethsemane wachte und betete Jesus in der Nacht. Die Jünger schliefen unterdessen.

Die Gedanken von Irene Dänzer-Vanotti vom 20. Juni können hier lesen und hören.
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Die Wüste gilt als spirituelle Quelle. Benedikt Collinet zeigt, dass sie aber auch eine Herausforderung ist – insbesondere in einer kirchlichen Krisenzeit.

Den Artikel vom 19. Juni finden Sie hier.
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Jesus provozierte seine Zeitgenossen, durchbrach Konventionen, mal mit der harschen Zurückweisung familiärer Bindungen, oftmals auch mit seiner Interpretation der Gesetze. Untrügliche Spuren davon haben sich in den Evangelien erhalten.

Welche Impulse das für uns heute setzen kann, dieser Frage geht Gerrit Schulte nach. Seine Gedanken vom 5. Juni finden Sie hier.
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Statements, Interviews & Diskussionen

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Norbert Lüdecke, Professor für Kirchenrecht in Bonn, hat ein provokantes Buch geschrieben: »Die Täuschung«. Demnach täuschen Bischöfe die Gläubigen, indem sie ihre Macht mit dem kuscheligen Bild von Hirt und Herde verdecken. Die Schäfchen ließen sich davon einlullen, auch in der aktuellen Reformdebatte.

Das Gespräch mit Christiane Florin im Deutschlandfunk vom 29. Juli können Sie hier lesen und hören.
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Angesichts hoher Austrittszahlen sieht die Zukunft der Kirche nicht rosig aus. Religionssoziologe Michael Ebertz findet, dass sie ihre Angebote viel stärker auf einzelne gesellschaftliche Gruppen zuschneiden sollte. Dazu müsse sich die Seelsorge radikal ändern.

Das Interview mit katholisch.de vom 29. Juli können Sie hier lesen und hören.
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Bei Flutkatastrophen ist oft von »sintflutartigen Regenfällen« die Rede. Doch wie gut passt dieser Vergleich? In der biblischen Sintflut-Geschichte geht es auch um Erbarmen, so der evangelische Theologe Thomas Naumann. Gott gebe den Menschen eine »Bestandsgarantie«, sagte Naumann im Deutschlandfunk.

Das Gespräch mit Andreas Main vom 23. Juli können Sie hier lesen und hören.
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»Endlich erklärt es mal jemand.« Solche Rückmeldungen bekommt Erik Flügge öfter, wenn er bei Facebook oder Twitter aktuelle Themen für seine weit über 100.000 Follower einordnet. Denen erklärt er dann z.B. politische Entscheidungen oder warum bestimmte Corona-Maßnahmen sinnvoll sind. Und er nimmt auch in Sachen Kirche kein Blatt vor der Mund. Achim Stadelmaier hat mit ihm gesprochen.

Das Interview können Sie hier hören.
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Gehen oder bleiben? Unter diesem Titel fand am 24. Juni 2021 ein bemerkenswertes Zoom-Gespräch statt, veranstaltet vom Würzburger Lehrstuhl für Fundamentaltheologie in Kooperation mit der KHG Würzburg. Zu Gast waren u. a. Christiane Florin, Regina Laudage-Kleeberg und Maria Mesrian. Fast 180 Teilnehmende hatten sich zugeschaltet. Die These des Abends: ehrlich bleiben.

Den Bericht von Matthias Remenyi können Sie hier lesen.
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Klar hat der Kabarettist Bodo Wartke recht, wenn er sagt – oder besser singt – es ist viel schöner über Sex zu schweigen und ihn gemeinsam zu genießen, als dass man zu blöden, schrägen, verlegenen, kindischen, obszöne oder technokratische Worte greift. Kann man nachhören in »Fehlende Worte«, dem Opener zu unserer Veranstaltung »Über Sex muss man reden!«.

Den Blog von Martina Kreidler-Kos, Leiterin des Seelsorgeamts im Bistum Osnabrück, vom 17. Juni finden Sie hier.
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Regenbogenfahnen an Kirchen, ungehorsame Pfarrer und Bischöfe, Theolog:innen, die zum Widerstand aufrufen – hier beginnt etwas Neues, meint Norbert Reck.

Den Artikel vom 4. Juni finden Sie hier.
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Was gibt es Neues aus der Dogmatik? Erwin Dirscherl und Markus Weißer berichten von der Tagung »Wirksame Zeichen und Werkzeuge des Heils? Aktuelle Anfragen an die traditionelle Sakramententheologie«.

Den Artikel vom 3. Juni finden Sie hier.
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Seine Heimatkirche war tief gespalten, in Deutschland dagegen fand der Niederländer Erik Sengers eine gut vernetzte Volkskirche – das war vor 25 Jahren. Heute beobachtet er hierzulande ähnliche Zustände und warnt: Stellt die deutsche Kirche nicht die Pastoral ins Zentrum, droht ihr der Verfall.

Den Artikel vom 29. Mai finden Sie hier.
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Papst Franziskus ist nicht amtsmüde, im Gegenteil: Jetzt schickt der Papst die gesamte Weltkirche auf einen synodalen Weg. Das Großprojekt bietet die Chance, laufende Reformprozesse wie den in Deutschland weltkirchlich besser einzubinden.

Den Artikel von Roland Juchem und Ludwig Ring-Eifel vom 22. Mai finden Sie hier.
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Maria 2.0 steht für die Reformbewegung von Frauen in der katholischen Kirche. Lisa Kötter ist Mitgründerin und Vordenkerin dieser Initiative und will die verkrusteten Strukturen der katholischen Kirche aufbrechen. Pointiert legt sie ihre Sicht in der NDR-Sendung DAS vom 15. Mai dar. Vielleicht muss man nicht in allen Punkten derselben Meinung sein, zum Nachdenken bringt es allemal.

Das Gespräch mit Lisa Kötter können Sie hier sehen.
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Predigten

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Predigt am 18. Sonntag im Jahreskreis
zu Joh 6,24-35

„Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.“ Man mag es den Leuten irgendwie nicht übelnehmen. Wer geht auch nicht gerne dorthin, wo es was umsonst gibt? Aber dann kam er wieder, der Hunger. Und die Brote waren weg. Also aufs Neue: „Jesus, gib uns zu essen!“ Nur – der ist auch weg. Denn das, was er eigentlich wollte, hatten sie nicht verstanden. Lang ist das her. Aber es passiert jeden Tag. Ein junger Mann beschreibt es so:

Ich schaue auf die Uhr. Es ist 12.30 Uhr – Mittagszeit. Instinktiv zieht es mich in Richtung Kühlschrank, obwohl ich weder Hunger noch Appetit verspüre. „Man isst um diese Zeit!“ ermuntere ich mich und öffne die Kühlschranktür. „Was gibt es heute zu essen?“ frage ich mich selbst und greife zum Käse. „Käsebrot“, beschließe ich. „Das geht schnell, und ich muss nachher nicht großartig spülen.“

Schneide eine Ecke vom Käse ab und beiße gierig hinein. „Scheinbar habe ich doch Hunger!“ Das Brot aus dem Brotkorb ist hart und trocken. „Klar, ich war ja in den letzten Tagen viel unterwegs und habe oft auswärts gegessen.“ Ich versuche trotzdem, eine Scheibe abzuschneiden. Einen Moment lang überlege ich, ob ich mich zum Essen an den Tisch setzen soll. „Wozu denn eigentlich? Ist doch eh keiner da, mit dem ich reden könnte!“

Plötzlich wird mir der Sinn meiner Worte bewusst. Betroffen setze ich mich auf den Stuhl, kaue langsam auf dem harten Brot herum und stiere vor mich hin. Ruhig ist es! Zu ruhig. Ich ertrage die Stille nicht. Mein Mittagessen will gar nicht schmecken. „Es gibt nichts Schlimmeres, als alleine zu essen!“ Denke ich und schalte den Fernseher ein, der neben meinem Esstisch steht (zitiert nach: Werkbrief für die Landjugend, Liturgische Arbeitshilfen IV, München 2000).

Hunger im Jahr 2021. So beschreibt es ein junger Mann. Oder eine alte Frau? Hunger. Plus die Sehnsucht nach einem, der ihn stillt. Womit? Ja – womit bloß? „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern. Und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ Ob das wohl stimmt?

Alexander Bergel
1. August
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Predigt am 17. Sonntag im Jahreskreis
zu Joh 6,1-15

Eine wunderbare Geschichte. Ganz klar. Sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Jesus bekommt eine ganze Menschenmenge satt – wunderbarer geht es kaum! Das bringt den Verstand an seine Grenzen und macht das Herz unruhig. Also müssen Deutungen her. Mindestens zwei sind schon vorhanden – nicht mehr ganz neu, aber erprobt:

Erstens: Gott gibt im Überfluss. Jesus will ein Zeichen tun, um Gottes Reich erfahrbar werden zu lassen. Jesus stillt den Hunger. Den Hunger nach Brot, den Hunger nach Liebe, den Hunger nach Leben. So viel zur Theorie. Aber Sie könnten einwenden: Schön, dass der Gottessohn das alles tut. Doch wo tut er es bei mir? Was macht er aus meinen fünf Broten und zwei Fischen? Ich würde vermutlich mehr Fragen provozieren als Antworten geben.

Daher ist Möglichkeit zwei verlockend: Ich fordere Sie auf: Machen Sie es wie der kleine Junge: „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt!“ Der Kern dieser Botschaft wäre dann: Jesus war ein guter Organisator. Dass er durch ergreifende Reden die Herzen der Menschen zu berühren weiß, ist bekannt. Dann wird er es ja wohl auch schaffen, die Taschen der Leute zu öffnen, so dass durch die Vorräte aller auch wirklich alle satt werden.

Beide Möglichkeiten greifen mir zu kurz. (Obwohl ich glaube, dass beides zur Geschichte gehört.) Daher lade ich Sie ein, sich dieser vertrauten Erzählung einmal ganz persönlich zu nähern. Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit. Hier und jetzt. Kommen Sie mit Gott ins Gespräch.  Nur Sie und er. Niemand stört. Hören Sie auf das, was er Ihnen heute sagen will! Wenn Sie gerade nicht so genau wissen, worüber Sie mit ihm sprechen sollen, helfen Ihnen vielleicht diese drei Fragen:

Wonach habe ich wirklich Hunger?
Hat Gott es schon mal geschafft, mich satt zu kriegen?
Erlebe ich die Kommunion als eine seiner Antworten auf meinen Hunger?

Sie haben Recht – das geht ganz schön ans Eingemachte! Aber dafür sind wir doch auch hier, oder?

Alexander Bergel
25. Juli
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Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 6,30-34

„In jener Zeit versammelten sich die Apostel, die Jesus ausgesandt hatte, wieder bei ihm und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.“ Was werden sie ihm wohl berichtet haben, die Zwölf? Konnten sie erzählen vom Leben der Menschen, denen sie begegnet sind? Waren ihnen die Sorgen der Leute zu Herzen gegangen? Haben sie die strahlenden Augen junger Eltern, die schwieligen Hände der Alten, die Wunden der Kranken angerührt? Wir wissen es nicht. Aber dazu hatte er sie ausgesandt, dieser Jesus. Sagt er ja selbst von sich: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich!“

Jesus sieht in den Vielen, die ihm begegnen, keine zu missionierende Masse, kein Heer von Nummern. Im Gegenteil: Er wendet sich immer wieder einzelnen zu. Berührt sie. Nennt sie beim Namen. Lässt sich von ihrem Leid, ihrem Glück bewegen. Jesus sucht ihre Nähe. Und das erwartet er offensichtlich auch von denen, die in seine Fußstapfen treten. Damals waren es die Zwölf. Heute sind wir es. Auch wir haben uns anrühren lassen von dem Mann aus Nazareth. Sonst wären wir nicht hier. Auch uns hat er beim Namen gerufen. Auch uns will er zärtlich begegnen. Auch mit uns will er weinen. Auch mit uns will er sich freuen. Auch uns will er den Weg zeigen zu einem erfüllten Leben. Aber auch uns braucht er, um all das zu tun. Denn er hat keine Hände als die unseren.

Wer sich von Jesus, von seiner Liebe zu den Menschen ergreifen lässt, der wird nicht drumherum kommen, im Nächsten das Gesicht Jesu zu erkennen. Was aber streckt hinter diesem Gesicht? Immer ein Mensch. Ein Mensch mit seiner Geschichte. Mit seinen Liebenswürdigkeiten und Skurrilitäten. Ein Mensch mit Launen und Bösartigkeiten. Ein Mensch mit Herzenswärme und Gefühlskälte. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Immer aber ein liebenswürdiger Mensch. Wie weit blicken wir jedoch unter die Oberfläche? Machen wir uns die Mühe, hinter der Fassade den wirklichen Nachbarn, die wirkliche Kollegin, den Bekannten, die Freundin, machen wir uns die Mühe, hinter all dem Äußerlichen den wirklichen Menschen zu erkennen?

Alexander Bergel
18. Juli
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Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis
zu Am 7,12-15 und Mk 6,7-13

Irgendetwas musste passiert sein. „Geh, Seher, flüchte ins Land Juda! Iss dort dein Brot, und tritt dort als Prophet auf! In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden.“ Hatte er es tatsächlich gewagt, die Ordnung zu stören: das fein austarierte Gleichgewicht von „Das machen wir hier aber so!“ und „Jeder ist seines Glückes Schmied!“?

Sollte er wirklich die Mächtigen hinterfragt haben? Fühlten die sich gar in die Enge getrieben? Von so einem? „Amos antwortete Amazja: Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ein Viehzüchter, und ich ziehe Maulbeerfeigen.“ Aha – so einer war das. Ein Fachmann im Kultivieren von Maulbeefeigen. So so …

Er hätte es gemütlicher haben können. Gut versteckt hinter seinen Maulbeefeigenbäumen.Aber irgendetwas war passiert. Und so machte er sich auf, zog uruhig hin und her. Sah vieles und sprach die Dinge an, die ihn störten. Woher er den Mut dazu bekam? „Der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!“ Deshalb also ging er los. Amos, der Prophet. Ohne Schulabschluss, ohne Rhetorikausbildung, ohne Netz und doppelten Boden.

Er ging und eckte an. Er ging und machte den Mächtigen die Hölle heiß. Ging und legte den Finger in die Wunde. Ging und litt an der Welt, wie sie war. Ging und hatte eine Ahnung, wie die Welt werden könnte. Ging und wurde verjagt. Ging und kam wieder. Ging und kam bald um den Verstand. Ging und kam immer mehr zu sich selbst. Ging und brachte Gott immer mehr dorthin, wo er hin gehört: mitten in die Welt – damit sie endlich anfängt, eine heile Welt zu werden.

So fing es an – damals mit Amos, dem Maulbeerfeigenzüchter, von dem Gott glaubte, er gebe einen ganz guten Propheten ab. So fing es an. Und so ging es weiter: 700 Jahre später mit Jesus und den Zwölfen, die nicht mehr alleine los mussten, sondern zu zweit. Um Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben und andere Dinge zu tun, von denen jeder vernünftige Mensch sagen würde: Wie soll das gehen? Wieder sind 2000 Jahre vergangen. Amos ist längst Geschichte, die Apostel stehen gemütlich auf ihren Sockeln – aber die Welt wartet immer noch auf Menschen, die nicht nur reden, sondern handeln. Was meinen Sie: Könnten wir das sein?

Alexander Bergel
11. Juli
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Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 6,1b-6

Propheten haben es schwer. Schon immer. Weil sie unbequem sind. Weil sie Sand ins Getriebe streuen. Weil sie zum Nachdenken anregen und ihren Finger immer wieder in die Wunde legen. Und so lässt man sie reden, die Propheten aller Zeiten. Oder schickt sie weg. Macht sich lustig über sie. Oder sagt ihnen recht deutlich: „Du, wir wissen, wo du herkommst. Spiel dich mal nicht so auf!“

Manche Propheten landen in der Wüste und wünschen sich den Tod. Andere werden in einen Brunnen geschmissen oder verjagt oder getötet oder von der Gesellschaft isoliert. Die Bibel ist voller solcher Geschichten. Geschichten mit großem Mitleidsfaktor: „Ach, die Armen.“ Bedauernswert, sicher. Aber Gott sei Dank ist das alles lange her. Und stört zum Glück nicht.

Was aber wäre, wenn hier und heute jemand aufsteht und sagt: „Leute, so geht es nicht mehr weiter! Was hat eure Art zu leben noch mit Gott zu tun? Meint ihr, dass so, wie ihr als Gemeinde lebt – mit euren Strukturen, den gefestigten-offiziellen und den geheimen irgendwie gewachsenen –,  meint ihr, dass Jesus sich da wohlfühlen würde? Was ist mit eurem Einsatz für Gerechtigkeit? Was mit eurem Lebensstil? Was ist mit eurem Engagement für eine Botschaft, die nach draußen soll, hin zu den Leuten, die nicht oder nicht mehr kommen?“

Was wäre, wenn wir uns dazu gegenseitig ermutigen würden, wenn wir das, was uns bei der Taufe gesagt wurde: „Mensch, auch du bist Prophetin und Prophet!“, was wäre wohl, wenn wir diese unbequeme Seite des Christseins ernstnähmen? Was wäre wohl, wenn wir losgehen würden, diese Welt zu verändern? Ja, was meinen Sie: Was wäre dann wohl los?

Alexander Bergel
4. Juli
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Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 5,21-43

„Eene meene miste, es rappelt in der Kiste. Eene meene meck – und du bist weg!“ Ein beliebter Abzählreim. Wir alle kennen ihn seit Kindertagen. Glücklich sein darf der, der nicht rausfliegt, sondern weiterkommt. Und am Ende vielleicht sogar der Erste ist oder den Hauptgewinn erhält.

Im aktuellen Fall dürfen wir uns mit gleich zwei Gewinnern freuen: dem toten Mädchen und der kranken Frau. Glück gehabt, dass Jesus gerade vorbei kommt und der Tochter des Jairus sagt: „Steh auf!“ Glück gehabt, dass die Frau, die alles versucht hat, ihren ganzen Mut zusammen nimmt und Jesus berührt – und am Ende geheilt dasteht. Ja, wirklich Glück gehabt. Oder in der Sprache der Bibel gesagt: „Gott hat sich seines Volkes angenommen.“

Es ist schön, das glauben zu können. Noch besser, es zu erfahren. Was aber sage ich Menschen, die dummerweise kein solches Glück hatten? Menschen, die beim gefühlten Abzählspiel rausgefallen sind? Was sage ich Eltern, die ihr totes Kind betrauern müssen? Menschen, die zwar gerne sagen würden: „Gott hat sich seines Volkes angenommen!“ – die aber genau das nicht erfahren haben?

Wenn die Bibel von Totenerweckungen berichtet, dann will sie die Macht Gottes im ganz konkreten Leben zeigen, jene Kraft, die selbst Totes wieder lebendig machen kann. Der Evangelist Markus beschreibt Jesus dabei als einen, der mitfühlt und mitleidet. So sehr hat ihn das Leid des Jairus angerührt, dass er nicht anders kann, als ein Zeichen zu setzen: „Lebe, Mädchen, lebe!“ Und genau das tut es dann auch wirklich wieder!

Wie sehr aber warten Menschen heute auf einen solchen göttlichen Gefühlsausbruch? Nicht nur einmal habe ich vor einem Kindersarg gestanden. Und diese an sich frohe Botschaft der Erweckung des toten Mädchens – nicht verkündet. Weil ich Angst hatte vor den Fragen der Eltern: „Warum nur damals, warum nicht auch heute?“

Je konkreter der Tod wird – ja, je mehr der Tod nicht nur eine Tatsache ist, sondern ein Gesicht bekommt, desto weniger helfen Floskeln, desto weniger reicht die Rede von einem Leben schaffenden Gott. Ich will das spüren, will es erleben. Ich will sagen können: „Gott hat sich seines Volkes angenommen!“

Und dann geschieht es doch immer wieder, dass ich sehr erstaunt bin. Erstaunt, wie gerade Menschen, die tiefes Leid erlebt haben, zu Vertrauenden werden. Nie von jetzt auf gleich. Oft unter Schmerzen. Fast immer im Kampf. Im Kampf mit sich selbst, im Kampf mit wohlmeinenden Ratgebern, im Kampf mit Gott. Viele von Ihnen werden wissen, was ich meine.

Was ist da wohl passiert? Haben solche Menschen ganz tief im Inneren vielleicht doch erfahren, dass Gott sich seines Volkes, dass Gott sich ihrer angenommen hat? Sind die Worte und Zeichen von damals vielleicht doch so stark, dass sie auch heute noch ihre Kraft entfalten?

Alexander Bergel
27. Juni
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Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis
zu Ijob 38,1.8-11 und Mk 4,35-41

Ob sie wohl untergeht? Die Frage ist nicht neu. In den letzten Monaten wurde sie noch öfter, noch offensiver gestellt. Und immer mehr Menschen sagen unumwunden: Ja, das wird sie. Sie wird untergehen, die Kirche. Und dann ist endlich Schluss. Schluss mit all dem, was man schon längst hätte über Bord werfen sollen! – Wie konnte es nur so weit kommen? Wer hat denn so lange so intensiv geschlafen, dass man nicht bemerkt hat, wie sehr das Schiff der Kirche vor dem Kentern steht? Hätte man nicht, müsste man nicht, sollte man nicht?

Damals auf dem See Genezareth, da ging es nicht um eine große Organisation mit Macht und Einfluss. Jesus war mit seinen Jüngern unterwegs. Von einem Ufer zum anderen. Er hatte vom Reich Gottes gesprochen. Davon, wo es zu finden ist – im Kleinen, im Zarten, im Verletzlichen. Er hatte vom Senfkorn gesprochen, aus dem ein großer Baum wird. Von Geduld und Ausdauer. Und vom Warten können. Nun aber waren sie auf dem Weg in eine andere Welt. Andere Menschen, andere Sitten, aber dieselben Probleme, dieselben Fragen: Wie können Menschen heil werden und heil sein? Und wie ist Gott in all dem zu finden?

Es sind Fragen, deren Beantwortung sich wohl jeder wünscht. Aber es gibt keine einfachen Antworten. Für niemanden. Und der Weg dorthin ist selten ein Spaziergang. Wer mit Jesus unterwegs ist, darf nicht mit einem leichten Leben rechnen. Jesus sieht die Not. Jesus wendet sich dem Bedürftigen zu. Fragt ihn, was er braucht. Und ist in diesem einen Augenblick ganz für ihn da. Aber die Welt, die ist, wie sie ist, ändert er nicht mit einem Fingerschnippen. Oder doch? „Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein.“ Die Jünger damals waren außer sich: „Was ist das für ein Mensch, wenn ihm sogar der Sturm gehorcht?“

Ja, das ist die Frage: Was ist das für ein Mensch? Offensichtlich einer, dem man gerne sein Vertrauen schenkt. Einer, der Ruhe in die Sache bringt. Einer, der das Ziel fest im Blick hat. So haben Menschen Jesus nämlich erlebt. Aber er ist kein Zauberer. Keiner, der mir jede Unbequemlichkeit erspart. Und niemand, der mein Leben lebt. Das bleibt das Sperrige an ihm. Und das führt tief in das Geheimnis Gottes. Er, der alles kann, tut oft nichts. Er, der die Welt erschaffen hat, sieht zu, wie sie wieder untergeht. Er, der den Menschen so sehr liebt, wie es immer heißt, lässt ihn sterben. Nicht nur alt und lebenssatt, sondern oft genug auch jung und gezeichnet vom Kampf ums Überleben. Was will Gott denn nun? Warum stillt er manche Stürme, andere hingegen lässt er weiter toben?

Wie auch immer sich das damals am See Genezareth abgespielt haben mag – die Jünger haben in Jesus beides erlebt: den, der nichts tut, und den, der eingreift. Als sich die, die es aufgeschrieben haben, an diese Erfahrung erinnert haben, hatten sie bereits viele weitere Erfahrungen gemacht. Jahrzehnte waren seither vergangen. Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war zu einer festen Größe geworden. Zu einer verfolgten Gemeinschaft. Und zu einer Gemeinschaft, in der unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen herrschten. Da ging es zwischendurch ganz schön zur Sache, die Wellen schlugen hoch. Von außen drohte Gefahr, und innen drohten Konflikte alles zu zerreißen.

Und Jesus, was war mit dem? Man wartete auf seine Wiederkunft. Darauf, dass er den Stürmen klare Ansagen machte. Aber das tat er einfach nicht. Und dennoch, dennoch gab es all die Menschen, die nicht verzweifelt sind. Menschen, die zwar mit der Undurchschaubarkeit Gottes rangen, die sich sorgten um das Boot ihres Lebens und das Boot der Gemeinschaft, das Boot der Kirche also, um das „Schiff, das sich Gemeinde nennt“, und die sich fragten, wo genau Jesus denn darin zu finden sei. Diese Menschen gab es. Und es gibt sie auch heute noch. Menschen, die selbst das Steuer in die Hand nehmen, die das Wasser wieder rauspumpen, die den Kurs variieren und nach neuen Wegen suchen. Es gab sie, diese Menschen. Damals in Israel. Und durch die Jahrhunderte hindurch. Und es gibt sie auch heute noch. Menschen, die vertrauen, dass Jesus mit im Boot sitzt. Egal, was kommt. Und die dem Boot, dem Schiff, das sich Gemeinde nennt, nicht beim Sinken zusehen, sondern an Bord bleiben. Weil sie ahnen – das rettende Ufer erwartet uns.

Dieses Ufer und der Weg dorthin, das wird zwar nicht das Paradies sein. Aber etwas vom Reich Gottes wird sich dort finden lassen. So wie Jesus es gesagt und gezeigt hat. So wie Menschen es immer wieder gesucht und auch gefunden haben. Innerhalb und auch außerhalb der Kirche. Und sie sind fündig geworden. Haben Gottes Gegenwart gespürt. Und entdeckt. Und daran mitgearbeitet, dass die Welt eine bessere wird. Wenn dies das Erkennungsmerkmal der Kirche bleibt oder wieder wird – dann wird sie auch nicht untergehen.

Alexander Bergel
20. Juni
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Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis
zu Ez 17,22-24 und Mk 4,26-34

Ein ganzes Volk sitzt im Exil. Das Leben, wie man es kannte – vorbei. Der Tempel, Gottes Wohnstatt mitten unter den Menschen – ausgeplündert und zerstört. Politik, Handel, Kultur – nichts davon war übriggeblieben. Doch dann, siebzig Jahre waren vergangen – damals wie heute eine unendlich lange Zeit –, macht Israel die Erfahrung: Gott rettet. „Ich nehme ein Stück vom hohen Wipfel der Zeder und pflanze es ein. Einen zarten Zweig aus den obersten Ästen breche ich ab, ich pflanze ihn auf einen hoch aufragenden Berg.“

Ein zarter Zweig ist es. Aus der Spitze. Man mag darin ein Bild sehen für die Führungsetage, die ausgetauscht werden muss, damit ein neuer Anfang möglich wird. In Ordnung. Man kann darin aber auch jene Menschen erkennen, die sich nicht unterkriegen lassen. Menschen, die sich durch allen Schmutz und Dreck hindurch ausstrecken nach dem ganz Anderen, nach Gott. Und die so zu Kündern einer neuen Wirklichkeit werden. Zu Prophetinnen und Propheten.

In Zeiten tiefster Not – im Babylonischen Exil, da, wo nichts mehr so war wie vorher –, in dieser extremen Ausnahmesituation ist ein ganzes Volk neu zu Verstand und neu zu Kräften gekommen. Vielleicht, weil die Menschen sich Fragen gestellt haben: Was trägt unser Leben, dann, wenn alles ins Wanken gerät? Wie lebe ich meinen Glauben, wenn es auf mich ankommt und mir der Tempelkult nicht organisatorisch unter die Arme greift? Wie kann ein neues Verhältnis wachsen zwischen den Berufsreligiösen und dem Volk? Diese Fragen haben Räume eröffnet. Und in diesen Räumen ging der Same Gottes auf. Der Same, von dem auch Jesus spricht.

Ich habe immer mehr den Eindruck, dass auch unsere Kirche auf dem Weg ins Exil ist. Oder schon mittendrin. Alte Sicherheiten tragen nicht mehr. Die Zahlen gehen rapide nach unten. Immer mehr Abgründiges tritt zu Tage. Wir können davor nicht weglaufen. Diese Zeit als Chance zu sehen, fällt vielen schwer. Die einen wollen, dass alles so bleibt und verschließen die Augen. Die anderen lassen all das hinter sich und gehen. Aber die dazwischen, die gibt es auch. Die, die weiterhin Ausschau halten nach Gottes Spuren. Auch im Chaos. Auch im Abbruch. Auch im Niedergang.

Man kann Gott auch außerhalb der verfassten Kirchen finden. Sicher. Vielleicht sogar viel einfacher, weil nicht so viel Gerümpel im Weg steht. Aber ich will mir nicht ausreden lassen, dass es auch innerhalb der Kirche möglich ist, Gott zu begegnen. Denn dafür und zu nichts anderem ist sie da! Sie ist dazu da, Räume zu schaffen, in denen Gotteserfahrungen möglich werden. Räume, in denen Menschen einander beistehen. Und immer tiefer erkennen, worin der Sinn des Lebens bestehen könnte. Israel musste ins Exil. Hat vieles hinter sich gelassen. Und so zu neuer Kraft gefunden. Denn der Kern, der ging auch im Exil nicht verloren. Wie das wohl bei der Kirche ausgeht?

Alexander Bergel
13. Juni
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Predigt an Fronleichnam
zu Lk 9,11b-17

„In jener Zeit redete Jesus zum Volk vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften.“ Wenn man danach fragen würde, wer Jesus eigentlich war und was sein Lebensinhalt gewesen ist, dann reicht eigentlich genau dies: Er sprach vom Reich Gottes und machte alle gesund, die der Heilung bedurften. Alle, die diesem Jesus folgen, müssen das wissen. Und nur wer so lebt und handelt, folgt dem Mann aus Nazareth wirklich.

Szenenwechsel. Am vergangenen Freitag tritt der Erzbischof von München und Freising vor die Kameras und erläutert, was kurz zuvor wie ein Donnerschlag nicht nur durch die katholische Kirche, sondern wohl durch die ganze Republik ging: Marx hat dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Er wolle damit Verantwortung übernehmen. Für alle Schuld, die er auf sich geladen habe. Und für die Schuld, die im System Kirche über Jahrzehnte geschehen sei – durch Missbrauch oder dessen Vertuschung. „Für mich ist wichtig“, so Kardinal Marx bei der Pressekonferenz, „dass im Raum der Kirche, in der Institution Kirche Menschen Unheil erfahren haben. Nicht Heil, sondern Unheil! Die Betroffenen erwarten zu Recht auch, dass Zeichen gesetzt werden von Übernahme von Verantwortung.“

Dass Menschen Unheil erfahren haben. Nicht Heil, sondern Unheil! Wie pervers, wie perfide ist genau das: Menschen, die auf Jesus schauen, die fasziniert sind von ihm, von seiner heilenden, aufrichtenden, Mut machenden Botschaft, erhoffen sich eine Ahnung, eine Spur davon an einem Ort, der von sich sagt, Ort des Heils zu sein, Zufluchtsort, Aufbruchsort. Für viele ist dieser Ort, ist die Kirche jedoch zur Hölle geworden. Die Mächte der Unterwelt, wie sie an anderer Stelle im Evangelium pathetisch beschworen werden, welche die Kirche nicht überwältigen werden, diese Mächte der Unterwelt sind längst im Innern der Kirche angekommen. Ja, sie zerfressen das immer fragiler werdende Haus der Kirche so sehr, dass – wie es unser Bischof Franz-Josef Bode formuliert – „kein Stein auf dem andern“ bleiben wird. Und nun?

Damals, am Anfang, gab es noch nicht viele Steine, die zu festgefügten religiösen Institutionen geworden waren. Und die, die es gab, der Tempel in Jerusalem beispielsweise, jene Stein gewordenen Vision der erfahrbaren Nähe Gottes, dieser Tempel mit all seinen Verflechtungen in Wirtschaft und Politik ist auf diese Weise seines Kerns beraubt worden. Wie Jesus das fand, ist sehr klar geworden, als er den Tempel auf- und ausgeräumt hat. Alles, was zum Selbstzweck geworden ist, taugt nicht mehr als Erfahrungsort für einen Gott, der die Herzen der Menschen berührt, der sie begleitet, durch welche Wüste auch immer, der Zeichen seiner Nähe sendet, der Heilung schenkt und neues Leben.

Jesus hat das klar benannt. Und dann etwas Neues geschaffen. Allerdings keine festgefügte Institution. Dass es heute eine solche braucht, damit das, wofür sie steht, überhaupt wirken kann in einer Gesellschaft, die viel komplexer ist als das Zusammenleben zur Zeit Jesu, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Das Problem ist daher auch nicht die Institution an sich. Das Problem ist, dass sich die Institution Kirche immer mehr von dem entfernt hat, was an ihrem Beginn noch wichtig war. Entscheidend wird daher sein, ob wir zu dem zurückkehren, ob wir wiederentdecken, ob wir konsequent weiterleben, was Jesus uns vorgelebt und wofür er auch gestorben ist.

Sein Auftrag, damals wie heute: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Mit anderen Worten: Geht meinen Weg weiter! Meinen Weg, der selten ein Spaziergang war. Hört auf die Not der Schwachen. Und handelt! Schaut auf das, wo Menschen arm und unterdrückt sind. Und handelt! Blickt in die Herzen der Suchenden. Und handelt! Sprecht von mir. Feiert Feste, die alle Sinne berühren und über das Grau des Alltags hinaus auf die Wunder des Lebens verweisen. Sucht nach meinen Spuren mitten unter euch. Steckt andere an mit eurer Begeisterung, mit eurer Kraft, mit eurem Mut. Gebt all jenen zu essen, die Hunger haben. Hunger nach Liebe und Hunger nach Brot.

Können wir all dem gerecht werden? Ich glaube schon. Doch wie kommt man dahin? Das ist die Frage aller Fragen. Nicht nur in diesen Zeiten. Kommen wir darüber ins Gespräch! Hier und heute und immer wieder. Halten wir Ausschau danach, was die Menschen um uns herum brauchen könnten. Damit sie geheilt werden. Und aufgerichtet. Und gestärkt. Damit sie neue Perspektiven entdecken. Neugierig werden. Und vielleicht sogar selbst mitmachen wollen. Weil sie fasziniert sind von dem, was wir tun. Und wenn es dann auch nur fünf Brote und zwei Fische sind – eine kleine Tagesration also –, wenn es auch noch so wenig ist, was wir bringen können: Bringen wir es mit! Manchmal braucht es ein Wunder, damit alle satt werden. Und heil. Und gestärkt. Immer aber bedarf es einiger Menschen, die einfach anfangen. Sich nicht unterkriegen lassen. Die Hoffnung nicht aufgeben. Und weitermachen. Wir könnten doch solche Menschen sein, oder?

Alexander Bergel
6. Juni
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Predigt am Dreifaltigkeitssonntag

Mit dem Predigen ist das ja so eine Sache. Idealerweise ist es nicht zu lang, nicht zu theologisch und nah am Leben. Das Dreifaltigkeitsfest ist der ideale Tag, um bei diesem Vorsatz grandios zu scheitern: nicht zu lang, nicht zu theologisch, nah am Leben. Denn an keinem Tag im Jahr scheint sie größer: die Kluft zwischen der Theologie und dem Leben. Aber an keinem anderen Tag ist es dringlicher, diese Kluft überwinden zu helfen. Heute werden wir nämlich mit einer entscheidenden Frage konfrontiert: „Christ, was glaubst du eigentlich?“

Wenn es überhaupt noch jemanden interessiert, was wir so glauben, dann gibt sich ein fragendes Gegenüber vermutlich nicht zufrieden mit der schlichten Antwort: „An Gott.“ „Ja, schön“, wird ein solch Fragender dann weiterbohren, „schön, du glaubst an Gott. Und du nennst ihn Vater. Aber wie ist das dann mit Jesus, den du seinen Sohn nennst? Und wie ist das mit der Nummer drei, dem Heiligen Geist? Den gibt’s doch auch noch, oder?“ „Stimmt“, wird der leicht verschüchterte Christ dann vielleicht zugeben – und gleichzeitig hoffen, dass der anstrengende Nachfrager nicht noch mehr wissen will. Aber das will er. „Drei Personen. Drei Namen. Drei Götter. Glaubst du also an drei Götter?“ „Nein!“, wird der Christ sich beeilen zu antworten. „Ein Gott ist es in drei Personen. Die Dreifaltigkeit eben. Wie das aber genau ist, kann ich dir nicht sagen. Es ist halt so.“

Mit einer solchen Antwort aber wird sich der interessiert Fragende, der vielleicht einer anderen Religion angehört oder ein Nichtglaubender ist, nicht zufrieden geben. Vielleicht wird der Gefragte diesen Zeitgenossen dann an die Fachleute verweisen. An Professoren und Priester oder ähnliche Leute. Die müssten das doch wissen. Und diese Leute stehen dann am Dreifaltigkeitssonntag vor der Gemeinde und blicken in fragende Gesichter: „Wie ist es denn nun mit der Dreifaltigkeit?“ Dann heißt es, Worte zu finden, die nicht nur richtig sind, sondern solche, die die Zuhörer berühren. Worte, die helfen zu glauben. Und damit sind wir beim Kern aller Rede von Gott.

Die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit hat sich nämlich niemand einfach ausgedacht. Im Gegenteil. Sie hat mit Erfahrungen zu tun. Mit Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Die Bibel spricht vom Schöpfer-Gott, der sein Volk durch Wüsten und Gefahren begleitet und den Jesus als Vater angesprochen hat. Menschen sind Jesus begegnet und haben in ihm das Gesicht Gottes erkannt. Menschen erfahren sich als durchdrungen vom Lebens-Atem Gottes, dem Heiligen Geist. Mindestens auf dreifache Weise also teilt Gott sich dem Menschen mit. Er zeigt und schenkt sich so, wie er ist. Und so, wie Menschen ihn erfahren, ist er auch: Als Vater bleibt Gott der transzendente Ursprung, der immer ganz Andere, der nicht zu fassen ist, nicht einmal in Bildern. Als Sohn überwindet er die große Distanz zwischen Gott und Mensch, indem er selbst einer wird. Als Geist nimmt er unser Herz und unsere Augen und öffnet sie für die Wirklichkeit der Liebe Gottes, die er selbst ist. Spätestens hier wird also deutlich: Der Glaube an den dreifaltigen Gott ist kein spezielles Sondergebiet für religiös Hochbegabte. Nein: Er ist der Versuch, das zusammen zu bringen, was Menschen erlebt haben. Also auch: wie wir Gott erleben.

Wie aber erleben Sie Gott? Wer ist Gott für Sie? Ein Blick auf die eigene Art zu beten, kann dabei helfen. Der eine setzt eher auf den Vater. Schließlich ist er ja der Urgrund allen Seins, der Schöpfer, der Begründer auch unserer Existenz. Wunderbare Bilder findet das Alte Testament für diesen Gott. Ein Gott begegnet uns dort, der in Feuer und Wolke, Sturm und zärtlichem Windhauch die Nähe seines Volkes sucht. Bilder, die unser Denken stark beeinflussen. Ein anderer nähert sich im Gebet lieber dem Sohn. Jesus, der als Mensch unter uns Menschen gelebt hat. Der zu uns gesprochen hat, der Menschen berührt und geheilt hat. Ein Gott mit Hand und Fuß, zum Anfassen sozusagen. Wieder andere haben eine Vorliebe für den Heiligen Geist. Jenen Geist, der Gottes Liebe in Person ist, der alles durchdringt. Der in uns ist und in der Welt wirkt. Und der auch mal gerne alles auf den Kopf stellt.

Wie auch immer ich mich entscheide – und das kann mal so und mal so sein: Es sagt auch viel über mich aus. Über meine Art zu leben und zu glauben. Und genau darum geht es erstaunlicherweise auch: um mich selbst, um uns! Der Blick auf den drei-einen Gott lässt erkennen, auf welch vielfältige Weise Gott sich dem Menschen gezeigt hat – und wie er es immer noch tut. Wer will, kann das natürlich alles philosophisch und theologisch bis ins Kleinste auseinandernehmen und zu erklären versuchen. Und in der Tat: Es ist spannend, was Theologen und Philosophen aller Zeiten für Gedankengänge hatten und haben. Manchmal bis einem schwindelig wird. Wer Gott aber „verstehen“ will – so man ihn denn jemals verstehen kann –, der muss ihm begegnen. Meist geschieht das mitten im Leben. Bücher und gelehrte Kommentare reichen mir da nicht aus. Wenn Sie also wirklich mal jemand fragt, wer Gott ist, dann sagen Sie ihm, wie Sie ihn erleben. Das geht ganz ohne Studium. Und kommt mitten aus dem Leben. Aus Ihrem nämlich.

Alexander Bergel
30. Mai
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Gebet, Musik & Poesie

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»Weib, was weinest du?« Einer der berührendsten Gesänge zum Fest der Heiligen Maria Magdalena, der Apostelin der Apostel, am 22. Juli.

Es gäbe sicher nach wie vor so manches, was nicht nur Frauen in dieser Kirche zu beweinen hätten. Aber es gab und es gibt sie dennoch immer noch: die Verkünderinnen dieser einen unglaublichen Botschaft. Sollte deren Kraft, die schon einmal nicht nur Felsen vor Grabhöhlen in Bewegung brachte, nicht auch heute Steine wegzuräumen in der Lage sein?

Den Gesang aus den Osterdialogen von Heinrich Schütz können Sie hier hören.
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»Veni Sancte Spiritus!« Den kraftvollen Pfingsthymnus aus Notre-Dame de Paris hören Sie hier.
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»Komm, Heiliger Geist, komm!« Dieses gesungenes Gebet zu Pfingsten hören Sie hier.
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»Ich möchte mich mit dem Wasser erfrischen, das der Heilige Geist gibt. Ich möchte ausruhen in deinen Verheißungen, und ich sehne mich danach, bei dir satt zu werden.«

Die kubanische Sängerin Narjara Portal drückt in ihrem neuen Lied die Sehnsucht nach einer neuen Erfrischung durch den Heiligen Geist aus. Hier können Sie es sehen und hören. Weitere Infos finden Sie hier.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Ostersonntag.
.  Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.

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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karsamstag.
.  Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.

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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.
.  Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.

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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zur Nacht auf den Karfreitag.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Palmsonntag.
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Schaukasten-Gedanken

… können für einen kurzen Augenblick ansprechen oder irritieren
oder einfach nur Freude bereiten.

Hier finden Sie die schönsten Exemplare, die vor unseren Kirchen hängen,
zum Anklicken.
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