Impulse2024-06-08T19:10:45+02:00
Kreuzweg

Impulse

Worte können heilen. Und zum Nachdenken bringen. Worte können Mut machen. Und neue Wege aufzeigen. Worte bringen Gefühle zum Ausdruck. Und Sorgen. Und Nöte. Glück und Unglück zeigen sich in ihnen ebenso wie Glauben und Hoffnung. Und natürlich Zuneigung und Liebe. Besonders schön ist es, wenn einem jemand solche Worte sagt. Wenn wir sie persönlich hören. Wenn wir spüren: Der meint mich!

Sie finden auf dieser Seite Gedanken, Erlebnisse, Deutungen, Diskussionsbeiträge, die uns eingefallen sind. Oder die wir anderswo gefunden haben. Und die wir mit Ihnen teilen. In der Corona-Pandemie hat sich das bewährt, vielen Mut gemacht und Lust auf mehr. Das freut uns natürlich sehr. Und deshalb machen wir einfach weiter!

Essays, Geschichten & Gedanken

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Ich kann ja doch
nichts tun
Doch
kannst Du

Aufstehen
wo Unrecht geschieht
Widersprechen
wo Menschen
verhöhnt werden
Zuhören
wo niemand es tut
Beten
wo andere keine Worte
finden

Alexander Bergel
9. Juni
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Mit dem Heiligen Geist ist das ja so eine Sache. Wer was das doch gleich? Nehmen Sie teil an dieser »Debatte unter Freunden«.

Die Sendung vom 20. Mai im Deutschlandfunk können Sie hier hören.
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»Glauben Sie an Gott? Stop. Antwort bezahlt: 50 Wörter.« Dieses Telegramm erhielt Albert Einstein von einem New Yorker Rabbi. Einstein brauchte für seine Antwort nur gut die Hälfte an Wörtern. Wie viele würden wir benötigen?

Die Begründungen des Glaubens scheinen immer umständlicher zu werden. Dabei ist die Suche nach Glaubensgründen schon für sich ein Zeichen der Verunsicherung. Diese Verunsicherung dringt in die Seelen der Christen wie auch in die Gremien ihrer Kirchen vor.

Der Essay von Bruno Preisendörfer vom 12. Mai thematisiert die philosophische Tradition des Zweifels mit Bezug auf die religiöse Situation der Gegenwart. Hier können Sie ihn lesen und hören.
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Gelingen ist nur die Hälfte des Lebens. Auch das Misslingen kann wertvoll sein. Angesichts dessen kann sogar die These aufgestellt werden, dass das Gelingen gefährlich ist, denn es schläfert Menschen in Zufriedenheit ein.

Wilhelm Schmidt unternimmt eine Ehrenrettung des Misslingens, das Bestandteil der Lebenskunst sein kann. Seine Gedanken vom 21. April können Sie hier hören und lesen.
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Der bald hunderjährige Benediktiner David Steindl-Rast steht mitten im Leben. Und erreicht mit seinem Gedanken ein Millionenpublikum.

Woraus er lebt und welchen Rat er bereithält für Menschen, die in Zeiten wie diesen nicht mehr hoffen können – darum geht es in der Sendung Tag für Tag im Deutschlandfunk vom 9. April.
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Die Vernunft tut sich schwer mit dem Glauben. Aber vielleicht begrüßt ihn das Herz,
das ihn braucht.

Einige Ostergedanken von Fulbert Steffensky vom 22. März in der Zeitschrift Publik Forum.
Hier können Sie sie lesen.
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Vorbei, zu Ende: Ein Leben, eine Liebe, ein Roman, ein Musikstück. Ist das tatsächlich so? Das stimmt nur bedingt. Denn in jedem Ende steckt auch ein neuer Anfang.

Betrachtungen über Endlichkeit, Aufhören, Fertiges und über Neubeginn von Ulrike Burgwinkel in der WDR 3-Sendung Lebenszeichen vom 24. März können Sie hier hören.
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Dumbledore seufzte
diesmal sehr tief.
Und Harry wusste, dass
es keinen Zweck hatte
zu streiten. »Aber warum
konnte Quirrell mich nicht
berühren?« »Deine Mutter
ist gestorben, um dich zu
retten. Wenn es etwas
gibt, was Voldemort nicht
versteht, dann ist es
Liebe. Er wusste nicht,
dass eine Liebe, die so
mächtig ist, wie die deiner
Mutter zu dir, ihren
Stempel hinterlässt.
Keine Narbe, kein
sichtbares Zeichen …
So tief geliebt zu werden,
selbst wenn der Mensch,
der uns geliebt hat,
nicht mehr da ist, wird
uns immer ein wenig
schützen.«

Harry Potter
und der Stein der
Weisen
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Wer ein einziges
Leben rettet,
der rettet die
ganze Welt.

Aus dem Talmud
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Man darf
nicht warten,
bis der Freiheitskampf
Landesverrat
genannt wird.

Erich Kästner
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Statements, Interviews & Diskussionen

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Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen, Sorgen um die Zukunft der Demokratie in Deutschland im Superwahljahr 2024, und in wenigen Monaten kommt die Weltbischofssynode in Rom zu ihren abschließenden Beratungen über das Thema Synodalität in der Kirche zusammen.

Es sind bewegte Zeiten, in denen der Katholikentag in Erfurt stattfindet. Das Motto lautet zeitgemäß: »Zukunft hat der Mensch des Friedens«. Wie könnte aber eine christliche Friedensbotschaft für das 21. Jahrhundert aussehen? Und ist der katholische Reformwillen nach diversen Stoppschildern aus dem Vatikan schon wieder erlahmt?

Ein Interview mit der Theologin Johanna Rahner vom 2. Juni zu diesen und weiteren Fragen können Sie hier lesen und hören.
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Am 7. Oktober 2023 hat die Hamas Israel überfallen.

Ahmad Mansour und Sineb El Masrar diskutieren im Deutschlandfunk darüber, was dies für Muslime, Juden, Christen und andere Menschen bedeutet – und warum wir eine neue Erinnerungskultur brauchen.

Die Sendung vom 21. Mai können Sie hier hören.
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Gabriele Kuhlmann aus Quakenbrück und Andrea Tüllinghoff aus unserer Pfarrei haben sich zur Diakonin ausbilden lassen. Die Weihe fehlt. Noch.

Warum beiden Frauen dieses Weg gegangen sind, davon berichtet der Kirchenbote in einem Artikel vom 29. April, dem »Tag der Diakonin«. Hier können Sie ihn lesen.
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Im Februar 2024 riefen die römisch-katholischen Bischöfe dazu auf, die AfD nicht zu wählen. Dabei gibt es auf den ersten Blick inhaltliche Schnittmengen zwischen manchen Positionen der katholischen Kirche und der AfD: Etwa wenn es um die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen und um sexuelle Vielfalt geht.

Ein Gespräch mit dem Bischof des Bistums Trier, Stephan Ackermann, über die praktische Abgrenzung der katholischen Kirche von der AfD im Deutschlandfunk vom 29. April können Sie hier hören.
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Der Vatikan hat ein umfassendes Dokument über die Menschenwürde veröffentlicht – mit einer Fülle von Themen. Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz analysiert das Dokument für die Münteraner Kirchenzeitung Kirche+Leben. Er hätte sich etwas mehr Bescheidenheit gewünscht.

Die Analyse vom 8. April können Sie hier lesen.
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Im Gespräch mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf geht Andreas Main im Deutschlandfunk jenen Fragen nach, die viele Menschen bewegen. Der Bischof wird dabei auch sehr persönlich.

Das Gespräch vom 28. März können Sie hier hören.
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Die Urkunden, die die Gründung des Bistums Osnabrück für Anfang des 9. Jahrhunderts belegen sollen, sind gefälscht. Das steht seit Jahrhunderten fest. Jetzt stellt ein Wissenschaftler auch die Existenz des ersten Bischofs in Frage. Seiner Überzeugung nach ist dieser Mann eine Erfindung der Geschichtsschreibung.

Mehr dazu lesen Sie hier in der Ausgabe des Kirchenboten vom 26. März.
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Der Ukraine-Krieg zeigt: Die Welt steckt in einer tiefen Krise. Welche Wege gibt es, sie zu überwinden? Und was ist mit dem Gebot des Gewaltverzichts angesichts militärischer Bedrohungen?

Einen kommentierenden Blick in das neue Friedenswort der deutschen Bischöfe vom 22. Februar finden Sie hier.
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Der Schriftsteller Thomas Hürlimann ist dem Tod schon dreimal von der Schippe gesprungen. Er sagt: »Es fällt mir sehr viel leichter, an den Tod am Kreuz zu glauben als an die Auferstehung.« Im Gespräch plädiert er dafür, in Grenzsituationen die aktive Sterbehilfe zu erlauben. Ein Aschermittwochsgespräch.

Das Interview vom 14. Februar können Sie hier lesen.
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Am 25. Januar 2024 wurde die Missbrauchstudie des Forschungsverbundes ForuM zur evangelischen Kirche in Deutschland veröffentlicht. Damit stellen sich Fragen über die Zukunftsfähigkeit der evangelischen Kirche.

Ein Kommentar von Pastorin Annette Behnken vom 1. Februar finden Sie hier.
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Predigten

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Predigt am 10. Sonntag im Jahreskreis
zu Gen 3,9-15 und Mk 3,20-23a.31-35

„Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?“ Eine Frage, die Adam die Schamesröte ins Gesicht treibt. Und seither so ziemlich allen frommen Menschen, die in dieser Szene den Sündenfall beschrieben sehen. Die Situation ist recht simpel. Gott erlaubt dem gerade geschaffenen Menschen so ziemlich alles. Paradiesische Zustände! Nur vom Baum der Erkenntnis, von dem dürfen Adam und Eva nicht essen. Beide tun es doch. „Die Frau war’s!“ Die ewige Verführerin ist geboren. „Die Schlange war’s!“ Der ewige Verführer betritt die Bühne. Mit ewiger, am Ende todbringender Konsequenz: Adam und Eva müssen das Paradies verlassen. Hatte Gott sie nicht gewarnt? Warum müssen sie auch alles wissen wollen? Wollten sie am Ende wirklich sein wie Gott? Das musste doch schief gehen! Also wird die Notbremse gezogen. Bevor die Menschen auch noch vom Baum des Lebens essen und damit wirklich gottgleich, weil ewig lebend, werden, müssen sie hinaus. Und ums Überleben kämpfen. Seither führen wir alle diesen Kampf. Weil Adam und Eva ihre Grenzen nicht akzeptiert haben.

Man kann diese Geschichte so lesen. Denn es stimmt ja auch: Immer dann, wenn der Mensch sein will wie Gott, führt das die Welt in die Krise. Weil Allmachtsphantasie und ein ebensolches Gehabe fast immer in einer Katastrophe enden. Ja, man kann diese Geschichte so lesen. Aber jenseits der unguten Wirkungsgeschichte, die Rolle der Eva betreffend („Die Frau war’s!“), hält diese Erzählung von den Anfängen der Welt noch eine ganz andere Deutung bereit. Und die geht so: Adam und Eva sind erwachsen geworden. Deshalb wollen, ja müssen sie wissen, was gut und böse ist. Sie wollen erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Mit anderen Worten: Sie wollen wirkliche, echte Menschen sein. Keine behüteten Märchenlandbewohner!

Erwachsen werden, erwachsen sein bedeutet: Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, was ich kann. Und ich darf Fehler machen. All das gehört zum wirklichen Menschsein dazu. Jeder Mensch durchläuft diese Prozesse des Reifens. Bei kleinen Kindern fängt es schon an. Sie entdecken ihre Welt. Begegnen anderen Kindern. Erleben Konflikte und lernen, sie zu lösen. Kinder und Jugendliche lernen die Welt kennen, die naturwissenschaftlich erforschte und die künstlerisch-poetisch gedeutete. Menschen machen die Erfahrung von Liebe und Hass, von Freundschaft und Feindschaft, von Nähe und Distanz, von Ehrlichkeit und Betrug. Und je älter wir werden, desto mehr setzt eine Gelassenheit ein, vielleicht sogar eine Weisheit, die anderen, jüngeren, Mut machen kann, dem Leben zu trauen. All das wäre nicht möglich, wenn wir uns im Paradiesgarten für immer häuslich eingerichtet hätten. Menschsein, das von Gott her gedacht wird, also ein Leben in Freiheit, kann nur so gelingen. Ich muss mich freischwimmen. Ich muss Erfahrungen sammeln. Ich muss mein Verhalten im Zusammenspiel mit anderen lernen. Fehler und Versagen eingeschlossen.

Darf man die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies so lesen? Berechtigte Frage. Immerhin sind die Kapitelüberschriften in fast allen Bibelausgaben ziemlich eindeutig: In der Lutherbilbel und der reformierten Zürcher Bibel steht da sehr klar: „Der Sündenfall“. Die Elberfelder Bibel schreibt: „Der Sündenfall und seine Folgen“. Die katholische Einheitsübersetzung betitelt das Kapitel mit: „Der Fall des Menschen“. In der Bibel „Hoffnung für alle“ heißt es gar (ein bisschen hoffnungslos): „Der Mensch zerstört die Gemeinschaft mit Gott“. Die Gute Nachricht allerdings hat eine neutrale Überschrift gefunden: „Die Menschen müssen den Garten Eden verlassen.“ Mir ist diese Überschrift sympathisch. Denn sie wertet nicht. Sondern lässt vieles zu. Wir leben nicht mehr im Paradies. Zweifellos. Und ja, immer dann, wenn Menschen versuchen, sein zu wollen wie Gott, ist die Hölle los. Aber auch ja, wir müssen, um wirklich Mensch zu sein, das kuschelige Paradies der Kindheit hinter uns lassen (wenn es denn hoffentlich eines war – viel zu viele Kinder erleben alles andere als ein Paradies). Wir müssen aufbrechen und gehen und eigene Wege finden.

Auch bei Jesus war das so. Je älter er wurde, desto selbstbestimmter, desto freier ging er seinen Weg. Im antiken Palästina war der Einzelne nichts, die Sippe alles. Für manche das Paradies. Je nachdem, wer in der Hierarchie an welcher Stelle stand. Jesus aber durchbricht diese Mauer. Und geht. „Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen, denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“ Sie verstehen ihn nicht. Aber Jesus kehrt nicht zurück in den Schoß seiner vielleicht doch gar nicht so heiligen Familie. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und fragt: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Antwort: „Er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Jesus ist so frei, dass er eine neue Perspektive einnimmt. Er lässt Enge und Abhängigkeiten hinter sich. Und geht seinen gefahrvollen Weg. Am Ende kostet ihn das sein Leben. Doch gleichzeitig ist das der Schlüssel zu einer unbeschreiblichen Zukunft.

Viele sehnen sich nach dem Paradies. Nach der heilen Welt. Manchmal auch danach, wieder so unbeschwert leben zu können wie in Kindertagen. Wer könnte das nicht verstehen? Aber das Leben geht anders. Und daher – wie so oft – eine Frage zum Schluss: Welches Paradies müsste ich gedanklich mal verlassen, um wirklich frei zu sein?

Alexander Bergel
9. Juni
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Predigt am Dreifaltigkeitssonntag
zu Mt 28,16-20

Der Gott, von dem Jesus gesprochen hat, ist kein Gott der Philosophen. Der Gott, den er verkündet hat, ist einer, der sich erfahren lässt. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs schafft aus dem Nichts eine ganze Welt. Geleitet sein Volk durch Wüsten hin zu blühenden Gärten. Geht voran und hinterher. Dieser Gott spricht. Mal leise, mal laut, immer aber von Herz zu Herz. Seine Kraft ist mitten im Menschen. Und manchmal nimmt sie sogar Gestalt an, diese Kraft. Das beste Beispiel dafür ist Jesus selbst.

In ihm wird deutlich: Gottes Liebesgedanken haben ein Herz. Und ein Gesicht. Und Hand und Fuß. Gott schaut uns an. In einem Menschen. Meist von unten. Oder mit dem Arm auf unserer Schulter. Von oben herab blickt er nur vom Kreuz. Der Schmerz der ganzen Welt ist aufgehoben bei ihm. Doch nicht nur das.

Der Schmerz der ganzen Welt wird auch verwandelt. Denn er, der alles lebendig macht, kann doch seinen Menschensohn nicht im Tode lassen. Er kann doch niemanden, der den Lebensatem in sich trug, im Tode lassen! Keinen Menschensohn und keine Menschentochter. Gottes Geistkraft bläst den Gestank des Todes hinweg. Und wirbelt auch sonst alles kräftig durcheinander. Damit das Leben nicht vergeht.

Was wir heute feiern, ist, daran zu denken, was Menschen erlebt haben und erleben: Ich bin geschaffen und geliebt. Ich bin gesehen und erlöst. Ich bin getragen und gestärkt. Der Gott, der auf mich schaut, hat mich gewollt. Der Gott, der neben mir steht, geht mit mir durch Dick und Dünn. Der Gott, den ich in mir spüre, hält mich am Leben. Manche nennen dies Dreifaltigkeit. Geheimnisvoll – so wie das Leben selbst. Weil Menschen das erlebt haben, ist es zur Realität geworden. Keine, die sich beweisen ließe. Aber eine, mit der sich leben lässt.

Alexander Bergel
26. Mai
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Predigt an Pfingsten
zu Apg 2,1-11, Joel 3,1-3 und Joh 20,19-23

„Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben, und eure jungen Männer haben Visionen.“ Das wäre mal was, oder? Söhne und Töchter, junge Leute also, die aufstehen und den Finger prophetisch in die offenen Wunden legen. Junge Frauen und Männer, die eine Idee für ihre Zukunft haben. Und alte Leute, die es noch wagen zu träumen. Zu träumen, obwohl sie schon so vieles erlebt haben. Oder vielleicht auch, weil sie schon so vieles erlebt haben.

Wir feiern Pfingsten. Und erinnern uns daran, dass aus einer kleinen eingeschüchterten Truppe eine Bewegung wurde, die keine Angst mehr hatte. Jedenfalls keine, die alles überlagerte. Wir erinnern uns an Männer und Frauen, die sich plötzlich trauten, von dem zu erzählen, was sie erlebt hatten mit diesem Jesus von Nazareth. Wir erinnern uns an eine Zeit, in der es ähnlich viele Sorgen und Probleme, Zukunftsängste, Diktatoren und mörderische Systeme gab wie heute. Aber ein Verkriechen, ein Lamentieren: „Das wird ja doch nichts!“, ein Jammern: „Ach, wenn die Zeiten andere wären, dann …“ – all das gab es plötzlich nicht mehr.

Nein: Die Menschen damals, die mit Jesus unterwegs waren, die Frauen und Männer, die ihn gehört, gespürt und erlebt hatten, jene, die ihn hatten sterben sehen und danach etwas Neues mit ihm erfahren konnten, ohne genau zu wissen, was das ist – Auferstehung –, alle diese Menschen, die nicht wussten, wohin die Reise gehen wird – sie gingen nach draußen. Gingen einfach los. Sprachen von dem, was sie bewegte. Mehr noch: Menschen in ihrer Nähe konnten spüren: Die meinen das ernst! Und vor allem: Die reden nicht nur, nein: die handeln!

„Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben, und eure jungen Männer haben Visionen.“ Was heißt das für uns? Vielleicht heißt das für uns als Kirche im Jahr 2024: Auf das hören, was die Jungen uns an prophetischen Worten sagen, auf das schauen, was sie tun. Die jugendliche Kraft des Aufbruchs nicht ignorieren oder relativieren, nein: Die Impulse aufgreifen und unterstützen. Konkret: Die Frage der Bewahrung der Schöpfung erst nehmen und sich zu eigen machen. Und nicht sagen: „Ich kann ja doch nichts tun.“

Und weiter: Man muss die Gendersprache vielleicht nicht mögen – aber mit ihrer massiven Abwehr gleich das Anliegen von gerechter Teilhabe aller relativieren? Nein! Gottes Geist macht alle gleich, gibt allen dieselben Rechte: „Nicht mehr Juden und Griechen“, wie Paulus es für seine Zeit sagt, „nicht mehr Sklaven und Freie, nicht mehr Mann und Frau – wir alle sind eins in Christus durch den Heiligen Geist!“ Was wäre wohl, wenn die Kirche auf diesem Hintergrund plötzlich zur Vorreiterin in Fragen der Teilhabe und der Gerechtigkeit für alle würde – gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts, gleich welch sexueller Orientierung, gleich welcher Religion oder Weltanschauung?

Und die Alten mit ihren Träumen? Es gibt sie. Jene Frauen und Männer, die ihr Leben lang für eine Sache gekämpft und gearbeitet haben. Auch in der Kirche. Die über das Kämpfen alt geworden sind, sich aber dennoch nicht davon abbringen lassen, weil sie in ihrem Einsatz etwas von dem erkennen, was Gottes Geist bewirken könnte, wenn man ihn ließe. Der Blick in die Geschichte beweist: Viel von dem, was Menschen wichtig war, kam nicht von jetzt auf gleich.

Du brauchst einen langen Atem. Und so blicke ich auf die vielen Frauen in unserer Kirche, die trotz aller Geringeschätzung, trotz aller fehlenden Teilhabe nicht gegangen sind. Und zwar nicht, um die Kirche zu retten – darum kann es auch nicht gehen –, sondern um der Botschaft Jesu treu zu bleiben. Und ihr in dieser Kirche ein Gesicht zu geben.

Wenn sich in unserer Pfarrei eine Frau auf das Amt der Diakonin vorbereitet hat im Wissen darum, diese Weihe vielleicht nie zu erleben, hat sie es auch getan für die vielen jungen Frauen, die ähnliches möchten und in ihr eine Vorreiterin erkennen, die Mut macht, sich nicht abbringen zu lassen von diesem Gedanken. Ja, so war es immer schon. Das Zweite Vatikanische Konzil mit all seinen Aufbrüchen konnte es nur geben, weil Jahrzehnte vorher mutige Menschen Dinge einfach getan haben. Dinge, die für uns heute selbstverständlich sind.

„Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben, und eure jungen Männer haben Visionen.“ Wenn wir es wagen, dieser Vision des Propheten Joel zu folgen, wenn wir es wagen, in der Gemeinschaft der Christinnen und Christen zu bleiben und weiterzumachen, wenn wir es wagen, uns von den vielen Abgründen und Abbrüchen nicht in die Depression führen zu lassen, wenn wir es wagen, unsere Stimme zu erheben gegen rechte, menschenverachtende Hetze, gegen die Flut von Fakenews auch in unserem engsten Umfeld, wenn wir es also wagen, dem Geist Gottes mehr zu trauen als den vielen Abergeistern, dem Destruktiven und Kaputten – ja, wenn wir uns all das trauen: Das wäre was! Das wäre der Aufbruch in eine neue Zeit. Das wäre wirklich Pfingsten!

Alexander Bergel
19. Mai
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Predigt am 7. Ostersonntag
zu Apg 1,15-17.20ac-26 und Joh 17,6a.11b-19

„… außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllte.“ Diesen Stempel hat er weg, ein für alle Mal: Judas – der „Sohn des Verderbens“. Selbst Jesus scheint das so zu sehen, wenn er sich am Abend vor seinem Tod, kurz nachdem Judas den Raum verlassen hat, an den Vater wendet: „Ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllte.“

Was ist das für ein Mensch, für den es keine Hoffnung zu geben scheint? Ist er wirklich der geldgierige, verschlagene, hinterhältige Mann, der seinen Meister, der seinen Freund für ein paar Silbermünzen dem Tod ausliefert? Ist er wirklich das verkommene Subjekt, das alles Böse, alles Finstere, ja die tiefsten Abgründe des Menschen in sich vereint? Viele sehen ihn so. Bis heute. Manche Schriften des Neuen Testaments haben dieses Bild gezeichnet. Vor allem der Evangelist Johannes.

Als sein Evangelium aufgeschrieben wurde, waren allerdings schon fast 70 Jahre vergangen, seit Jesus von den Toten auferstanden war. Eine lange Zeit. Eine Zeit, in der sich viel ereignet hat. Die römischen Besatzer hatten den Tempel, die Mitte des jüdischen Volkes, zerstört, und innerhalb des Judentums gab es viele Konflikte. Konflikte, deren Ursprung fast immer die Suche nach dem rechten Weg war. Und so war es an der Tagesordnung, dass die eine jüdische Gruppe der anderen die Wahrheit absprach. Auch die frühe christliche Gemeinde war Teil dieser innerjüdischen Konflikte. All das muss man wissen, wenn in den Evangelien von „den Juden“ und wenn dort von Judas, „dem Verräter“, die Rede ist. Aber der Reihe nach.

Als der Evangelist Markus um das Jahr 70 sein Evangelium aufschreibt, erwähnt er dreimal, dass Judas einer der Zwölf ist. Davon, dass er Jesus verrät, ist nirgendwo die Rede. Er schreibt lediglich „überliefern“ oder „übergeben“, aber nicht „verraten“. Matthäus spricht zehn Jahre später zwar auch noch von „überliefern“, aber er nennt Judas zum ersten Mal einen Verräter. Lukas macht sich – wieder ein paar Jahre später – auf die Suche nach einer Erklärung für diesen Vorgang im Garten Getsemane und schreibt: „Da fuhr der Satan in ihn.“

Das Johannesevangelium schließlich zeichnet das düstere Bild vom verschlagenen, hinterhältigen Judas. Und damit beginnt eine fürchterliche Wirkungsgeschichte. Eine Wirkungsgeschichte, die in letzter Konsequenz zum Judenhass der Nazis geführt hat. Das Motiv des Judas wurde dort zur Grundlage der Rede vom „ewigen Juden“, der alles Böse, alles Verschlagene in sich trägt. Diese fanatische, verblendete und menschenverachtende Sicht ist bis heute in vielen Köpfen verankert und hält die Welt immer noch in Atem, nimmt sie gefangen und sorgt für Angst und Terror.

Wir erleben es in diesen Tagen, da auch in unserem Land immer mehr Menschen ohne Hemmungen auf die Straßen gehen und gegen „die Juden“ protestieren. Es geht ihnen nicht um die in einer Demokratie gegebene Möglichkeit, gegen die Politik eines Staates zu demonstrieren. Nein, schlimmste, widerlichste Ressentiments gegen „die Juden“ finden ihren Ausdruck: im Verbrennen der israelischen Flagge, im Angriff auf Synagogen und auf Menschen, die sich als Juden zu erkennen geben.

Es hört einfach nicht auf. Und daher bedarf es unser aller Solidarität! Es bedarf unseres Einsatzes gegen Antisemitismus und gegen alle undifferenzierte Sicht auf jüdische Menschen, die viele der Antisemiten als Kinder des Judas sehen, die ja nur Schlechtes in sich haben können. Was für ein irrer Glaube!

Natürlich darf man den Staat Israel für seine Siedlungspolitik kritisieren. Natürlich darf und muss man Mitleid haben mit den vielen Menschen in Palästina, die unter teils menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Auch dort geschieht Unrecht. Um all das geht es den Antisemiten am Ende aber gar nicht. Dieser blutige Konflikt wird seit Jahrzehnten und seit dem 7. Oktober wieder neu instrumentalisiert, um den Kampf gegen „die Juden“ plausibel aussehen zu lassen.

Deshalb sind und bleiben wir aufgerufen, unsere Stimme zu erheben, wenn gehen „die Juden“ gehetzt wird. Als Christinnen und Christen haben wir diese Verantwortung. Auch weil in unserer Heiligen Schrift durch das im ersten Jahrhundert mehr und mehr verzerrte Judas-Bild eine der Grundlagen für den Judenhass gelegt wurde.

Die Bibelforschung und manche Literaten haben in den letzten Jahrzehnten ein ganz anderes Bild des Judas Iskariot gezeichnet – und vieles spricht dafür, dass es so gewesen sein könnte. War Judas nicht vielleicht viel weniger der Verräter, sondern einer, der Jesus so nahe stand wie kaum ein anderer? Was wäre, wenn Judas vorgehabt hätte, Jesus vor dem Tod zu retten, indem er einen Deal mit den Tempelwachleuten geschlossen hätte, der aber am Ende doch nicht funktioniert hat, weil Judas ausgetrickst wurde? So die Sicht des Schriftstellers Amos Oz.

Oder was wäre, wenn Judas es einfach leid war, auf das Kommen des Reiches Gottes zu warten? „Wenn ich Jesus unter Druck setze“, so könnte er zu sich gesagt haben, „wenn ich ihn nur richtig unter Druck setze, dann wird er doch von seiner Macht Gebrauch machen! Dann wird er aufstehen gegen die Mächtigen und die Unterdrücker und sein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens aufrichten!“ Jesus aber war nicht so. Sein Weg der Liebe ging über das Kreuz. Nicht über das Schwert. Bis heute ein tiefes Geheimnis. Judas ist daran zerbrochen.

All das aber bleibt Spekulation. Auch wenn ich gerade diese Sicht, dass Judas Jesus nicht ausliefern, sondern ihm den letzten Schubs geben wollte, damit Gottes Herrschaft endlich beginnen kann, recht plausibel finde. Judas als der, der zu viel und zu schnell wollte. Und der den Weg Jesu nicht verstanden hat.

Und nun? Jenseits aller Spekulation bleibt die Frage: Was bewegt die Figur des Judas in mir? Bin ich, sind wir als Kirche wirklich so anders? Die eine Antwort wird es darauf nicht geben. Eine Spur weist aber vielleicht – wie so oft – der Blick in die Poesie. Kurt Marti, ein Dichter unserer Tage, formuliert es so:

schöner judas
da schwerblütig nun
und maßlos
die sonne
ihren untergang feiert
berührst du mein herz
und ich denke dir nach

ach was war
dein einer verrat
gegen die vielen
der christen der kirchen
die dich verfluchen

ich denke dir nach
und deiner tödlichen trauer
die uns beschämt

Alexander Bergel
12. Mai
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Predigt an Christi Himmelfahrt
zu Apg 1,1-11

Nun ist er endgültig weg. Auf und davon. Und die Jünger? Und wir? Wir bleiben zurück. Wie so oft. Und müssen sehen, wie es weiter geht. Ja, wie geht es denn weiter? Was bleibt von dieser unglaublichen Botschaft? Was bleibt von Jesus? Erst einmal bleibt die Frage: Bin ich bereit, ihm zu folgen? Ihm, der vom Frieden nicht nur sprach, sondern ihn lebte. Ihm, der mit jeder Faser seiner Existenz davon überzeugt war, dass die Liebe immer die stärkeren Argumente hat. Ihm, der barmherzig war. Und mutig. Und kraftvoll. Und am Ende tot.

Bin ich bereit, einem zu folgen, der alles gegeben hat, sogar sich selbst? Kann ich glauben, dass der, der starb, fürchterlich zugerichtet am Kreuz, dass genau der von den Toten auferstanden ist? Und macht mir das alles Mut, darauf mein ganzes Leben zu gründen? Wer sich das traut, der spürt – vielleicht nicht immer sofort, aber vielleicht doch immer mal wieder –, welche Kraft von Ostern ausgeht: Einer stirbt, damit alle leben. Einer lebt, damit wir nicht ins Dunkle sinken. Einer sprengt die Dimensionen dieses Lebens auf, damit wir weit werden im Denken, Fühlen und Handeln. Einer sendet seinen Geist, damit das alles nicht in Vergessenheit gerät, sondern eine Zukunft hat.

Aber was ist, wenn eigentlich immer mehr dagegenspricht? Wenn die Spötter immer lauter rufen: „Du und dein Gott, lächerlich!“ Wenn das, was wir in der Kirche erleben, für viele nur noch zum Weglaufen ist? In diesen Momenten, dann wenn ich denke, lass es sein, versuche ich, mich an das Feuer des Anfangs zu erinnern. Jede, jeder von uns hatte es einmal in sich, dieses Feuer. Und mitunter lodert es doch auch noch, oder? Zumindest aber die Glut, die müsste noch da sein. Und wenn nicht? Ja, was ist dann? Dann hoffe ich, allen Zweifeln zum Trotz, dass einer kommt, der sie neu entfacht, die Glut. Wie sich das anfühlt? Warten wir ab. Bald ist Pfingsten!

Alexander Bergel
9. Mai
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Predigt am 6. Ostersonntag
zu Joh 15,9-17

Freunde sind Menschen, bei denen ich so sein kann, wie ich bin. Es gibt Freunde, die sehe oder spreche ich fast jeden Tag. Manche Freunde treffe ich nur ein, zwei Mal im Jahr. Doch beide Male ist sie da: die tiefe Vertrautheit. Freunde sagen mir die Wahrheit. Auch wenn die manchmal gar nicht nett ist. Die ungeschminkte Wahrheit aber, die ein Freund, die eine Freundin sagt, die will mir helfen – und oft tut sie es auch. Es ist ein großes Geschenk, einen solchen Menschen an seiner Seite zu wissen.

Einen, der da ist. Eine, die nicht verurteilt. Einen, der unkonventionelle Wege geht. Eine, die Lebensfreude wecken kann. Einen, der die Wolken wegschiebt. Eine, die weiß, wie warm die Sonne ist. Einen, der mit mir durchhält. Eine, die die Meinung sagen mag. Einen, der auf die Leute pfeift, die sowieso immer alles am besten wissen. Glücklich schätzen können sich alle, die solche Freunde haben. Ermutigt dürfen alle sein, die solche Freunde sind. Nachdenklich werden sollten vielleicht jene, die das Wort Freundschaft sehr schnell im Munde führen.

Jesus wählt das Wort Freund mit Bedacht. Und er meint auch uns damit: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt!“ Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Freund, Freundin nennt er uns. Nicht Bekannte, nicht Kumpel. Nein: Freunde! Damit aber nicht genug. Jesus geht noch einen Schritt weiter: „Es gibt keine größere Liebe“, so sagt er, „als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Was das bedeutet? Blicken wir ins Leben Jesu.

Er redet nicht nur von Freundschaft und Liebe. Er lebt sie. Jesus berührt die Wunden der Menschen. Er heilt die Verkrüppelten, macht die Blinden sehend und die Lahmen gehend. Jesus wendet sich der armen Witwe zu und dem psychisch kranken Jugendlichen. Er findet Worte des Trostes für die Mutter, die ihr Kind verlor. Er lässt den Reichen spüren, dass kein Geld der Welt seine Sehnsucht stillt. Jesus lässt sich berühren und beunruhigen vom Leid der Menschen. Er trägt es sogar selbst und nimmt es mit aufs Kreuz. Freundschaft bis zum letzten.

Warum tut er dies alles? Vielleicht, weil er möchte, dass jene, die mit ihm in Freundschaft leben, ein weites Herz bekommen. Einen freien Blick. Und eine gehörige Portion Selbstwertgefühl. Was davon könnte ich wohl gerade besonders gut gebrauchen? Ein weites Herz? Einen freien Blick? Oder eine gehörige Portion Selbstwertgefühl? Und mehr noch: Wo könnte ich vielleicht jemand anderem helfen, das zu finden?

Alexander Bergel
5. Mai
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Predigt am 5. Ostersonntag
zu Joh 15,1-8

Bleibt in mir,
und ich bleibe in euch.

Ausharren,
auch wenn ich fortlaufen möchte,
wenn mich nichts mehr hält,
wenn Hoffnungen zerbrochen
und Sehnsüchte unerfüllt sind

Dableiben
trotz aller Zweifel,
die an meiner Seele nagen,
und die mir sagen,
anderswo ist alles besser.

Durchhalten,
wenn die Kraft mich verlässt
und ich nicht mehr sehe,
wozu, warum und für wen?

Glauben –
aber woran und wozu,
wenn um mich herum
Lüge und Machtgier regiert
und die Liebe
diesem Gesetz weichen muss?

Bleiben,
weil Er
mich nicht loslässt

Bleibt in mir,
und ich bleibe in euch.
Denn getrennt von mir
könnt ihr nichts
vollbringen.

Alexander Bergel
27. April
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Predigt am 4. Ostersonntag
zu Joh 10,11-18

Hier steht meine Königin – viele von Euch/Ihnen kennen sie, sind ihr auch schon begegnet. Sie wurde geschaffen vom Künstler und Diakon Ralf Knoblauch. Aber warum steht sie hier bei mir – auf dem Altar – obwohl das Evangelium heute vom „guten Hirten“ spricht? Zur Zeit Jesu wurden Könige als Hirten ihres Volkes gesehen bzw. haben sich so genannt. Die König*innen von Ralf Knoblauch repräsentieren die Menschenwürde – er hat sie gebildet aus seinen Erfahrungen mit den Menschen, die ihm täglich begegnen in sozialen Brennpunkten seiner Umgebung. Sie wollen sagen: Auch du bist eine Königin – ein König. Meine Königin ist verletzt – aber sie steht aufrecht – ihre Krone auf dem Kopf. Jesus als Hirte, als König sorgt für seine Schafe, er kümmert sich um sie, er kennt sie, er nimmt jedes Schaf ernst so wie es ist, gibt ihm das Gefühl, wichtig zu sein – bis zum Äußersten setzt er sogar sein Leben ein – auch für die, die aus einem anderen Stall sind.

Meine Königin lässt sich berühren, anfassen, sie wird be-greif-bar: ja ich bin wertvoll, bin angenommen, ich bin auch ein König, eine Königin. Die strahlenden Gesichter, die glücklichen Augen müsstet ihr mal selbst sehen, die ich erlebt habe – an den verschiedenen Orten, wo meine Königin Menschen begegnet ist: Eine eher schüchterne Schülerin nimmt sie ganz fest in den Arm – ein kleinerer Schüler greift sie zunächst ganz vorsichtig und hebt sie dann stolz ganz hoch über sich – eine ältere Frau mit nur noch ganz wenig Sehkraft tastet sich an ihr entlang, erfühlt die halbgeschlossenen Augen, den lächelnden Mund und den verletzten Arm …Diese Begegnungen haben mir geholfen, mein Gegenüber besser zu verstehen, aus ihrer Perspektive zu sehen.

Der Blick ins Evangelium lässt uns fragen: Wo bin ich? Wer sind wir? Dürfen wir uns fühlen wie die Schafe, die von Jesus, Gott geführt und umsorgt werden? Ja! Diese Gewissheit, diese Zuversicht, diese Zusage tut uns gut. Gleichzeitig will Jesus uns immer auch ein Beispiel geben sowohl in seinen Reden als auch in seinem Handeln: Versuch es doch auch – trau es dir zu – die Gewissheit, wertgeschätzt zu sein, wichtig zu sein, die du selbst erlebst, kannst du auch anderen zusagen. Meine Königin hilft uns dabei und kann uns immer wieder daran erinnern.

Zu lernen, mit den Augen der Anderen zu schauen, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen – das bedeutet für mich, soziale Verantwortung zu übernehmen, letztlich wie Metz – ein Vertreter der sog. Politischen Theologie – sagt, Compassion als Weltprogramm des Christentums zu leben. Compassion bedeutet Mit-Leidenschaft, Anteilnehmen. Das habe ich in den letzten Jahren mehr und mehr gelernt in der Begegnung mit meinen Mitmenschen hier vor Ort, in unserer Pfarrei, in unserer Inklusiven Freizeitgruppe, in der Schule, im Alltag und besonders auch in den Begegnungen mit meinen Freund*innen und Partner*innen aus dem Globalen Süden. Sie haben mir de4i Augen geöffnet und prägen meine Grundhaltung, meinen Weg, meine Berufung. Ich möchte diese Grundhaltung leben und damit dem diakonischen Grundauftrag der Kirche ein Gesicht geben. So möchte ich Compassion leben, wach, offen, mit den Augen der Anderen, gestärkt durch den Zuspruch meiner Mitmenschen und den Segen der Heiligen Geistkraft.

Andrea Tüllinghoff
21. April
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Predigt am 3. Ostersonntag
zu Lk 24,35-48

Man muss sich da nichts vormachen. An die Auferstehung zu glauben ist eine Heraus-forderung. Heute genauso wie damals. In der Frühe gehen die Frauen zum Grab und finden es leer. Die Apostel glauben ihnen nicht. Von wegen Engel, die sagen: Jesus ist auferstanden …  Petrus geht zwar zum Grab und sieht: Es ist leer. Die Frauen hatten Recht! Aber auch seine Worte stoßen auf taube Ohren. Die Jünger wollen, sie können es nicht glauben. Zwei von ihnen setzen sich noch am selben Tag von der Gruppe ab. Weg, nur weg. Ziel: Emmaus. Auf dem Weg dorthin erleben sie sehr Merkwürdiges: ein Fremder, der zuhört und erzählt – und mit ihnen das Brot teilt. Das kennen sie. Er ist es: Jesus! Von Emmaus nach Jerusalem zurückgekehrt, versuchen sie ihrerseits, die Apostel von der Auferstehung zu überzeugen. Mitten hinein in ihr Gespräch platzt Jesus. Die Reaktion der Anwesenden aber ist eher verhalten: nicht Jubel und Freude, sondern Angst, fast Panik und Schrecken. Sie glauben, ein Gespenst zu sehen. Spätestens jetzt müssten sie es doch endlich glauben! Was soll Jesus denn noch alles machen?

Sie sind sehr modern, die Jünger. Nicht leicht zu überzeugen. Zum Glück! Denn die Gräber, an denen wir stehen – sie sind nicht leer. Die Wege, die wir hinter uns haben – sie sind selten so voller Auferstehung, dass wir sagen mögen: Brannte nicht unser Herz? Der Jesus, dem wir folgen – er sitzt nicht an unseren Küchentisch und bittet um ein Stück Fisch. Er ist groß und breit – jener Graben, der zwischen uns liegt und den Ereignissen von damals. Diese große Distanz, dieser „garstig breite Graben“, wie Gotthold Ephraim Lessing ihn nannte, er ist und bleibt eine Herausforderung. Eine Herausforderung für alle Menschen, die an so etwas Verrücktes glauben wie die Auferstehung von den Toten. Mich beruhigt es allerdings, dass dieser Graben heute genauso tief und breit ist wie damals. Warum? Weil die Fakten eigentlich immer dagegen sprechen. Unsere Gräber bleiben voll. Unsere Ängste wiegen weiter schwer. Das große „Warum?“ breitet sich weiter über so vieles aus. Menschen machen sich das Leben auch weiterhin gegenseitig zur Hölle. Das Leben ist und wird nie ein Zuckerschlecken. Und der Tod hat meist die stärkeren Argumente. Sie alle könnten wohl Geschichten davon erzählen.

Sie können aber auch andere Geschichten erzählen! Denn sonst wären Sie nicht hier! Sie sind doch hier und kommen immer wieder, weil Sie dem Auferstandenen begegnet sind, oder? Wie war das an Ihren Gräbern? Dann, als der Schmerz so betäubend schrecklich war, dass nichts mehr ging – nach dem Tod Ihres Mannes, Ihrer Frau, Ihrer Eltern, Ihrer Geschwister, Ihrer Freunde, Ihrer Kinder gar? Wie war das, als ein Lebensentwurf zerbrach? Oder eine Lebenslüge offenbar wurde? Warum haben Sie es gewagt weiterzugehen? Warum haben Sie Gott nicht zu den Akten gelegt? Warum rechnen Sie trotz allem mit ihm? Warum halten Sie bei allem Schlimmen, Schweren, das Sie alle kennen, an diesem Glauben fest? Vielleicht, weil es Ihnen ähnlich geht, wie den ersten Osterzeugen. Die Ostergeschichten der Bibel sind keine klinisch sauberen Verlaufsprotokolle. Sie sind Buchstabe gewordene Erfahrungen, dass durch alles Dunkel hindurch einer meinen Namen nennt und mich anrührt.

Auferstehung zu verstehen bedeutet also – damals wie heute –, sie zu erleben! Der garstig breite Graben zwischen dem real Erlebten und dem sehnsüchtig Erhofften kann dabei zur unüberwindlichen Distanz werden – das Zweifeln und Weglaufen der Jünger zeigt dies ganz deutlich. Wer aber – wie die Jünger – allen Mut zusammennimmt und sich im Herzen treffen lässt, überspringt diesen Graben. Eine Überquerungshilfe könnten Worte sein, die ein geistlicher Dichter unserer Tage gefunden hat:

ihr fragt
wie ist die auferstehung
der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
wann ist die auferstehung
der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt es eine auferstehung
der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt es keine auferstehung
der toten?
ich weiß es nicht

ich weiß nur
wonach ihr nicht fragt:
die Auferstehung
derer, die leben

ich weiß nur wozu er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt

(Kurt Marti)

Viele Fragen.
Eine Aufforderung.
Und eine große Portion Wagemut
mit Blick auf diesen garstig breiten Graben.
In diesem Sinne:
Guten Sprung!

Alexander Bergel
14. April
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Predigt am Ostermontag
zu Lk 24,13-35

Die Osterfreude hat es nicht leicht, anzukommen. Das Erlebte hat die Welt der Jünger gehörig ins Wanken gebracht, Jesu Kreuzigung ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen. Auf dem Weg nach Emmaus können die beiden zunächst über nichts anderes reden. Trauer und Vergangenheit wollen bewältigt werden. Der Sieg über den Tod ist noch ein zartes Pflänzchen, das sich mühsam durch eine Mauer der Verzweiflung durchkämpfen muss: So bleibt der Vertraute zunächst unerkannt, das Zeugnis der Frauen wird von Zweifeln zerfressen. Und als der Auferstandene dann endlich doch zu den Jüngern durchgedrungen ist, bleibt dies eine Momentaufnahme. Festhalten ist nicht möglich. Sofort entzieht er sich ihren Blicken.

Was folgt, ist eine Bewährungsprobe. Für die Jünger und für alle, die bis heute in der Spur Jesu unterwegs sind: An Auferstehung zu glauben, bedeutet, sich all dem stellen zu müssen, dem Nicht-Sehen-Können, den Anfragen, dem Abstrakten dieses Begriffes. Kann ich mein Leben auf diese Karte setzen? Trägt mich das? Gerade in einer Welt, die so viele sichtbare Kreuze hat, will die Osterbotschaft, will der tiefste Grund unseres Glaubens immer wieder errungen werden.

Genau wie damals auf dem Weg nach Emmaus: Auch für die Jünger war dieses Glaubenkönnen ein langer Prozess: Mit Reflexion über erlebte Grausamkeiten. Mit der Erinnerung an uralte Hoffnungsworte. Mit der Erfahrung, dass jemand in der Verzweiflung mitgeht und dadurch neue Perspektiven entstehen. Irgendwann ist das Feuer entfacht und sie bitten den noch Fremden, bei ihnen zu bleiben. Nach dem Teilen des Brotes können sie dann auch in Worte fassen, wie es dazu kam, das scheinbar Unmögliche doch zu glauben: Brannte uns nicht das Herz in der Brust?

Keine rauchenden Köpfe also, sondern brennende Herzen. Mit solchen ging es für Kleopas und seinen Gefährten noch in der Nacht nach Jerusalem zurück. In die gewohnte Welt. Aber erfüllt von einer Erfahrung, die ein ganzes Leben unter andere Vorzeichen stellen kann. Und die zugleich zerbrechlich bleibt. Die immer wieder Ermutigung und gegenseitige Vergewisserung braucht. Und manchmal auch sichtbare Zeichen. In der Fastenzeit haben wir hier in unserer Pfarrei die Eucharistie in den Fokus gerückt – mit vielen Fragen und manchen Zweifeln, aber auch mit der Erfahrung, dass das Teilen von Brot und Wein Menschen – wie damals auf dem Weg nach Emmaus – mit der Gegenwart Gottes in Berührung bringt.

Im Alltag geht es nun mit mal mehr und mal weniger brennenden Herzen weiter an den vielen Orten unseres Lebens. Genau dort muss Ostern sich bewähren: Kann ich – trotz allem – glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort hat? Und wenn ja: Verändert das etwas in mir, mein Herz, auch wenn es manchmal nur für den Moment ist? Kann ich daraus Freiheit gewinnen? Oder Kraft, Dinge umzukrempeln?

Simone Kassenbrock
1. April
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Gebet, Musik & Poesie

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»Veni Sancte Spiritus!« Den kraftvollen Pfingsthymnus aus Notre-Dame de Paris
hören Sie hier.
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»Komm, Heiliger Geist, komm!« Dieses gesungenes Gebet zu Pfingsten
hören Sie hier.
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Am 2. Ostersonntag begegnet uns Jahr für Jahr der zweifelnde Thomas. Durch allen Zweifel hindurch ist er doch der sehnsuchtsvoll Glaubende. Oder wird es immer mehr. Thomas begegnet dem Auferstandenen, der ihm seine Wunden hinhält. »Sei nicht ungläubig, sondern gläubig«, ruft ihm Jesus zu. Und die Antwort? »Mein Herr und mein Gott!«

Von diesem Ringen, von dieser Sehnsucht und ihrer Erfüllung ist der Gesang »Adoro te devote – Gottheit tief verborgen« von Thomas von Aquin durchdrungen:

Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: Du mein Herr und Gott!
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester lass die Hoffnung, treu die Liebe sein.

Sie finden diesen Gesang im Gotteslob unter der Nummer 497.
Hören können Sie ihn hier (Strophe 4, 2:42).
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»Weib, was weinest du?« Einer der berührendsten Gesänge zum Osterfest.

Es gäbe sicher nach wie vor so manches, was nicht nur Frauen in dieser Kirche zu beweinen hätten. Aber es gab und es gibt sie dennoch immer noch: die Verkünderinnen dieser einen unglaublichen Botschaft. Sollte deren Kraft, die schon einmal nicht nur Felsen vor Grabhöhlen in Bewegung brachte, nicht auch heute Steine wegzuräumen in der Lage sein?

Den Gesang aus den Osterdialogen von Heinrich Schütz können Sie hier hören.
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Ich konnte keinen Schlaf mehr finden.
Wenn ich wenigstens zum Grab gehen könnte.
Aber die Wachsoldaten.
Oder nach Golgotha, der Blutspur nach.
Oder zu Josef oder zu Nikodemus.
Irgendwohin.
Was tun mit dem ganzen langen Schabbat?

Ich saß so da und dachte nichts als: Er ist fort. Er ist tot.
Fort und tot.
So jung noch. Und schön.
Und jetzt beginnt dann die Verwesung.
Wenn ich doch mein letztes Fläschchen von dem Königsöl
über ihn hätte ausgießen können,
über sein Gesicht,
das so blutig war,
das eine Auge verletzt und verklebt,
nie mehr werde ich dieses Gesicht sehen.

So versunken in meine Trauerqual war ich,
dass es mir kein Trost war zu denken:
Er hat gesagt, drei Tage,
dann das Wiedersehen.

Nein, nein, das hatte er nicht wörtlich gemeint.
Drei Tage, wie lang war das für ihn?
Zähl nicht nach Tagen, Mirjam,
zähl wie ich in Äonen.
Und das Wiedersehen:
wo denn, wie denn?
Nein, das war alles kein Balken, an dem ich mich halten konnte.

Nach und nach wachten alle auf.
Veronika brachte uns das vorbereitete Schabbatmahl.
Man aß aus Höflichkeit ein paar Bissen.
Schimon schlief und war nicht zu wecken.
Jeschuas Mutter sagte: Jochanan,
bete alle Psalmen, die du im Gedächtnis hast.
So begann er von Anfang:
Selig der Mann, der nicht im Rat der Gottlosen wandelt…
Wenn er nicht mehr weiterwusste,
sprang einer von uns ein.
So beteten und beteten wir,
und der Tag nahm kein Ende,
und das Gebet war kein Trost.
Ein Tag aus Blei.

Wieso sprach niemand unter uns
von Wiedersehen und Wiederkommen?
Niemand von Zukunft?
Nicht vom morgigen Tag;
nicht davon, was nun weiter aus uns würde?

Die Zeit war mit dem Messer durchgeschnitten.
Konnte überhaupt noch Zeit sein?
Hat ER nicht alles mit sich genommen,
was uns zu gehören schien?
Auch das Licht war fort, es war gewittrig und dunkel.

Dieser Tag war schlimmer als der vorhergehende.
Da war Aufregung gewesen,
da geschah etwas,
Schlimmes und Entsetzliches,
aber es bewegte sich etwas.

Jetzt aber: wir saßen wie Schatten in der Unterwelt,
und als es draußen vollends dunkel wurde,
schliefen wir wieder ein.
Was sonst konnten wir tun?

Später dachte ich im Zurückerinnern:
so lebt man im Schattenreich,
wo die Sonne nie scheint.
Noch später dachte ich:
so lebt man ohne ihn.

Luise Rinser
Mirjam
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karsamstag.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zur Nacht auf den Karfreitag.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Palmsonntag.
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Ein Sehnsuchtslied – hier können Sie es hören.
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Schaukasten-Gedanken

… können für einen kurzen Augenblick ansprechen oder irritieren
oder einfach nur Freude bereiten.

Hier finden Sie die schönsten Exemplare, die vor unseren Kirchen hängen,
zum Anklicken.
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