Kreuzweg

Impulse

Worte können heilen. Und zum Nachdenken bringen. Worte können Mut machen. Und neue Wege aufzeigen. Worte bringen Gefühle zum Ausdruck. Und Sorgen. Und Nöte. Glück und Unglück zeigen sich in ihnen ebenso wie Glauben und Hoffnung. Und natürlich Zuneigung und Liebe. Besonders schön ist es, wenn einem jemand solche Worte sagt. Wenn wir sie persönlich hören. Wenn wir spüren: Der meint mich!

Wir leben in einem ständigen Auf und Ab, im Hin und Her. Versammeln, gemeinsam feiern, hören und sprechen und singen – das geht gerade (mal wieder) nicht. Viele vermissen das. Aber lesen – das ging. Und es geht eigentlich immer. Im mittlerweile gar nicht mehr so ganz neuen Format »Impulse« finden Sie daher in loser Reihenfolge Gedanken, Erlebnisse, Deutungen, Diskussionsbeiträge, die uns im Pastoralen Team eingefallen sind. Oder die wir anderswo gefunden haben. Und die wir mit Ihnen teilen möchten. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich das bewährt, vielen Mut gemacht und Lust auf mehr. Das freut uns natürlich sehr. Und deshalb machen wir einfach weiter!

.

Essays, Geschichten & Gedanken

.
Viel ist derzeit die Rede davon, dass Krisen immer auch Chancen bedeuten. Man könne sie nämlich als Erprobung verstehen, daraus lernen und sein Verhalten ändern. Krisen- oder Erprobungszeiten spielen auch in der Bibel eine wichtige Rolle. Doch: Wen ändern solche Krisen?

Die Gedanken von Elisabeth Birnbaum, Leiterin des Österreichischen Bibelwerks, vom 23. Februar können Sie hier lesen.
.

.
Die Christenheit ist ein sehr heterogenes Gebilde. Das war sie eigentlich schon immer, aber nachdem sich über die Jahrhunderte verschiedene Konfessionen und Abgrenzungen etabliert und verfestigt haben, erleben wir heute eine epochale Verschiebung des christlichen Feldes. Die bisherigen Grenzen werden undeutlich, neue Strömungen und Stile durchbrechen konfessionellen Grenzen.

Wir reden darüber, was aus der »frohen Botschaft« geworden ist: Was ist in den letzten 50 Jahren im und mit dem »Leib Christi« passiert? Wie sieht es in den verschiedenen Kirchen aus? Welche relevanten Strömungen, Bewegungen und Akteure gibt es aktuell? Welche Themen und welche Interessen werden von wem verfolgt?

Zum Potacast »Das Wort und das Fleisch«, der fortlaufend weitergeführt wird, kommen Sie hier. Weitere Infos zur Plattform Worthaus finden Sie hier.
.

.
Wohin man schaut: Schnee, Schnee, Schnee. Der Schnee stört und ist lästig. Aber er fasziniert auch. In manchen Momenten birgt er eine geheimnisvolle Ruhe in sich.

Den Blog von Daniela Engelhardt, Leiterin des Forums am Dom in Osnabrück, vom 14. Februar finden Sie hier.
.

.
Das Markusevangelium ermöglicht einen schönen Einblick in das Wirken Jesu, an einer Stelle sogar in seinen ganz konkreten Tagesablauf. Was daran so besonders ist und was das für die Jesusjünger unserer Tage bedeuten könnte – darüber hat sich Diakon Gerrit Schulte Gedanken gemacht.

Seinen Blick in die Bibel vom 6. Februar finden Sie hier.
.

.
Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die in uns allen liegt, aber stetig trainiert werden will, um uns Gutes zu geben. Wie das gelingen kann, dafür gibt Pfarrer Christian Olding Strategien an die Hand.

Das Video vom 2. Februar können Sie sich hier anschauen.
.

.
»Dieser Beitrag wird eine kurze, knappe Hommage. Alles andere wäre unangemessen.« So beginnt Martina Kreidler-Kos, die Leiterin des Seelsorgeamts in Osnabrück, ihren Blog über den Theo-Poeten Kurt Marti vom 29. Januar.

Alles weitere finden Sie hier.
.

.
Eigentlich wissen viele Menschen, was sie tun sollten, um – zum Beispiel – klimafreundlicher zu leben. Es aber tatsächlich zu machen, ist oft überraschend schwierig. Viele, zu viele, Ausreden schleichen sich ein. Ist es Bequemlichkeit? Gewohnheit? Eine Scheu zu dem zu stehen, was man denkt? Sicher ist: Vernunft und Einsicht allein reichen nicht aus, um anderes zu tun als bisher. Manchmal weist aber auch eine Erfahrung, die alle Sinne ergreift, plötzlich neue Wege, sogar radikal und endgültig. Dann kann, wie die Bibel erzählt, ein Saulus zum Paulus werden.

Die Gedanken von Irene Dänzer-Vanotti vom 31. Januar können Sie hier lesen und hören.
.

.
»Am 27. Januar ist der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Ich muss an das Buch Die Schule am Meer von Sandra Lüpkes denken. Ich habe diesen großen Roman in den vergangenen Wochen gelesen. Es geht um eine reformpädagogische Schule auf der Nordseeinsel Juist in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Obwohl ich schon häufig auf der Insel war, habe ich von dieser Schule am Meer jetzt erst gelesen. Sie wurde später von den Nazis geschlossen.motionen auch unsere Beziehungen beeinflusst.«

So beginnt Theo Paul seine Gedanken zum alljährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Den kompletten Blog können Sie hier lesen.
.

.
Gefühle fallen uns immer dann besonders auf, wenn sie groß sind: große Freude, großer Schmerz. Aber auch die kleineren, leiseren Nuancen von Gefühlen begleiten uns durch den Tag. Christian Olding erklärt, wie der gesunde Umgang mit Emotionen auch unsere Beziehungen beeinflusst.

Das Video können Sie hier anschauen.
.

.
Ist Kirche wirklich vor allem dazu da, Menschen Trost und Kraft zu geben? Wo dies das Hauptziel ist, gehen die Klage, das Aushalten der Widersprüche und das Mit-Teilen der Trostlosigkeit verloren. Meint Dr. Kerstin Menzel, Assistentin am Lehrstuhl für Praktische Theologie und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt Sakralraumtransformation an der Universität Leipzig

Ihre Gedanken vom 14. Januar finden Sie hier.
.

.
Vom Corona-Lockdown wurde sie in der Öffentlichkeit, im beruflichen und manchmal auch privaten Alltag erzwungen: die ungewohnte Erfahrung von Stille. Was manche als Wohltat schätzen konnten, wurde für andere zur existenziellen Herausforderung. Aber Stille hat nicht nur vielfältige Auswirkungen auf die menschliche Psyche, sondern auch eine religiöse Bedeutung, die es zu entdecken lohnt – gerade in den Tagen zwischen den Jahren.

Die Gedanken von Stephan Lüttich vom 27. Dezember finden Sie hier.
.

.
Ausgedünnte Festgottesdienste, Familientreffen ohne die Großeltern – wer sich trotz dieser Widrigkeiten in die Kirche traut, darf dieses Jahr nicht einmal “O du fröhliche” singen. Weihnachten unter den Bedingungen einer Pandemie muss anders gefeiert werden, als wir es gewohnt sind. Andererseits könnte der Verzicht auf die lieb gewonnenen Traditionen dazu anregen, sich auf das zu konzentrieren, was an Weihnachten wirklich unverzichtbar ist. Der Stall in Bethlehem war nicht gemütlich, sondern zugig – und diente dem Gottessohn dennoch als zuverlässiger Schutz.

Die Gedanken von Susanne Krahe vom 26. Dezember finden Sie hier.
.

.
Weihnachten ist ein verlässliches Fest – trotz aller aktuellen Besonderheiten. Die Sehnsucht nach einem sinnlichen und bewussten Durchatmen ist groß. Doch groß ist vielleicht auch die Skepsis, den eigenen Hoffnungen und den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Die heile Welt der Kindheitstage ist an Weihnachten jedenfalls für viele Erwachsene in sehr weite Ferne gerückt. Der Wunsch, an Weihnachten ganz bei sich ankommen und dann bei anderen, ist das eine Utopie? Nicht zwingend, denn Weihnachten steht dafür, dass Wandel und Veränderung immer möglich sind.

Die Gedanken von Fulbert Steffensky vom 25. Dezember finden Sie hier.
.

.
Der Advent macht besinnlich und ratlos. Das Besinnliche liegt in der Luft, die Ratlosigkeit im Herzen. Die Besinnlichkeit scheint aus der Kindheit auf uns, die Ratlosigkeit von uns auf den Advent. Was soll er? Was soll er uns? Jenseits der Besinnlichkeit, jenseits der Kindheit, jenseits der schönen Regression?

Die Gedanken von Rainer Bucher vom 16. Dezember finden Sie hier.
.

.
Passend zum Motto, das wir in unserer Pfarrei der Zeit vor Weihnachten in diesem Jahr gegeben haben, fragt Andrea Schwarz, ob der Advent wirklich lieb ist. Ihre Gedanken vom 10. Dezember finden Sie hier.
.

.
Am Ersten Adventssonntag beginnt nicht nur die Adventszeit, sondern auch ein neues Kirchenjahr. Damit verbunden ist ein neuer Zyklus der Lesungen in der Eucharistiefeier. In dem nun beginnenden “Lesejahr B” steht vor allem das Markus-Evangelium im Zentrum. Es ist das älteste der vier Evangelien, und es ist das kürzeste. Wann ist es entstanden? Wer war Markus? Was war ihm besonders wichtig in seiner Darstellung von Verkündigung und Leben Jesu?

Die Gedanken von dem Benediktiner Daniel Hörnemann vom 27. November in der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche + Leben finden Sie hier.
.

.
Allerheiligen und Allerseelen geben in diesem Jahr Anlass, beim Gang zu den Gräbern der Menschen, die wir in dieser Zeit aufsuchen, auch an die zahlreichen Corona-Toten zu denken. Friedhöfe sind Oasen der Ruhe und Besinnung. Gräber bezeugen die Geschichten der Menschen, die eine Wegstrecke in dieser Welt gegangen sind. Wir gehen eine weitere Strecke, die ohne sie nicht denkbar wäre. Ein Jesus-Wort aus dem nichtkanonischen Thomas-Evangelium kann uns dabei begleiten: Werdet Vorübergehende! Wohin gehen wir? Was ist uns wichtig? Was tun wir dafür, es zu realisieren?

Die Gedanken von Wilhelm Schmid vom 1. November können Sie hier lesen und höen.
.

.
Wer von Noach spricht, spricht üblicherweise von einer Katastrophe: von der Sintflut. Und von der Arche mit den vielen Tieren drin. Hinter Giraffen, Elefanten und Löwen verschwindet Noach fast. Doch die Rolle Noachs ist mit der Sintflut noch nicht zu Ende. Noach ist mehr als der Erbauer der Arche. Er ist ein Mann, der aufatmen lässt nach der Krise.

Die Gedanken von Elisabeth Brinbaum, Direktorin des Österreichischen Bibelwerks, vom 30. Oktober finden Sie hier.
.

.
Ob die Geschichte der Menschheit wirklich mit einem einzigen Pärchen begonnen hat, ist heute keine besonders aufregende Frage mehr.

Was wirklich hinter der Erzählung von Adam und Eva steht, finden Sie in diesen Gedanken vom 25. Oktober.
.

.
Sind die Geschichten der Bibel und der Heiligen wahr? Ja, findet Reli-Lehrer Elmar Middendorf – aber anders als gedacht. Den Unterschied zwischen der tiefen Wahrheit dieser Erzählungen und deren Faktizität bestimmt auch seinen Unterricht.

Seine Gedanken vom 23. Oktober finden Sie hier.
.

.
In den meisten Religionen, aber auch im Kino und in Serien von Streamingdiensten spielt das Gericht Gottes eine wichtige Rolle. Dennoch kommt es heute in der kirchlichen Verkündigung praktisch nicht vor. Haben Anklage und Rechtfertigung, Gerechtigkeit und Gnade, Urteil und Strafe ausgedient?

Die Gründe für das theologische Schattendasein sind vielfältig. Dabei ist diese Vorstellung nicht nur biblisch fundiert, sondern hat auch eine wichtige Bedeutung für die Positionierung der christlichen Kirchen zum Unrecht in der Welt.

Den Beitrag von Stephan Lüttich vom 11. Oktober finden Sie hier.
.

.
»Im Anfang war das Wort«, lesen wir in der Bibel. Das Christentum ist, wie die beiden anderen abrahamitischen Religionen, eine Buchreligion. Aber nicht nur Glaubenstexte, auch Romane können zu ihren Leserinnen und Lesern sprechen und so ihre Wirkung entfalten.

Zur diesjährigen Buchmesse in Frankfurt blickt Regula Venske im Gespräch mit Jan Ehlert auf Bücher über Religion, auf die Darstellung des Glaubens in Romanen und auf Bücher, die ganz ohne Gottesbezug für Lesende trotzdem einem Glaubensbekenntnis gleichkommen.

Den Beitrag vom 27. September können Sie hier lesen und hören.
.

.
Der Weser-Kurier hat unseren ehemaligen Pfarrer, den Bremer Propst Bernhard Stecker, in einem Interview zum Thema ›Berührung« befragt und ein Video dazu veröffentlicht. Die Zeitung schreibt in ihrer Ankündigung:

»Auch Worte können berühren – beispielsweise, wenn sie Mut machen sollen. Propst Bernhard Stecker erfährt dies jedes Mal, wenn er predigt. Doch kirchliche Rituale bestehen auch aus ganz konkreten Berührungen. Das Thema Berührung ist gerade in Corona-Zeiten ein besonderes. Die Menschen halten Abstand, verzichten auf den Handschlag, tragen Masken zum Schutz vor Infektionen.

Der Weser-Kurier hat für eine Kooperation mit den Museen Böttcherstraße Berufe in den Blick genommen, bei denen Berührungen eine zentrale Rolle spielen. Dabei steht das Coronavirus nicht im Fokus, die Pandemie gibt dem Thema allerdings doch einen besonderen Rahmen. Für dieses Video der fünfteiligen Serie haben wir Bernhard Stecker getroffen. Der Propst der katholischen Bremer Gemeinde St. Johann schildert, welche Bedeutung Berührungen und Berührendes für die Kirche hat.«

Das Video vom 14. September finden Sie hier.
.

.
Plötzlich mit sich selbst allein zu sein: Durch die Corona-Pandemie standen viele Menschen in den vergangenen Monaten vor dieser Herausforderung. Diese Konfrontation mit sich selbst hat eine lange Tradition. Schon im frühen Christentum zogen sich Mönche in die Wüste zurück, um “hesychia” zu finden, den inneren Frieden.

Die Suche nach dem Einklang mit sich selbst hat auch Philosophen zu allen Zeiten beschäftigt. Und auch vor Corona machten sich Menschen immer wieder auf, um in Schweigeseminaren ihre innere Stimme wiederzufinden. Was macht diese Suche so schwierig – und so wertvoll?

Den Beitrag von Jan Ehlert vom 6. September können Sie hier hören und nachlesen.
.

.
Zum Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel am 15. August passt dieser Satz ziemlich gut: »Es wird größer, wenn man das Ende mitdenkt.«

Eine Schweizer Journalistin und eine Fotografin haben mit alten Menschen über den Tod gesprochen. Und sie kommen zu dem Schluss: »Mit Alten reden, sich über das Sterben auszutauschen – das hilft auch im Leben.«

Den kleinen Beitrag für die ZDF-Kultursendung »aspekte« vom 14. August können Sie hier sehen.
Die ganze Sendung zum Thema »Endlich – ein neuer Umgang mit dem Sterben« finden Sie hier.
.

.
Gefragt danach, wie es in und mit der Kirche weitergehen könne, hat auch Reinhard Molitor, Mitglied des Domkapitels und Pastor in unserer Pfarrei, einige Gedanken formuliert.

Den Artikel im Kirchenboten vom 24. Juli finden Sie hier.
Den zitierten Text können Sie in voller Länge hier nachlesen.
.

.
Der Neutestamentler Andrew Doole geht der Frage nach, ob Maria Magdalena, deren Fest am 22. Juli gefeiert wird, eine der „Zwölf Apostel“ gewesen sein könnte.

Den Artikel vom 19. Juli (21. Juli 2018) finden Sie hier.
.

.
»Irgendwie fiel mir die Tage eine kleine Episode ein, die ich vor einigen Jahren auf der Fähre nach Juist erlebt habe«, beginnt Andrea Schwarz ihre Gedanken über die Frage, wie es denn trotz Corona weitergehen können muss.

Ihren Blog vom 13. Juli finden Sie hier.
.

.
Wir hatten uns schon länger nicht gesehen. Am letzten Sonntag aber bin ich ihm mal wieder begegnet. Natürlich war die aktuelle Situation eines der Gesprächsthemen. Was für eine verrückte, unsichere Zeit! Menschen kommen an ihre Grenzen. Sind genervt. Oder einfach nur fertig. Gegen Ende des Gesprächs tauchte plötzlich eine Frage auf: »Was wird man wohl später mal über das Jahr 2020 sagen?« Weiß keiner so genau. Eine verrückte Zeit halt … »Ja«, meinte der rüstige Senior, »aber es ist unsere Zeit!«

Ich habe noch lange darüber nachgedacht. So schlicht und einfach sich das auch anhört – dieser Satz hat es ganz schön in sich: »Es ist unsere Zeit!« Einfacher ist es vermutlich, nur noch in die Vergangenheit zu schauen oder in die Zukunft zu blicken. »Wisst ihr noch, wie das damals alles noch ging?«, ist der eine Straßengraben, in den man fahren kann. Der andere ist auch nicht besser: »Wenn sich erstmal wieder alles normalisiert hat, dann …«

So sehr die Erinnerung an Vergangenes Kraft geben und der Blick in die Zukunft motivieren kann, so wenig hilft es dabei, hier und jetzt zu leben. »Es ist unsere Zeit!« Ja, das ist sie! Wir müssen mit den aktuellen Herausforderungen leben lernen. Müssen uns damit arrangieren, dass manches, was wir unter der Überschrift »Ausnahmezustand« zusammenfassen können, zur neuen Normalität wird. Spaß macht das wohl keinem. Aber es nützt nichts!

Doch wer weiß? Vielleicht ist, im Nachhinein betrachtet, ja doch nicht alles nur grau und schrecklich! Vielleicht ist manches, das sich in den letzten Monaten ergeben hat, so stark und auch so innovativ oder unerwartet praktikabel, dass man in späteren Zeiten einmal sagen wird: »Also, was die damals Anfang der 20er Jahre plötzlich alles gelernt und entwickelt und gestaltet haben – das ist schon ein dolles Ding!« Ja, das wäre wirklich ein dolles Ding …

Alexander Bergel
11. Juli
.

.
Bereits 2017 sprach Ludger Verst, Schul- und Krisenseelsorger im Bistum Mainz, von der »Kirche des Karsamstags«. Kirche und Seelsorge greifen die zentralen Merkmale heutiger Religiosität nicht konstruktiv auf. Damit driftet ihr Reden von Gott in eine Wirklichkeitsferne, die zum pastoralen Kältetod führt.

Den Artikel vom 28. Juni (7. Juli 2017) finden Sie hier.
.

.
Nach Auszeit und Unterbrechung wieder Tritt fassen im Alltag – geht das unverändert? Wie spürt man, wo Veränderung einsetzen kann? Mit Sabine Bieberstein lohnt ein Blick zurück, auf die verunsicherte Gemeinde des Johannesbriefs.

Den Artikel vom 18. Juni finden Sie hier.
.

.
Menschen aus Bremen antworten auf die Frage, was ihnen heilig ist.
Das kleine Video vom 9. Juni finden Sie hier.
.

.
In diesen Tagen fallen die Ausgangsbeschränkungen und der lock-down wird zum open-up. #stayhome weicht der üblichen Abstandsregel. Alles wieder normal? Eher nicht. Die gegenwärtige Situation bleibt in vielerlei Hinsicht ein besonderer Zustand.

Kerstin Menzel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig, wagt einen persönlichen Ausblick. Ihren Beitrag vom 16. Mai können Sie hier lesen.
.

.
Wie arbeiten Seelsorger eigentlich von zu Hause? Die Gedanken von Annika-Christine Weisheit, einer Pfarrerin im Homeoffice, vom 15. Mai finden Sie hier.
.

.
»In der vergangenen Woche hat mich ein anderer Blogger angeschrieben. Er will die Auszeiten dieser Tage sinnvoll nutzen und zeigt Interesse an anderen Menschen. Auch an mir. Er fragt mich nach meinem beruflichen Werdegang, nach meiner Freizeit, aber dann doch immer wieder nach meinem Erleben der Coronakrise und nach Tipps, wie man sie (besser) bestehen kann. Ich versuche mal einige Antworten.«

Was Bischof Franz-Josef Bode im einzelnen denkt und was er rät, um in chaotischen Zeiten den Überblick einigermaßen zu behalten, verrät er in seinem Blog vom 12. Mai. Hier können Sie ihn nachlesen.
.

.
Wie bist du verwurzelt, was gibt dir Kraft? Was lässt dein Leben gerade prickeln? Woher weißt du, was dein Ding ist?

Berufungs-Gedanken von Anne Wolters vom 3. Mai finden Sie hier.
.

.
Manchmal denke ich, ich träume. Denn eigentlich kann das doch alles gar nicht wahr sein, oder? Doch, ist es. Es ist kein Traum. Im Gegenteil. Was wir in diesen Tagen erleben, wird mehr und mehr zum Alptraum. Wer Anfang des Jahres noch dachte: „Ach, das ist alles weit weg!“, wer Anfang März noch sicher war: „Na, so schlimm wird es schon nicht werden!“, wer zu Ostern traurig, vielleicht sogar allein im Schein der Osterkerze oder vor seinem Osternest saß und hoffe: „Aber bald – bald wird es besser!“, der merkt immer mehr: Dieser Ausnahmezustand wird uns noch lange begleiten.

Abstand halten, keine Besuche, jetzt sogar noch Mund-Nase-Masken! Egal wie lustig die auch aussehen mögen (ich habe zum Beispiel eine mit Katzenmotiv geschenkt bekommen, sonst eigentlich nicht so mein Style) – jeder spürt: Es ist wirklich ernst. Und wie lange soll das noch gehen? Keiner weiß es. Alle sind verunsichert. Vielen fällt die Decke auf den Kopf. Konflikte in Familien und Beziehungen, vielleicht lange unterdrückt, bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche. Eltern, alleinerziehende Väter und Mütter kommen an ihre Grenzen. Einrichtungen wie Schulen oder Kitas ebenso. Denn auch dort gibt es immer wieder neue Erlasse, manchmal fast stündlich. Unverständnis und Ängste bei den Betroffenen. Viele werden dünnhäutig und aggressiv. Und fragen: Wie lange noch?

All das wiegt schwer. Und macht Angst. Aber zum Glück gibt es auch viel Mut machendes! Wir erleben gerade – noch mehr als sonst –, was Menschen alles tun, damit es anderen gut geht. Menschen melden sich und fragen: „Wo kann ich helfen?“ Und sie fragen nicht nur, sondern tun es einfach: Vereine, Gruppen, Verbände, Kirchengemeinden, städtische Einrichtungen, Erwachsene, Jugendliche, Kinder. Auch da weiß keiner: Wie lange noch? Und werden wir es alles schaffen? Doch trotz alle dem: Sie machen mit. Gehen weiter. Suchen weiter. Helfen, dass nicht alles dunkel wird.

Ostern übrigens – Sie erinnern sich: die Sache mit der Auferstehung, nachdem eigentlich alles aus war, weil der, auf den viele ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, hingerichtet wurde –, Ostern, dieses kraftvollste aller Feste, habe ich in diesem Jahr so erlebt wie noch nie zuvor. Natürlich haben mir die Begegnungen mit den vielen Menschen gefehlt. Natürlich hätte ich mich gerne an das erinnert, was vor 2000 Jahren in Jerusalem geschehen ist. Natürlich hätte ich das gerne so gefeiert, dass die Erinnerung an die Ereignisse von damals ihre ganze Kraft auch heute entfalten kann. Natürlich … Aber es kam anders. Und weil es so anders kam – waren wir eigentlich ganz nah dran.

Nah dran? Warum? Weil diesmal nicht alles so war wie sonst. Wir wissen ja eigentlich ganz genau, wie die Geschichte ausgeht. Und müssen daher den schmerzhaften Karfreitag und den quälend langen Karsamstag nicht wirklich aushalten. Ostern kommt ja sicher, termingerecht nach Anbruch der Dunkelheit mit Halleluja und Glockenklang. Die Jüngerinnen und Jüngern damals aber, die wussten das alles nicht. Kein Fest. Nur Ratlosigkeit. Einsamkeit statt Jubel. Und Verzweiflung. Und ganz viele Fragen. Erst langsam, ganz langsam und vorsichtig, mit vielen Tränen und Zweifeln verbunden, haben die Freunde Jesu begriffen, was es bedeutet: Dass Jesus lebt. Dass der Tod den Kürzeren gezogen hat. Dass das Leben immer stärker ist, egal was geschieht. Es brauchte seine Zeit. Doch dann – dann haben sie es begriffen. Und wirklich gespürt. Diese Erfahrung konnte ihnen keiner mehr nehmen.

Wer heute, wer in dieser Krise nach Spuren Gottes sucht – durch all die Fragen hindurch, vielleicht auch mit Wut im Bauch, sicher aber mit Sorgen und Ängsten im Nacken –, wer allen Ernstes daran glaubt, dass Gott eine Realität ist, und zwar keine theoretische, sondern ganz praktisch erfahrbar, wer damit rechnet, dass dieser Gott auch heute seinen Platz im eigenen Leben hat – der hat das in diesen Tagen vielleicht neu verstanden. In der Einsamkeit dieser besonderen Ostertage. In Gesprächen, die sich möglicherweise darüber ergeben haben. Und in der Begegnung mit Menschen, die einfach handeln und nicht aufgeben. Die keine Träumer sind, sondern Anpacker. Fromm gesagt: Osterzeugen.

Alexander Bergel
28. April
.

.
»Zwangspause mit Pausenzwang – ich habe mich erkältet und beobachte auf Weisung meiner Ärztin nun fleißig die Symptome. Zeit für eine erste Zwischenbilanz in der Coronazeit.«

Die Gedanken von Christian Bauer vom 26. April finden Sie hier.
.

.
Die Emmaus-Geschichte.
Zwei auf dem Weg.
Weg von Jerusalem.
Einfach nur weg.

Die Emmaus-Geschichte.
Kennt jeder.
Aber so noch
nicht.

Hören Sie selbst.
Und zwar hier.
.

.
So richtig Lust hatten sie keine. Warum auch? Macht sonst ja auch niemand. Aber irgendwie – irgendwie waren sie doch neugierig. Der große Bruder hatte gehört, wie jemand begeistert davon erzählte. Und so machen es die drei Geschwister also auch. Gehen los. Früh um halb 6. Alles ist dunkel. Und es ist Ostern.

Zwei Jahrtausende zuvor war schon einmal jemand unterwegs: Maria von Magdala. Auch sie sucht im Dunklen ihren Weg. Und kommt zum Grab vor den Toren der Stadt. Schreckliche Tage liegen hinter ihr. Was kommen würde? Sie weiß es nicht.

Man hört die ersten Vögel. Über den Feldern liegt Nebel. Der Weg der drei Geschwister führt über den Friedhof, am Grab des Großvaters und der Uroma vorbei. Dunkel ist es an diesem Ort des Todes. Es geht bergab, durchs Tor hinaus ins Weite. Bäume links und rechts. Welch wunderbarer Weg! Ganz langsam beginnt das erste Morgenrot zu glühen. Die Kälte bleibt. Die Nähe der anderen aber wärmt das Herz. In der Erinnerung bis heute.

Worüber sie gesprochen haben? Keiner weiß es mehr genau. Daran aber erinnern sie sich: tauschwer glitzernde Felder, zwitschernde Vögel in der Stille des anbrechenden Morgens – ein erstes Halleluja. Und dann die Sonne! Groß und rund steht sie am Himmel. Ihre Strahlen erfüllen alles, was war. Und prägen sich ein. 27 Jahre ist das her. Es begleitet mich bis heute. Unvergessen das Gefühl von damals: Er lebt!

»Machen« kann man das nicht. Und es ist auch kein Beweis. Natürlich nicht. Aber der Weg durchs Dunkle – er endet. Immer. Und daher lohnt es sich loszugehen. Nicht nur an Ostern. Aber vielleicht gerade da. Ich werde es – nach langer  Zeit – mal wieder tun. Am Ende dieser Osternacht. In aller Frühe. Wenn es noch dunkel ist. Und warten. Auf die Ostersonne!

Alexander Bergel
11. April
.

.
Endlich ist es vorbei.
Endlich kommt was
Neues

Ostern

Neues Leben
Neue Liebe
Neues Glück

Ostern

Weg mit dem Leid
Weg mit dem Elend
Weg mit dem Tod

Ostern

Doch so einfach
geht es
nicht

Nie

In diesem Jahr
schon gar
nicht

Lang
wird er sein
der

Karsamstag

Länger
als
gedacht

Länger
als
zu ertragen

Länger
als
ich kann

Doch
lauf nicht weg
vor ihm

Nie

In diesem Jahr
erst recht
nicht

Lauf nicht weg
vor
ihm

Er gehört
zu dir
zu deinem Leben

Denn Ostern
kommt selten dann
wenn du es willst

Ostern
lässt sich
Zeit

Und die
braucht es
auch

Ostern kommt
sei dir
sicher

Aber
warten
musst du schon

Nicht
nur
in diesem Jahr

Lauf nicht weg
vor diesem
Tag

der sich anfühlt
wie eine
Ewigkeit

Halt
ihn
aus

Und plötzlich
fühlt er sich an
wie

Ostern

Und es ist mehr
als ein
Gefühl

Alexander Bergel
10. April
.

.
Die Gedanken von Nils Stockmann vom 9. April finden Sie hier.
.

.
Mit diesem Tag treten wir in die intensiven Feiern unseres zentralen Glaubens- und Lebensgeheimnisses ein. Die Decke der Welt liegt in diesem Jahr niedrig auf uns und dieser Woche. Am Gründonnerstag bündeln sich viele unterschiedliche Motive, Gestimmtheiten und Farben. Eine festliche, auch traurige Feierlichkeit liegt über diesem Abend. Die elementare Geste des gemeinsamen Mahles, der Riss, der durch diesen Abend und die Liturgie geht. Die Glocken fliegen nach Rom, wie man sagt, nachdem sie noch einmal festlich erklungen sind. Die Liturgie endet mit dem nackten Altar, der schmucklosen Kirche und dem leeren Tabernakel. Abschiedsstimmung und die Frage: Was bleibt?

Kennen wir diese Momente nicht, wenn wir Abschied nehmen mussten von geliebten Menschen, den Eltern und Freunden? In solchen Augenblicken bekommen wir ein Erbe, eine Hinterlassenschaft, die wir bewahren als kostbares Vermächtnis. Sie erhalten durch den Abschied eine besondere Kostbarkeit. Heute ist es diese Geste und Jesu Erbe: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Es bleibt nicht viel – und doch alles. Er sprach das Dankgebet. Brach das Brot und reichte es ihnen. Nehmt und esst, das ist mein Leib, gegeben für das Leben der Welt. Im bleibenden Vermissen bewahren wir dieses Vermächtnis seiner Gegenwart unter uns, von Generation zu Generation. Fast nichts – und doch alles.

Rite de passage: Vorübergehen und Bleiben, diese Erfahrung  machen wir Christen in der Eucharistie. Es ist das Geheimnis der Hingabe, das in einem Lied von Huub Oosterhuis  poetisch und elementar ausgedrückt wird: »Die Menschen müssen füreinander sterben, das kleinste Korn es wird zum Brot und einer nährt den andern. Den gleichen Weg ist unser Gott gegangen, und so ist es für dich und mich das Leben selbst geworden.«

Als mein Vater seinen 95. Geburtstag bei Kaffee und Kuchen im Seniorenheim feierte, nicht weit von seinem Tod, frug er mich anschließend, ob er ein Glas Bier haben könne. Klar doch. Und dann sagte er lächelnd zu mir: »Das bleibt: Ein Glas Bier und das Vater unser.«Kostbares Vermächtnis: Die Freude am Leben und ein tiefes Gottvertrauen.

Wir versammeln  uns an diesem Gründonnerstag nicht in den Kirchen, nicht in St. Franziskus. Aber vielleicht sind wir verbunden an diesem Abend beim Essen am Tisch in unseren Häusern, im glaubenden und betenden Vertrauen auch mit denen, die in diesen Tagen allein und isoliert sind oder sein müssen.

P. Hermann Breulmann SJ
8. April
.

.
»Tagelang wartete ich darauf, dass ein Bischof öffentlich verkündete: Lest den Abendmahlsbericht, teilt Brot und Wein, erinnert euch und entdeckt darin Gottes Gegenwart.« Die »Gedanken eines Singles zur Karwoche« vom 6. April finden Sie hier.

Das, was sich die Autorin unter anderem für den Gründonnerstag wünscht, finden Sie übrigens bei uns in der Feier vom Letzten Abendmahl auf der Seite Ostern feiern.
.

.
»Diese Fastenzeit der leeren und schweigenden Kirchen können wir entweder nur als ein kurzes Provisorium annehmen, das wir dann bald vergessen werden. Wir können sie jedoch auch als kairos annehmen – als eine Zeit der Gelegenheit, ‘in die Tiefen hinabzusteigen’ und eine neue Identität des Christentums in einer Welt zu suchen, die sich vor unseren Augen radikal verwandelt.«

Meint der tschechische Religionsphilosoph Tomáš Halík in seinem Essay vom 1. April in »Christ und Welt«, der Beilage der Wochenzeitung »Die Zeit«. Hier können Sie ihn lesen.
.

.
Seit Anfang März wohne ich in der Lerchenstraße 91 neben der Kirche Heilig Geist. Durch die besonderen Umstände bedingt, habe ich bisher noch wenige Menschen aus der Pfarrei Christus König kennenlernen können und dürfen. Aber ich höre die Glocken von Heilig Geist. Während einer ersten Fahrradtour durch die Gemeinde mit Alexander Bergel hatten wir vom  Bürgerpark aus einen Blick auf die Glockentürme der Kirchen. Ich bin derzeit bei den Benediktinerinnen im Kloster Dinklage, auch da eine kleine Glocke, die zu den Gebetszeiten läutet.

Der Klang der Glocken regte mich zu einer kleinen Meditation über die Glocken und die Zeitangaben an, die sie uns anzeigen. Die Glocken erinnern uns daran, dass die Horizontale auch in diesen angespannten Zeiten nicht alles ist. Sie sind ein klangliches Symbol für unsere metaphysischen Antennen, die trotz aller Säkularität Ausschau halten nach einem Vorschein der Ewigkeit, einer anderen, vertikalen Zeit.

Der Klang der Glocken hat eine »mittlere« Reichweite, zwischen der globalen, synchronisierten Weltzeit auf unseren Smartphones und digitalen Uhren und der häuslichen Zeit in unseren Wohnungen. Ihr Klang erreicht unser Viertel, unsere Gemeinde und unsere Nachbarschaften, ob Christ oder nicht. Glockentürme und deren Klänge könnten mehr sein als »entlaubte Bäume in der postmodernen Landschaft« (Johann Baptist Metz). Vielleicht doch eine Erinnerung an die Vertikale, an unsere Sehnsucht nach einer Zeit, die nicht nur global und abstrakt ist, sondern Menschen erreicht, die sich in einem Viertel und einer Gemeinde beheimaten, die sich im Lokalen begegnen.

Derzeit müssen wir aus guten Gründen unser Leben disziplinieren, unsere Verhaltensregeln werden überwacht, aus guten Gründen, aber der Klang der Glocken morgens, mittags und abends erinnern uns auch daran, dass zur Überwachung und Disziplin in Corona-Zeiten die Fürsorge füreinander hinzukommen muss. Das Läuten der Glocken von Heilig Geist, Christus König und Sankt Franziskus erinnert mich an diese Dimension der Sorge, der Fürsorge und des Gebetes füreinander und daran, dass die Horizontale, auch in diesen verrückten Zeiten, nicht alles ist.

P. Hermann Breulmann SJ
30. März
.

.
Dieses Bild sieht man selten. Und es wird sich einprägen. Vielleicht sogar ins kollektive Gedächtnis. Ein Mann, ganz in Weiß gekleidet, schreitet über den Petersplatz. Hinauf nach Sankt Peter. Dorhin geht er sonst auch. Der Papst. Aber an diesem Tag ist es ein einsamer Weg. Franziskus bittet Gott um Kraft und Leben für alle, die nicht mehr können. Die nicht wissen, wie es weiter gehen soll. Die allein und isoliert sind. Oder tot.

Der Papst hat die ganze Welt eingeladen, mit ihm zusammen zu beten. Und die Leere auszuhalten, wie man sie auf dem Petersplatz sehen kann. Dieses Bild wird zum Symbol für jene Leere, die sich breit macht in den Herzen so vieler. Gleichzeitg erzählen die Kolonnaden, die den Platz im Zentrum Roms umschließen wie zwei weit geöffnete Arme, von den weit geöffneten Arme eines Gottes, »der sich der Menschen annimmt wie ein guter Vater und eine liebende Mutter«.

In seiner Predigt fragt Franziskus nach Gott, nach unserem Glauben, nach unserer Hoffnung. Und er macht Mut, nicht zu verzweifeln, sondern dem Auferstandenen zu vertrauen. Zu diesem Mut gehöre aber auch, sich durch diese Ereignisse in Frage stellen zu lassen. Uns und unseren Umgang mit der Welt. Für diese Welt und für alle, die auf ihr leben, bittet der Papst Gott um seinen Segen: »Urbi et orbi« – »der Stadt und dem Erdkreis«.

Die Live-Übertragung von Radio Vatican vom 27. März und die Predigt finden Sie hier.
Hier ein Video mit den besonderen Momenten dieses Abends auf dem Petersplatz.

Diese einzigartige Liturgie kommentiert aus der Sicht eines Theatermenschen und eines Liturgiewissenschaftlers.
.

.
Kennen Sie Simson? Nein? Dann wird es Zeit! Simson war ein Held. Und was für einer! Einer mit langen Haaren. Und dem Hang zu Abenteuern. Kleinen und großen Katastrophen. Und Fettnäpfchen. Besser: Fettwannen. Das Buch der Richter im Alten Testament erzählt von ihm. Und von noch so manch anderen waghalsigen Männern und mutigen Frauen. Spannung pur. Simsons Geschichte in den Kapiteln 13-16 des Richter-Buchs beginnt so:

»Die Israeliten taten wieder, was in den Augen des HERRN böse ist. Deshalb gab sie der HERR vierzig Jahre lang in die Hand der Philister. Es war ein Mann aus Zora, aus der Sippe der Daniter, namens Manoach; seine Frau war unfruchtbar und hatte nicht geboren. Der Engel des HERRN erschien der Frau und sagte zu ihr: Siehe, du bist unfruchtbar und hast nicht geboren; aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Und jetzt nimm dich in Acht und trink weder Wein noch Bier und iss nichts Unreines! Denn siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Es darf kein Schermesser an seinen Kopf kommen; denn der Knabe wird vom Mutterleib an ein Gott geweihter Nasiräer sein. Er wird damit beginnen, Israel aus der Hand der Philister zu retten. Es darf kein Schermesser an seinen Kopf kommen.«

Simons Haare wachsen also. Und wachsen. Und wachsen. Sie sind Zeichen seiner Kraft. Einer Kraft, die von Gott kommt, der ihn – wie viele vor ihm und danach – braucht, um die Menschen zu führen, sie aus dem Gewohnten herauszulocken, ihr Verhalten in Frage zu stellen, sie in ihrer Unterschiedlichkeit zusammen zu halten, Zukunft zu ermöglichen. Darum ging es damals in Israel. Darum geht es eigentlich immer.

In der Simson-Geschichte begegnen uns viele merkwürdige Situationen, teils sogar verstörende Ereignisse. Von einem Löwen ist da die Rede, den Simson mit bloßen Händen tötet, von gestohlenem Honig, von ausgestochenen Augen und einstürzenden Säulenhallen, von Liebe und Hass, Neid und Verrat. Als Simson unfreiwillig seine Haare – und damit seine Stärke – verliert, nimmt das Unheil seinen Lauf.  Am Ende ist auch Simson, der Held, nur ein fehlbarer, ein schwacher Mensch. So wie du und ich.

Wer sich in diese weit entfernte Welt hinein begibt, entdeckt eine Menge von sich selbst. Erfahrungen werden wach: Wenn alles ins Wanken gerät, wenn alles zugrunde geht, wenn die äußere Kraft abnimmt – wahre Stärke liegt doch woanders, oder? Die alten Geschichten behandeln unsere Themen. Und sie könnten Antworten geben. Durch die Jahrtausende hindurch erprobt. Aber lesen Sie selbst!

Bevor Sie jetzt zur Bibel greifen, noch eine kurze Frage: Machen Sie sich gerade Sorgen um Ihre Frisur? Immerhin sind die Friseure gerade alle dicht. Und werden es vermutlich lange bleiben … Trösten Sie sich – es geht allen so! Und wenn Sie dann in nächster Zeit beim Spazierengehen draußen oder morgens im eigenen Spiegel Haarlängen ungekannten Ausmaßes sehen – denken Sie an Simson und seine Mähne. Denken Sie an seine Kraft, die von Gott kam. Und stellen sich die Frage: Welche Kräfte schlummern eigentlich in mir?

Alexander Bergel
25. März
.

.
Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Warum auch? Warum sie? Warum jetzt? Warum überhaupt? Nein, das passte nicht in ihr Konzept – wenn sie denn überhaupt eins hatte. Immerhin war sie gerade mal – gut, so ganz genau weiß man es heute nicht mehr, aber 15 war sie sicher noch nicht. Sie war jung. Hatte das Leben noch vor sich. Einen Mann gab es auch schon. Wenn sie alt genug wäre, sollten sie heiraten. So wie alle Mädchen es damals taten. Doch es kam anders.

Da war dieser Engel. Und diese Botschaft. Und mit ihr wurde alles anders. Von einem Moment zum nächsten. Sie solle Mutter werden. Jetzt schon. Aber nicht so, wie man es kennt. Gott war im Spiel. Gut, das ist er immer. Immer dann, wenn etwas Neues beginnt. Aber hier – hier war es dann doch irgendwie anders. Intensiver. Klarer. Mächtiger. Immerhin ging es auch um seinen Sohn. Mutter sollte sie werden. Mutter eines Kindes. Mutter eines Gotteskindes. Mutter eines Menschen, der die Welt auf den Kopf stellen würde.

All das konnte sie nur ahnen. Von wissen keine Spur. Und trotzdem sagt sie Ja. Ohne zu wissen, was passiert. Ohne die Folgen abschätzen zu können. Sicher, sie fragt nach: Wie soll das geschehen? Denn sie ist zwar jung, aber nicht naiv. Sie fragt nach, denkt nach – so wie sie es noch manches Mal tun wird. Die Antwort: Gottes Kraft wird dich verändern. Wird Dinge möglich machen, die unvorstellbar sind.

Und was tut sie? Sie macht mit. Geht Wege, die noch nicht sind. Dorthin, wo es gut ist. Neun Monate noch, dann würde sie ihr Kind zur Welt bringen. Eine lange Zeit. Alle Mütter und Väter dieser Welt wissen das. Aber es ist auch eine Zeit der Hoffnung. Dass Neues wachsen kann. Dass Dinge sich ändern lassen, ändern müssen, ändern werden. Maria ist ihren Weg gegangen. Den Weg der Fragen und der Unsicherheit. Den Weg des Vertrauens und der Kraft.

Ihr Weg wird durch einen Dornwald führen, wie es im Lied so schön poetisch heißt. Und dieser Dornwald wird blühen. In neun Monaten, was für eine lange Zeit, da ist Weihnachten. Die Dornen – sie werden bleiben, auf dem Weg dorthin und darüber hinaus. Denn so ist es nun mal, das Leben. Aber die Rosen – sie werden blühen. Und duften. Unvorstellbar schön! Diese Verheißung, die für viele bereits auch erlebte Erfahrung ist, feiern wir. An diesem Tag, da der Engel kam. Und etwas ganz Neues begann.

Alexander Bergel
25. März

Das Lied zum Nachhören finden Sie hier.
.

.
Das Drama von Gründonnerstag bis Ostern spielt sich in diesen Tagen ganz anschaulich in der Welt ab, meint Dominik Blum auf katholisch.de. Ostern könne nicht verschoben werden, denn Ostern habe schon längst angefangen.

Den Artikel vom 23. März über das, was sich in diesen Tagen ereignet, ohne es kalendarisch passend in großer Runde feiern zu können, finden Sie hier.
.

.
Vereinzelung ist das Gebot der Stunde – und womöglich wird sie wegen Corona noch verschärft. Doch Isolation kann auch eine Chance sein. Weise Menschen wie Jesus und Benedikt von Nursia, dessen Fest die Mönche am 21. März feiern, haben das selbst erfahren.

Die Gedanken von Markus Nolte aus der Münsteraner Kirchenzeitung »Kirche+Leben« vom 21. März können Sie hier nachlesen.
.

.
Geplant war es nicht. Reiner Zufall. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Und mit Pater Breulmann. Wer ist noch mal Pater Breulmann? Richtig – der neue Pastor, den wir eigentlich am letzten Wochenende begrüßen wollten. Was ja leider nicht ging – Corona sei Dank. Begrüßt wurde er aber trotzdem. Von den Jugendlichen beispielsweise, die mal eben »Hallo« sagen und hinterherschieben: »Wenn’s mal zu laut wird am Wochenende – einfach melden! Wir können auch leise!« Oder vom Ehepaar aus dem Haus quer gegenüber, Heilig-Geist-Urgesteine, die interessiert fragen: »Sind Sie der neue Pater?« Ja, das ist er. Und schwuppdiwupp ist er auch schon mitten im Gespräch. Wenn Hermann Breulmann davon erzählt, spürt man, wie ihn diese Begegnungen freuen. »Wirklich nett!« Das wird er noch öfter sagen. Auch als er mir das kleine Willkommensgeschenk zeigt. Es stand vor der Haustür. Einfach so.

Heute nun sind der neue Pater und der gar nicht mehr so neue Pastor also mit dem Fahrrad unterwegs. Unterwegs, um die Pfarrei kennenzulernen. Die Corona-Krise sorgt dafür, dass plötzlich mehr weiße Stellen im Kalender auftauchen als sonst. Ziemlich ungewohnt, aber auch ganz schön. Start ist am Pfarrhaus Christus König, Bramstraße links ab, Östringer Weg, die Berningstraße hoch. Kloster Nette schenken wir uns an diesem Tag, denn das kennt Hermann Breulmann bereits. Genauso wie seinen Ordenskollegen, Pater Eberhard Fuhge. Lange Zeit in Afrika zu Hause, lebt der freundliche Mann heute als Hausgeistlicher bei den Netter Schwestern. Oben auf dem Berg liegt der Haster Friedhof. Herrlicher Sonnenschein, ein wunderbarer Blick über alte Bäume und gepflegte Gräber hinab ins Tal. Wir fahren weiter und machen den nächsten Halt beim Kreuzweg nach Rulle. Pater Breulmann, die letzten Jahre in den Metropolen Deutschlands daheim, in Hamburg, München und Berlin, freut sich, dass es solche alten Wege und Traditionen hier noch gibt.

Die Paul-Gerhardt-Kirche können wir natürlich nicht links liegen lassen. Dieses schöne kleine Gotteshaus steht da inmitten zahlloser blühender Frühlingboten, alles wie immer liebevoll gepflegt. Nach einem kleinen Exkurs über das gute Miteinander der Konfessionen in unserer Stadt landen wir, nicht ohne vorher die Landschaftsarchitekten der Hochschule zu bestaunen, im Garten von St. Angela. Wie alle, die zum ersten Mal hier sind, ist auch Hermann Breulmann fasziniert von diesem riesigen Areal zwischen Bramstraße und der gerade ziemlich gut gefüllten Nette. Ein kleines Paradies am Rande der Stadt. Der Park ist menschenleer, Schulgeräusche gibt es heute keine – ohne Unterricht, der ausfallen muss, auch kein Wunder. Im großen Labyrinth geht eine Ordensschwester umher. Was sie wohl denkt? Erlebt hat sie in ihrem Leben sicher schon so manches. Aber eine Zeit wie diese, in der plötzlich so vieles so anders ist? Das ist vermutlich auch für sie ganz neu.

Weiter fahren wir in die Dodesheide. Nach der Kreuzung Lerchenstraße/Haster Weg geht’s über den kleinen Padd (wissen Sie, welchen ich meine?) zur Franziskus-Kirche. Schon bei seinem ersten Besuch im November hatte der Jesuit aus Berlin die Schwarzkirche ins Herz geschlossen: »Grandioser Bau«, staunt Hermann Breulmann auch heute wieder. Und schiebt eine Frage hinterher: »Mögen die Leute diese Kirche?« Meine Antwort: »Kommt drauf an, wen man fragt!« Eine Kirche wie diese polarisiert. St. Franziskus tut es auch. Und zwar von Anfang an. Ich glaube aber, dass sich da was verändert. In letzter Zeit haben wir uns sehr intensiv mit dieser Kirche beschäftigt – und tun es immer noch: Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat, Liturgieausschuss, Pastoralteam und viele andere. Weil wir diesen Ort erhalten, ihn stärken und behutsam renovieren wollen. Wir machen uns Gedanken: Warum ist das hier so? Welche Idee steckt eigentlich dahinter? Nicht nur wir, immer mehr Menschen fragen sich das. Und haben Lust, St. Franziskus, »Frisco«, wie viele diese Kirche liebevoll (!) nennen, neu zu entdecken. Pater Breulmann nickt zufrieden. Und freut sich. So wie ich.

Vorbei am Senionrenzentrum, das wir zum Schutz der alten Menschen nicht betreten dürfen, und vorbei am Kindergarten fahren wir zum Waldfriedhof. Wir sehen renovierte Reihenhäuser. Gut sehen sie aus. Doch der Schein trügt. So manche Armut verbirgt sich hinter der frisch getünchten Fassade. Wie mag es den Menschen dort wohl gehen?, frage ich mich. Wie den Kindern, die auf keiner Terrasse, in keinem großen Garten spielen können, sondern vielleicht zu fünft in drei Zimmern leben müssen? Wir schweigen. Und fahren weiter, bis wir im Schatten der riesigen Friedhofskapelle vom Rad steigen. Ein Betonbau, umgeben von frischem Grün und blühenden Bäumen. Auch in den kommenden Tagen und Wochen wird es hier Beerdigungen geben. Die Behörden sagen: »Trauerfeiern bis auf weiteres nur im kleinsten Kreis!« Verständlich ist das und auch richtig. Aber was das für die Angehörigen bedeutet und wie das gehen soll – keiner weiß es.

Wir sind auf der Knollstraße angekommen und fahren weiter Richtung Bürgerpark, stehen neben der Gertudenkirche und blicken über die Stadt mit ihren markanten Türmen: Marienkirche, Dom, St. Katharinen, Iduna-Hochhaus. Jede Zeit setzt halt ihre eigenen Akzente … Der Bürgerpark hat es Pater Breulmann sofort angetan. »Was für ein wunderbarer Ort«, schwärmt er. Ich ahne, dass man ihn hier öfter finden wird. Ein paar Meter vom Katharina-von-Bora-Haus entfernt (früher hieß es noch »Haus am Bürgerpark« und hatte in den 1960er und 70er Jahren eine begeisterte Kuchen- und Tortenbäckerin: meine Oma!), schaut man auf die Türme von Matthäus und Heilig Geist. Wie zwei Geschwister stehen sie da, die ganz selbstverständlich zueinander gehören.

Auf dem Wochenmarkt war Pater Breulmann schon des öfteren – ein Kleinod mitten auf dem Sonnenhügel –, wir fahren also weiter und stehen vor der Heilig-Geist-Kirche. Etwas Zeit ist noch, bevor der Spediteur mit den letzten neuen Möbeln kommt. Als wir den Raum betreten, spielt der Organist ein Lied, das kaum passender sein könnte als an diesem Ort, als zu dieser Zeit: »Heilger Geist, o Tröster mein, kehr in unsre Herzen ein!« Wir setzen uns. Hören zu. Und merken beide: ein ganz besonderer Moment. Gänsehaut.

Hätte mir vor zwei Wochen jemand gesagt, dass ich eine Gänsehaut kriege, wenn die Orgel ein altes Heilig-Geist-Lied spielt – ich hätte definitiv abgewunken. Und noch weniger gedacht, wir schnell mir das alles fehlen würde: das gemeinsame Feiern, die vertrauten Gesichter, die Messdiener, die mit Spaß dabei sind, die Lektorin, die so gerne Gottes Wort verkündet, der Blick in Reihe 5, wo ich schon weiß, wer da meistens sitzt … Aber so ist es gerade. Und nicht nur mir geht es so. Auch Hermann Breulmann erlebt das ähnlich. Noch weiß er zwar nicht, wer in Reihe 5 sitzt oder oben an der Orgel. Auch nicht, welchen Spaß man im Altarraum haben kann, wenn mal wieder irgendwer nicht den Kelch bringt, sondern das Handtuch oder wenn der Pastor – obwohl er es den Messdienern schon so oft erklärt hat – am Ende selbst falsch um den Altar läuft. Noch weiß Pater Breulmann es nicht – jedenfalls nicht aus dieser Gemeinde –, aber er wird es kennenlernen. Und er wird sie mögen – die Leute hier. Leute wie jene, die die Orgel von draußen  hören und mal eben gucken wollen, Leute, die eine Kerzen entzünden und sich freuen, jemanden zu treffen – an Tagen wie diesen …

Geplant war es nicht. Reiner Zufall. Dass wir aber just in dem Augenblick die Kirche betreten, da der Organist sie mit wunderbaren Klängen füllt – ist ein Geschenk. Eines, das wehmütig macht. Und froh. Wehmütig, weil gerade alles anders ist. Und froh, weil wir spüren, Hermann und ich: Bei allem, was ist, bei allem, was ins Wanken gerät – wir haben einen Grund, auf dem wir stehen. Und einen Gott, der uns zum Tröster wird. Als wir beide am Morgen losgefahren sind, hatten wir eine Fahrradtour geplant. Am Ende aber haben wir nicht nur viel gesehen – wir sind beschenkt worden. Durch viele Eindrücke. Orte. Menschen. Und ein Lied. Fahren Sie doch auch mal wieder mit dem Rad …

Alexander Bergel
17. März
.

.
Bernhard Stecker, unser ehemaliger Pfarrer und seit September 2019 Propst in Bremen, denkt darüber nach, was Hoffnung ist. Und lädt dazu ein, etwas auszuprobieren, was ungewohnt, vielleicht sogar peinlich ist. Aber nicht nur das.

Seine ermutigenden Gedanken vom 16. März – verbunden mit einem herzlichen Gruß aus Bremen – finden Sie hier.
.

.
»Im Ernst? Bis Ostern? Und sogar noch länger?! Das kann doch wohl nicht wahr sein …« Vielleicht denken Sie das gerade. Und können es nicht fassen. Alles dicht: Kirche, Pfarrheime, Jugendräume. Keine Gottesdienste, keine Treffen, keine Gruppenstunden, keine Sitzungen, nichts mehr. Schulen zu, Kitas geschlossen. Wer hat so etwas schon mal erlebt? Vermutlich niemand. Jedenfalls nicht so. Nicht in der Form. Nicht mit diesen Konsequenzen.

Es ist eine ziemlich irreale Zeit. Keiner will sie, die zunehmend um sich greifende Verunsicherung. Keiner will Hamsterkäufe, die Angst also, irgendwann nicht mehr genug zum Leben zu haben. Aber einfach so darüber hinweg gehen – das will auch keiner. Und es geht auch nicht. Also: Handeln. Besonnen handeln. Sich zurückziehen, so es denn geht. Und warten.

Vor einigen Jahren hatte das Bistum das »Jahr des Aufatmens« ausgerufen. »Schaut auf das, was wirklich wichtig ist«, lautete die Devise. »Schaltet einen Gang zurück. Macht die Dinge anders, vielleicht tiefgründiger. Lasst Überflüssiges weg!« Wie das mit solchen Aktionen oft ist – sie gelingen mehr oder weniger gut. Jetzt aber stehen wir in einer Zeit, in der wir nicht anders können als anzuhalten, einen Gang zurückzuschalten, Dinge zu lassen.

Das kirchliche Leben liegt fast brach. Nur das Nötigste wird noch stattfinden können: Einzelseelsorge, Krankensalbungen, Beerdigungen. Die großen und kleinen Gottesdienste fallen aus. Und dann stellt sie sich unweigerlich, die Frage: Halte ich das aus? Mehrere Wochen keine gemeinsame Feier. Kein gemeinsames Hören des Wortes Gottes. Kein Teilen von Brot und Wein. Wird mir was fehlen?

Vielleicht kann diese Zeit, von der noch keiner genau weiß, wie lange sie dauern wird, vielleicht kann diese Wüsten-Zeit zu einer Zeit der ganz besonderen Erfahrung werden. Der Blick in die Bibel zeigt: Wüsten-Zeiten – das sind harte Zeiten. Zeiten, die vieles ins Wanken bringen. Wüsten-Zeiten sind Zeiten der Suche, des Aushaltens, des Fragens, des Zweifelns – aber sie sind ebenso Zeiten des Findens, des Erfahrens und des Vertrauens.

Vielleicht finden Sie in dieser Zeit, in der Sie sich viele Sorgen machen um Ihre kleinen Kinder oder Ihre alten Eltern oder auch um sich selbst, vielleicht finden Sie in dieser Zeit der geistlichen Wüste in all dem und durch all das hindurch auch ganz neue Einsichten, neue Antworten. Vielleicht entdecken Sie an sich ganz neue, ungeahnte Kräfte. Und vielleicht finden Sie in diesen Tagen und Wochen ganz viel Neues, das Sie nicht erwartet hätten …

Bleiben Sie tapfer!
Und hoffentlich auch gesund!.

Alexander Bergel
13. März
.

.
In jenen Tagen
waren Worte des Herrn selten,
Visionen waren nicht häufig.
Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen.

1 Sam 3, 1.3

An Tagen wie diesen,
an denen wir spüren,
wie verletzlich wir sind,

an Tagen wie diesen,
an denen wir nicht mehr gemeinsam
Gottes Wort hören,
nicht mehr gemeinsam
Brot und Wein miteinander teilen können,

an Tagen wie diesen,
an denen jeder
auf sich selbst geworfen ist –

auch
an Tagen wie diesen
ist seine Lampe
nicht erloschen.

Beim Tabernakel steht
und leuchtet
sie.

An Tagen wie diesen
könnten wir im Schein dieser Lampe versuchen,
dem verborgenen Gott
neu zu begegnen.
Ihm alles hinzuhalten,
was uns ängstigt und sorgt.
Und ihm die Menschen anzuvertrauen,
die krank sind
oder isoliert,
alle, die sich sehnen
nach Licht in ihrer Finsternis

Und wir könnten ihnen selbst
zu einem solchen Licht
im Dunklen werden.
Macht Not nicht auch erfinderisch?

Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes
wird uns besuchen
das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
um allen zu leuchten,
die in Finsternis sitzen
und im Schatten des Todes.

Lk 1, 78

Alexander Bergel
13. März
.

.

Statements, Interviews & Diskussionen

.
Corona hat Einfluss auf fast alle Lebensbereiche. Als zu Beginn der Pandemie Kirchen für öffentliche Gottesdienste geschlossen wurden, wurde gesagt, sie seien nicht systemrelevant. Benedikt Jürgens hat die Kirche seitdem genau beobachtet.

Das Interview mit dem Leiter des Kompetenzzentrums »Führung« am Zentrum für angewandte Pastoralforschung vom 23. Februar auf domradio.de können Sie hier lesen.
.

.
Angesichts des Reformstaus läuft die Mitte der Kirche davon, diagnostiziert der Kirchenrichter Martin Zumbült aus Münster. Ein Grund ist seiner Ansicht nach, dass die Kirchenleitung auch bei akzeptierten Realitäten wie der Laienpredigt noch Diskussionsbedarf sieht. „Nehmt die Menschen in der Kirche ernst“, fordert er.

Den Kommentar in der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche + Leben vom 16. Februar finden Sie hier.
.

.
Die Skandale rund um den Kölner Kardinal Woelki zeigten genau, wie das System der katholischen Kirche funktioniere, sagte Lisa Kötter, Mitgründerin der Bewegung Maria 2.0, im Deutschlandfunk. Es gehe um Macht, Geld und Einfluss. Ein Neuanfang bei Aufarbeitung könne nur durch die Erschütterung des ganzen Systems gelingen.

Das Gespräch mit Rainer Brandes vom 13. Februar können Sie hier lesen und hören.
.

.
Der Fall des Kölner Kardinals Woelki offenbart einmal mehr: Als klerikale Parallelgesellschaft passt die katholische Kirche nicht zur liberalen Demokratie. Der Staat darf nicht länger wegschauen.

.

.
Seit einem Jahr läuft der Synodale Weg. Eine Mehrheit der Teilnehmer will konkrete Beschlüsse zur Reform der Kirche in Deutschland. Einen Bericht über den aktuellen Stand vom 6. Februar finden Sie hier.

Dieser Weg ist kein Spaziergang: Nach der Online-Konferenz des Synodalen Wegs sprechen Bischof Georg Bätzing und ZdK-Präsident Thomas Sternberg über Schwierigkeiten, die den Prozess begleiten, über die Missbrauchsaufarbeitung – und kündigen für den Herbst konkrete Ergebnisse an. Das Interview vom 6. Februar können Sie hier lesen.

Vielfach diskutiert wurde in den vergangenen Wochen auch das Verhalten des Erzbischofs von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki, der ein Gutachten zur Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe in Auftrag gab, dieses aber – wie er sagte – »aufgrund methodologischer Mängel« bisher unter Verschluss hielt und ein weiteres Gutachten in Auftrag gab. Kardinal Woelki hat sich in diesen Tagen dazu geäußert. Einen Bericht darüber finden Sie hier.

Kardinal Woelki mache bei der Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt an Kindern im Erzbistum Köln von einer katholischen Kulturtechnik Gebrauch: Er simuliere Reue, kommentiert Christiane Florin im Deutschlandfunk. Was tatsächlich geschah, wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene Opfer wurden, sei immer noch nicht aufgeklärt. Den Kommentar vom 5. Februar finden Sie hier.

Es habe sich bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche eine Menge getan, sagte Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, im Deutschlandfunk. Das Gebaren des Kölner Kardinals Woelki sei hingegen »katastrophal« und untypisch für die Entwicklungen in der Kirche. Das Interview vom 6. Februar können Sie hier lesen und hören.

Auch wenn er Zweifel nachvollziehen könne: Es sei nicht möglich, das erste Missbrauchsgutachten »in klarer Kenntnis von Rechtsverletzung« zu veröffentlichen, betont Kardinal Woelki. Doch in fünf Wochen lägen die Fakten auf dem Tisch. Wie der Erzbischof von Köln die aktuelle Lage bewertet, finden Sie in diesem Artikel vom 7. Februar.

Grundlegendes und Weiterführendes zum Synodalen Weg finden Sie hier sowie auf der Bistumshomepage.

Und was bedeutet das für uns? Bereits vor einem Jahr hat sich Pfarrer Alexander Bergel Gedanken dazu gemacht. Die Akteure scheinen dieselben zu bleiben. Die Fragen auch. Wird es Antworten geben? Den Text der Predigt können Sie hier lesen.
.

.
Vor etwa einem Jahr traf sich in Frankfurt zum ersten Mal die Vollversammlung des Synodalen Wegs. 230 Menschen, geweihte und nicht geweihte, diskutierten über die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland. Der Synodale Weg ist ein mehrjähriger Prozess, eine organisierte Debatte zwischen Bischöfen und Laien. Schaut man in die Geschlechterstatistik des Plenums, dann steht da: 159 Männer, 70 Frauen, eine diverse Person.

Diese eine diverse Person ist Mara Klein, Jahrgang 1996. Lehramtsstudent*in für die Fächer katholische Religion und Englisch. Was Mara Klein vor einem Jahr im Plenum sagte, ließ aufhorchen. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hatte gerade erklärt, dass er sich in der Reformversammlung unwohl fühlte als konservativer Gottesmann. Da nahm Mara Klein erkennbar allen Mut zusammen, ging ans Mikrofon und erklärte das eigene Unwohlsein.

Ein Gespräch mit Maria Klein, das Christiane Florin am 29. Januar im Deutschlandfunk geführt hat, können Sie hier lesen und hören.
.

.
In Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz ab 200 gelten verschärfte Corona-Maßnahmen. Das betrifft aber nicht die Gottesdienste. Nach wie vor überlassen die Länder die Entscheidung über eine Absage den Kirchen.

Eine Zusammenstellung der Regeln und Entwicklungen vom 16. Januar finden Sie hier.
.

.
Die katholische Ethikerin Hille Haker, die in den USA lebt und lehrt, teilt aktuelle Eindrücke und Einschätzungen zum Sturm auf das Kapitol … und die US-Demokratie.

Ihre Gedanken vom 8. Januar finden Sie hier.
.

.
Missbrauch oder Lebensschutz: Verliert die Kirche in einem Punkt das Vertrauen, tut sie das auf allen Ebenen. Domradio.de-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen meint: Um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen braucht die Kirche einen Befreiungsschlag.

Seinen Kommentar vom 27. November können Sie hier lesen und hören.
.

.
Ungewissheit mit Blick auf Weihnachten, Sorge in der Corona-Pandemie, eine Kirche zwischen Aufruhr und Resignation – könnten wir nicht einfach noch mal neu anfangen? Können wir, meint Jens Joest, Redakteur der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche + Leben. Gerade dieser Advent bietee die Chance dazu.

Seine Gedanken vom 27. November finden Sie hier.
.

.
Der Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach bringt mit seinem Theaterstück »Gott« ein brisantes Thema auf die Bühne, die Frage nämlich: Ist Sterbehilfe erlaubt? Und wenn ja: unter welchen Bedingungen? Das Bundesverfassungsgericht hatte Anfang des Jahres in einem Grundsatzurteil verkündet, dass das 2015 eingeführte Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gegen das Grundgesetz verstoße. Es gebe ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben.

Auf dieses Urteil nimmt von Schirach Bezug. Er stellt die Frage, ob ein Mann, der nicht mehr leben möchte, selbstbestimmt sterben darf. Eine Diskussion auf unterschiedlichen Ebenen entsteht. Am Ende soll das Publikum entscheiden.

Eine Zusammenstellung verschiedener Sichtweisen und einige Grundlagendokumente finden Sie hier.
.

.
Schrumpfende Mitgliedszahlen, Pastorenmangel, sinkende Kirchensteuereinnahmen: Die großen christlichen Kirchen in Deutschland stehen vor zahlreichen Problemen. Wie kann es gelingen, den christlichen Glauben und die Kirchen zukunftsfähig zu machen? Welche Veränderungen sind nötig, und was können Christinnen und Christen in den Gemeinden tun? Ist es mehr als 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers an der Zeit für eine neue Reformation?

Die Gesanken von Stefan Jürgens vom 31. Oktober können Sie hier lesen und hören.
.

.
Warum stört die Maske so sehr? Im Rückblick auf ein halbes Jahr mit der Atemmaske unternimmt Juliane Link, Kulturwissenschaftlerin und Referentin in der Katholischen Studierendengemeinde Berlin, den Versuch einer Annäherung an ein zentrales Corona-Phänomen.

Ihre Gedanken vom 29. Oktober können Sie hier lesen.
.

.
Papst Franziskus spricht sich für eine rechtliche Absicherung homosexueller Partnerschaften aus. Der Moraltheologe Martin M. Lintner erkennt darin ein Umdenken des Lehramts und ist gespannt, zu welchen Folgen diese Aussagen innerhalb der Kirche führen werden – auch beim Thema Segen.

Das Interview vom 24. Oktober können Sie hier lesen.
.

.
Der Dominikaner-Theologe Yves Congar veröffentlicht 1950 einen wirkungsgeschichtlich folgenreichen Klassiker französischsprachiger Ekklesiologie. Wir brauchen keine Gurus, sondern Geduld. Was das für unsere gegenwärtige Diskussion bedeuten könnte, danach fragt der Jesuit Dag Heinrichowski.

Den Artikel vom 4. September können Sie hier lesen.
.

.
Der Nürnberger Stadtdekan Hubertus Förster spricht über die Herausforderungen in einer Stadt, in der Christen in der Minderheit sind, und seine Vorstellung von einer veränderten Kirche.

Das Interview vom 29. August können Sie hier lesen.
.

.
Unter anderem in Deutschland wird wegen des Priestermangels mit unterschiedlichen Formen der Gemeinde- und Pfarreileitung experimentiert. Dem schiebt der Vatikan jetzt mit einer neuen Verordnung einen Riegel vor. Er lehnt Leitungsverantwortung für Laien, wie sie zum Beispiel unsere ehemalige Pastorale Koordinatorin Christine Hölscher nun in Bad Iburg und Glane wahrnimmt, ab – und noch manches mehr.

Der Tag der Veröffentlichung der Instruktion, der 29. Juni, also das Hochfest der Apostel Petrus und Paulus, ist sicher nicht zufällig gewählt. Beim Tag der Entgegnung durch unseren Bischof, dem 22. Juli, also dem Fest der Apostelin Maria Magdalena, sollte man einen ähnlichen Vorsatz zumindest nicht ganz ausschließen …

Die Instruktion »Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche« vom 29. Juni können Sie hier nachlesen.

Eine Zusammenfassung und Einordnung vom 20. Juli finden Sie hier.

Wie Markus Nolte, Chefredakteur der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche + Leben in seinem Kommentar vom 20. Juli die Lage bewertet, können Sie hier nachlesen.

Über deutschlandweite Reaktionen berichtet dieser Beitrag vom 21. Juli.

Eine sehr klare Stellungnahme geben auch Bischof Franz-Josef Bode und der Sprecher des Osnabrücker Priesterrats, der Bremer Propst Bernhard Stecker, ab. Den Artikel vom 22. Juli finden Sie hier.

Der Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, hingegen begrüßt die römische Instruktion und sieht darin wertvolle Perspektiven. Den Artikel vom 23. Juli können Sie hier nachlesen.

Ludwig Schick, der Erzbischof von Bamberg, nimmt eine  theologische Bewertung der Instruktion vor, die einer Ohrfeige für die Verfasser in Rom gleich kommt. Sein Statement vom 23. Juli finden Sie hier.

Eine leitende Ordensfrau findet bewegende Worte für das, was sie da aus Rom hören muss. In Maria von Magdala findet sie eine Verbündete. Ihre Gedanken, veröffentlich am 23. Juli in der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche + Leben, finden Sie hier.

Eine Einordnung und Bewertung der Lage nimmt Thomas Schüller, Professor für Kirchenrecht in Münster, vor. Das Interview im Deutschlandfunk Kultur vom 25. Juli können Sie hier lesen und hören.

»Ein Papier der Hilflosigkeit« nennt Christiane Florin im Deutschlandfunk die Instruktion aus Rom. Im Interview vom 27. Juli mit Georg Essen, Theologieprofessor in Berlin, geht sie der Frage nach, warum das so ist. Das Interview können Sie hier nachlesen.

Gerhard Feige, der Bischof von Magdeburg, wendet sich in einem Schreiben vom 27. Juli an die Christinnen und Christen in seinem Bistum und findet ermutigende Worte. Seinen Brief können Sie hier nachlesen.

Der Präfekt der Kleruskongregation, Kardinal Beniamino Stella, bemängelt eine reduzierende Rezeption des Textes. Im Mittelpunkt stehe die Eucharistie. Seine Sicht der Dinge können Sie in diesem Artikel vom 29. Juli nachlesen.

Die Kleruskongregation bietet den deutschen Bischöfen Gespräche über die römische Instuktion an, “wenn sie das wünschen”. Weitere Details finden Sie in diesem Bericht vom 29. Juli.

Wie es zur neuen Vatikan-Instruktion gekommen ist, können Sie in diesem Artikel von Burkhard Jürgens vom 29. Juli nachlesen.

Im Interview mit dem Weser-Kurier vom 31. Juli äußert sich auch der Bremer Propst Bernhard Stecker zu den Folgen der Instuktion aus Rom. In dem Gespräch geht es aber vor allem um die Frage der priesterlichen Identität. Den Artikel finden Sie hier.

Die Position von Bernhard Stecker hat nun auch über die Stadt- und Bistumsgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt. Den Artikel der Katholischen Nachrichten-Agentur in der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche + Leben vom 31. Juli können Sie hier lesen.

Unter der Überschrift »Kein Priester, kein Mann: Wie eine Äbtissin ihre “Pfarrei” leitet« finden Sie hier im Interview mit Schwester Franziska vom 31. Juli interessante Einblicke in die Abtei Dinklage unter den Vorzeichen der römischen Instruktion.

»Wir brauchen jetzt einen konstruktiven Dialog mit Rom«, sagte Bischof Franz-Josef Bode dem Evangelischen Pressedienst. Den Artikel vom 1. August können Sie hier lesen.

Viele Reaktionen auf die Vatikan-Instruktion zu Gemeindereformen fielen scharf aus. Der Münchner Kirchenrechtler Stephan Haering kann das nicht nachvollziehen: Leitung ohne sakramentalen Rückhalt sei nicht möglich. Den Artikel vom 11. August finden Sie hier.

Für Laien vor allem Pflichten, aber kaum Rechte: So sehen die Katholiken-Vertreter in Frankfurt und Wiesbaden das im Juli veröffentlichte Vatikan-Papier zur Gemeindeleitung. Jetzt machten sie ihrem Ärger über die Instruktion Luft. Den Artikel vom 12. August können Sie hier nachlesen.
.

.
Vor 150 Jahren verkündete Papst Pius IX. das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Sie finden hier einige Artikel und Beiträge, die sich mit diesem bis heute heiß diskutierten Thema beschäftigen.

150 Jahre Erstes Vatikanum: Das Ringen um die päpstliche Unfehlbarkeit
Den Artikel vom 8. Dezember 2019 finden Sie hier.

Der lange Schatten des Ersten Vatikanischen Konzils
Den Artikel vom 13. Dezember 2019 können Sie hier nachlesen.

Umstrittenes Dogma
Die Radiosendung von Matthias Drobinski vom 5. Juli können Sie hier hören.

Lehramt durch Unfehlbarkeit in der Sackgasse
Die Meinung des alt-katholischen Bischofs Matthias Ring vom 19. Juli finden Sie hier.

Wie der Papst unfehlbar wurde
Ein Interview mit dem Kirchengeschichtler Hubert Wolf vom 15. Juli können Sie hier nachlesen.
.

.
Den Kirchen in Deutschland steht eine dramatische Entwicklung bevor. Claudia Pfrang, Direktorin der Domberg-Akademie der Erzdiözese München und Freising und Lehrbeauftragte für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt, empfiehlt, bei vorhandenen Ressourcen anzusetzen und Zufälle zu nutzen.

Den Artikel vom 30. Juni finden Sie hier.
.

.
So viele Katholiken wie noch nie seit Gründung der Bundesrepublik haben 2019 die Kirche verlassen.

Eine Analyse der Gründe und welche Folgen das haben wird, können Sie hier in einem Artikel vom 26. Juni lesen.
.

.
Wochenlang kein öffentlicher Gottesdienst, seelsorgliche Möglichkeiten eingeschränkt: Fehlte der Gesellschaft etwas? Die Corona-Krise hat die Diskussion um die Relevanz der Kirchen neu entfacht. Ulrich Waschki, Chefredakteur der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück, macht in seinem Gast-Kommentar klare Faktoren dafür aus, warum ihre Bedeutsamkeit so zurückgegangen ist: Ihr fehle etwas ganz Entscheidendes.

Den Artikel in der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche + Leben vom 23. Juni können Sie hier nachlesen.
.

.
Endlich wird mit den Gläubigen geredet! Doch nach Ansicht des Paderborner Theologen Eugen Drewermann, der in diesen Tagen 80 Jahre alt wird, reicht der Synodale Weg als Reformprozess nicht aus. Denn um die Glaubenskrise unserer Tage zu lösen, müsste die Kirche ganz anders über Gott und den Menschen zu sprechen lernen.

Das Interview mit ihm vom 20. Juni können Sie hier nachlesen.
.

.
Diese Frage stellt Heiner Wilmer, der Bischof von Hildesheim. Und er fragt sich, ob nicht manches ganz neu bedacht werden muss.

»Im Moment liegt vielleicht die Gefahr darin, dass wir uns zu sehr in organisatorischen Details verlieren. Die sind wichtig und natürlich ist es wichtig, darüber nachzusinnen, wie geht Abstand, wie geht Sicherheit, wie beginnen wir wieder Gottesdienste? Was geht, was geht nicht, wo müssen wir aufpassen? Wie geht auch Seelsorge noch einmal vor Ort in den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen, in den Altenheimen und in den Schulen? Das ist ganz wichtig, aber Corona schiebt uns auch an, über Grundsätzliches nachzudenken und eine der grundsätzlichen Fragen lautet doch: Wozu sind wir als Kirche da? Wozu sind wir als Institution da und wozu hilft der Glaube? Was ist der Kern der Botschaft Jesu?«

Den Artikel vom 8. Juni können Sie hier nachlesen.
.

.
Der Jesuit Bernd Hagencord, Leitender Redakteur bei Vatican News, schreibt: »Wir erleben gerade so etwas wie eine ‘Entkirchlichung auf Probe’. Was wir im Augenblick durchlaufen, wird in zehn Jahren normal sein. […]

Wir können das nun als Bedrohung wahrnehmen. Eine Bedrohung des Status, der Relevanz, der Bedeutung. Oder aber als Realitätscheck, um zu fragen, wie genau wir eigentlich Kirche sein wollen im 21. Jahrhundert.«

Den Artikel vom 1. Mai können Sie hier lesen.
.

.
»In Zeiten einer Pandemie wird […] Aberglaube, wenn er auf naive Seelen trifft, im wahrsten Sinn des Wortes gemeingefährlich.« Meint Dr. Gunter Prüller-Jagenteufel, Professor für Theologische Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Seinen Artikel vom 2. Mai können Sie hier lesen.
.

.
Die Diskussion nimmt immer mehr Fahrt auf: Sollen wir wieder öffentlich Gottesdienst feiern? Und wenn ja: wie? Während manche sehr laut und sehr stark fordern, dass es bald wieder losgehen müsse, fragen sich andere, ob das sinnvoll ist. Sehr spezielle Regeln wären die Folge: Teilnehmerbegrenzung, massive Hygieneregelungen und vieles mehr.

Nun hat die Niedersächsiche Landesregierung die Feier öffentlicher Gottesdienste wieder erlaubt. Das Bistum hat in einem Maßnahmenkatalog vom 5. Mai Kriterien festgelegt, nach denen solche Gottesdienste ab dem 11. Mai wieder möglich sind. Die Gemeinden vor Ort werden sich dazu verhalten und dann Entscheidungen treffen müssen – für oder gegen den Wiederbeginn öffentlicher Gottesdienste.

Im Pastoralen Team haben wir darüber beraten, auch in den Gremien ist es Thema. Eine Entscheidung für unsere Pfarrei ist nun gefallen. Immer ging und geht es um Fragen wie diese: Was ist sinnvoll? Was verantwortungsbewusst? Was hilft uns weiter? Und: Wenn es wirklich wieder öffentliche Gottesdienste geben soll, muss es dann die Eucharistiefeier sein? Der Blick auf die massiven Hygienevorschriften legt diese Frage nahe. Sind andere Formen daher nicht vielleicht sinnvoller: Wort-Gottes-Feiern, Tagzeitenliturgie? Und etwas grundsätzlicher: Wie können wir in dieser Krise als Kirche glaubhaft das tun, was wichtig und richtig ist? Wie stehen gefeierte Liturgie und verkündeter und gelebter Glaube in einem positiven Spannungsfeld?

Sie finden hier einige Beiträge und Meinungen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Wir werden diese Seite in der kommenden Zeit laufend ergänzen.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki fordert die baldige Erlaubnis zur Feier öffentlicher Gottesdienste. Einen Bericht vom 15. April über seine Maßnahmen und die Meinung anderer Bischöfe lesen Sie hier.

Sind unsere Gottesdienstausfälle nicht Luxusprobleme? Mit dieser Frage beschäftigt sich Gerhard Feige, der Bischof von Magedburg. Seine Gedanken dazu vom 20. April können Sie hier lesen.

In einem weiteren Beitrag vom 27. April spricht Feige gar von einem Pyrrhussieg. Das Interview im Wortlauf finden Sie hier.

Einen Bericht über den ersten öffentlichen Gottesdienst in Leipzig vom 21. April finden Sie hier.

Auch andernorts stellen sich die Verantwortlichen dieser Frage. Einen Bericht über Gottesdienste in unseren Nachbarländern vom 22. April finden Sie hier.

»Was ist mit Lieschen Müller?« In seinem Video vom 22. April stellt sich Carsten Leinhäuser diese Frage. Und gibt ein paar Antworten.

Wenn es wieder zu öffentlichen Gottesdiensten kommt, geht das nicht ohne entsprechende Hygienemaßnahmen. Was das bedeutet, zeigt der Blick auf die Verordnung des Bistums Erfurt vom 23. April. Einen Bericht darüber können Sie hier lesen.

Ähnlich lesen sich die Empfehlungen der Deutschen Bischofskonferenz zur Feier der Liturgie in Zeiten der Corona-Krise vom 24. April. Das Dokument finden Sie hier.

Eine grundsätzliche liturgietheologische Überlegung unter der Überschrift »Das Coronavirus als liturgischer V-Effekt« finden Sie hier.

Kirchliches Leben in Zeiten von Corona – darüber macht sich Stefan Heße, der Erzbischof von Hamburg, Gedanken. Auch zur Frage öffentlich gefeierter Gottesdienste äußert er sich sehr differenziert. Das Video können Sie hier anschauen.

»Hinten anstellen!« Im Wort zum Sonntag vom 25. April legt Christian Rommert seine Sicht der Dinge dar. Hier können Sie es hören.

Sonntags wieder Messe feiern? Zu dieser Frage äußert sich auch Martin Stuflesser, Professor für Liturgiewissenschaft in Würzburg. Den Artikel vom 28. April finden Sie hier.

Vorerst keine Eucharistiefeiern! Welchen Weg das Bistum Würzburg beschreiten will, lesen Sie hier.

»Es wäre ein befreiendes Zeichen der Solidarität, wenn Kirche noch auf öffentliche Gottesdienste verzichtet.« Meint Bernd Hillebrand, Professor für Praktische Theologie in Freiburg. In seinem Artikel vom 28. April können Sie lesen, warum.

Hier lesen Sie einen Bericht über den ersten öffentlichen Gottesdienst im Kölner Dom vom 3. Mai.

Wie es aussieht, wenn ein Bischof ernst macht und auf Gottesdienste vorerst verzichtet, können Sie im Hirenbrief von Bischof Gerhard Feige vom 6. Mai nachlesen.

»Kein Bischof verordnet böswillig eucharistische Diät«, sagt Martin Stuflesser, Professor für Liturgiewissenschaft in Würzburg. Er berichtet von ersten Erfahrungen mit öffentlich gefeierten Gottesdiensten, freut sich über viel Kreativität in den Gemeinden, gibt aber auch zu bedenken, welche Gefahren ein Gottesdienstbesuch nach wie vor mit sich bringt. Den Artikel vom 19. Mai finden Sie hier.

Er habe nach wie vor »große Bedenken«. Dennoch lässt der Bischof von Magedburg in seinem Bistum wieder öffentliche Gottesdienste zu. Wenngleich er einen Verzicht auch weiter für möglich und angemessen hält. Den Artikel vom 22. Mai können Sie hier lesen.

Sie möchten darüber ins Gespräch kommen oder Ihre Meinung sagen? Schreiben Sie uns gerne einen Brief, rufen Sie uns an oder schreiben Sie eine Mail an alexander.bergel@christus-koenig-os.de.oder an pgr@christus-koenig-os.de
.

.
Im Ausnahmezustand der Pandemie hat der Staat die Religionsfreiheit beschränkt. Anders als in religionsfeindlichen Diktaturen hat er aber weder allein das Glaubensleben noch einen bestimmten Glauben untersagt. Es wurde verboten, sich in Kirchen, Synagogen und Moscheen zu versammeln, andere Versammlungen sind gleichfalls verboten. Gottesdienstzelebranten und ihre Gemeinden werden also nicht spezifisch benachteiligt. Das Flatten-the-Curve-Ziel mutet allen Entbehrungen zu, auch den Fußballclubs, den Unternehmen und der freien Kunstszene. Die Kirchen haben keinen Grund, besonders laut zu jammern.

Meint Christiane Florin. Ihren Artikel vom 18. April über die aktuelle Diskussion, öffentliche Gottesdienste und andere noch grundsätzlichere Themen finden Sie hier.
.

.
Das Gebet als Ernstfall der Gottesfrage? Der Wiener Fundamentaltheologe und Philosoph Kurt Appel unternimmt angesichts der Corona-Pandemie eine Reflexion auf das Gebet und stellt die Frage nach dem Gottesverständnis: An welchen Gott glauben Christinnen und Christen eigentlich?

Die Gedanken vom 16. April finden Sie hier.
.

.

.
Ist die Corona-Pandemie eine Chance für die Kirche? Für mehr Verkündigung, mehr Nächstenliebe oder mehr Frauen? Nein, kommentiert Björn Odendahl – und warnt vor einer Verzweckung der aktuellen Krise.

Den Kommentar vom 15. April finden Sie hier.
.

.
Er findet es nicht so gut, wenn in der Coronakrise jeder Priester aus irgendeiner kleinen Kapelle oder aus dem Wohnzimmer streamt, sagte Heiner Wilmer am 12. April im Interview der Woche im Deutschlandfunk.

Wie er Seelsorge in dieser speziellen Zeit versteht und was ihm leere Kirchenbänke für die Zeit danach sagen, darüber spricht der Bischof von Hildesheim mit Christiane Florin. Das Interview finden Sie hier.
.

.
Ostern feiern, wie wir es gewohnt sind, ist in diesem Jahr nicht möglich. Da ist es vielleicht ganz gut, sich daran erinnern zu lassen, dass wir nicht nur einmal im Jahr Ostern feiern können und auch nicht nur einmal in der Woche am Sonntag – sondern täglich.

Was das genau bedeutet, verrät Ingrid Fischer aus dem Erzbistum Wien hier.
.

.
Im Interview erläutert der Kölner Liturgiewissenschaftler Alexander Saberschinsky, warum Palmzweige so beliebt sind. Er beschreibt die Kraft, die von ihnen ausgehen kann und warnt vor magischen Missverständnissen.

Das Interview vom 5. April auf domradio.de finden Sie hier.
.

.
Die Krise ist virulent. Corona prägt unseren Alltag und Feiertag, auch weil Grenzen erfahrbar werden. Unser durchgetaktetes Leben ist aus dem Rhythmus geraten. Das Virus rüttelt lautlos und zugleich vehement an Tabus, an den Gefühlen menschlicher Schwäche und Begrenztheit. Reduktion allenthalben. Plötzlich prägt der Verzicht die Fastenzeit auf eine religiöse und zugleich säkulare Weise. Ist das alles einfach nur verrückt oder zeigt die Corona-Krise auch, wie es vielleicht anders ginge?

Das Gespräch von Florian Breitmeier mit dem Theologen Gotthard Fuchs auf NDR Kultur vom 22. März können Sie hier hören und nachlesen.
.

.
Erst kamen die Nachrichten darüber, was alles ausfällt: Sonntagsgottesdienste, Erstkommunionen, Konfirmationen, Hochzeiten, Karfreitag und Ostern. Und natürlich alle Gruppentreffen vom Chor über den Seniorenkaffee bis zu den Pfadfindern. Im Tiefschlaf versunken sind die Kirchen trotzdem nicht. Im Gegenteil. Im Gespräch mit Susanne Haverkamp berichten evangelische und katholische Geistliche von ihren Erfahrungen der letzten Tage. Und was trotz allem noch möglich ist.

Den Artikel vom 21. März können Sie im Original auf der Homepage der NOZ oder – wenn Sie keinen Online-Zugang haben – auch direkt hier lesen:

Erst kamen die Nachrichten darüber, was alles ausfällt: Sonntagsgottesdienste, Erstkommunionen, Konfirmationen, Hochzeiten, Karfreitag und Ostern. Und natürlich alle Gruppentreffen vom Chor über den Seniorenkaffee bis zu den Pfadfindern. Im Tiefschlaf versunken sind die Kirchen trotzdem nicht. Im Gegenteil.

„Ich fahre nachher nochmal unsere Kirchen ab“, sagt Alexander Bergel. Drei gehören zu seiner Pfarrei, neben Christus König in Haste auch Heilig Geist und St. Franziskus in der Dodesheide und im Stadtteil Sonnenhügel. „Alle Türen stehen offen, weit offen sogar“, sagt er, „und ich habe den Eindruck, dass noch mehr Kerzen brennen als sonst.“ Wenn er auf dem Vorplatz oder in der Kirche jemanden sieht, hält er natürlich Abstand. „Aber die Leute freuen sich trotzdem über ein freundliches Nicken oder ein kurzes Gespräch.“

Auch telefoniert werde im Moment viel. „Wir haben es uns im Team aufgeteilt, Gemeindemitglieder anzurufen, besonders die älteren und die, die sonst die Krankenkommunion bekommen.“ Andere rufen von sich aus an. „Die Anliegen reichen von Einsamkeit bis zur Angst vor dem Weltuntergang“, sagt Pfarrer Bergel.

Die Krankenkommunion, die sonst regelmäßig ins Haus gebracht wird, fällt im Moment genauso aus wie Geburtstagsbesuche. „Die Leute wollen uns gar nicht bei sich haben“, sagt Christoph Baumgart, Pfarrer in St. Elisabeth (Weststadt, Hellern, Hasbergen). „Die haben viel zu viel Angst, dass wir etwas anschleppen.“ Richtig schwer würde es für die Leute, die eine Hochzeit planen oder einen Trauerfall in der Familie haben. „Montag hatte ich ein Brautpaar da“, sagt Baumgart. „Die Braut hat so geweint, als ich ihr sagte, dass die Trauung verschoben werden muss.“ Gleich danach bricht er auf zum Friedhof. „Wir gehen nur ans Grab mit dem engsten Familienkreis. Das ist für die Leute schon schwer.“

Das hat auch Andrea Kruckemeyer, Pastorin in der evangelischen St. Katharinen-Gemeinde, schon erlebt. Und sie will Augenmaß walten lassen. „Wir hatten gerade einen alten Herrn, dessen Frau gestorben ist. Da können wir das Trauergespräch nicht am Telefon abhandeln, da müssen wir hin!“ Und weil die Trauerfeier auf dem Friedhof so kurz ist, plant die Gemeinde schon jetzt für Nach-Corona-Zeiten. „Wir werden einen großen Gedenkgottesdienst für alle, die jetzt versterben, anbieten. Dann kommen wir auch nochmal mit den Angehörigen in Kontakt.“ Denn dass Todesfälle jetzt so unter ferner liefen abgehandelt werden, „das geht einfach nicht.“

Auch Dirk Hartung greift auf bewährte Methoden zurück. Der evangelische Diakon ist in der Südstadtgemeinde für die Seniorenarbeit zuständig. 350 Seniorinnen und Senioren hat er auf seiner Liste, die sonst sehr aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, an der Seniorenakademie zum Beispiel oder an diversen Fahrten. „Dass die jetzt zu Hause bleiben müssen, trifft sie natürlich besonders hart.“ Denn dass sie am besten gar nicht raus sollen, ist für Hartung keine Frage. „Wir halten unsere Kirche bewusst geschlossen, damit sie kein Ziel für Spaziergänge ist.“ Für alle, die dennoch vorbeikommen oder in Sichtweite wohnen, hat die Gemeinde einen hellen Stern ans Portal gehängt: „Die Kirche darf trotz dunkler Zeiten nicht im Dunkeln stehen.“

Ansonsten setzt Dirk Hartung auf die Post. „Ich habe gerade 200 Briefmarken gekauft“, sagt er und lacht. Zuerst haben alle, die sich für eine Fahrt angemeldet haben, die Absage per Postkarte im Briefkasten gefunden. Und jetzt sind die Ehrenamtlichen dran. „Ich suche für jede und jeden eine passende Postkarte aus und schreibe sie mit der Hand“, sagt der Diakon. „Die Leute sollen wissen, dass wir da sind.“

Soviel zur klassischen persönlichen Seelsorge. Ansonsten setzen die Gemeinden stark auf Digitales. Christoph Baumgart zum Beispiel begrüßt jeden Morgen seine Gemeinde mit einem kurzen Videoclip aus dem Pfarrhaus. „Ein kleiner Gedanke in den Tag, bevor ich zusammen mit unserem Diakon, der auch hier im Haus lebt, die Messe feiere“, sagt er. Auf der Gemeindehomepage, über Facebook und ganz frisch auf einem eigenen Youtube-Kanal wird das Video verbreitet. „Ich bin erstaunt, wie viele Rückmeldungen ich bekomme“, sagt Baumgart. „Die Leute freuen sich wirklich über jeden Kontakt.“ Auch die Erstkommunionkinder, die jetzt gelangweilt zu Hause hocken. „Wir haben das Material für die Vorbereitung digitalisiert und an die Familien gemailt“, sagt Baumgart. „Jetzt können sich die Familien gemeinsam damit beschäftigen.“

Auch die St. Katharinen-Gemeinde setzt auf Digitales. „Wir sind auf Instagram“, sagt Pastorin Andrea Kruckemeyer. „Da laden wir jetzt jeden Tag ein Morgengebet zusammen mit einem passenden Foto hoch.“ Über die Facebook-Seite kann sich jeder melden, der Hilfe braucht und es gibt jetzt zweimal wöchentlich einen Newsletter. „Darin stehen nicht nur Neuigkeiten, sondern vor allem auch geistliche Impulse, kurze Bibeltext und Gebete. Gerade sonntags und auf Ostern hin wollen wir Anregungen geben, wie Christen auch zu Hause diese Tage feiern können.“ Die Glocken, die zur üblichen Gottesdienstzeit geläutet werden, laden dazu ein.

Guten Besuch auf der Homepage hat auch Alexander Bergel zu verzeichnen. Unter www.christus-koenig-os.de findet sich eine Fülle von Anregungen zum privaten geistlichen Leben. Ob es der Bibeltext des Tages ist, die Sonntagspredigt zum Lesen, Links zu Radio- und Fernsehgottesdiensten oder Anregungen für kleine Tischgottesdienste zu Hause. Zum Beispiel jeden Abend um 6, wenn es läutet. „Dann hätten wir ganz schnell ein Gebetsnetz quer durch unsere Stadtteile“, sagt der Pfarrer. „Die Leute haben ja jetzt Zeit, und mir scheint, die Sehnsucht danach ist groß.“

Langeweile gibt es für das pastorale Personal also nicht. Videos und Telefonate, Briefe und geistliche Worte füllen die Zeit. „Jetzt haben sich bei mir zwanzig Gruppenleiter gemeldet und wollen Senioren helfen“, sagt Christoph Baumgart. „Das kann ich gar nicht alles wuppen.“ Zum Lesen, sagt er, sei er jedenfalls noch nicht gekommen.
.

.
Die Vorsitzenden der katholischen sowie der orthodoxen Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland haben am 20. März ein »Gemeinsames Wort in der Corona-Krise« veröffentlicht.

Den Wortlaut können Sie hier lesen.
Ein Video mit kurzen Statmentes der drei Bischöfe auf Facebook finden Sie hier.
.

.
Der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, macht sich Gedanken über das, was alles nicht mehr geht. Er entwirft aber auch ein Bild für »die Zeit danach«. Und er gibt denen eine klare Antwort, die in der Corona-Krise die Apokalypse heraufziehen sehen.

Das Interview mit Bischof Overbeck vom 20. März können Sie hier nachlesen.
.

.
Messe feiern alleine? Dass viele Geistliche dies während der Corona-Krise wieder tun, finden gleich mehrere Liturgiewissenschaftler problematisch. Sie fürchten eine »doppelte Exklusion« der Laien. Ihre Thesen, unter anderem verfasst von Dr. Stephan Winter, Professor für Liturgiewissenschaft an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster sowie Liturgiereferent des Bistums Osnabrück und Mitglied unserer Pfarrei, veröffentlicht am 18. März, finden Sie hier.

Es war zu erwarten, dass diese Sicht der Dinge nicht unwidersprochen bleibt. Hier finden Sie die Entgegnung von Dr. Helmut Hoping, Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg im Breisgau vom 19. März.

Die theologische Diskussion geht weiter. Die Liturgiewissenschaftler Gerhards, Kranemann und Winter stellen am 24. März positive Beispiele vor, wie Kirche in Corona-Zeiten Communio leben kann. Den Artikel können Sie hier nachlesen.

Noch radikaler stellt sich die Frage, wie die Liturgie der Heiligen Woche unter den Bedingungen dieser Krisenzeit zu feiern ist. Ist es wirklich sinnvoll, die Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen, nur mit dem Priester und ein paar anderen? Oder gibt es gute Gründe, darauf zu verzichten? Dr. Johann Pock, Professor für Pastoraltheologie und Kerygmatik an der Universität Wien, hat dazu eine klare Meinung. In seinem Artikel vom 2. April, in dem er die vorangegangene Diskussion mit Fachkollegen aufgreift und zusammenfasst, bezieht er Stellung. Hier können sie ihn lesen. In unserer Pfarrei gehen wir den Weg, den er empfiehlt.
.

.
Warum hat die Kanzlerin in Ihrer Ansprache nicht die Kirchen erwähnt? Was kann die Theologie sinnvoll zu Corona sagen? Wie verändert sich Kirche-Sein in der aktuellen Situation? Darüber und über manches mehr hat Christiane Florin im Deutschlandfunk mit dem Freiburger Theologen Magnus Striet gesprochen.

Nicht schnell zu lesen, auch kein Snack für Zwischendurch – dafür aber gespickt mit Denkanstößen für alle, die sich – vielleicht gerade mehr als sonst – Zeit nehmen können, um theologisch in die Tiefe zu gehen.

Das Gespräch vom 19. März finden Sie hier.
.

.

Predigten

.
Predigt am 2. Fastensonntag
zu Gen 22,1-18 und Mk 9,2-10

Schlimmer geht’s eigentlich nicht: „Nimm deinen Sohn, den einzigen, den du liebst, und bring ihn als Brandopfer dar.“ Wie schrecklich! Und was für ein Gott! Selbst wenn wir wissen, wie die Geschichte ausgeht, dreht sich einem der Magen um. Gott stellt Abraham auf die Probe. Warum nur? Ist das Leben nicht schon grausam genug? Muss Gott jetzt auch noch einen draufsetzen? Der Weg des Abraham mit seinem Sohn Isaak zum Berg Morija ist eine der dunklen Geschichten des Alten Testaments. Wenn ich sie lese, spüre ich, wie fremd mir Gott sein kann. Viel Dunkles, viele Schatten und noch mehr Fragen tauchen auf: Was ist das denn für ein Weg, den Gott mit uns geht? Wie finde ich mich da wieder? Was tue ich, wenn ich mich völlig überfordert fühle? Wenn mich das, was mir begegnet, zu Tode ängstigt?

Abraham, der Mann des großen Vertrauens, geht ihn, seinen Weg. Durch alle Höhen und Tiefen des Lebens hindurch. Seine Zukunft ist zwar immer bedroht. Aber: Er vertraut. Er vertraut, dass Gott trotz allem einen Plan für ihn hat. Sein Sohn soll leben. Beide werden eine Zukunft haben. Am Ende wird also alles wieder gut. Manche Bibelwissenschaftler sagen: In dieser Erzählung wird eine heilsame Entwicklung verarbeitet: die Abschaffung der Menschenopfer nämlich, die Gott ganz und gar nicht will. Natürlich – so kann man diese Geschichte auch lesen. Und vermutlich ist es auch so: Gott hat keine Freude an Opfern, an Menschenopfern schon gar nicht. Er will unser Herz. Wer sich so in diese alte Erzählung hineinbegibt, der sieht Gott von einer ganz anderen Seite. Die Bibel als verarbeitete Erfahrung, als Entwicklung gar von grausamen Kulten zu einer Liebesbeziehung, zu einem Miteinander auf Augenhöhe.

Ja, das will uns diese Erzählung sicher auch sagen: Gott geht gegen das Grausame in dieser Welt an. Er geht sogar so weit, dass er es selbst mit all dem Grausamen aufnimmt, um es von innen heraus zu verwandeln. Er wird Mensch. Kommt selbst in diese Welt. Aber ist seither alles gut? Natürlich nicht. Es wird ein langer Weg bleiben. Ein Weg aber, auf dem es uns auch wie Schuppen von den Augen fallen kann, wie nah uns Gott so manches Mal gekommen ist. So nah, dass wir diesen Moment festhalten möchten – wie Petrus auf dem Berg Tabor: „Herr, ich will drei Hütten bauen. Lass dieses Glück doch niemals aufhören!“ Doch dieses Hochgefühl ist meist schnell wieder vorbei. Jeder, der mit Gott unterwegs ist, weiß das.

Geschichten wie die des Abraham mit seinem Sohn Isaak zeigen mir, dass alle Versuche, Gott zu begreifen, ins Leere laufen. Sie mahnen mich, den Mund nicht zu voll zu nehmen und zu sagen: So und so ist Gott, das will und tut er aus dem und dem Grund. Gott bleibt ein großes Geheimnis. Eines, das mich nicht bequem werden lässt. Wer mit Gott unterwegs ist, wird ihn immer spüren, diesen Stachel. Den Stachel der bohrenden Fragen. Den Stachel der Ratlosigkeit. Den Stachel des Zweifels. Aber dabei müssen wir nicht stehen bleiben. Auf dem Berg Morija zeigt sich Gott als der Verborgene, schwer Zugängliche. Auf dem Berg Tabor strahlt das göttliche Licht durch alles hindurch – eine Ahnung von Ostern macht sich breit. Und wir? Irgendwo dazwischen. Was meinen Sie: Auf welchem Berg sitzen Sie wohl gerade?

Alexander Bergel
28. Februar
.

.
Predigt am 1. Fastensonntag
zu Gen 9,8-15 und Mk 1,40-45

Ob Jesus wohl geahnt hat, was das bedeutet? Ziemlich direkt nach seiner Taufe geht er in die Wüste. Um allein zu sein. Und um zu klären, was das heißt: Gottes Sohn sein. Genau das hatte er dort gehört, drüben am Jordan. Doch nun, nun sitzt er da. Ganz allein. In dieser Steinwüste, in der man nichts anderes hört als seinen Herzschlag … Alles, was mich ablenkt, alles, was ich mir suche, um ja nicht meinem Leben auf den Grund zu gehen – all das ist plötzlich weg. Nur noch in bin da. Ich ganz allein. Wissen Sie, wie sich das anfühlt?

Schön ist das nicht! In diesem Moment kommen sie nämlich mit voller Wucht – die gefürch-teten, oft verdrängten Fragen: Wer bin ich eigentlich wirklich? Wofür lebe ich? Was wäre, wenn es mich nicht mehr gäbe? Hat das alles überhaupt einen Sinn? Von jetzt auf gleich erwischt es einen manchmal. Gerne mal mitten im Urlaub. Oder an großen Festen. Diese Fragen überfallen mich, wenn ich wirklich alleine, ganz alleine bin. Oder aber im Kreis von ganz vielen Menschen. Mit diesen Fragen im Nacken ist man dann plötzlich trotzdem der einsamste Mensch der Welt.

Was tut man dann? Weglaufen? Sicher. Man kann alles wegdrängen. Weitermachen wie bisher. Sich einreden: „Ach, so schlimm ist das nicht. Die depressive Phase vergeht schon wieder!“ Man kann sich noch mehr Arbeit suchen. Oder Ablenkungen. Der Markt ist voll davon. Nur – irgendwann reicht das auch nicht mehr. Das Übermaß an Arbeit kann zum Herzinfarkt oder Burnout führen, die beste Party ist irgendwann zu Ende oder langweilig. Die zur Routine erstarrte Beziehung ist am Ende keine mehr, nur noch Gewohnheit. Und schnell ist man älter, als es einem lieb ist. Und dann?

Jesus war vierzig Tage in der Wüste. Er hat sich von Grund auf infrage stellen lassen. Er ist seiner Sehnsucht auf den Grund gegangen, hat sich in die Abgründe seiner Existenz hinein begeben. Jesus hat gekämpft. Mit all dem Destruktiven, Aggressiven, Verkorksten in der Welt – und in sich selbst. Er hat am eigenen Leib erfahren, was zutiefst zum Menschen gehört: die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, die Sehnsucht nach Freiheit und Zukunft, die Sehnsucht nach einem gelingenden Leben.

Wie lange zuvor bereits Noah, der sich durch die Wassermassen des Todes hindurch quält, kämpft sich Jesus durch die Abgründe des Zweifels, der Angst, des Alleinseins hindurch. Und fasst Mut. Mut, dem Leben mehr zu trauen als der Fratze des Bösen. Sich nicht aufzugeben, auch wenn Hitze und Sand den Durst unerträglich werden lassen. Jesus gibt nicht auf. Im Gegenteil. Nach dieser quälenden Wüstenerfahrung geht es bei ihm erst richtig los. Vermutlich konnte er seinen Weg nur gehen, weil er vor sich selbst nicht davon gelaufen ist. Er hat es geschafft. Hat Heil erfahren und weiter geschenkt. Das war die Geschichte von Jesus in der Wüste. Und bei uns – wie sieht’s bei uns aus?

Alexander Bergel
21. Februar
.

.
Predigt am 6. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 1,40-45

„Jesus hatte Mitleid mit ihm.“ Dieser kleine Satz sagt eigentlich schon alles. Jesus lässt die Welt nicht kalt. Ganz im Gegenteil. Immer wieder mischt er sich ein. Immer wieder bewegt er die Herzen von Menschen. Immer wieder wendet er sich ihnen zu. Immer wieder stellt er sich auf die Seite der Schwachen. Immer und immer wieder. Wer sich die Evangelien der letzten Sonntage anschaut, könnte meinen, Jesus habe sein Leben lang nur Kranke geheilt. Langsam kann man es schon nicht mehr hören: Nach der Heilung des psychisch Kranken, dann der Schwiegermutter des Petrus und vieler Leute, „die an allen möglichen Krankheiten litten“, nun die Heilung eines Aussätzigen.

„Wir haben es ja verstanden!“, möchte mancher da vielleicht einwenden. Aber haben wir das wirklich? Haben wir wirklich begriffen, nicht nur vom Kopf, sondern auch mit Herz und Bauch, dass Jesu Hartnäckigkeit Methode ist? Gott rückt dem Menschen immer wieder auf die Pelle. Er meint mich. Mit allem Kranken. Mit allem Gebrechen. Mit aller Angst. Mit aller Sorge. Ich merke, mir tut es gut, mich daran erinnern zu lassen. Nichts anderes tun gläubige Juden bis heute, wenn sie sich immer und immer wieder daran erinnern, wie sie Gott – oft in tiefster Not – erfahren haben.

Auch wir können uns im Licht dieses Glaubens auf die Suche machen nach Gott, nach seinen Spuren in unserem Leben. Neugierig geworden? Dann lesen Sie diese Geschichten doch einfach mal nach. Beginnen Sie Ihre Schatzsuche beispielsweise mit dem Markus-Evangelium. Versetzen Sie sich in das Leben der Menschen, denen Sie da begegnen: den Schwachen und Zukurzgekommenen, den Erfolgreichen, den Kranken, den Gesunden, den Komischen, den Verrückten – all denen, die da sind. Vielleicht blicken Sie dort ja wie in einen Spiegel! Und sind mitten drin – in einem großen Abenteuer …

Alexander Bergel
14. Februar
.

.
Predigt am 5. Sonntag im Jahreskreis
zu Ijob 7,1-7

Warum? Immer wieder ist es diese eine Frage. Ijob, dessen Name für schier grenzenloses Leid steht, dieser Ijob klagt: „Monde voller Enttäuschung wurden mein Erbe, und Nächte voller Mühsal teilt man mir zu!“ Warum? Ja, warum, Gott, warum? Eine Antwort? Fehlanzeige. Immer wieder. Damals wie heute. Vielleicht hilft ein Blick auf Jesus weiter: „Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten.“ Menschen heilen – das tut er. Immer wieder. Jesus sieht in all dem das machtvolle Handeln Gottes. Und so ist für ihn ganz klar: „Lasst uns anderswohin gehen, damit ich dort predige. Denn dazu bin ich gekommen!“ Jesus gibt keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Er geht zu den Menschen. Spricht mit ihnen. Und handelt. Jesus berührt die Leute. Mit Worten. Und Taten. Er lässt sie spüren: Gott ist da. In allem – und trotz allem.

Könnte das eine Richtung sein? Nach Gottes Spuren suchen: in allem – und trotz allem? Könnte eine Spur vielleicht sein, sich den eigenen Brüchen, den eigenen Grenzen zu stellen, nicht wegzulaufen und ehrlich, wirklich ehrlich zu fragen: Was sagt mir diese Grenzerfahrung? Konkret: Was geht mir an die Nieren? Wo fehlt mir die Luft zum Atmen? Was schlägt mir auf den Magen? Was beugt mich nieder? Was lässt mein Herz rasen? Was mich verstummen? Und weiter: Begegnet mir Gott vielleicht auch dort? Auch wenn er das Leid nicht weg nimmt? Ja, Sie haben Recht – in der Theorie hört sich das alles ganz schön an. Aber wenn ich dann so da sitze in meinem Elend … Und eines muss auch klar sein: Oft genug sind Krankheiten nur eines: völlig sinnlos!

Zu den wohl schlimmsten Erfahrungen eines Lebens gehört sicher die Diagnose einer lebensbedrohenden, vielleicht sogar tödlichen Krankheit. Von einem Augenblick auf den nächsten ist dann alles anders. Die Welt um einen herum fängt an, sich zu drehen. Man weiß gar nichts mehr. Und oft geht dann alles sehr schnell. OP, Warten auf den Befund, Unsicher-heiten zuhauf, wieder Warten, Angst. Die Nacht nach der Diagnose – die Hölle. Und eine Frage lässt nicht lange auf sich warten: Warum? Der rationale Teil sagt einem: Darauf gibt es keine Antwort. Aber das Herz – es will eine!

Solche Nächte – sie sind quälend lang. Menschen berichten aber auch, dass diese Nächte zu den intensivsten ihres ganzen Lebens geworden sind. Alles geht einem durch den Kopf. Alles Suchen und Fragen, alles Leid und Glück, die vielen Menschen, die einem etwas bedeuten, alle Schuld auch – und die Angst vor dem Tod. Einen kenne ich, der diese Erfahrung gemacht hat: „Als es dann langsam Morgen wurde, war ich plötzlich ruhig. Bis heute weiß ich nicht, warum. Ich konnte sagen – und zwar überhaupt nicht verschroben-frömmlerisch: Wie es kommt, so kommt es. Auf dich, mein Gott, vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben. Es hört sich fromm an, sehr fromm“, gibt er zu, „und gerade deshalb“, so fährt er fort, „gerade deshalb würde ich das so nie sagen – wenn ich es nicht selbst erlebt hätte … Diese Krankheit hat mein Leben verändert. Das merke ich. Bis heute.

Dieser Mensch ist wieder gesund geworden. Manch anderer wird das nicht. Aber selbst dann bleibt Menschen dieser Gott. Ein Gott, der zuhört. Und auf geheimnisvolle Weise neue Wege zeigt. Immer wieder gibt es Menschen, die das so unterschreiben würden – selbst wenn sie wissen: Ich werde sterben. Die Frage nach Gott und dem Leid – sie bleibt eine, vielleicht sogar die Frage unseres Lebens. Nicht immer gibt es eine Antwort darauf. Oder vielleicht doch?

Alexander Bergel
7. Februar
.

.
Predigt am Fest der Darstellung des Herrn
zu Lk 2,22-40

Ich tue es nicht gerne. Aber es muss sein. Am Mittwoch räume ich sie weg: meine Krippe. Und mit ihr das letzte Bisschen Weihnachtsgefühl. Wenn ich mich gerade dran gewöhnt habe, dass Weihnachten wirklich vorbei ist, dann feiern wir doch noch mal ein weihnachtliches Fest: das heutige nämlich, Darstellung des Herrn. Noch einmal weihnachtliche Lieder hören, noch einmal ein bisschen Gefühl, noch einmal der kleine süße Jesus. Doch stopp – ganz so süß ist das alles gar nicht. Was genau feiern wir eigentlich an diesem Tag? Wir feiern, dass sich die Sehnsucht zweier alter Menschen erfüllt: Simeon und Hanna. Ein Leben lang hatten sie darauf gewartet, den Messias zu sehen. Sie haben allen Ernstes ihrem Gott geglaubt. Geglaubt, dass er sich in ihrem Leben zeigt! Das muss man erst mal durchhalten. Ein ganzes Leben lang! Wie schwer fällt es mir manchmal, eine Krise durchzustehen. Oder schwere Momente. Momente, in denen ich mich frage: Ist der Weg, den ich gehe, der richtige? Ist der Gott, an den ich glaube, der echte? Ist das Leben, das ich führe, ein vernünftiges?

Weihnachten erinnert mich daran: Gott wagt einen neuen Anfang mit seiner Welt. Und mit mir. Er kommt in unsere Dunkelheiten. Er stellt sich an unsere Seite. Ja, er geht auf Tuchfühlung mit uns, um zu wissen, wie das Leben läuft. Um genau das nicht zu vergessen, ist das Jahr mit vielen weihnachtlichen Festen durchzogen: Am 25. März – neun Monate vor der Geburt Jesu – feiern wir, dass Gott den Menschen ernst nimmt. Er kommt nicht einfach so in diese Welt, überrumpelnd. Nein: Nur weil ein Mensch „Ja“ sagt – Maria nämlich –, nur weil sie mit Gott an einem Strang zieht, kann das Vorhaben „Erlösung der Welt“ beginnen. Am 24. Juni feiern wir die Geburt Johannes des Täufers, ein weiteres weihnachtliches Fest. Gott braucht Menschen, die auf ihn zeigen. Menschen, die darauf aufmerksam machen: „Guck mal da, da ist er, dein Gott.“ Ohne solche Menschen hätte ich ihn vielleicht nie gefunden … Am 2. Juli – der nächste weihnachtliche Vorbote: Maria Heimsuchung. Die schwangere Maria kann ihre Freude nicht für sich behalten. Sie geht übers Gebirge zu ihrer Verwandten Elisabeth. Ja, die Berg- und Talfahrt des Lebens beginnt. Und das ziemlich schnell nach der umwerfenden Gotteserfahrung, die Maria durch den Engel hatte. Da ist es gut, Menschen zu haben, zu denen man gehen kann. Menschen, die einen verstehen, weil sie Ähnliches erlebt haben. So wie Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers.

Und heute nun: Darstellung des Herrn, das letzte der weihnachtlichen Feste. Bevor er groß wird und der Welt seinen Gott verkündet, begibt Jesus sich als kleines Kind in den Tempel, in das Haus seines Vaters. Eine Geschichte nicht nur, aber auch für Enkel und Großeltern. Vor 40 Jahren ist mein Opa gestorben. An vieles von ihm kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber an eines: Er saß oft am Fenster und schaute auf den Friedhof in Ostercappeln, der neben seinem Garten lag. Heute weiß ich, dass er oft betete. Und nachdachte, wie es wohl nach dem Tod wäre. Voller Sehnsucht wartete er darauf, Gott begegnen zu können. Für mich ist er wie der Simeon im Tempel: ein Leben lang bereit, suchend, voller Sehnsucht nach Leben.

Vielleicht lasse ich sie doch noch ein paar Tage länger stehen: meine Krippe. Denn sie erinnert mich an Vieles. Die Krippe erinnert mich daran: Gott braucht Dein „Ja“, um Deine Welt zu verändern. Gott begegnet Dir in Menschen, die auf der Berg- und Talfahrt ihres Lebens Ähnliches erlebt haben wie du. Gott wird erkennbar, wenn andere Dir zeigen, wo sie ihm begegnet sind. Und Gott erfüllt die Sehnsucht derer, die alles auf eine Karte setzen. Menschen wie Simeon oder Hanna oder mein Opa.

Alexander Bergel
2. Februar
.

.
Predigt am 4. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 1,21-28

Unangenehm muss das gewesen sein, damals in der Synagoge. Dorthin hatte er sich verkrochen, dieser arme Irre. Und jetzt wittert er seine große Stunde. Der Mann, der von einem unreinen Geist besessen war, beginnt zu schreien: „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen?“

2000 Jahre später. Sonntag Morgen ist es. Wer in der Kirche sitzt, erlebt: Alles läuft schön nach Plan. Alles in allem angenehm, ja fast gemütlich. Was, wenn jetzt jemand käme, der das alles kaputt macht? Würden wir sofort die Polizei rufen oder solch einen Menschen „nur” durch kollektive Verachtung strafen?

Jesus in der Synagoge reagiert so: „Er befahl: ‚Schweig und verlass ihn!’ Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.“ Wer hätte das gedacht: Jesus lässt sich herausfordern. Er lässt sich in Frage stellen. Jesus ignoriert den Kranken nicht. Ganz im Gegenteil: Er nimmt ihn ernst. Und er geht noch einen Schritt weiter: Jesus nennt die Krankheit dieses Menschen beim Namen: Er vertreibt den unreinen Geist – wie es in der Sprache der Bibel heißt.

Immer mal wieder begegnen auch mir solche Menschen. Menschen, die krank sind. Krank im Kopf. Krank im Herzen. Und fast immer fühle ich mich schlecht: Wie gehe ich mit ihren Aggressionen um? Wie reagiere ich auf ihre Vorwürfe? Wie kann ich überhaupt mit denen reden? Wie verhalte ich mich gegenüber Alkohol- und Drogenabhängigen?

Solche Menschen, sie stellen mich in Frage. Meine schöne geordnete Welt! Sie konfrontieren mich mit dem Leben,  wie es eben auch ist: krank, arm und elend. Heraus-Fordernd sind sie, diese Menschen – und das in einem doppelten Sinn: Sie fordern mich heraus zu fragen: Was ist im Leben wirklich wichtig? Und sie zeigen mir: Mensch, auch dein Leben ist verletzlich. Auch du bist nicht nur stark.

Dass Jesus am Anfang seines öffentlichen Wirkens einen psychisch Kranken heilt, ist wohl kein Zufall. Seelisches Leiden, Besessenheit, Sucht – all das ist immer auch ein Anzeichen für die tiefe Sehnsucht nach Leben, nach Geborgenheit, nach Liebe – und letzten Endes auch nach Gott.

Obwohl wir Gott nie gesehen haben
– so der Theologe und Dichter Ernesto Cardenal –,
obwohl wir Gott nie gesehen haben,
sind wir wie die Zugvögel,
die – an einem fremden Ort geboren –,
doch eine geheimnisvolle Unruhe empfinden,
wenn der Winter naht,
eine Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat,
die sie nie gesehen haben
und zu der sie aufbrechen,

ohne zu wissen, wohin.

Vielleicht gehört das auch zu dem, was wir von den „Besessenen“ unserer Tage lernen können: Auf unsere Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat zu achten, die wir nie gesehen haben.

Traue ich mich das? Traue ich mich, meiner tiefsten Sehnsucht Raum zu geben? Nehme ich mich so, wie ich bin? Oder muss ich so sein, wie andere mich haben wollen? Kann ich mir eingestehen, schwach zu sein? Oder spiele ich immer den Starken? Jesus ist da ziemlich klar. Und wir?

Alexander Bergel
31. Januar
.

.
Predigt am 3. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 1,14-20

Simon
Andreas
Jakobus
Johannes

Kommt her, folgt mir nach!
Alles liegen lassen. Und weg.

Herr Meyer
Frau Müller
Oma Inge
Kevin

Schon, aber
ich muss auf meine Stellung achten.
Schon, aber
meine Verlobte mag das nicht.
Schon, aber
dafür habe ich keine Zeit.
Schon, aber
ich riskiere zu viel.
Schon, aber
was werden die Leute sagen?
Schon, aber
meine Eltern sind anderer Meinung.
Schon, aber
ich müsste mich engagieren.
Schon, aber
ich bin schon so oft frustriert worden.
Schon, aber
man kann auch so ein guter Mensch sein.

Vielleicht nächste Woche.

Alexander Bergel
24. Januar
.

.
Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis
zu 1 Sam 3, 3b-10.19 und Joh 1, 35–42

Diese Worte ändern alles. Egal ob mitten in der Nacht gesprochen oder zur zehnten Stunde, also nachmittags um 4. Der kleine Samuel im Tempel hört eine Stimme. Andreas und Petrus sehen einen Menschen. Der eine ist innerlich ganz zappelig und bleibt am Ball, um heraus zu finden, wer denn da ruft. Die anderen beiden gehen einfach los. Zu Jesus nach Hause. Dort die Frage: Was wollt ihr? Ja, manchmal muss man sich das wohl fragen. Was will ich eigentlich? Was will ich hier? Und was will ich von Gott? Doch – wie finde ich das heraus? Selbst im Glauben Geübte wissen nicht sofort Bescheid. Siehe Eli, der weise Mann im Tempel. Und auch die forschen Gott-Sucher müssen sich Zeit nehmen und Eindrücke sammeln. Siehe Andreas und Petrus.

Glauben braucht Zeit. Und Glauben braucht ein offenes Ohr. Glauben braucht die von manchen gefürchtete, von anderen ersehnte Stille. Glauben erfordert Mut. Und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Wer glaubt, traut seiner Sehnsucht. Und hofft auf die Begegnung mit einem wunderbaren Gegenüber. Wer dieses Gegenüber kennenlernen, gar sein Leben mit ihm teilen will, der muss sich mit ihm auseinander setzen. Wer Gott erfahren will, sollte also die Bibel in seiner Nähe haben. Lesen. Einfach lesen. Immer wieder. Egal, ob ich verstehe, was da steht oder nicht. Immer wird es da ein Wort geben, das mich packt. Oder berührt. Oder Irritiert. Oder versöhnt. An Wunden rührt oder Heilung schenkt. Wer Gott erfahren will, der sollte auch keine Angst vor Menschen haben. Reden und schweigen. Da sein und hören. Unterstützen und ziehen lassen. Trösten, stärken – und  lieben. Wer glaubt, erahnt bei all dem den menschen-freundlichen Gott.

Und der Alltag? Die eigene Hektik und die der anderen? Die vielen Sorgen? Die Kirche, die auch nicht mehr das ist, was sie mal war – oder noch nicht die ist, die sie sein könnte? Der Stress? Die Zwänge, die Argumente dagegen? Und überhaupt – wie soll das gehen? Keiner hat behauptet, Gott zu finden, gehe nebenbei, in der Wohlfühloase oder am besten mit Spiritualitätsdiplom. Nein, das nicht. Wenn du es versuchen willst, dann schaue nach, ob du dies hast: ein Herz, das sich nach Stille sehnt, und ein Ohr, das neugierig bleibt. Für’s erste wäre das schon eine ganze Menge. Und der Rest? Der geschieht nicht selten wie von selbst.

Alexander Bergel
17. Januar
.

.
Predigt an Erscheinung des Herrn
zu Mt 2,1-11

Geschichten gehen immer weiter. Diese auch. „Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er sandte aus und ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte.“ Ganz gleich, ob es diesen Kindermord so konkret gegeben hat oder ob er nur illustrieren soll, wie Herodes von seinen Zeitgenossen erlebt wurde – eine Blutspur zieht sich durch seine Herrschaft, durch ein ganzes Land, durch eine ganze Geschichte. Und diese Blutspur – sie reicht bis in unsere Tage.

Was ist eigentlich los mit unserer Welt? Was ist los mit einem Land, das zu Recht zu den ältesten und stärksten Demokratien unserer Erde zählt? Was ist los in Washington, wo ein aufgeheizter Mob durch die Straßen zieht und das Kapitol stürmt? Was ist los mit einem Machthaber, der vom Wohl des Volkes spricht, dem es aber nur um seinen eigenen narzisstischen Machterhalt geht? Eine Blutspur des Misstrauens, des Hasses, der Polarisierung zieht sich durch ein ganzes Land. Überraschen kann das niemanden.

Und bei uns? Was ist los mit einem Land, das zu den reichsten der Erde zählt, in dem Politiker natürlich auch nicht alles richtig machen, aber doch versuchen, Entscheidungen zu treffen, die uns allen helfen wollen, gut durch diese Krise zu kommen? Was ist los bei uns, wenn sich Menschen gegen das Impfen aussprechen, dies aber nicht in einem vernünftigen Diskurs tun, sondern in der Öffentlichkeit Aufkleber anbringen, vor ein paar Tagen auch am Schaukasten vor der Heilig-Geist-Kirche. Auf diesem Aufkleber war ein Judenstern abgebildet. Mittendrin stand: Ungeimpft. Und darunter war zu lesen: „Es geht wieder los.“ Eine Blutspur der Gedanken, der Manipulation, eine Blutspur, von der wir noch nicht absehen können, wohin sie führt.

Worum geht es all diesen Leuten? Worum geht es dem abgewählten Präsidenten der USA? Worum geht es den Radikalen überall auf der Welt? Jenen, die nicht bereit oder willens oder fähig sind, Argumente auszutauschen, gemeinsam nach Lösungen, nach Perspektiven, nach Wegen in eine gute Zukunft zu suchen? Es ist schwer zu sagen. Manchen geht es wirklich nur um das eigene Ich. Andere wollen den Hass, die Zerstörung, das Chaos. Und man wird sie vermutlich nicht ändern können. Umso wichtiger ist es dann aber zu überlegen: Was wollen wir denn? Was ist unsere tiefste Sehnsucht? Und: Wie können wir helfen, dass sich die Wege des Heiles durchsetzen und nicht das Unheil der Narzissten, der Blender, der Verkürzer, der Polemisierer und Verführer?

„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ Ganz gleich ob es nun Könige waren oder Weise, ganz gleich ob es drei waren oder mehr, da waren Männer unterwegs – selbst das wäre egal, warum nicht auch Frauen? –, Menschen waren unterwegs. Haben sich auf den Weg gemacht. Weil sie gespürt haben: Es gibt da noch etwas anderes. Ja, es gibt da noch einen Anderen. Den zu suchen – das lohnt sich. Und so haben sie sich aufgemacht. Haben die Zeichen des Himmels richtig gedeutet – ohne zu wissen, wohin sie das führt. Sie haben das Alte hinter sich gelassen, denn das gab ihnen nicht mehr den nötigen Halt. Sie sind losmarschiert. Hitze am Tag, Kälte in der Nacht. Durch Gebirge und Täler. Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen – das hatten sie bei sich. Sonst nichts.

Und dann – die erste Adresse: Herodes. Wohin auch sonst, wenn man einen neuen König sucht? Aber da leuchtete der Stern schon nicht mehr. Und sie ahnten: Bei Herodes gibt es keine Ehrlichkeit. Und keine Zukunft. Seine Verschlagenheit war ihm wohl ins Gesicht geschrieben. Also: Weitergehen. Und dann finden Sie das Unerwartete. Dann finden Sie ein Kind. Und sie spüren. Das ist er. Und allen war klar: Das ist es! Ein neuer Anfang muss her. Die Begegnung mit dem verletzlichen Kind, die Begegnung mit ihrer eigenen Verletzlichkeit, die Begegnung mit dem ganz Neuen weckt Kräfte, macht Mut und schenkt die Fähigkeit, wieder zu träumen.

„Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.“ Gott-Sucher und Friedens-Sucher aller Zeiten haben auf ihr Inneres gehört. Gott-Sucherinnen und Frieden-Sucherinnen aller Zeiten haben sich bewegen lassen. Und sind so Gott und seinem Frieden ganz nahe gekommen. Gott-Sucher und Friedens-Sucherinnen aller Zeiten haben neue Wege gefunden, um das erfahrene Heil, den ersehnten Frieden dorthin zu bringen, wo Gott und sein Frieden am Nötigsten sind. „I have a dream – Ich habe einen Traum!“: Martin Luther King hatte diesen Traum. 1963 hat er ein ganzes Land, sein Land, die USA, damit bewegen und begeistern können. 2021 wartet darauf, dass Menschen einen solchen Traum leben. Anders gesagt: Geschichten gehen immer weiter. Diese auch?

Alexander Bergel
10. Januar
.

.
Predigt am Zweiten Sonntag nach Weihnachten
zu Joh 1,1-5.9-14

Keiner weiß, wie Gott ist. Keiner wird auch jemals Worte finden, um ihn wirklich zu beschreiben. Und doch versuchen es Menschen immer wieder. Ja, sie müssen es sogar tun. Denn wie soll ich mich jemandem nähern, von dem ich nicht mal eine Ahnung habe, wer er sein könnte?

Johannes, der Evangelist, versucht es auch. Er nähert sich dem Wesen Gottes mit dem griechischen Wort Logos. Logos bedeutet Weisheit, Wort, Geist, Sinn. Logos ist der Inbegriff aller positiven geistigen Kräfte. In Jesus von Nazareth, so die Botschaft des Johannes, hat diese geballte Kraft Gottes menschliche Gestalt angenommen: Das Wort, der Logos, ist Fleisch geworden.

Am Menschen Jesus von Nazareth sehen wir, wie Gott ist, wie wir uns ihn vorstellen können. In ihm ist Gott den Menschen nahegekommen, ist Gott sichtbar, berührbar und angreifbar geworden. Denn genau das hat Jesus getan: Er hat Menschen berührt und umarmt. Und das haben die, die mit ihm in Berührung gekommen sind, als ein Berührtwerden von Gott erlebt. Diese Erfahrung hat sie geheilt, versöhnt, wieder ganz werden lassen, ihnen die verlorene Menschenwürde zurückgegeben.

Wer im Glauben unterwegs ist, kann sich seiner Sache niemals ganz sicher sein. Wer im Glauben unterwegs ist, der kann aber auch nicht anders, als immer wieder Ausschau zu halten nach Zeichen für dieses große Gottesgeheimnis. Und die Erfahrung der vielen Gott-Sucher zeigt: Diese Zeichen lassen sich finden. Die Menschheitsgeschichte ist voll davon.

Damals in Betlehem, da blieb es nicht beim Zeichen. Und das Wort nicht beim Wort allein. Damals in Betlehem ging Gott einen entscheidenden Schritt weiter. Sein Wort bekam Hand und Fuß. Diese Hand ist es, die er uns auch heute noch entgegenstreckt. Greifen Sie zu! Denn Gottes Wort – es gilt!

Alexander Bergel
3. Januar
.

.
Predigt zum Jahreswechsel
zu Lk 2,16-21

Was war das nur für ein Jahr. Unendlich viel ist geschehen! Von heute auf morgen hatte sich alles verändert. Erst kam da dieser Engel. Der Engel, der etwas Unglaubliches verkündete:

„Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären!“ Als sie es so langsam zu verstehen begann, Maria, die junge Frau aus Nazareth, da war er auch schon wieder weg, der Engel.

Wohin mit ihren Fragen, wohin mit ihrer Sorge, wohin mit ihrer Freude? Maria macht sich auf den Weg. Sie geht ins Gebirge zu Elisabeth, ihrer Verwandten. Die Berg- und Talfahrt des Lebens beginnt. Auf dem Gipfel angekommen – ein Gruß: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen!“ Auch hier wieder: Erstaunen. Maria, sie lässt sich berühren – und kann nicht mehr an sich halten: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Jubel, Freude, tiefes Erleben: Gott ist da!

Aber dann: Heimwärts geht es – mit einer Frage im Gepäck: „Wie sag ich’s Josef – das mit dem Kind? Wird er mir glauben?“ Josef: Er zögert zwar. Er ringt mit sich. Vielleicht auch mit Gott, sicher mit seiner Frau. Aber: Er bleibt. „Gemeinsam schaffen wir das!“ So etwas mag er wohl gesagt haben. Endlich Ruhe und Sicherheit! Aber die währt nicht lange.

Wieder etwas Unerwartetes geschieht: „In jenen Tagen erging ein Befehl von Kaiser Augustus, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.“ Also wieder unterwegs. Wieder keine Ruhe. Wieder keine Sicherheit. Wo doch das Kind bald kommen würde … Aber es nutzt nichts. Nach langem Ritt, nach mühsamem Weg: endlich eine Herberge – egal was für eine.

„Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit der Niederkunft. Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.“ Was wird das wohl für ein Kind werden? „Können wir ihm eine Zukunft bieten? Wir armen Leute? Wird Gott uns helfen?“ Immerhin hatte der Engel den Hirten Großes verheißen. „Heute ist euch der Retter geboren. Er ist der Messias, der Herr!“ Wieder große Worte – was wird wohl daraus werden? „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“

Der Engel. Der mühsame Weg. Die Freude der Begegnung auf Augenhöhe. Die unvermutete Umarmung. Die lebensbedrohliche Politik. Das Wunder in armseliger Umgebung. Der offene Himmel. Das war Marias Weg durch ihren Advent bis nach Betlehem. Das ist und bleibt der Weg durch unseren Advent. Bis nach Betlehem. Bis zu dem Ort, an dem uns gesagt wird: Du hast eine Zukunft.

Auch nach diesem Jahr. Nach einem Jahr, in dem unendlich viel geschehen ist. In der großen und in unserer kleinen Welt. Ein Jahr, wie es wohl keiner von uns je zuvor erlebt hat. 365 Tage Leben und Sterben, Lachen und Weinen, Hoffnung und Trauer, Frieden und Krieg, 365 Tage Glück und Leid, Liebe und Hass, Fragen und Antworten, Glauben und Zweifel.

Vielleicht haben Sie es in den vergangen Tagen so gemacht wie Maria. Geschaut, was war. Nachgedacht. Losgelassen. Vielleicht haben Sie manches ganz neu in den Blick genommen. Vielleicht sind Ihnen manche Menschen noch fremder geworden. Andere aber plötzlich ganz nahe gekommen. Vielleicht ist Ihnen aufgegangen, wie Sie Gott schmerzlich vermissen. Oder wie Sie ihm ganz nahe gekommen sind. Vielleicht haben Sie mehr Fragen entdeckt, als dass sich Antworten finden ließen.

Was auch immer in Ihrem Leben los ist: Diese Tage sind voll von einem einzigen Versprechen: „Egal, was war – egal, was kommt. Ich gehe mit dir durch Dick und Dünn. Erinnere dich an die Wunder, die du schon erlebt hast. Und glaube mir, dass ich der Gott deines Lebens bleibe, komme, was kommt!“ Also: Augen auf im neuen Jahr! Das Wunder – es geht weiter.

Alexander Bergel
31. Dezember
.

.
Predigt am Weihnachtsfest
zu Lk 2,1-15

Einen unpassenderen Zeitpunkt kann man sich kaum vorstellen. Immerhin ist sie schwanger. Doch es nutzt nichts. Sie müssen los. Protestieren? Keine Chance. Der Kaiser will es so. Also machen sie sich auf den Weg. Nach Betlehem. Und lassen sich eintragen. In Listen. – In diesen Tagen bleiben am besten alle zuhause. Einen unpassenderen Zeitpunkt könnte es auch dafür nicht geben. Immerhin ist Weihnachten. Protestieren? Nutzlos. Denn der Befehl kommt wiederum von ganz oben. Die Regierung hat es angeordnet. Viele halten sich auch daran. Und wer doch rausgeht – zum Beispiel hierher –, muss sich eintragen lassen. In Listen.

Was für verrückte Zeiten! Hätte man mir vor einem Jahr gesagt, dass ich mal Fachmann im Erstellen und Ausfüllen von Listen würde, hätte man uns gesagt, dass wir die Worte Inzidenz, SARS-CoV-2 oder Virus-Variante im Schlaf würden aussprechen können, hätte man uns gesagt, zu welchen Verwerfungen, Vorwürfen und steilen Thesen es in unserem Lande einmal kommen würde, hätte man uns gesagt, wie viele Menschen Angst ums nackte Überleben haben und in welch noch größeres Elend weite Teile dieser Erde gestürzt würden, weil ein Virus die Welt in Atem hält – nur wenige hätten es geglaubt. Aber genau so ist es gekommen.

Die Welt steht Kopf. Menschen haben Angst. Um Freunde. Um Angehörige. Ums eigene Leben. Menschen fragen nach dem Sinn. Wollen verstehen, was passiert. Wollen Lösungen finden. Halten die Enge einfach nicht mehr aus. Können es nicht ertragen, allein zu sein. Oder fühlen sich vom Staat bevormundet. Eine Welt im Strudel der Pandemie. Unsere Gesellschaft – eine der reichsten der Erde – gelangt an ihre Grenzen. Und dann wird Weihnachten. Einfach so. Doch was genau bedeutet das? Also: Was bedeutet es wirklich? Wir schauen auf ein Kind. Nichts weiter. Gott hat offensichtlich eine Schwäche für klare Ansagen. Denn klarer geht’s wirklich nicht: Wer ein Kind anschaut, wer es in die Arme schließt, wer sich von ihm anrühren lässt – der kann doch gar nicht anders, als neuen Mut zu fassen, oder? Gott wählt diesen Weg. Er hätte tausend andere nehmen können. Aber nein: Er wird ein Kind. Doch dieses Kind – es fällt nicht vom Himmel.

Selbst wenn die uralte Geschichte, die uns alle Jahre wieder verzaubert, märchenhafte Züge aufweist: Jesus ist kein Märchenprinz. Ganz im Gegenteil. Jesus kam auf der Straße zur Welt. Nicht im sicheren Zuhause. Jesus hat die Welt am eigenen Leib erfahren. Hat gespürt, wie sich Hunger anfühlt. Hunger nach Brot. Hunger nach Liebe. Hunger nach erfülltem Leben. Das hat ihn geprägt. Und seine Eltern wohl auch. Maria und Josef – zwei Menschen, die ihren Verstand eingeschaltet haben und nicht einfach so irgendwem hinterhergelaufen sind. Aber sie haben sich bewegen lassen. Nicht nur durch den Kaiser. Und damit schon das vorgelebt, was der erwachsene Jesus allen Menschen ins Stammbuch schreiben sollte: Bleib nicht stehen! Brich auf! Bewege dich! Und dann rechne damit, dass du in allem, was geschieht, Gott begegnen kannst. Nicht im Paradies oder in der Wellness-Oase. Nein, da, wo das Leben tobt. Wo es so ist, wie es nun mal ist.

Wir feiern Weihnachten. In einem Jahr, das viele an ihre Grenzen gebracht hat. Wir feiern Weihnachten und schauen dabei auf jene Grenze, die Gott überwunden hat. Er kommt zu uns. Mit seinem Lächeln und seiner Liebe. Mit seiner Kraft und seiner Zärtlichkeit. Mit seinem Anspruch und seiner Ermutigung. Und mit einem Versprechen. Und dieses Versprechen heißt: Du wirst nicht untergehen! Und wenn wir irgendwann – wir werden es erleben, seien Sie sicher! –, wenn wir irgendwann keine Listen mehr ausfüllen, keine Kontakte mehr einschränken und unsere Lieben wieder umarmen dürfen – dann könnte uns das eine Ahnung davon schenken, wie es sich anfühlt, wenn Gott uns seine Nähe schenkt. Auf seiner Liste stehen wir nämlich ganz oben!

Alexander Bergel
24. Dezember
.

.
Predigt am Vierten Adventssonntag
zu Lk 1,26-38

Wir haben in unserer Pfarrei den diesjährigen Advent unter das Motto „Advent ist eine Zeit der Erschütterung“ gestellt und auf verschiedene Weise beleuchtet, was diese Sentenz für uns hier heute konkret bedeuten könnte. Das Zitat stammt bekanntlich von dem weltweit berühmten Jesuitenpater Alfred Delp, und es lautet im Ganzen: „Advent ist […] eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“[1] Ich meine, es bietet sich an, am heutigen vierten Adventssonntag – und in der gespannten Erwartung auf das nahende Weihnachtsfest – einmal etwas ausführlicher an den Urheber unseres Advents-Mottos zu erinnern, auch deshalb, da sich der dahinter stehende Gedanke schließlich mit einer Kernaussage des heutigen Evangeliums verschränkt: Maria, die sich von Gott berufen lässt.

Alfred Delp gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den wichtigsten Gesprächspartnern des Kreisauer Kreises; einer Gruppe oppositionell gesinnter Männer und Frauen, die sich formiert hatte, um Grundsätze einer geistigen, politischen und sozialen Neuordnung für die Zeit nach dem erhofften und erwarteten Ende des nationalsozialistischen Terrorregimes zu erarbeiten. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch am 20. Juli 1944 gelangten schnell auch die Angehörigen des Kreisauer Kreises ins Visier der NS-Behörden, und so wurde auch Alfred Delp bereits am 28. Juli 1944 – nach der Feier der Frühmesse – von der Gestapo verhaftet. Für Delp bedeuteten die dann folgenden Monate der Gefangenschaft eine Zeit zwischen Schwermut, Depression und ungebrochenem Lebenswillen; die nicht nur geprägt war von der Sorge um sein eigenes Leben, sondern auch um das Leben seiner Mithäftlinge und Gefährten, die Zukunft seiner Ordensgemeinschaft, die Zukunft der Deutschen als Gesellschaft – während ihn die Verfolger – auch und gerade wegen seines christlichen Bekenntnisses – durch Isolationshaft und quälende Verhöre zu zermürben suchten. Als Nachgeborene kennen wir den Ausgang dieser Geschichte und wissen, dass Alfred Delp am 11. Januar 1945 wegen angeblichen ‚Hoch- und Landesverrats‘ zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde kurz darauf am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Dass dieses Datum mit dem Festtag Maria Lichtmess zusammenfällt, ist natürlich nur Zufall; erscheint mir aber dennoch erwähnenswert.

Trotz der widrigen Umstände seiner Gefangenschaft hat Alfred Delp in der Enge seiner Gefängniszelle einen Teil der Schriften verfasst, die heute sein Vermächtnis bilden. Sie geben ein eindringliches Zeugnis von seinem Wunsch und Streben, immer tiefer in die Nachfolge Christi hineinzuwachsen. So notiert er etwa am 1. Januar 1945 ganz ‚jesuitisch‘ in sein Tagebuch: „Ich will mich Jesus zugesellen als ein Treugeselle und Liebender.“[2] Und er fügt hinzu, dass diese Nachfolge vor allem eine Leidenschaft bezeichne, „eine Leidenschaft […] des Glaubens, der Hingabe, des Strebens, des Dienstes.“[3]

Delps Leidenschaft für die ‚Sache Jesu‘ kommt auch in seinen Adventsmeditationen zum Ausdruck, die während seiner Haftzeit entstanden sind. Die Meditationen tragen den Titel Adventsgestalten und sie beginnen mit dem Satz: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Was aber bedeutet das? Delp erläutert: Damit der Mensch zu sich selbst findet, damit er zu der ‚Fülle‘ gelangt, zu der er gerufen und fähig ist, muss er, „die anmaßenden Gebärden und verführerischen Träume“[4] ablegen, mit denen er sich immer wieder etwas vormacht. Diesen Prozess, in dem sich der Mensch von seiner Überheblichkeit, seiner Vermessenheit, seinen Illusionen befreit, beschreibt Delp als ein ‚erschütterndes Erwachen‘. Doch ist der Mensch dabei nicht allein; im Advent begleiten ihn Gestalten, die ihm den Weg weisen, die ihm zum Vorbild werden können.

Die zentrale Gestalt ist für Delp in diesem Zusammenhang Maria, die uns im heutigen Evangelium begegnet. Während die heutige Theologie zu Recht Marias Rolle als Prophetin hervorhebt – die u. a. darin zum Ausdruck kommt, dass sie, nachdem sie der Engel verlassen hat, im Magnificat das ihr übermittelte Gotteswort öffentlich macht –, konzentriert sich der Theologe Delp, wie es zu seiner Zeit üblich war, stärker auf den ‚Gehorsam‘ Marias und die Bedeutung der Gottesmutterschaft. Aber ebenso wie die ‚moderne‘ Theologie betont auch Delp die Verkehrung der irdischen Herrschaftsverhältnisse, die mit Marias ‚Ja‘ zu Gott – ihrer bewussten Nachfolge – verbunden ist. Er schreibt: „Die Frau hat das Kind empfangen, es unter ihrem Herzen geborgen und hat den Sohn geboren. Die Welt ist in ein anderes Gesetz geraten.“[5]

Maria als Gestalt des Advent: Wie Maria offen werden für die Verheißungen Gottes. Wie Maria Gottes Wort verkünden. Wie Maria Gott nachfolgen. Darin liegt die Kraft der Veränderung. Daran können wir uns halten. Vielleicht ist es zuvor nötig, dass wir uns erschüttern lassen und wach werden zu uns selbst. Die Gelegenheit dazu ist günstig. Denn es ist ja Advent.

[1] Alfred Delp: Im Angesicht des Todes. Geschrieben zwischen Verhaftung und Hinrichtung 1944–1945, hg. von Paul Bolkovac, Frankfurt am Main 1947, S. 27.
[2] Ebd., S. 19.
[3] Ebd.
[4] Ebd., S. 27.
[5] Ebd., S. 31.

Maria Schmiegelt
20. Dezember
.

.
Predigt am Dritten Adventssonntag
zu Jes 61, 1-2a.10-11

Zum Einstieg hören Sie die Titelmelodie des Weihnachtsmärchens

Kleider machen Leute! Schimmel Nikolaus, der Hund Kasperle und eine Schmuckschatulle, die von der Eule Rosalie bewacht wird, sind alles, was Aschenbrödel nach dem Tod ihrer Eltern geblieben ist. Das Waisenkind lebt bei der herrischen Stiefmutter, die den Gutshof des Vaters an sich gerissen hat. Die Stiefmutter und ihre leibliche Tochter Dora erniedrigen Aschenbrödel nach Kräften und behandeln sie wie eine  Magd.

Wir kennen es, das Märchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Ein Klassiker der Advents- und Weihnachtszeit. Im Vordergrund der Geschichte stehen zwei Menschen – das Aschenbrödel und der Prinz. Und drei Haselnüsse. Und drei Wünsche. Im Märchen geht es aber auch immer um Kleidung. Die fesche Jagdkleidung der jungen Frau, das schöne Ballkleid samt verlorenem Schuh oder später das Brautkleid. Und es gibt in diesem Märchen natürlich ein Happy End! Der Prinz heiratet das Aschenbrödel.

Auch das dritte Jesaja-Buch spricht heute von Kleidern – von Gewändern des Heils und vom Mantel der Gerechtigkeit. Nur dass Jesaja diese Art der Kleidung mit den persönlichen Erfahrungen der Menschen seiner Zeit verbindet. Es sind die Jahre nach dem Babylonischen Exil. Das Volk – oder besser die Oberschicht des israelitischen Volkes – darf in die Freiheit zurück. Schluss mit der Unterdrückung! Die Worte des Jesaja sollen das Volk trösten, denn so wie es nun in ihrer Heimat aussieht, wird es kein schöner Anblick bei ihrer Rückkehr werden. Es erwartet sie ein trostloser Trümmerhaufen, ein Trümmerhaufen, der einst die Gottesstadt Jerusalem war. Erschütterung macht sich breit. Unbehagen und Skepsis mit Blick auf die Zukunft kommen noch hinzu. Jesaja darf ihnen aber im Auftrag Gottes Heil(ung) und Gerechtigkeit zusagen!

Ungefähr 2500 Jahre später, kurz vor seiner Hinrichtung am 2. Februar 1944 schreibt Alfred Delp den Satz: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Es ist die Überschrift unserer diesjährigen Adventszeit. Alfred Delp meint damit, dass es beim Ankommen des Gottessohnes auch auf mich ankommt! Auf jeden von uns! Und das gleiche meint auch Jesaja, wenn er schreibt: „Er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit.“ Nicht die schönen Kleider die ich äußerlich trage, machen mich aus. Seine Kleider sind Heil(ung) und Gerechtigkeit. Und es sollen die Kleider meines Inneren, meiner Seele sein! Auf dem Grund meiner Seele liegen vielleicht Dinge verborgen, die ich nur allzu gerne vergessen möchte, nur allzu gerne ausblenden und ignorieren möchte. Es ist wie ein Weglaufen vor mir selbst, eine Erschütterung – meine Erschütterung!

Advent ist die Zeit der Erschütterung, in der ich wach werden soll zu mir selbst! Nur im Wach-Sein, also im Erkennen meiner Schwächen, im „Ihm Hinhalten meiner Fehler“ werde ich Freiheit erlangen. Das, was ich für Gerechtigkeit halte, muss ich immer wieder auf den Prüfstand stellen! (In der Tageslesung vom ersten Advent nennt es Jesaja „Unsere Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid …“) Meine Gerechtigkeit hat das Bestreben nach Ausgleich, nach der gerechten Behandlung durch andere mir gegenüber, nach der Antwort auf meine Frage: „Und wo bleibe ich dann …?“ Auch die schnell dahin gesagten Lebensweisheiten Einzelner oder ganzer Gruppen, wenn es um Gerechtigkeit geht, müssen immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden – so schwer das auch sein mag. Mein persönliches Gerechtigkeitsempfinden kann weit von dem entfernt sein, was wirklich gerecht ist!

Ist es gerecht, wenn es uns hier in Deutschland so gut geht? Ist es gerecht über ausgefallenen Urlaub in der Pandemie zu jammern? Ist es gerecht, an unseren Grenzen Menschen abzuweisen, die unschuldig durch Krieg, Vertreibung und Hass fast nichts mehr haben als ihr Leben? Ist es gerecht, Millionen von Impfdosen für unsere Gesellschaft zu sichern, damit wir möglichst schnell aus der Pandemie heraus kommen (was ich sehr gut verstehen kann)? Aber ist es auch gerecht, dass sich andere Menschen, die nicht in einem europäischen Wohlstandsstaat leben, wahrscheinlich keinen oder nicht genügend Impfstoff leisten können?

Ja – es können unbequeme Fragen auftauchen, wenn es um Gerechtigkeit geht! Gottes Gerechtigkeit ist nie Ausgleich im menschlichen Sinne. Gottes Gerechtigkeit macht Sie (macht mich) g-e-r-e-c-h-t! Sie ist die innigste Beziehung zwischen Gott und mir! Sie richtet mich auf! Sie stärkt mir den Rücken! Sie wärmt mich, wenn meine Seele friert! Und – sie führt mich zur Freiheit! Und in dieser Freiheit kann ich wiederum anderen den Rücken stärken, sie aufrichten und ihnen menschliche (und vielleicht auch bereits) göttliche Wärme schenken! Kleider machen – vielleicht – Leute! Kleider des Heils und Kleider der Gerechtigkeit machen uns Christen aus! Finden Sie nicht auch?

Gregor Kleine-Kohlbrecher
13. Dezember
.

.
Predigt am Zweiten Adventssonntag
zu Jes 40, 1-5.9-11

Welche Begriffe, welche Bilder tauchen in eurem / in Ihrem Kopf auf, wenn ihr an die erste Lesung denkt? Mir sind folgende Begriffe aufgefallen: TROST – WEG – FREUDE – MACHT – NÄHE – getragen bzw. umfasst vom Berg ZION, von JERUSALEM. Diese Begriffe können uns eine Annäherung an die Worte ermöglichen, die Jesaja an das Volk Israel spricht, Israel im Exil in Babylon – 70 Jahre lang – zwei Generationen, also gefühlt ohne Ende …

TROST: Jesaja darf das Volk Israel trösten, er hat von Gott den Auftrag, ihm Hoffnung zu geben: ein Ende des Exils ist in Sicht!

WEG: Dann die Aufmunterung, der Zuspruch: Es gibt einen Weg durch die Wüste, den „Weg des Herrn“ – verbunden mit dem Aufruf: Helft mit, geht mit, bereitet den Weg vor,  macht es möglich ihn zu gehen – im Bild das Tal heben, Berge senken – macht ihn also begehbar! Der Zuspruch meint: Lasst euch drauf ein, denn Gott ist bei euch, die „Herrlichkeit des Herrn“.

FREUDE: Die Freude steht im Mittelpunkt – als Beobachtung, als Zuspruch, als Vision! In diesen Versen leuchten alle Hoffnungen, alle Visionen, alle Träume des Volkes Israel auf: Jerusalem, freue dich, denn bald wird das Volk Israel wieder bei dir sein! Wer jemals in Jerusalem gewesen ist, auf dem Berg Zion, wird die Gefühle, die Sehnsüchte ein kleines Stück nachempfinden können, die Jesaja mit diesen Rufen im Volk Israel auslöst, also Hoffnung und Ansporn: Erinnert euch!

MACHT: Die beiden letzten Begriffe scheinen zunächst gegensätzlich. Die ersten Verse klingen so „schön“ – aber es braucht die Macht Gottes. Das Volk Israel ist mit Gewalt ins Exil geschleppt worden, und nun braucht es die Macht Gottes, um befreit zu werden – Vertrauen auf die Stärke, auf die Macht Gottes – das ist Jesajas Auftrag!

Das klingt aber so abstrakt, so hart –  deshalb

NÄHE: Wie ein Hirt auf seine Schafe / Lämmer achtet – jedes einzelne nimmt er auf den Arm, holt es in seine Nähe, an seine Brust – so ist Gott euch nahe. Diese tief begründete Zuversicht will Jesaja dem Volk Israel verkünden. Hat uns dieser Jahrtausende alte Text, diese Worte des Propheten Jesaja heute noch etwas zu sagen? In dieser „Zeit der Erschütterung“? Wir sind doch gar nicht im Exil! Oder doch?

TROST: Sie bringen die Koffer und auf ihrem Weg verlieren sie Inhalt und Identität. Ich hatte ein Boot und hatte ein Haus. Von dem was ich hatte, blieb nur der Rauch. Offene Arme, Tritte vor die Tür. Ich mag dich sehr, aber nicht hier … Ich will nicht hier sein. So singen die Broilers 2014 über die Situation von Geflüchteten in Deutschland. Oder Nadin und Amir – im Flüchtlingslager nach ihrer gefährlichen Flucht auf einem Lastwagen – schlagen die Zeit tot. „Amir hatte Glück“, sagt Nadim. Denn ab und zu bringt ein Sozialarbeiter eine Gitarre mit. Dann vergisst Amir die Ödnis um sich herum und versinkt in Musik. Nadim läuft stattdessen dreimal täglich zu seinem Postfach, um zu sehen, dass es leer ist. Aber dann ist doch Post da. Die Jungs werden benachrichtigt, dass sie in einer Don-Bosco-Wohngruppe für unbegleitete Flüchtlinge leben sollen. „Kein Streit, nicht so eng und nicht mehr langweilig. Hier kannst du mit den anderen reden, wir machen was zusammen.“

WEG: Wir denken an den Weg, den viele Flüchtlinge auf sich nehmen, auf sich nehmen müssen – aber Jesaja spricht von einem Hoffnungsweg – heraus aus dem Exil – mit dem Zuspruch:  es ist möglich, wenn Täler gehoben und Hügel gesenkt werden. Aber wer kann das heute tun? Vielleicht ein Aufruf / ein Anruf an mich? Menschen aus dem Exil – aus ihrer Heimatlosigkeit, aus der Einsamkeit herauszuholen, anzusprechen – den Weg aufzuzeigen – mitzugehen. Das gilt nicht nur für Geflüchtete, sondern auch für Einsame hier in unserer direkten Umgebung, jetzt in der Corona-Zeit.

FREUDE:  Erzählt von Zion! Von Jerusalem, der Botin der Freude! Zurück in die Heimat – wie Grace aus Uganda, die jetzt als Lehrerin im Südsudan arbeitet:  Heimweh? „Ach ich vermisse einfach meine Familie so sehr. Meine Kinder weinen, wenn ich anrufe. Hier war es echt schwierig. Während der Ausbildung wurde uns gesagt, wir müssten die Familien der Schüler zuhause besuchen. Aber es dauerte, bis ich mich das getraut habe. Manche Leute verhalten sich feindselig. Es gibt üble Geschichten, wie Ausländer hier behandelt werden. Sie wollen deine Ratschläge nicht annehmen, weil du aus einem anderen Land bist.  …. Wenn alles gut geht, will ich noch ein Jahr hier unterrichten, bevor ich nach Uganda zurückgehe.“  „Zuhause ist für mich kein Ort, sondern ist dort, wo die Familie ist“, sagt Neda aus dem Iran, die froh ist, in Deutschland zu sein. Samir aus Afganistan nach harten Jahren in Deutschland mit Drogen und Kriminalität, hartem Entzug – hat nun eine Perspektive für sein Leben: wird mit 22 Jahren Vater einer Tochter, trainiert ehrenamtlich Jugendliche im Fußballverein – sein Motto: Setzt euch Ziele!“

MACHT:  Versetz dich einfach mal in diese Lage! Stell dir vor, wie eines Morgens bewaffnete Mörder vor deiner Tür stehen, dich schlagen und dann deine Mutter, deinen Vater, deine ganze Familie …Würdest du bereit sein zu bleiben und zu erleben, wie diese Männer straflos bleiben? Stell dir vor, dass Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Zugehörigkeit zu einer politischen Partei geköpft werden. Würdest du bereit sein, zu warten, bis du dran bist oder würdest du um dein Leben rennen? Stell dir vor, dass du eines Tages wegen deiner Meinung, wegen eines Gedichts oder eines Lieds, das Ungerechtigkeit und Verbrechen eines korrupten Regimes anprangert, verfolgt wirst – von eben dieser Regierung – Versetz dich einfach mal in diese Lage!  In dieser Erfahrung von Trezor Nzungu aus dem Flüchtlingslager in Malawi fällt es schwer, von der Macht Gottes, von „seinem kraftvollen Arm“ zu sprechen – wie Jesaja es tut – zumal der Begriff „Macht“ auch bei uns in der Kirche nicht immer positiv besetzt ist.

NÄHE: Papst Franziskus predigt und lebt uns den Gott der Nähe vor – das, was Jesaja am Ende unserer Lesung als wundervolle Realisierung von Gottes Macht zeichnet: das Bild vom Hirten, der seine Lämmer an seiner Brust trägt. Er macht sich auf den Weg als erstes zu den Geflüchteten auf Lampedusa – zu den Obdachlosen in Rom, vor seiner Haustür – zu den Indigenen, den Verachteten in Lateinamerika: „Bitten wir den Herrn um die Gnade der Tränen über unsere Gleichgültigkeit, über die Grausamkeit in der Welt, in uns und in denen, die anonymisiert sozial-ökonomische Entscheidungen treffen.“

Auch Rupert Neudeck war jemand, der nicht weggeschaut hat, der die Not der Menschen nicht ausgeblendet hat, sondern ihre Nähe gesucht hat – ihnen Nähe gegeben hat. Und dieses Leben für andere habe ihm unheimlich viel Freude gemacht – so sagt Navid Kermani über ihn in seiner Traueransprache 2016.

Sind nicht wir alle angesprochen, wenn Jesaja von dem „Ertrag der Macht Gottes“ – von dem Hirten, der seine Lämmer auf den Arm nimmt, spricht? Jede / jeder von uns weiß, wie gut es tut, das zu empfangen, aber auch das zu geben, diese Nähe zu leben. Navid Kermani schließt seine Traueransprache mit: „Ich glaube, verehrte Trauergemeinde, es geht nur so, dass jeder von uns, jede einzelne künftig ein bisschen mehr trägt als bisher. Alleine schaffen wir das nicht.“

Wie Jesaja dem Volk Israel im Exil Hoffnung, Mut, Zuversicht vermittelt – getragen von dem wunderbaren Bild der Stadt Jerusalem – so können wir uns gemeinsam auf den Weg machen – zum anderen – zur Gestrandeten – zu den Einsamen – nicht wegsehen – sich betreffen lassen – aufmerksam sein  – mitreden – nahe sein!!!!

Andrea Tüllinghoff
6. Dezember
.

.
Predigt am Ersten Adventssonntag
zu Mk 13, 24-37

Bestimmt kennen Sie ihn:  Loriot alias Vicco von Bülow. Er war einer der bekanntesten deutschen Humoristen, ein Künstler des Wortwitzes, der die verschiedensten Charaktere humorvoll beschrieb und Alltagssituationen karikierte. Wir möchten Ihnen heute eine Szene aus dem Film Papa ante Portas mit und von Loriot vorspielen. Vielleicht vorweg zum Inhalt: Herr Heinrich Lohse ist in den Vorruhestand geschickt worden. Nun versucht er sich im Haushalt einzubringen. Was dann doch zu einigermaßen chaotischen Zuständen führt.

Filmausschnitt

Die Filmscene zeigt: Ein älteres Paar sitzt bei Familie Lohse auf dem Sofa. Herr Heinrich Lohse sitzt ihnen gegenüber. Das Paar beginnt das Gespräch: „Nach den Berechnungen des international anerkannten Professors Pirkheimer hat der Venusmond Tetra seine Umlaufbahn verlassen und rast auf die Erde zu. Sein Aufprall steht unmittelbar bevor. Dies bedeutet das Ende unseres Planeten.“ Herr Lohse reagiert darauf wie folgt: „Das kommt hier im Moment sehr ungelegen.“ Das Paar führt das Gespräch weiter: „Nur alle Menschen, die innerlich und äußerlich sauber sind, haben nichts zu befürchten.“ Danach versuchen sie, Herrn Lohse Wurzelbürsten zu verkaufen und drohen ihm an, jeden Donnerstag wieder zu kommen. Daraufhin fragt er schnell: „Wo muss ich unterschreiben?“

Haben Sie den Satz von Herrn Lohse noch im Ohr: „Das kommt hier im Moment sehr ungelegen”? Und sicher nicht nur Herrn Lohse, denn das, was uns hier in der Szene zum Schmunzeln bringt, wird, zwar mit anderen Worten, aber auch im Evangelium des heutigen Sonntags angedeutet: Der Weltuntergang. Dort heißt es: „In jenen Tagen wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ Ist das Angstmache, wie es die beiden Herrschaften bei Loriot versuchen um ihre Bürsten und das Badesalz an den Mann zu bringen? Das klingt so, wie es in manchen Katastrophenfilmen ausgemalt wird, wo z.B. ein Meteorit auf die Erde stürzt und dann mit einem Mal alles dunkel wird. Weltuntergangsstimmung im Advent – passt das?

Im Evangeliums Text heißt weiter: „Dann man wird den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit kommen sehen.“ Das ist nun wieder adventlich, oder? Wir erwarten doch Christus! Advent heißt doch Ankunft – warten auf die Ankunft Jesu. Aber so? Und jetzt? Käme uns das nicht ungelegen? Mit Gott muss man immer rechnen aber er ist eben nicht be-rechen-bar. Auch wenn die Juden z. Zt. Jesu auf den Messias warteten, so hatte niemand mit dem Kommen Gottes gerechnet, schon gar nicht als Kind in einem Stall.

Und schon damals kam Gottes Sohn und die Radikalität seiner Botschaft der Nächstenliebe vielen Menschen ungelegen. Vor allem sein Tod am Kreuz war für seine Jünger damals, und ist es auch noch für viele heutige Menschen, unbegreiflich. Gottes Sohn selbst stirbt in scheinbarer Gottverlassenheit. Kann das ein liebender und den Menschen zugewandter Gott zulassen? Durch den Tod Jesu am Kreuz wird Gott und das Leid miteinander verbunden – hier zeigt sich das Wesen Gottes. Er ist dem Menschen gegenüber distanzlos, will uns nahe sein, mit seiner Liebe, mit seinem Trost.

Das Leid gehört zu uns Menschen! Es lässt sich nicht aus unserem Leben wegdenken. Und Krieg, Not, Katastrophen und Krankheiten kommen immer ungelegen, das zeigt uns auch die gegenwärtige Pandemie. Sie verstört und verunsichert Menschen, sie isoliert, sie ängstigt und schockiert. Ja, das kommt ungelegen und viele Planungen mussten über den Haufen geworfen werden. Hochzeiten mussten verschoben werden, der Urlaub wurden gecancelt und Geburtstagfeste fielen aus. Natürlich, das kommt uns ungelegen – aber nicht alles läuft nach unserem Plan.

Ich glaube nicht, dass Gott die Pandemie geschickt hat oder für anderes Leid verantwortlich ist, aber ich glaube, dass er sich darin finden lässt. Gott ist in der Nähe und in der Ferne, er ist in der Erfüllung unserer Wünsche, aber auch in ihrer Durchkreuzung. Er findet sich in der Schönheit wie in der Hässlichkeit, er ist im Humor und in der Trauer, er ist in Freude und im Leid. Er entspricht nicht immer unseren Vorstellungen, aber gerade das ist die Herausforderung des christlichen Glaubens: Gott gerade dort, wo wir ihn nicht erwarten, zu suchen und zu finden, auch oder gerade in Zeiten der Krise. Damit ist nicht das Prinzip gemeint: Not lehrt beten. Aber Wachsamkeit und Aufmerksamkeit, um die Liebe in allen Bereichen des Lebens, in Freude und in Leid, neu zu entdecken. Seid also wachsam – denn ihr wisst nicht, wann – wo – oder wie der Herr kommt.

Gisela Schmiegelt
29. November
.

.
Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu Spr 31, 10-31

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, als Sie die heutige Lesung gehört haben. Ich muss gestehen: Ich habe gehört, wie eine Frau beschrieben wurde, bei deren Bild mir fast der Atem stehen bleibt: tüchtig, fleißig, ein Gewinn für ihren Mann und ihr Umfeld. Und dann auch noch gottesfürchtig. Und das natürlich alle Tage ihres Lebens. Wow! Was für eine Frau! Oder? Kennen Sie eine solche Frau? Wenn Sie, gerade als Mann, jetzt nicken, dann ehrt sie das sicherlich. Wenn Sie, als Frau, die Stirn runzeln, zeigt das zumindest Ihren gesunden Realismus. Denn, bei Licht betrachtet, werden wir zugeben müssen, dass uns das Buch der Sprichwörter keine Frau des Alltags vor Augen stellt. Oder? Ich persönlich finde mich zumindest nicht wieder in dieser biblischen Darstellung. Zu hoch hängt für mich die biblische Latte: Ich bin weder immer tüchtig noch bin ich stets und ständig ein Gewinn für mein Umfeld. Das ist leider die harte Realität. Und auch bei der Gottesfurcht bin ich mir nicht sicher, ob ich mit dem biblischen Ideal mithalten kann. Ich befürchte: wohl eher nicht. Aber: Muss das denn? Muss ich denn ein Ideal erfüllen, um eine gute Frau zu sein? Und wer legt fest, wie eine gute Frau zu sein hat?

Wenn ich diesen Text als Frau lese, dann mit gemischten Gefühlen. Zugegeben: Es freut mich, dass am Ende des Kirchenjahrs in einem liturgischen Text mit kraftvollen Worten die die Leistung einer Frau gewürdigt wird. Gerade auch ihre Arbeit und ihre Klugheit. Interessant war für uns die Entdeckung, dass in der Fassung für die Liturgie Verse gestrichen wurden wie „Sie kauft einen Acker“ und „Sie öffnet ihren Mund in Weisheit“. Das lässt tief blicken und ist schade – daher haben Sie heute die ungekürzte Fassung des Textes gehört. Die biblischen Lorbeeren können nämlich nicht schaden, in einer Welt, in der immer noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter herrscht. In deren Wirtschaftssystemen es bis heute nicht selbstverständlich ist, dass eine Frau Leitungsaufgaben übernimmt. Geschweige denn, dass sie dafür auch gleich bezahlt wird. Und um die Situation in der Kirche wissen wir auch: Wenn wir in dieser Woche als Frauen das Wort verkünden, dann ist das ein besonderer Moment, auch wenn es das eigentlich nicht mehr sein sollte. Dass Frauen predigen ist keinesfalls alltäglich, erst recht nicht in einer Eucharistiefeier. Frauen haben qua Geschlecht kein Recht darauf. Es ist kirchenrechtlich in der Messe sogar offiziell verboten. Da tut es gut, zu lesen, wie wertschätzend ein über 2200 Jahre alter biblischer Text von der Frau redet und sie in den höchsten Tönen preist.

Und dennoch bleibt der Boden der Tatsachen. Ich kann ihn nicht ausblenden, wenn ich den schillernden Text aus dem Buch der Sprichwörter höre. Die Lebenswelten von Frauen sehen so anders aus – zumindest in meinem Umfeld. Da sind keine idealisierten Super-Frauen, sondern Frauen, die einen herausfordernden Alltag managen. Und die immer wieder an ihren eigenen Ansprüchen scheitern – ja scheitern müssen. Weil wir eben in keiner idealen Welt leben. Weder als Frau noch als Mann. Da sind Frauen, die Krisen bewältigen müssen – persönliche, gesundheitliche, familiäre. Und schließlich Frauen, die in der Vielfalt der Lebensformen um Anerkennung in Kirche und Gesellschaft ringen. All diese Frauen sehe ich nicht repräsentiert, wenn ich in den Lesungstext schaue. Dort sehe ich eine Frau, die auf ein enges Ideal begrenzt wird: Eine (natürlich) verheiratete, erfolgreiche, wohltätige Power-Frau. Kein Wort von Verunsicherung oder gar Überforderung. Kein Wort von Zweifeln oder vom Ringen – um die eigene Rolle, um die Identität als Frau. Sicherlich ist das Frauenbild der Bibel insgesamt facettenreicher. Und zum Glück sind die Vorstellungen von gelingendem Leben heute vielfältiger. Das gilt für Männer natürlich ebenso wie für Frauen. Und eigentlich sollte mittlerweile klar sein: niemand hat das Recht, diese verschiedenen Lebensformen zu bewerten. Aber das scheint noch immer nicht in allen Köpfen angekommen zu sein. Leider. Gerade die Kirche tut sich bis heute schwer damit. So ist zumindest mein Eindruck. Da wird noch immer viel zu oft bewertet und verurteilt. Weil etwas ungewohnt ist. Weil etwas nicht so ist, wie es immer war. Weil man selbst anders lebt. Und da gehen Menschen. Frauen. Und Männer. Enttäuscht und verletzt – von einem Ideal, das nur überfordern kann.

Die Lesung des heutigen Sonntags ist also kein leichter Stoff. Zumindest für mich nicht. Zwar spielt sie uns Frauen einerseits in die Karten, weil sie an manchen Stellen erstaunlich modern erscheint. Aber gleichzeitig lässt sie uns beide mit einer gewissen Skepsis zurück. Diese Spannung gilt es auszuhalten. Und zu gestalten. Mit dem eigenen Sein und vor allem mit dem eigenen Tun. Zwischen den Idealen und den Realitäten unseres ganz persönlichen Lebens. In zwei Wochen beginnt ein neues Kirchenjahr und mit ihm stellt sich die immer wiederkehrende Frage: Wie geht es weiter in dieser Kirche? Wie kann es weitergehen? Die Perspektive des heutigen Sonntags könnte sein: Mehr als bisher mit Frauen, in allen Diensten. Denn Gott traut den Frauen alles zu. Mit Frauen und Männern, die kritisch bleiben gegen alle Formen überhöhter Ideale – und stattdessen immer wieder benennen, wie das Leben heute wirklich aussieht. Und dass es in all seiner Vielfalt, seiner Kraft und auch seinem Scheitern von Gott geschenkt und getragen ist. Und schließlich mit Entscheidungsträgern, die nicht ängstlich abwarten, sondern – bei allem Aber – auch mal auf Risiko gehen. Letzteres wünschen wir beide uns für den synodalen Weg der deutschen Kirche. Wir müssen weiterkommen. Und gerade für alle realen tüchtigen Frauen hoffen wir, dass es nicht mehr so lange dauert.

Anne Burgard
Simone Kassenbrock
15. November
.

.
Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu Lk 2, 41-52

Maria. Meine Namenspatronin. Kein Wunder, dass ich schon als Kind ganz genau aufgepasst habe, wenn es um Maria ging. Besonders aufgefallen ist mir da immer der Satz: „Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war in ihrem Herzen“. Dieser Satz steht auch am Ende des Evangeliums am Weihnachtsmorgen. Wenn ich eins dieser Evangelien höre, dann warte ich immer schon auf diesen ganz besonderen Satz. Was diesen Satz so hervorhebt, fängt schon damit an, dass er überhaupt dort steht. Für die Handlung, für das was passiert, ist er nicht wichtig. Man hätte ihn auch einfach weglassen können. Und trotzdem steht er da. Trotzdem ist es wichtig, dass Maria das was passiert ist, im Herzen behält.

Etwas im Herzen zu behalten bedeutet, sich etwas zu merken, über etwas nachzudenken. Aber nicht nur das: es bedeutet mit dem Herzen darüber nachzudenken. Sozusagen „nachzufühlen“. Maria hat erkannt, dass Jesus hier nicht nur wirres Zeug erzählt, wenn er sagt, dass er im Haus seines Vaters sein will. Maria hat erkannt, was Jesus damit sagen will. Das was hier passiert, ist wichtig und von Bedeutung. Sie hat mit ihrem Herzen verstanden. Sie glaubt, weil sie es selbst gespürt hat. Dieses erkennen in ihrem Herzen bildet den Grundstein dafür, dass sie Jesus sein ganzes Leben lang ihr Vertrauen schenkt und auch noch nach seinem Tod an das glaubt, was er verkündet hat. Sie vertraut ihm und glaubt ihm, nicht nur als seine Mutter, sondern auch als Gläubige. Ihr Herz wusste: Das ist Gottes Sohn.

Das, worauf es hier für mich ankommt ist, dass ihr Herz es ihr gesagt hat und dass sie danach handelt. Das ist der Grund, wieso der Satz: „Seine Mutter bewahrte alles was geschehen war in ihrem Herzen“ so wichtig ist. Das ist der Grund, wieso der Satz dort steht, obwohl er für das, was in der Geschichte eigentlich passiert, nicht wichtig ist. Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob sie das, was geschehen ist in ihrem Herzen behält oder nicht. Denn Maria ist keine Frau, die etwas einfach so hinnimmt. Nein, Maria erkennt, dass hier, als Jesus sagt, er muss im Haus seines Vaters sein, etwas Besonderes passiert ist. Sie vertraut Jesus, weil ihr Herz es ihr sagt. Maria ist also viel mehr, als eine Magd Gottes. Sie ist eine Frau, die für sich selbst denkt. Eine intelligente Frau, der auffällt, dass hier etwas besonders passiert und die eine eigene Einschätzung trifft. Eine Frau, die ihrem Herzen folgt. Eine ziemlich moderne Frau also. Damit kann sie uns, uns allen, nicht nur uns Frauen, bis heute ein Vorbild sein.

Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob wir etwas einfach hinnehmen, oder ob wir über Dinge nachdenken, unsere eigene Einschätzung treffen und unserem Herzen folgen. Im Glauben und in unserem täglichen Leben. Machen wir Dinge, weil wir sie immer schon gemacht haben? Oder lohnt es sich zu überdenken, auch wenn es zum zehnten Mal ist? Sollten wir so einkaufen wie immer? Oder mehr auf Nachhaltigkeit achten sonst? Weniger Plastik verbrauchen? Weniger Fleisch essen? Sollten wir Strom verbrauchen wie immer? Oder überzählige Lampen ausschalten? Vielleicht zu einem Ökostromanbieter wechseln? Sollten nur Männer Priester werden dürfen? Oder sollten wir uns, wie die Initiative Maria 2.0 dafür einsetzen, dass Menschen jeden Geschlechts dieses Amt bekleiden dürfen? Sollten wir handeln wie immer? Oder aus der Vergangenheit lernen? Wie sieht die Welt aus, denn wir sie immer wieder, mit neuen Erfahrungen im Hinterkopf, betrachten? Sollten wir denken: ich mache das nicht, die anderen machen es ja auch nicht? Oder einfach mal den Anfang machen? Maria zeigt uns, dass wir nicht einfach hinnehmen sollen. Wie Maria sollten wir das tun, von dem unser Herz uns sagt, dass es das Richtige ist.

Maria Ahrnsen
15. November
.

.
Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu Mt 25, 14-30

Während meiner Ausbildung zur Trauerbegleiterin im vorletzten Jahr, bin ich auf ein Buch gestoßen, dessen Titel mich neugierig gemacht hat. Er lautet: „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ (Bronnie Ware, 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen – Einsichten, die Ihr Leben verändern werden, Goldmann Verlag, München 2015). Google sei Dank habe ich ein wenig über die Autorin erfahren können. Bronnie Ware, so heißt sie, ist Australierin. Sie arbeitete einige Jahre als Bankerin, aber so richtig viel Freude hatte sie nicht an ihrem Beruf. Sie fühlte sich, so beschreibt sie es, wie in einer Tretmühle. Ihr Alltag hat sie einfach nur frustriert. Eines Tages verkaufte sie ihren Besitz und machte sich auf die Suche nach einem Leben, das sie wirklich leben wollte. Sie verbrachte einige Zeit auf einer Südseeinsel, fuhr nach England und zurück, reiste durch Australien, jobbte in Bars und probierte alle möglichen Tätigkeiten aus. Sie ließ sich einfach vom Leben treiben, bis sie schließlich als Palliativpflegerin Todkranke und Sterbende zu Hause auf ihrem letzten Weg begleitete. Neun Jahre arbeitete sie mit Sterbenden, führte Gespräche mit ihnen, fragte nach ihrem Leben. In dieser Zeit findet sie heraus – und beschreibt das ja dann auch später in ihrem Buch –, dass es besonders fünf Dinge sind, die Sterbende am Ende ihres Lebens am meisten bereuen. Diese lauten:

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt mir mehr Freizeit zu gönnen und nicht so viel gearbeitet.“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht zu erhalten.“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir zu erlauben, glücklicher zu sein.“

Ist es das, was uns im Leben oft fehlt? Den Mut, ein Leben zu führen wie wir es uns eigentlich wünschen? Den Mut, so zu leben, ohne dass wir uns am Ende selber sagen müssen: „Mir fehlte der Mut mir zu erlauben glücklicher zu sein?“ Im Evangelium, das wir vorhin gehört haben, erzählt Jesus ein Gleichnis. Auch wenn es zunächst nicht so erscheint, für mich ist diese Geschichte eine „Mut-mach-Geschichte.“ Der Herr im Gleichnis vertraut allen drei Dienern sein Vermögen an, alles was er hat. Dem einen gibt er 5 Talente Silbergeld, dem andern 2, dem dritten ein Talent Silbergeld. Dabei muss man wissen: Ein Talent war für die Menschen damals, zu denen Jesus sprach, zunächst einmal eine Gewichtseinheit. Ein Talent Silbergeld war für die damaligen Menschen eine unvorstellbar große Summe – ein fast 60 kg schwerer Haufen Silber.

Aber das Gleichnis ist sicher nicht als Lehrstück für die Finanzwelt gedacht. Vielmehr stehen diese Talente hier für alles, was Gott uns anvertraut. Unser Leben, unsere Begabungen, Menschen, die wir lieben, Freunde, die Welt. Und für Jesus sicher auch seine frohe Botschaft. Das alles ist unendlich kostbar. In dem Gleichnis setzten zwei der Diener das ihnen Anvertraute ein, sie wirtschaften damit, sicher nicht ohne Risiko, aber am Ende sind sie und auch der Herr, als er wiederkommt, mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Nur der dritte Diener traut sich nicht an das Geld ran. Er geht auf Nummer sicher und vergräbt es. Er hat Angst davor, er könnte etwas verkehrt machen oder sogar das ihm Anvertraute verlieren, Angst vor der Kritik seines Herrn. Na ja, könnte man sagen: Was ist daran so verkehrt? Er passte doch gut auf das Geld auf und hat es verwahrt. Er hätte es ja auch vergeuden, verspielen oder verjubeln können. Was soll denn daran so schlimm sein?

Ich denke, die Frage, die hinter dem Gleichnis steht ist die: Was machst du aus deinem Leben, das Gott dir anvertraut hat. Nutzt du die Möglichkeiten, die er dir schenkt, die Chancen, die das Leben dir bietet? Oder lässt du dich von der Angst bestimmen? Traust du dich, dich auf die Liebe eines anderen einzulassen, auch wenn das bedeuten kann, verletzt oder enttäuscht zu werden? Traust du dich, deine Meinung zu vertreten und dich für andere einzusetzen, auch wenn das bedeutet, selbst in Kritik zu geraten? Traust du dich, deine Träume und Wünsche zu leben, auch wenn du enttäuscht wirst? Traust du dich, in deinem Leben etwas Neues zu beginnen, auch wenn andere von dir erwarten, dass alles so bleibt wie es ist? Traust du dich, einem anderen Menschen zu vertrauen, auch wenn es dich angreifbar macht? Traust du dich, zu deinem Glauben zu stehen, auch wenn andere dich belachen?

Natürlich ist es bequemer, wenn man sich aus allem raushält, wenn man seine Ruhe, wenn man sich durch die Probleme anderer nicht berühren lässt. Natürlich ist es einfacher, wenn man sich sagt: „Ich kann an den Problemen der Welt und der Gesellschaft sowieso nichts ändern.“  Einfacher, wenn man es anderen überlässt Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen. Natürlich, dann gehe ich auch kein Risiko ein. Aber: Nicht das gelebte Leben bereuen wir am Ende, sondern das nicht gelebte Leben und seine versäumten Möglichkeiten.

Ich denke das Gleichnis will uns einerseits mahnen und andererseits motivieren: Jeden persönlich in seinem Handeln, aber auch uns in den Gemeinden und in der Kirche im Allgemeinen. Wir dürfen uns nicht in unserem Gemeindealltag vergraben, verstecken, es gut sein lassen mit der Pflege unserer Traditionen allein oder abzuschotten in unseren Kreisen und Gruppen. Das Gleichnis besagt: Wem viel anvertraut ist, von dem wird man viel fordern. Stellt sich die Frage: Was ist der Kirche anvertraut, den Gemeinden? Was wurde vergraben, so dass sich nichts verändern kann, was müssen wir wieder ausgraben um damit zu wuchern. Welcher Schatz wurde der Kirche anvertraut (z.B. Menschen, Männer und Frauen, mit ihren vielfältigen Begabungen und Berufungen)?

Am Ende des Gleichnisses wird beschrieben, wie es dem dritten Diener ergeht: „Dort, in der Finsternis, wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.“ Reue am Ende des Lebens über verpasste Möglichkeiten kann schmerzlich sein. Vielleicht fühlt es sich ein wenig so an, wie „heulen und mit den Zähnen knirschen“. Lassen wir uns von Jesus sagen: Hab Mut, trau dich, so zu leben, wie du es für richtig hältst. Trau dich, die Welt zu gestalten und zum Guten zu verändern. Trau dich zu lieben und auch zu leiden.Trau dich, weil Gott dir unendlich viel zutraut.

Gisela Schmiegelt
14. November
.

.
Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu 2 Joh 4-9 und Lk 17, 26-37

In wenigen Tagen feiern wir den Namenstag der HeiligenElisabeth von Thüringen. Elisabeth ist zum Inbegriff des barmherzigen und fürsorglichen Menschen geworden. Darum ist sie auch die Patronin der Caritas, und auch die kfd gedenkt ihrer jedes Jahr im November. 1207 wurde sie als ungarische Königstochter geboren und im Alter von 14 Jahren mit dem Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen verheiratet. Dort lebte sie wohlbehütet im Wohlstand ihrer Familie. Doch das war ihr nicht genug: sie wollte für andere, arme Menschen da sein, sie versorgen, sich kümmern. Nach dem Tod ihres Ehemannes setzt sie gegen den Willen der Verwandtschaft ihr Engagement fort. Sie entsagt jeglichem Wohlstand und folgt dem Armutsideal des Franz von Assisi. Sie verschreibt sich vollkommen dem entbehrungsreichen Dienst an Armen und Kranken. Dafür bleibt ihr nicht viel Zeit, denn bereits im Alter von 24 Jahren stirbt sie, arm und krank.

Wenn ich auf dieses kurze Leben schaue, empfinde ich Respekt und Hochachtung: Elisabeth lebt und verwirklicht mit ihrem Engagement geradezu vollkommen jenes Gebot, an dessen Einhaltung wir in der Lesung von gerade eben erinnert werden: „Ich schreibe dir kein neues Gebot, sondern das, was wir gehabt haben von Anfang an, dass wir uns untereinander lieben.“

Zu einer solchen Liebe, einem solchen Engagement fühle ich mich kaum in der Lage. Da bin ich völlig überfordert. Und warum? Vordergründig betrachtet: ich bin ja keine Landgräfin und schon gar keine Heilige! Ich werde nie eine sein, dazu bin ich nicht berufen. Aber so einfach sollte man es sich nicht machen, sich nicht hinter einer solchen Antwort verstecken. Anders gefragt: Was unterscheidet eigentlich Elisabeth von mir, von anderen Frauen und Männern, losgelöst von Heiligenschein und Berufung?

Vielleicht finden wir die Antwort im Evangelium von heute: Jesus ermahnt seine Zuhörer eindringlich: „Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren; und wer es verlieren wird, der wird es gewinnen!“ Statt ihr vornehmes, wohlhabendes Leben aufrechtzuerhalten, war Elisabeth bereit, ihr Leben für Notleidende hinzugeben, es zu verlieren. In meinem Beruf möchte ich auch anderen helfen, Kranke heilen, Leiden lindern. Aber bin ich bereit, mein Leben zu verlieren, zu opfern? Bei dieser Frage stellt sich doch in uns etwas ganz Banales, aber zutiefst Menschliches ein – nämlich die Angst zu sterben.

Es klingt paradox: Diese Angst zu sterben ist einerseits lebenswichtig, sie warnt, schützt, bewahrt uns vor unterschiedlichen Gefahren, sie hält uns am Leben. Aus dieser existentiellen Urangst des Menschen heraus wurden die kreativsten und größten Erfindungen und kulturellen Leistungen der Menschen erschaffen: Behausungen, Gesundheitswesen, medizinisches Wissen und Forschung, Lebensversicherungen usw. Auch heute, angesichts der Bedrohung durch ein neues Virus, stellen wir die Welt auf den Kopf. Unsere Vorstellungen und Konzepte über das Leben und Sterben bestimmen große Teile unserer Lebens- und Alltagsgestaltung.

Andererseits blockiert diese Angst uns, sie hindert uns am Leben. Die Angst vor dem Tod kann dazu führen, dass wir das Leben in seiner Tiefe und Weite, seinem Zauber und seiner unermesslichen Vielfalt nicht mehr spüren. Wir wollen häufig dieses Leben bis an seine Grenzen auskosten, alles Erlebbare erleben. Die Gier nach mehr und noch mehr verhindert den Blick auf das, was wirklich wichtig ist im Leben.  Es geht nicht um ein „gefülltes“, sondern um ein „erfülltes“ Leben. Bin ich bereit zu sterben – jetzt? Bereit sein zu sterben – und gleichzeitig leben wollen. Hingabe an den Tod – Hingabe an das Leben.

Das Größere hinter beiden Aspekten, das Aufhebende hinter dieser Widersprüchlichkeit ist die Liebe. In der Liebe zum Leben ist verborgen die Sehnsucht nach Ganzheit und Vollendung – und dazu gehört der Tod. Leben in seiner wesenhaften Natur schließt den Tod mit ein. Im Angesicht des Todes zu leben, intensiviert also vielmehr unser Leben, es macht uns achtsam, dankbar und nicht zuletzt sensibel für das Leben all derjenigen, die unsere Hilfe benötigen, seien es Flüchtlinge, Obdachlose, Kranke oder Pflegebedürftige. In der zum Teil aufopferungsvollen Zuwendung gegenüber diesen Menschen opfern wir in Wahrheit nicht unser Leben, sondern wir gewinnen es zurück. So möchte ich mit einem Wort aus dem 90.Psalm schließen: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Dr. Ulrike Haucap-Osterhaus
13. November
.

.
Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu 1 Joh 4, 7-16 und Lk 10, 38-42

Diese kurze Geschichte von den beiden Schwestern Marta und Maria beschreibt eine Situation, wie wir sie wohl alle kennen. Besuch hat sich angekündigt, es kommt jemand, der einem wichtig ist. Und Marta tut das, was wohl die meisten von uns in dieser Situation tun würden: Sie nimmt ihn freudig auf und verfällt in Betriebsamkeit, sie läuft geschäftig hin und her, sie räumt und putzt und kümmert sich darum, dass etwas Gutes auf den Tisch kommt … Maria dagegen setzt sich Jesus zu Füßen und hört ihm einfach nur zu, während Marta die ganze Arbeit alleine verrichtet. Empört wendet sich Marta an Jesus, damit dieser ihre Schwester zurechtweist: “Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“

Wenn ich mir diese Situation vorstelle, muss ich sagen: Mein Herz schlägt für Marta und ich kann ihre Empörung gut verstehen! Doch Jesus reagiert ganz anders, als Marta es erwartet, denn seine liebevolle Zurechtweisung trifft nicht Maria, sondern sie selbst. Aber warum? Sie hat sich doch so viel Mühe gemacht und so viel für Jesus getan. Sieht er das denn gar nicht? Doch, Jesus sieht, was Marta tut. „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen …“ Er nimmt das durchaus wahr. Doch er sagt auch:“… aber eines nur ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“

Ich kann mir vorstellen, dass Marta von dieser Aussage zunächst einmal völlig vor den Kopf gestoßen war. Wieso ist das, was Maria tut, besser? Was ist falsch daran, sich zu kümmern? Jesus selbst hat uns doch die tätige Nächstenliebe vorgelebt, er hat sich gekümmert, die Not der Menschen gesehen und Kranke geheilt … Ich glaube, es ist zum einen eine Frage des „timings“, eine Frage des „Was ist jetzt gerade drann?“, „Was ist jetzt notwendig?“

In dieser Geschichte geht es nicht darum, etwas für einen Gast vorzubereiten – der Gast ist bereits da! Jesus ist im Haus der beiden Schwestern, doch Marta ist so beschäftigt, dass sie gar keine Zeit für ihn hat vor lauter „Sorgen und Mühen“. Sie will für ihn sorgen, ihm etwas „geben“, während Maria bereit ist, sich von Jesus „beschenken“ zu lassen, indem sie sich zu seinen Füßen setzt und seinen Worten lauscht. Und das, so sagt Jesus, ist in diesem Falle „das Not-wendige und Bessere“.

In der Lesung haben wir gehört, dass Gott die Liebe ist, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. Wir brauchen die Beziehung zu Gott, damit wir seine Liebe zu uns an andere weitergeben können. Wir sind also zunächst einmal „Beschenkte“. Die Gefahr ist groß, dass wir meinen, alles aus uns selbst heraus tun zu können oder zu müssen. Doch auch Jesus hat sich immer wieder zurückgezogen, um sich im Gebet von Gott stärken und beschenken zu lassen. Oder wie Paulus es in seinem Brief an die Philipper sagt: „Ich vermag alles durch ihn, der mir Kraft gibt“ (Phil 4,13). Viele Menschen sagen heute: „Ich vermag alles!“ und nehmen sich damit wichtiger als sie sind. Ein Blick auf die politischen Bühnen dieser Welt zeigt uns viele Beispiele dafür…

Wir Christen aber haben eine Quelle der Kraft und der Liebe, die uns geschenkt wird, wenn wir uns dafür öffnen und uns die Zeit dafür nehmen. Die beiden ungleichen Schwestern – Marta und Maria – sie wohnen auch in mir und in jedem von uns. Und oft ist Marta die Lautere und Stärkere von beiden, die sich, von den Lasten des Alltags getrieben, keine Ruhe gönnt. Da ist es gut, wenn eine Stimme zu uns sagt: „Mach dir nicht so viel Sorgen und Mühen. Denke daran: Eines nur ist notwendig. Mach es wie Maria – und wähle das Bessere!“

Karolin Holtgrewe
12. November
.

.
Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu Lk 17, 11-19

Kennen Sie das auch, liebe Gemeinde, da bekommt man etwas geschenkt, eine kleine Aufmerksamkeit, ohne besonderen Anlass – einfach so. Und dann: Man wundert sich und bedankt sich und fragt: Womit habe ich das verdient? Was kann ich dir dafür Gutes tun? Es geht auch umgekehrt: Wir schenken jemandem etwas – einfach so, ohne Grund –, und der Beschenkte fragt dasselbe: Womit habe ich das verdient? Wie kann ich das wieder gutmachen? Einfach nur: Freude und Dankbarkeit – das genügt! Das gibt es doch, das erleben wir doch auch immer mal wieder – diese kleinen Dinge: Aufmerksamkeiten, jemandem einen Gefallen tun: ein Lächeln, ein Dankeschön, einen schönen Tag wünschen, das genügt und das tut gut – vielleicht besonders in dieser Zeit!

Der Heilige Martin hat ja auch den Bettler nicht gefragt: „Was gibst du mir, wenn ich dir die Hälfte meines Mantels gebe?“ Oder: „Was tust du für mich?“ Martin hat gehandelt: aus Nächstenliebe, aus Mitmenschlichkeit, aus Barmherzigkeit, von Herzen, ganz spontan! Stell dir vor, das würde jeder tun! Stell dir vor, das würde jeder tun: an andere denken, andere unterstützen, helfen, wo es möglich und nötig ist: kostenlos und unverbindlich, ohne Hintergedanken!

Ganz viel geschah und geschieht ja auch bei uns in der Pfarrei: besonders in dieser Corona-Zeit. Einige Beispiele: Dda haben Kinder und Erwachsene Grüße geschrieben, gemalt, gebastelt für ältere oder einsame Menschen, auch für die Menschen in unseren Senioren-einrichtungen. Es gibt viele andere Hilfen und Aufmerksamkeiten: die Aktion Tannenzweig Jugendlichen, die Sternsingeraktion, praktische Hilfen für Flüchtlinge, Besuchsdienste, Begrüßungs- und Ordnerdienste in diesen Zeiten und so weiter …

Warum tun Menschen das? Sicher nicht aus Egoismus oder um gut dazustehen, auch nicht, um sich den Himmel oder das ewige Leben zu verdienen! Der Heilige Martin und viele andere Vorbilder im Glauben handelten aus Barmherzigkeit und Nächstenliebe, aus ihrem christlichen Glauben heraus. Manche wurden aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft verspottet. Lassen wir uns nicht einschüchtern, wenn andere vielleicht über uns lächeln – die sind einfach nur neidisch!

Jesus Christus hat so gehandelt, auch im heutigen Evangelium: Die Heilung der zehn Aussätzigen. Jesus hat keine Bedingungen gestellt: „Wenn ihr meine Jünger, meine Nachfolger werdet, dann mache ich euch gesund.“ Jesus waren die Menschen wichtig! Alle Menschen! Und nur einer bedankt sich. Warum nur einer? In Jesu Nachfolge üben wir Nächstenliebe, aus Dankbarkeit dafür, dass Gott uns liebt! Wir geben diese Liebe, diese Menschenfreundlich-keit Gottes weiter an unsere Mitmenschen – einfach so! Stell dir vor, das würde jeder tun!

Ich habe vor kurzem diese Tüte mit Süßigkeiten gekauft, weil auf der Tüte steht: „Zeig Herz“ und „Zum Teilen“. „Zum Teilen“ steht drauf, und wenn jetzt nicht Corona-Zeit wäre, hätte ich am Ausgang eine Schale mit dem Inhalt mehrerer Tüten hingestellt und jeder hätte sich etwas nehmen dürfen – geht aber zur Zeit nicht, schade! Aber vieles andere ist in dieser ungewöhn-lichen Zeit möglich: ein Lächeln – trotz Maske, ein freundliches Wort, ein Zunicken oder Zuwinken, Zuwendung, Zeit für ein Gespräch, auch vor der Kirche (mit Abstand!), ein schriftlicher Gruß, ein Telefongespräch. Kleine Aufmerksamkeiten, mit denen wir unsere Mitmenschen erfreuen, vieles in dieser Zeit mit Abstand, aber dennoch „mit Herz“, weil es von Herzen kommt! Stell dir vor, das würde jeder tun! Seien wir erfinderisch: „Zeig Herz!“ Das könnten wir doch auch weiterhin probieren – oder?

Karin Gösmann
11. November
.

.
Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis
zu Sir 27, 30-28, 7 und Mt 18, 21-35

„Groll und Zorn sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.“ Ob sich Wutbürger davon beeindrucken lassen? Unwahrscheinlich. Sie sprechen von der Merkel-Diktatur, sehen sich in ihren Grundrechten eingeschränkt, wähnen hinter allem eine große geheime Macht. Und wollen das bekämpfen. Mit Agitation und Gewalt. Mit Wut und Groll und Zorn. In den vielen Flüchtlingslagern dieser Welt haben Groll und Zorn auch ein Zuhause. Ausweglosigkeit all überall. Und Angst. Schreckliche Angst. Die vielen geflohenen Menschen haben Angst um ihr Leben. Und Politiker haben Angst, etwas falsch zu machen. Das ist die Stunde der Scharfmacher. Überall auf der Welt schlagen Menschen wild um sich, mit Worten und Taten. Überall auf der Welt vergiften Menschen das Miteinander. Bedarf es da nicht einer gehörigen Portion Groll und Zorn, um gegen all diese Dinge anzugehen?

Der Weg Jesu ist – wie so oft – ein anderer. Seine Aufforderung geht so: „Fang bei dir selbst an. Denke daran, wie oft du dich schon verrannt hast. Wie oft du schon schuldig geworden bist. Wie sehr du davon lebst, dass andere dir einen neuen Anfang schenken. Also: Wage das Unmögliche und hab Geduld. Immer wieder. Und immer mehr!“ „Ja“, möchte man da sagen, „du hast Recht, Herr! Aber wir dürfen doch diese Ungerechtigkeit nicht einfach so weiterlaufen lassen. Wir dürfen doch nicht zusehen, wie Menschen umkommen, nur weil sie in der falschen Gegend leben. Wir dürfen doch nicht zulassen, dass unsere Erde den gewinnmaximierenden Konzernen geopfert wird. Wir dürfen doch nicht zusehen, wie mitten in Europa Potentaten ihr Volk niederknüppeln oder Menschen einfach so verschwinden. Wir müssen doch was tun!“

„Ja“, so stelle ich es mir vor, könnte Jesus sagen, „das stimmt. Wer mir folgt, muss sich die Hände schmutzig machen. Wer mir folgt, der legt den Finger in die vielen Wunden dieser Zeit. Wer mir folgt, der kämpft! Aber eines solltest du bedenken, wenn du überleben willst: Lass dich nicht vergiften. Sei nie so durchdrungen von Gewalt und Hass, dass du nicht mehr in den Spiegel schauen kannst. Lass den anderen leben. Nur so kannst du ihn gewinnen!“ „Du hast leicht reden, Jesus, doch was ist mit den vielen Unterdrückten dieser Tage, was mit den vielen Opfern von Willkür und Terror? Was mit all den Radikalen, die ihren Weg gehen ohne Rücksicht auf Verluste?“ Die Fragen sind richtig. Denn all das ist ja da. Und all das wird bleiben. Aber der Funke Hoffnung, für den Jesus sein Leben gab, der bleibt auch.

Alexander Bergel
13. September
.

.
Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis
zu Röm 13, 8-10 und Mt 18, 15-20

„Liebe – und tu, was du willst!“ Hört sich einfach an. Und ein bisschen verrückt. Wer genauer hinschaut, der merkt recht schnell: Einfach ist das ganz und gar nicht. Allenfalls ein bisschen verrückt: „Liebe – und tu, was du willst.“ Der Kirchenvater Augustinus hat dies im 5. Jahrhundert gesagt. Nur was meint er damit? Auf den ersten Blick sagt er: „Macht, was ihr wollt. Nur nicht ohne Liebe.“ So verlockend sich das auch anhört – leicht geht anders. Wer wirklich liebt, der weiß das. Wer wirklich liebt, der macht nämlich nicht einfach, was er will, sondern was gut ist für den anderen. Und das ist nicht immer identisch mit dem, was mir grad gefällt …

Wer 50 Jahre verheiratet ist – der weiß das. Wer Kinder auf die Welt gebracht und groß gezogen hat – der weiß das. Wer sich voller Lust und Leidenschaft nach seinem Liebsten, seiner Liebsten sehnt – der weiß das. Wer sich voll und ganz für eine Sache einsetzt – der weiß das. Wer sich um Alte, Kranke, Einsame kümmert – der weiß das. Wer andere erträgt, obwohl sie so ganz anders sind – es aber vielleicht die eigene psychisch kranke Schwester, der merkwürdige Onkel, die kauzige Nachbarin ist – der weiß das. Wer liebt, tut eben nicht in erster Linie das, was er will, sondern das, was der andere braucht.

Heißt Liebe also: sich aufzugeben? Nein. Denn Lieben heißt mitunter auch: zurechtweisen, Grenzen aufzeigen, Unrecht beim Namen nennen, Irrwege beenden, Perspektiven eröffnen. Von Anfang an gehört auch das zum Leben einer christlichen Gemeinde. Aber selbst dann, wenn der Evangelist Matthäus schreibt: „Wenn einer nicht auf euch hört, obwohl ihr im Recht seid, dann sei er euch wie ein Heide und Zöllner!“ selbst dann spüren wir noch: Diese Menschen nicht fallen zu lassen, sondern ihnen in Liebe zu begegnen, das ist der Weg Jesu. Denn der hatte ein großes Herz, gerade für Zöllner und Sünder.

Liebe – und tu was du willst! Das kann nicht jeder einfach so mal eben. Aber wer sich immer mehr von dieser Liebe erfassen lässt, die wir ja alle gratis geschenkt bekommen haben – jene Liebe nämlich, die mir sagt: „Egal, was du tust, egal, welchen Scheiß du baust, egal, in welche Richtung du dich verläufst – ich, Gott, liebe dich!“ – wer sich von dieser Liebe erfassen, tragen und verwandeln lässt, der wird vielleicht doch irgendwann die Kraft finden, immer mehr auch selbst zu lieben, wirklich zu lieben. Sicher, ein langer Weg, bevor man das wirklich kann. Doch – den ersten Schritt, den könnte man ja mal versuchen. Warum nicht gleich heute?

Alexander Bergel
6. September
.

.
Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis
zu Jes 20, 7-9, Röm 12, 1-2 und Mt 16, 21-27

„Du Opfer!“ Wer dieses Wort auf dem Schulhof hört oder in der Firma – der weiß: Ich habe ein Problem. „Du Opfer!“ bedeutet: Da hat einer keine Chance. Mitschüler, Kollegen, wer auch immer meint: Der da, die da ist ein Loser. Einer, der es nicht drauf hat. Eine Randfigur. Und das Mobben beginnt. Wenn wir in der Bibel vom Opfer hören oder in der Kirche davon sprechen, sieht die Sache etwas anders aus. Opfer bedeutet nach allgemeiner Überzeugung wohl so etwas wie: Ich gebe etwas her und erhalte dafür etwas anderes. Wer in die Bibel blickt, findet an deren Anfängen viele solcher Handlungen. Da ist aus urältesten Zeiten von Menschenopfern die Rede. Denken Sie an Abraham und Isaak. Ein Vater will seinen Sohn opfern. Welch schreck-liche Vorstellung! Gott jedoch greift ein – und verhindert die Bluttat. Manche Bibelwissen-schaftler sagen: In dieser Erzählung wird eine heilsame Entwicklung verarbeitet: die Abschaffung der Menschenopfer nämlich, die Gott ganz und gar nicht will.

Wer weiter in der Bibel blättert, dem begegnen dann weitere Formen des Opfers: Tiere und Früchte, Gold und Silber werden nun den Göttern, werden Gott dargebracht. Irgendwie kriegen Menschen diesen Drang nicht los … Immer wieder aber sehen sich diese Praktiken auch der Kritik ausgesetzt. Denn viele Propheten lehnen die Opferkulte ab. Und schließlich kommt Gott selbst zu Wort: „Ich will keine Brand- und Schlachtopfer, kein Gold und Silber. Ich will euch. Euer Herz. Eure Liebe. Dich, Mensch, dich will ich!“ Wie ein Liebender seine Liebste sucht, sich nach ihr sehnt – so ist Gott auf der Suche nach dem Menschen. Nichts anderes erfährt dann auch der Prophet Jeremia, der uns an seiner Beziehung zu Gott teilhaben lässt: „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt.“ Es wäre sicher einfacher gewesen, die Sache mit Gott über einen geregelten Opferbetrieb zu regulieren. Jede Woche eine kleines Opfertier oder ein paar Münzen in die Tempelkasse – und alles wäre erledigt. Und sein Leben definitiv friedlicher verlaufen! Aber nichts da: „Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich.“ Und warum? Weil Jeremia gemerkt hat: Gott will nicht irgendwas von ihm. Er will, er braucht ihn ganz. Und das hat Konsequenzen.

Genau das ist es, wovon auch Jesus spricht: „Mensch, ich brauche dich! Ich brauche dich, um die Welt zu verändern. Ich brauche dich, damit du allen erzählst, was du mit mir erlebt hast. Ich brauche dich, um für Gerechtigkeit einzustehen. Ich brauche dich, damit die Welt erfährt, wie Barmherzigkeit geht! Allerdings“, so sagt Jesus weiter, „allerdings geht ein solches Leben nicht in der Komfortzone. Ein solches Leben bedeutet auch Leid und Ausgeschlossen-Sein, es bedeutet auch Verzicht und Opfer.“ Damit sind wir beim anstrengenden Teil des Christseins angekommen. An Gott zu glauben, den Weg Jesu zu gehen, ist zwar zuerst etwas Befreiendes, Mut machendes, Glück schenkendes. Aber wer sich als ein solch Beschenkter, als eine solch Beschenkte erlebt, der kann das nicht für sich behalten. Der muss davon erzählen und sich engagieren. In letzter Konsequenz riskiert er damit sein Leben. Paulus formuliert es so: „Bringt euch selbst als lebendiges Opfer dar. Das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst!“

Wenn also im biblischen Sinn vom Opfer die Rede ist, geht es immer ans Eingemachte, nie um irgendwelche Dinge. Aber auch nicht um etwas Blutrünstiges. Wenn wir vom Opfer Jesu sprechen, meint das nicht: Gott braucht ein blutiges Menschenopfer. Nein, das wäre völliger sadistischer Irrsinn. Ganz im Gegenteil: Im Opfer Jesu erkennen wir die tiefste Hingabe, die ein Menschen überhaupt leisten kann. Er gibt sein Leben, weil er ahnt, dass aus dieser Liebe etwas ganz Neues erwachsen kann: Leben für alle nämlich, das kein Ende kennt. So ist es also Gott selbst, der diesen Kampf mit dem Tod aufnimmt. Und wenn wir dann weiter von unserem Opfer sprechen, dann meint das etwas sehr Ähnliches: Wir treten in keinen Handel mit Gott ein (frei nach dem Motto: Je größer die Kerze, desto schneller müsste doch meine Bitte erfüllt werden!), und auch kein selbstverstümmelndes, Leid verherrlichendes Tun ist damit gemeint. Nein, wir vertrauen Gott unser Leben an. Im Brot und im Wein bringen wir dann auch in der Feier Eucharistie alles vor Gott, was uns ausmacht. Unser ganzes Leben. Alles. Wir bieten ihm uns an. Und bitten ihn, dass er uns verwandeln und heil machen möge. Nicht mehr, aber auch nicht weniger …

„Du Opfer!“ Wer so etwas über einen anderen Menschen sagt, ist zerstörerisch, zynisch und gemein. Wer auf eine solche Weise beschimpft und fertig gemacht wird, wird irgendwann selbst daran glauben, dass er nichts wert ist. Wer aber im biblischen Sinne vom Opfer spricht und das Opfer Jesu, seine Lebenshingabe, feiert, der ist fest davon überzeugt, dass er alles auf eine Karte setzen darf. Und von Gott hören wird: Du bist wertvoll! Eigentlich, ja eigentlich müsste das die ganze Welt erfahren. Und alle Opfer in ihr.

Alexander Bergel
30. August
.

.
Predigt am 21. Sonntag im Jahreskreis
zu Jes 22, 19-23 und Mt 16, 13-20

Schlüsselfragen sind immer Schlüsselfragen. Denn daran entscheidet sich, wer reinkommt und wer nicht. Und vor allem: Wer es selbst bestimmen kann, ohne immer jemand anderen fragen zu müssen. In der Kirche ist das genauso wie in der Firma oder im Verein. Und wo es um Schlüsselfragen geht, sind Schlüsselfiguren meist nicht weit. Einer dieser Schlüsselfiguren sind wir eben begegnet: Simon Petrus. Auf diesen Felsen will Jesus seine Kirche bauen. Und die Schlüssel zum Himmelreich gibt’s obendrauf. Auch hier: Schlüsselfragen sind offensichtlich Schlüsselfragen.

Wie auch immer es damals anfing, wie auch immer Jesus das Fels-Sein und den Schlüsseldienst des Petrus verstanden haben mag – was daraus auch geworden ist, können wir in der Kuppel der Peterskirche in Rom sehen. In riesigen Buchstaben steht das Jesus-Wort dort zu lesen. Es ist der in Stein gehauene Machtanspruch der Päpste, die sich von jeher auf diesen Auftrag Jesu berufen. Doch auch wenn man Petrus ehrlicherweise nicht als den ersten Papst bezeichnen kann, hat sich das Papsttum historisch doch von ihm her entwickelt. Und nicht nur das.

Keine vier Jahrhunderte dauerte es, da war die Kirche zur Staatskirche geworden und ihre Amtsträger zu Beamten. Wie schnell wurde Politik gemacht. Wie oft wurden plötzlich Dinge entschieden, von denen man sich schon fragen kann: Was haben die eigentlich mit dem Evangelium zu tun? Wie oft wurden – und werden auch heute noch – Menschen ausgeschlossen: Menschen, die mit ihren Fragen quer kommen. Menschen, die bestimmten moralischen Ansprüchen nicht genügen. Das Schloss ist zu, der Schlüssel in mächtigen Händen. Ob das so gemeint war? Dieser Frage muss man sich stellen.

Vielleicht muss man dazu aber auch nicht nur nach Rom schauen. Wie sieht’s denn hier bei uns aus? Benutzen wir unsere Schlüssel nicht manchmal auch eher dazu, Türen zu schließen, als sie zu öffnen? Spüren Menschen, die uns begegnen, dass unser Gott einer ist, der befreit – und keiner, der einengt? Gelingt es uns, den Schlüssel zum Herzen von Menschen zu finden, die in sich verschlossen oder verbittert oder verletzt oder von dieser Kirche maßlos enttäuscht sind? Schaffen wir es, andere neugierig zu machen auf die Botschaft Jesu – vielleicht gar nicht so sehr durch große Worte, sondern einfach dadurch, dass wir da sind? Und noch eine Frage: Können wir es haben, Menschen neben uns groß werden zu sehen?

Jesaja, der Prophet, berichtet von einem Gottesdiener, der Menschen klein gehalten und nur an sich und seinen Machterhalt gedacht hat. Solchen Leuten wird der Schlüssel am Ende wieder weggenommen. Alle, die ihre Schlüssel benutzen, um zu verschließen und nicht, um Herzen zu öffnen, stehen dem Plan Gottes im Weg. Vielleicht hat Jesus dem Petrus genau deshalb diesen ganz besonderen Schlüssel anvertraut. Weil er wusste: Dieser Mann hat das Herz am rechten Fleck. Er kämpft. Und leidet. Und hofft. Und liebt. Offene Türen, offene Hände und offene Herzen. Darauf kommt es an. Ob uns das gelingt, ist am Ende wohl die entscheidende Schlüsselfrage.

Alexander Bergel
23. August
.

.
Predigt am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel
zu Lk 1, 39-56

„… denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“ Leichtfertig sagt sie das wohl nicht. Immerhin liegt ein beschwerlicher Weg hinter ihr. Nicht nur der übers Gebirge. Und was noch kommt? Keiner weiß es. Doch trotz alledem stimmt Maria ihr Lied an. Ein Lied, das den Sturz der Mächtigen besingt. Ein Lied, das davon träumt: Einmal muss es doch geschehen! Einmal muss sich doch zeigen, dass den Mächten des Todes die Puste ausgeht und die Potentaten, die Unterdrücker, die Angsteinflößer, die Todbringer, die Vergewaltiger, die Sklavenhalter ausgespielt haben! Einmal, ja einmal muss es doch geschehen!

Marias Lied ist ein Lied der Hoffnung. Der Ermutigung. Und der Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse. Aber es ist kein Lied der Vertröstung. Kein Lied, das sagt: „Irgendwann, ja, da wird es geschehen. Du musst halt nur lang genug warten.“ Nein, so verstanden wären wir ganz schnell bei den Religionskritikern vergangener Zeiten und auch der Gegenwart angelangt, die im Glauben vor allem Opium fürs Volk und Vertröstung aufs Jenseits erkennen. Das aber will und darf der Glaube niemals sein. Trost schon, Vertröstung nein.

Maria singt ja auch nicht: „Der Mächtige wird Großes an mir tun!“, sondern: „Er hat Großes an mir getan!“ Maria blickt zurück auf ihr Leben. Was hatte sie schon alles erlebt? Leicht war das sicher nicht. Einfache Verhältnisse. Römische Besatzung. Ein brodelnder politischer Kessel. Und dann dieses Kind! Wie soll sie das bloß erklären? Doch: „Der Mächtige hat Großes an mir getan!“ Wer die Welt mit den Augen dieser Maria betrachtet, der sieht zuerst das Heil. Und erst dann all das, was diesem Heil im Wege steht. Ob uns das auch gelingt?

Wenn Sie in Ihr Leben blicken, wenn Sie auf Ihre Beziehungen, auf  ihre Arbeit schauen, auf das, was Sie gerne tun, auf das, wo andere meinen, Sie hätten da ein richtiges Talent – würden Sie da nicht auch sagen können: „Der Mächtige hat Großes an mir getan“? Wer so über sich denkt, der sieht sich vor allem als ein Beschenkter, als eine Beschenkte. Wer so über sich denkt, der wird aber auch im anderen zuerst das Gute sehen. Und der wird sich erheben und dafür eintreten, dass Gottes Traum von dieser Welt kein frommer Wunsch bleibt, sondern immer mehr Wirklichkeit wird. Der Blick auf Maria lässt uns erahnen, welche Kraft der Glaube an einen Gott schenkt, der spürbar wird in allem, was sich ereignet. Und der diese Welt zu einem besseren Ort machen will – auch durch mich.

Wenn wir heute auf das Leben der Mutter Jesu blicken, tun wir es vom Anfang und vom Ende her. Maria hat über den Tod hinaus zu spüren bekommen, wie machtvoll Gott an ihr gehandelt hat. Und nicht nur an ihr. Das ganze Leben mit allem, was dazu gehört: alles Kämpfen und Ringen, alles Suchen und Fragen, alle Momente der Leere und der tiefen Erfüllung, alle Wunden und Narben, alle Hoffnung und jeder Augenblick geschenkter Liebe – kurz: der ganze Mensch mit Leib und Seele, er geht auch im Tod nicht verloren, sondern hat eine Zukunft. Ein für alle Mal. Und das Schöne daran ist: Diese Zukunft beginnt nicht irgendwann. Nein, sie hat schon längst angefangen. Erinnern Sie sich?

Alexander Bergel
15. August
.

.
Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 13, 24-43

Ein Sämann ging aus.
Gedanken, mehr noch: ein Gebet
von Hermann Coenen

Großer Sämann Du, geduldiger Gärtner.
Milliarden Jahre konntest Du warten,
bis unser glühender Planet abkühlte.
Bis langsam, ganz langsam Leben entstand
im Wasser, auf dem Land, in der Luft.

Neun Monate kannst Du warten,
bis aus dem befruchteten Ei
ein Menschenkind wächst im Leib seiner Mutter.
Zehn Jahre, zwanzig Jahre kannst du warten,
bis so ein Menschenjunges lernt,
auf eigenen Beinen zu stehe,
und auch dann oft noch recht wackelig.

Wie viele Anläufe musst Du nehmen, Gott,
wenn Du mir etwas beibringen willst:
Wie stur kann ich sein, wie zu,
wie schwer von Begriff!
Menschen schickst du mir über den Weg.
Mit Glückserfahrungen lockst du mich,
mit Schicksalsschlägen.
Ein Liedvers geht unter die Haut,
ein Dichterwort, ein Psalm.
Und vieles fällt unter die Dornen.

Du gibst es nicht auf. Du gibst mich nicht auf.
Du gibst uns nicht auf.
Du vertraust, dass unterhalb der Oberfläche,
in der Tiefe des Ich,
Dein Samenkorn wächst und wächst.

Du traust uns zu, dass eines Tages
der treibende Keim durchbricht
und zum Blühen kommt und Frucht bringt.
Dass nach der langen Schwangerschaft
der Menschheitsgeschichte wir Neandertaler
endlich Mensch werden.

Wir danken Dir für den einen, den neuen Menschen,
der ganz so geworden ist,
wie Du Dir den Menschen gedacht hast:
Jesus von Nazareth, der Sohn der Maria,
die schönste Frucht, die Du hast reifen lassen
auf dieser Erde.

Wir können Ihn nicht vergessen,
möchten so sein, so werden, so leben wie Er.
Wir möchten lernen von Ihm,
wie einer reif wird allmählich in Sonne und Sturm,
wenn das Leben uns streichelt und schlägt.

Wir möchten lernen von Ihm, wie man das macht,
unter den rauhen und stacheligen Schalen des anderen
den guten Kern zu entdecken in jedem:
Dein Ebenbild, Gott, auch wenn es entstellt ist.

Wir möchten lernen von IHM,
wie man trotz aller Würmer im Apfel der Welt
den Glauben nicht aufgibt
an das Gute, an Dich.

Wir möchten lernen von Ihm
Geduld und Vertrauen und Hoffnung,
dass Du, großer Gärtner, uns annimmst
und fruchtbar machst
heute und am Tag der großen Ernte.

Herrmann Josef Coenen
Meine Jakobsleiter
Düsseldorf 1986

Alexander Bergel
18. Juli
.

.
Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis
zu Sach 9, 9-10 und Mt 11, 25-30

„Ausmerzen werde ich die Streitwagen aus Éfraim und die Rosse aus Jerusalem, ausgemerzt wird der Kriegsbogen. Der Herr wird den Nationen Frieden verkünden, und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde.“ Es ist ein Kontrastprogramm, ein wirkliches Kontrastprogramm, das der Prophet Sacharja dem am Boden liegenden Jerusalem zuruft. Auch wie Jesus die Welt sieht, ist ein Kontrastprogramm. Denn am Ende rechnet er vor allem mit einem Publikum: „Ich preise dich“, so betet er zu seinem Vater, „weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“

Kein Starker, kein Mächtiger, das weiß Jesus ganz genau, hört auf seine Worte. Nur die Kleinen, die, die nichts mehr zu verlieren haben – die sind es, sie haben noch ein Ohr. Ein Ohr für diese verrückte Botschaft, die nichts anderes ist als ein Kontrastprogramm. Und damit ein Stachel. Ein Stachel – ganz sicher – in der großen Welt der Politik. Und ein Stachel in der kleinen Welt meines Lebens. Er ist präzise gesetzt, dieser Stachel. Und er tut weh. Zumindest dann, wenn wir ihn nicht betäuben mit den üblichen Beruhigungsmitteln: „Ach, das wird er schon alles nicht so wörtlich gemeint haben, das mit dem Vergeben und der anderen Wange und so!“ Oder: „Es ist halt ein Traum.“ Um es gleich zu sagen: Diese Beruhigungsmittel fegt Jesus vom Tisch, indem er klar macht: „Ja, es ist ein Traum. Und: Ja, ich habe das wörtlich und wirklich so gemeint!“ Tja, und nun? Wir könnten – zumindest für einen Augenblick – so tun, als würden wir diesem wörtlich gemeinten Traum Jesu folgen.

„Mensch“, so stelle ich mir vor, würde Jesus dann sagen, „Mensch, lass die Bedenken Bedenken sein. Dreh dich nicht nur um dich selbst. Blicke nach rechts und nach links. In die Welt, wie sie ist. Blicke aber auch nach oben und nach unten. Halte Ausschau nach dem, was Gott dir schenkt. Und nach dem, was schon da ist. Erwarte alles von Gott – denn der weiß, was du brauchst. Und dann – dann lebe meinen Traum von dieser Welt. Fang einfach an. Ohne Konzept. Ohne Netz mit doppeltem Boden. Ohne Reiserücktrittsversicherung. Ich weiß ja, dass eigentlich alles dagegen spricht: die Macht der selbstverliebten Männer in Weißen und anderen Häusern, die grenzenlose Selbstüberschätzung der Despoten, das Beharrungsvermögen der Traditionalisten, die Bedenken der Erfahrenen, das Leid der Gequälten, die Trauer der Einsamen, die Wunden der Gefolterten, die ausgelachten Barmherzigen, die für naiv erklärten Weltverbesserer, die getöteten Friedenssucher, die sinnlose Zerstörungswut der Radikalen von Links und Rechts. Ja, eigentlich spricht alles dagegen. Da habt ihr Recht. Aber wollt ihr wirklich, dass meine Idee von dieser Welt zu Ende geht? Wollt ihr wirklich, dass die Kämpfer für Gerechtigkeit umsonst gestorben sind? Wollt ihr wirklich der Angst und der Ohnmacht das letzte Wort gönnen?“

Jesus war kein naiver Träumer. Jesus war Realist. Und genau deshalb blickte er weiter. Genau deshalb hat er sich nicht zufrieden gegeben mit der Welt, wie sie ist. Er hat uns vielmehr gezeigt, wie sie auch ist. Solange es die Welt gibt, begegnen uns die entmutigende, angstmachende, zähnefletschende Fratze des Bösen, die Großmacht der Überheblichkeit, das Meer der geweinten Tränen. Aber mittendrin – mittendrin lebt die Vision des Jesus von Nazareth. Die Bedenken, die kennt er. Alle. Und trotzdem – trotzdem wagt er eine Frage: Folgst du mir?

Alexander Bergel
4. Juli
.

.
Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis
zu 2 Kön 4, 8-11.14-16a und Mt 10, 37-42

„Ich weiß, dass dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist. Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitstellen. Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.“ Elischa, der Prophet, hat ungeheures Glück. Glück, auf jemanden zu treffen, der in ihm auch den Menschen sieht. Nicht nur den Gottesmann. Nicht nur den Heiler. Nicht nur den Prediger. Bis ins Detail wird uns die Sorge der Frau um den prophetischen Gast vor Augen geführt: Bett, Tisch, Stuhl, Leuchter. „Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.“ Dass diese fast schon niedliche Szene nicht unter den Teppich des Erhabenen gekehrt wurde, sondern mitten in der Bibel steht, macht doch eines deutlich: Wer im Auftrag Gottes unterwegs ist, hört nicht auf, ein Mensch zu sein. Und wer damit aufhören würde, wäre nicht mehr im Auftrag Gottes unterwegs. So einfach ist das. Und so einfach bleibt es auch.

Wie einfach das sein kann, zeigt ein Blick in das Jahr 2019. Da hatte der Generalvikar mal wieder eine seiner legendären Ideen. „Du, Alexander“, so fing er am Telefon an, „ich kenne da jemanden, der würde gut zu euch passen. Toller Mann. Jesuit. Viel rumgekommen. Hat Schulen geleitet und Akademien. War mit Studenten unterwegs. Kennt viele Leute, die was zu sagen haben. Hat Interesse an neuen Ideen und setzt die auch um. Und ist ein sehr netter Mensch. Der wäre was für euch! Und ihr habt da doch die leere Wohnung, oder? Ach ja, übrigens, nächsten Montag könnte er mal vorbeikommen. Hättest Du da Zeit?“ Natürlich hatte ich die. Und recht schnell war klar: Das könnte was werden mit Hermann Breulmann, dem Jesuiten aus Berlin. Die Chemie stimmte. Und so haben wir neben der Heilig-Geist-Kirche – fast wie beim Propheten Elischa – das kleine, gemauerte Obergemach hergerichtet und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitgestellt. Und dachten zufrieden: „Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.“

Ich erinnere mich gut noch an Deinen ersten Tag Ende Februar, lieber Hermann. Ein paar Freunde aus Hamburg, ein Kollege aus Berlin, Deine Schwester und ihr Mann aus Voxtrup waren mitgekommen, um Bett, Tisch, Stuhl, einen Leuchter und – zugegebenermaßen – noch ein paar Sachen mehr in Deine neue Wohnung zu tragen. Praktischerweise war auch grad Pause beim Erstkommuniontreffen mit Dirk Schnieber, so dass schnell ein paar Väter beim Einzug mitgeholfen haben. Und dann warst Du da. Vom großen Berlin ins geringfügig kleinere Osnabrück. Aber genauso wolltest Du es gerne. Um nach aufregenden Jahren in wuseligen Städten wie Hamburg, München und Berlin ein wenig runterzufahren, Seelsorger zu sein, Liturgie zu feiern, ein, zwei, drei, vier Ideen zu entwickeln und vor allem Zeit zu haben, um Menschen zu begegnen.

Doch dann kam Corona. Plötzlich war ganz viel Zeit da. Und Deine geplante Einführung auf unbestimmte Zeit verschoben. Keine leichte Zeit. Für niemanden. Und für Dich schon gar nicht. Doch trotzdem bist Du nicht zum durch Deine neuen Gemächer spukenden Schlossgespenst geworden. Im Gegenteil. So Manchem bist Du schon begegnet. Man sieht die Fenster wieder offen stehen. Besonders das ganz hinten links, aus dem gelegentlich Rauchschwaden ihren Weg ins Freie finden. Die beiden Raucher bei uns im Team freut das natürlich besonders! Manche Menschen aus unserer Pfarrei kennen Dich noch aus Studentenzeiten. In der Kleinen Kirche warst Du schon und der Hochschulgemeinde auch. Auf der Homepage ist einiges von Dir zu lesen. Und ich erinnere mich gerne an so manches lustige und gleichermaßen tiefsinnige Gespräch mit Dir. Es ist spannend zuzuhören, wenn Du erzählst. Dein Weg zu den Menschen ist kein komplizierter – auch wenn Du mitunter Wörter kennst, die ich noch nie gehört habe.

Deine Analyse der kirchlichen Situation ist messerscharf. Genau so etwas brauchen wir in dieser Kirche, der noch nie so viele Menschen den Rücken gekehrt haben wie in diesem Jahr. Doch keine Angst, lieber Hermann. Früher hat man die Jesuiten geholt, um die Welt zu retten. Oder irgendwen zurückzudrängen. Um Struktur in ein Chaos zu bringen oder überhaupt mal Sinn und Verstand an einen neuen Ort. Keine Angst, all das musst Du nicht. Du muss nicht die Welt retten. Es reicht, wenn Du einfach da bist. Mit Deinen Erfahrungen und Ideen. Mit Deinen Fragen und der ein oder anderen Antwort. Mit Deinen Gedanken und Deinem Humor. Das könnte nicht nur was Prophetisches haben. Es könnte auch viel Spaß machen. Und uns helfen, immer neu zu fragen, warum wir eigentlich noch da sind. Und warum es sich – trotz allem – lohnt, in der Spur Jesu zu bleiben.

Alexander Bergel
27. Juni
.

.
Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis
zu Jer 20, 10-13 und Mt 10, 26-33

Propheten, das ist nicht neu, Propheten müssen mit Widerstand rechnen. Weil es selten bequem ist, was sie sagen. Weil sie den Finger in die Wunde legen. Weil sie Unehrlichkeit nicht ertragen. Und Ignoranz. Und schon gar nicht eine Haltung, die sich selbst zum Mittelpunkt des Universums macht. Weil sie genau dagegen immer wieder angehen, werden Propheten lächerlich gemacht, für verrückt erklärt und bekämpft. Auch Jeremia bekommt das zu spüren: „Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Zeigt ihn an! Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze.“ Es musste ihm klar gewesen sein, dass viele so reagieren würden. Und dennoch: Jeremia geht seinen Weg weiter. Denn er spürt: Das ist nicht einfach nur eine fixe Idee. Nein, er kritisiert und hinterfragt eine Gesellschaft, die ihre Mitte verloren hat. Er bekämpft religiöse und politische Machthaber, die vergessen haben, dass es nicht um Selbsterhalt gehen muss, sondern um das Wohl eines ganzen Volkes.

Wenn der Mann aus Nazareth viele Jahrhunderte später einen ähnlichen Weg einschlägt und am Ende dafür am Kreuz sterben muss, spüren wir einmal mehr, wie wenig sich die Dinge ändern lassen. Menschen neigen durch alle Zeiten hindurch ganz offensichtlich dazu, sich friedlich einzurichten. Und dabei nicht gestört werden zu wollen. Und – seien wir ehrlich – es ist ja auch nur allzu verständlich, oder? Wer wünscht sich denn auch nicht, friedlich bei einem lauen Lüftchen und einem guten Glas Wein auf der Terrasse zu sitzen und in den eigenen Garten zu schauen? Wer wünscht sich nicht, bei all den Belastungen, die das Leben für einen bereit hält – zumal in dieser Krise –, nicht ständig mit den großen Problemen der Welt konfrontiert zu sein? Wer würde nicht gerne die Augen schließen und einfach für sich und seine Familie in Ruhe und Frieden leben? Ich glaube, die meisten würden es am liebsten genauso machen. Doch wenn es wirklich alle so machen, dann kippt am Ende auch alles. Wirklich alles.

Jesus wusste das. Genauso wie die vielen Prophetinnen und Propheten vor ihm und danach. Deshalb hat sein aufrüttelnder, Mut machender Ruf auch heute nichts von seiner Aktualität verloren: „Fürchtet euch nicht!“ Fürchtet euch nicht, die eigene Komfortzone zu verlassen! Fürchtet euch nicht, Partei zu ergreifen für die Armen und Schwachen! Die übrigens gar nicht so weit weg wohnen, sondern vielleicht sogar auf der anderen Straßenseite. Fürchtet euch nicht, die selbstgemachte Katastrophe des Klimawandels anzuprangern und alternative Lebensformen zu entwickeln! Fürchtet euch nicht, für die Rechte von Arbeitnehmern einzutreten, die keine Lobby haben! Fürchtet euch nicht, weiter nachzufragen, woher unsere Lebensmittel und unsere Kleidung kommen und unter welch menschenunwürdigen Bedingungen sie teilweise hergestellt werden! Fürchtet euch nicht, Rassismus beim Namen zu nennen und für die Rechte aller Menschen einzutreten! Egal woher sie kommen. Egal was sie fühlen. Egal wen sie lieben. Fürchtet euch nicht, Strukturen des Bösen zu erkennen und zu verändern! Fürchtet euch nicht, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern immer wieder einzufordern! Oder sie einfach zu leben. Fürchtet euch nicht, eurem Gewissen zu folgen! Fürchtet euch nicht, unbequem zu sein, wenn ihr ein Ziel erkannt habt, das über eure kleine Welt hinausweist! Fürchtet euch nicht!

Prophetin, Prophet sein – das ist kräftezehrend. Und oft frustrierend. Einfacher ist es, das zu tun, was alle machen. Das stimmt. Doch wo führt das hin? Weil es immer wieder diese Mahnerinnen und Mahner gegeben hat, konnten Dinge sich verändern. Selten schnell. Fast nie sofort. Manchmal auch nur in Teilen. Oder gar nicht. Und doch gab es immer wieder Menschen, die nicht aufgegeben haben. Menschen wie Jeremia und Elija, Debora und Rut, Maria von Magdala, Hildegard von Bingen und Teresa von Avila. Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und Hannah Ahrend, Martin Luther King, Nelson Mandela, Eugen Drewermann und Greta Thunberg. Und noch viele andere. Sie hatten keine Angst. Und haben weitergemacht. Trotz allem. Wo wären wir ohne sie? Gute Frage. Noch wichtiger aber: Wer geht ihren Weg weiter?

Alexander Bergel
20. Juni
.

.
Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 9, 36-10

Gestern waren die zwölf Apostel bei mir zu Gast.
Ich tischte alles auf, was der Kühlschrank hergab.
Sie müssen von sehr weit gekommen sein.
Sie waren hungrig und durstig,
und auf ihren Mänteln klebte dick der Staub.
Ich wollte wissen, wer unter ihnen Johannes sei
und wer Judas.
Sie sagten, sie übten noch.
Die Rollen werden erst kurz vor Ostern festgelegt.

Horst Bienek

.
Üben?
Was wollen die denn
üben?

Warum denn
auch die Dinge
ändern

Johannes ist der Gute
Judas der Böse
Und Thomas zweifelt

So steht es doch
geschrieben.
Oder etwa nicht?

Lies nach
Lies quer
Tu’s immer wieder

Doch Vorsicht
Zwischen den
Zeilen

wirst du finden
was deine Weltsicht
irritiert

Finden
wirst
du

dass niemand
wirklich
niemand

eine Rolle
spielen muss
die ewig gilt

Ich weiß
es wär so schön
so einfach

Und
vor allem
praktisch

Denn
Rollen
Schubladen

ersparen
mir
das Denken

So wurden sie
auf ihre Rollen
festgelegt

Sie werden’s
weiter
Tag für Tag

Was soll aus dem
schon werden?
Bei diesen Eltern

Ich hab’s doch
gleich gesagt
So wie die rumläuft

Jeder ist seines Glückes Schmied
Mir wird auch nichts geschenkt
Wer nicht will, der hat schon

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Da könnt ja jeder kommen
Schotten dicht

Raus aus dem Klischee?
Nein
lieber nicht

Klar
so ist es einfach
Nachdenken unerwünscht

Leben aber
geht so
nicht

Was wäre wohl
wenn ich sie fahren ließe
meine klare Meinung?

Was wäre
wenn ich fragen würde
was Johannes wirklich denkt?

Oder Judas
vor und
nach der Tat

Oder gar am Anfang
als Jesus ihn wollte
um die Welt zu retten?

Was wäre wohl
wenn ich mal schaute
warum der alte Mann von gegenüber

so komisch ist
so abgedreht
so hart?

Oder die Frau
von der man weiß
woher sie kommt

keiner aber
wissen will
wovon sie träumt?

Was wäre wohl,
wenn Rollen
Rollen blieben

und Menschen
Menschen
würden?

Man weiß es
nicht so ganz
genau

Nein
wissen kann das
keiner

Vielleicht jedoch
könnt‘ Wahrheit
werden

was Jesus
nicht für
ausgeschlossen hielt

Kranke würden heil
Tote lebend
Aussätzige rein

Das wär
ja fast der Himmel
Ganz genau

Der Himmel
Fast
zumindest

Kurz vor
Ostern
halt

Alexander Bergel
13. Juni
.

.
Predigt am Dreifaltigkeitssonntag

Manchmal haben Prediger Angst. Angst, nicht die passenden Worte zu finden. Worte nämlich, die nicht nur richtig sind, sondern solche, die die Zuhörer berühren. Und deren Leben. Kein Tag eignet sich so sehr für diese Sorge wie der heutige: der Dreifaltigkeitssonntag. Denn an keinem Tag im Jahr scheint sie größer: die Kluft zwischen der Theologie und dem Leben. Aber an keinem anderen Tag ist es dringlicher, diese Kluft überwinden zu helfen. Heute werden wir nämlich mit einer entscheidenden Frage konfrontiert: „Christ, was glaubst du eigentlich?“ Kritische Zeitgenossen geben sich nicht zufrieden mit der schlichten Antwort: „An Gott.“ „Ja, schön“, wird ein solch Fragender dann weiterbohren, „schön, du glaubst an Gott. Und du nennst ihn Vater. Aber wie ist das mit Jesus, den du seinen Sohn nennst? Und wie ist das mit der Nummer drei, dem Heiligen Geist? Den gibt’s doch auch noch, oder?“ „Stimmt“, wird der ver-schüchterte Christ zugeben – und gleichzeitig hoffen, dass der anstrengende Nachfrager nicht noch mehr wissen will … Aber das will er. „Drei Personen. Drei Namen. Drei Götter. Glaubst du also an drei Götter?“ „Nein!“, wird der Christ sich beeilen zu antworten. „Ein Gott ist es in drei Personen. Die Dreifaltigkeit eben. Wie das aber genau ist, kann ich dir nicht sagen. Es ist halt so.“ Mit einer solchen Antwort aber wird sich der interessiert Fragende, der vielleicht einer anderen Religion angehört oder ein Nichtglaubender ist, nicht zufrieden geben. Vielleicht wird der Gefragte diesen Zeitgenossen dann an die Fachleute verweisen. An Professoren und Priester oder ähnliche Leute. Die müssten das doch wissen. Und diese Leute stehen dann am Dreifaltigkeitssonntag vor der Gemeinde und blicken in fragende Gesichter: „Wie ist es denn nun mit der Dreifaltigkeit?“ Dann heißt es, Worte zu finden, die nicht nur richtig sind, sondern solche, die die Zuhörer berühren. Worte, die helfen zu glauben. Und damit sind wir beim Kern aller Rede von Gott.

Die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit hat sich nämlich niemand einfach ausgedacht. Im Gegenteil. Sie ist die logische Konsequenz der Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Die Bibel spricht vom Schöpfer-Gott, der sein Volk durch Wüsten und Gefahren begleitete und den Jesus als Vater angesprochen hat. Menschen sind diesem Jesus begegnet und haben in ihm das Gesicht Gottes erkannt. Menschen erfahren sich als durchdrungen vom Lebens-Atem Gottes, dem Heiligen Geist. Auf dreifache Weise also teilt Gott sich dem Menschen mit. Er zeigt und schenkt sich so, wie er ist. Und so, wie Menschen ihn erfahren, ist er auch. Als Vater bleibt Gott der transzendente Ursprung, der immer ganz Andere, der sich trotz seiner radikal beteiligten Liebe nicht in der Welt verliert. Als Sohn springt er mitten in den Staub der Geschichte bis zur Hingabe am Kreuz. Als Geist nimmt er unser Herz und unsere Augen und öffnet sie für die Wirklichkeit der Liebe Gottes, die er selbst ist.

Spätestens hier wird also deutlich: Der Glaube an den dreifaltigen Gott ist kein spezielles Sondergebiet für religiös Hochbegabte. Nein: Er ist der Versuch, das zusammenzubringen, was Menschen erlebt haben. Also auch: wie wir Gott erleben. Wie aber erleben Sie Gott? Wer ist Gott für Sie? Ein Blick auf die eigene Art zu beten, kann dabei helfen. Der eine setzt eher auf den Vater. Schließlich ist er ja der Urgrund allen Seins, der Schöpfer, der Begründer auch unserer Existenz. Wunderbare Bilder findet das Alte Testament für diesen Gott. Einen Gott, der in Feuer und Wolke, Sturm und zärtlichem Windhauch die Nähe seines Volkes sucht. Bilder, die unser Denken stark beeinflussen. Ein anderer nähert sich im Gebet lieber dem Sohn. Jesus, der als Mensch unter uns Menschen lebte. Der zu uns gesprochen hat, der Menschen berührt und geheilt hat. Gott also mit Hand und Fuß, zum Anfassen sozusagen. Wieder andere haben eine Vorliebe für den Heiligen Geist. Jenen Geist, der Gottes Liebe in Person ist, der alles durchdringt. Der in uns ist und in der Welt wirkt. Und der auch mal gerne alles auf den Kopf stellt.

Wie auch immer ich mich entscheide: Es sagt viel über mich aus. Über meine Art zu leben und zu glauben. Und genau darum geht es erstaunlicherweise auch: um mich selbst, um uns! Der Blick auf den drei-einen Gott lässt erkennen, auf welch vielfältige Weise Gott sich dem Men-schen gezeigt hat – und wie er es immer noch tut. Wer will, kann das natürlich alles philosophisch und theologisch bis ins kleinste auseinander nehmen und erklären. Aber würde uns das helfen? Ich glaube, nein. Vielmehr glaube ich: Wer Gott „verstehen“ will, der muss ihm begegnen. Bücher und gelehrte Kommentare reichen da nicht aus. Wenn Sie wirklich mal jemand fragt, wer Gott ist, dann sagen Sie ihm, wie Sie ihn erleben. Das ist schon eine ganze Menge. Und davor – finde ich – muss man echt keine Angst haben. Auch nicht am Dreifaltigkeitssonntag.

Alexander Bergel
6. Juni
.

.
Predigt an Pfingsten
zu Gen 11, 1-9 und Apg 2, 1-11

„Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen!“ Das ist die Ausgangslage. Kennt man. Menschen machen sich selbst zum Maß aller Dinge. Und wollen es allen zeigen. Der Turm zu Babel erzählt bis heute davon. Wird sich das denn nie ändern? Vermutlich nicht. Aber der, den manche gerne spielen – Gott –, der gibt zwischendurch schon mal eine Antwort: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt, und jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ Schluss also mit dem ewigen Gekreise um sich selbst. Schluss mit dem Ausschließen anderer Stimmen. Schluss mit dem wahnsinnigen Blick nach oben, der nur dem eigenen Vorteil gilt.

Pfingsten ist die Antwort Gottes auf die zerstörerische Kraft der Potentaten, der Selbstüberschätzer, der Blender. Der menschlichen Ur-Versuchung, wie sie sich seit Babel in immer neuen Varianten zeigt, dieser Ur-Versuchung begegnet Gott mit einem Spektakel der besonderen Art: Die Kraft aus der Höhe, sein Geist, ja er selbst senkt sich herab in die verkapselten Herzen der Menschen. Er öffnet Augen und Ohren, damit sie die wirkliche Tiefe des Lebens entdecken. Und die findet sich nicht in gewaltiger Höhe. Die findet sich schon gar nicht in den Ellenbogen. Nein: Die Tiefe des Lebens findet der Mensch, der es wagt, dem anderen zu begegnen. Wirklich zu begegnen. Und das kann manchmal ganz schön verstörend sein: „Ein jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ Das bedeutet doch: Ich lasse mir etwas sagen. Auch wenn es mir fremd vorkommt. Das bedeutet: Ich versuche zu verstehen, was der, was die andere mir sagt. Das bedeutet: Ich kann meine Meinung nicht absolut setzen. Das bedeutet: Niemand weiß alleine, wie das Leben geht. Auch wir nicht.

Pfingsten meint uns. Und deshalb sollten wir vielleicht auch mal unsere Türme zu Babel anschauen. Unsere festgefügten Mauern. Unseren Drang nach oben. Unsere eingeschränkte Sicht. Unsere Allmachtsphantasien. Wenn wir hier und heute um die Kraft aus der Höhe bitten, um den Geist, der unser Herz erfüllt, dann hat das Konsequenzen. Anstrengende, wie so oft, sicher. Aber in erster Linie – das glaube ich ganz fest –, in erster Linie hat das Befreiung und Aufbruch zur Folge. Wir können natürlich immer und immer wieder auf das schauen, was alles nicht mehr geht, was vergangen ist oder dabei ist zu sterben. Wir können traurig sein über den Bedeutungsverlust der Kirche in der Gesellschaft. Aber dann stehen wir wie die Babel-Turm-Erbauer vor unserem Werk und wundern uns, dass uns keiner mehr versteht.

Die Pfingstgeschichte – also Gottes Antwort auf alle Resignation, alle Selbstverliebtheit und alle Traurigkeit –, diese Geschichte geht dann weiter, wenn wir danach fragen: Wovon lebe ich? Und: Wovon leben die anderen? Pfingsten wird dann keine phantastische Geschichte bleiben, wenn wir uns aufmachen, nach Spuren Gottes in dieser Welt zu suchen. Wenn wir es wagen, auf das zu hören, was andere uns sagen – und sei das noch so verrückt. Pfingsten wird sich auch 2020 ereignen, wenn ich mich darüber freue, neue Sichtweisen zu bekommen. Pfingsten wird sich ereignen, wenn ich wieder Lust daran finde, Kirche zu sein und zu gestalten. Keinen Turm zu Babel, sondern einen Ort, an dem alle einen Platz finden, die Gott suchen. Denn um den geht es doch zuerst. Um ihn und um die Menschen. Die Menschen in all ihrer Buntheit.

Ganz viel von dem erlebe ich hier bei uns ja schon. Ich erlebe Menschen, die anpacken. Menschen, die sich um Schwache und Bedürftige sorgen. Menschen, die über ihren Glauben sprechen und darum ringen. Die Diskussion um die Frage: Feiern wir wieder Gottesdienste oder nicht? hat auf beeindruckende Weise gezeigt, was Menschen darüber denken. Selten habe ich so viel Tiefsinniges über den Wert der Liturgie und über die Sehnsucht nach Eucharistie gehört wie in der letzten Zeit. Was für ein Schatz! Nicht nur in diesen Tagen erlebe ich bei uns Menschen, die eine Vision haben. Von einer Kirche, die hört und sieht, die Menschen beteiligt und über den eigenen Tellerrand hinausgeht. Mir haben die letzten Monate gezeigt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Wie sehr wir uns gegenseitig brauchen. Wie wichtig uns manches allzu Selbstverständliche oder in Vergessenheit geratene wirklich ist. Vielleicht führt all das dazu, neu durchzustarten. Neu zu entdecken, warum es uns eigentlich gibt. Und worum es wirklich geht. Die Jünger damals haben ganz neu durchgestartet. An diesem ersten Pfingsttag. Dann können wir das doch auch, oder?

Alexander Bergel
30. Mai
.

.
Predigt am 7. Ostersonntag
zu Joh 17, 1-11a

Ja
mittendrin
da stehen wir
mittendrin
in dieser Welt
mit einem Auftrag
im Gepäck

Hört in euch hinein
hört aufeinander
sprecht von dem
was ihr erfahren habt
und dann
dann geht
hinaus

Beachte
die Reihenfolge
wenn Du
die
Verhältnisse
ändern
willst

Krisengeschüttelt
die Welt
krisengeschüttelt
dein Leben
krisengeschüttelt
alles um dich
herum

So war es
eigentlich
immer
schon
so wird es
wohl auch
bleiben

Doch eines
sei dir sicher
eines bleibt
genauso wahr
alleine
bist du
nicht

Immer wieder
gibt es da
den
einen
der so
denkt
wie du

Immer wieder
gibt es da
die
eine
die ganz anders
denkt
als du

Beide retten
dich
vor dem
Abgrund
beide helfen dir
den Weg zu finden
deinen Weg

Den Weg
der zum
Leben führt
ja
das Leben
selber
ist

Und sein Geist
sein Rückenwind
der kommt
vielleicht nicht heute
vielleicht auch nicht
gleich morgen
wart es nur ab

Denn sein
Versprechen
gilt
ich lasse dich
ohne Beistand
sicher nicht
zurück

Mach dich also
auf die Suche
noch ist
Zeit
und gewiss nicht
aller Tage
Abend

Alexander Bergel
23. Mai
.

.
Predigt an Christi Himmelfahrt
zu Apg 1, 1-11

Nun ist er endgültig weg. Auf und davon. Nicht mit einer Rakete, das dürfte allen klar sein, aber doch mit einigem Aufsehen. Weg geht er, weit weg in den Himmel. Und die Jünger? Und wir? Wir bleiben zurück. Wie so oft. Und müssen sehen, wie es weiter geht. Ja, wie geht es denn weiter? Was bleibt von dieser unglaublichen Botschaft? Was bleibt von Jesus? Was bleibt von ihm, wenn er weg geht? Es bleibt erst einmal die Frage: Bin ich bereit, ihm zu folgen? Ihm, der vom Frieden nicht nur sprach, sondern ihn lebte. Ihm, der mit jeder Faser seiner Existenz davon überzeugt war, dass die Liebe immer die stärkeren Argumente hat. Ihm, der barmherzig war. Und mutig. Und kraftvoll. Und am Ende tot.

Bin ich bereit, einem zu folgen, der alles gegeben hat, sogar sich selbst? Und bleibt es für mich nicht nur eine fromme Episode längst vergangener Zeiten, von der man auch nicht so richtig weiß, wie man sich das vorzustellen hat – bleibt es für mich nicht nur eine alte Geschichte, sondern reale Erfahrung, dass der, der starb, fürchterlich zugerichtet am Kreuz, dass genau der von den Toten auferstanden ist? Und macht es mir Mut, gibt es mir Kraft, darauf mein ganzes Leben zu gründen?

Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten – wann und wie auch immer vor 2000 Jahren der Tote als Lebender erfahren wurde, wann und wie auch immer er ganz zu seinem Vater heimging, wann und wie auch immer die Kraft aus der Höhe alles durcheinander gewirbelt hat, wann und wie auch immer das alles war – auf eines kommt es an: Gehe ich den Weg Jesu weiter? Traue ich mir das zu? Wenn ja, dann könnten wunderbare Dinge passieren: Was sich vernichtend durch mein Leben schlängelt, machtvoll und heimtückisch – es verliert seine Kraft. Was Beziehungen und Geschichten vergiftet – es endet nicht mehr tödlich. Krankes wird gesund, die Enge wird zur Weite, der Blick verändert sich. Keine Macht der Welt wird stärker sein als diese Freiheit, die der geben kann, der sich selbst verschenkt hat.

Heute spüren wir, welche Kraft von Ostern ausgeht: Einer stirbt, damit alle leben. Einer lebt, damit wir nicht ins Dunkle sinken. Einer sprengt die Dimensionen dieses Lebens auf, damit wir weit werden im Denken, Fühlen und Handeln. Einer sendet seinen Geist, damit das alles nicht in Vergessenheit gerät, sondern eine Zukunft hat. Doch Vorsicht: All das könnte frommes Gerede bleiben. Und zur bloßen Folklore verkommen. Oder zum vermuteten Kennzeichen einer kulturellen Identität. Es könnte aber auch anders sein. Es könnte uns packen. Wieder neu. Mich, Sie und viele mehr. Es könnte. Und dann? Ja, was wäre wohl dann?

Alexander Bergel
20. Mai
.

.
Predigt am 6. Ostersonntag
zu Joh 14, 15-21

Es dauert nicht mehr lange, dann ist er weg. Dann müssen sie selbst sehen, wie sie klar kommen. Keiner mehr, der die Dinge regelt. Keiner mehr, der an alles erinnert. Keiner mehr, der eine Ahnung davon gibt, was das heißt: Gott ist nicht weit weg, sondern mitten in der Welt. Irgendwann musste es so weit kommen. Aber jetzt? So plötzlich? Damit hatten sie nicht gerechnet, die Jünger. Und so sitzen sie da und müssen es erst einmal begreifen lernen, was das heißt, wenn Jesus sagt: „Ich gehe zum Vater.“

Es hat ziemlich lange gedauert, aber irgendwann war sie weg. Die gewohnte Idylle der kleinen, überschaubaren Pfarrei. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir uns gut eingerichtet. Alles lief gut, jeder kannte seinen Platz, alle wussten, wie es funktioniert. Eine schöne heile Welt, so sollte es bleiben! Aber so blieb es nicht. Die Dinge verändern sich. Seit Jahren schon. Keine überschaubare Gemeinde mehr, sondern eine immer größer werdende. Keine eingespielten Muster mehr, sondern neue Herausforderungen. Keine Klarheit mehr, was das heißt, katholisch zu sein, sondern fließende Übergänge. Kein: „Wir machen das hier aber so!“, sondern die Frage: „Wie könnten wir es denn mal neu versuchen?“

Die Jünger damals erleben: Jesus geht weg. Wir heute spüren: Viel Gewohntes verschwindet, das, was Halt gegeben hat, ist nicht mehr sicher. Auf die Spitze getrieben erleben wir das in diesen Monaten der Krise. Aber in all dem steckt auch eine Aufforderung: Mensch, trau dir etwas zu! Bleib nicht stehen! Geh selber deinen Weg. Such ihn neu, Tag für Tag! Das, was dir vertraut war – es ist nicht mehr. Aber – das Leben erwartet dich!

Anders wäre es einfacher gewesen, damals wie heute. Jesus hätte doch noch einige Jahre so weiter machen können, den Frauen und Männern um ihn herum weiter von Gott erzählen, ihnen weiter den Weg bahnen können. Aber nein, das tut er nicht. „Ihr wisst alles, was ihr wissen müsst. Nun geht euren Weg!“

Und heute? Hätte nicht lieber doch alles so bleiben können, wie es war? Nein. Die Welt hat sich verändert. Und die Kirche auch. Manche sehen darin nur Abbruch, Verlust, Untergang. Andere aber das Wirken des Heiligen Geistes. Und der steht für Aufbruch, Offenheit und neue Kraft. Aber bevor etwas Neues kommen kann, muss das Alte vergehen!

Doch was bedeutet das nun? Es bedeutet: Mensch, verlass dich nicht auf andere. Nicht auf die religiösen Profis, nicht auf die Strukturen, nicht auf das, was die Leute sagen. Vertrau darauf, dass Gott zu dir spricht. Dass er dich braucht. Und du ihn. Trau dich, über deinen Glauben zu reden. Und über deine Zweifel. Trau dich, deinen Glauben nicht einzufrieren. Sondern immer neu zu suchen, was er für dein Leben bedeutet. Trau dich! Egal wie alt du auch bist: Trau dich, neu anzufangen! Und hab keine Angst! Denn: Du bist nicht allein. Und der Geist Gottes – der ist schon unterwegs!

Alexander Bergel
16. Mai
.

.
Predigt am 5. Ostersonntag
zu Joh 14, 1-14

Keiner weiß,
wohin
die Reise geht.
Nicht nur in
Corona-Zeiten
ist das so.

Der Weg durch’s Leben –
er wird immer
voller Überraschungen sein.
Voller Sackgassen
und Seitenwege.

Wie oft schon
hab ich mich verlaufen.
Wie oft schon
ganz neu angesetzt.
Versucht,
durch all das Chaos,
durch Rückschläge
und Enttäuschungen
hindurch
zu ahnen,
wie das Leben
wirklich
funktioniert.
Genau verstanden
habe ich’s bis heute
nicht.

Wie oft schon
waren aber plötzlich
Menschen da.
Menschen,
die wussten,
wo es lang geht.
Meist dort,
wo ein Weg
sich gabelte
oder Mauern
unbezwingbar schienen.
Auch dort waren sie
zur Stelle,
wo die Straße sich
in dunkler Nacht
verlor.

Nicht nur einmal
waren plötzlich
weite Strecken
wie im Flug
geschafft.
Und nicht nur einmal
stellte es sich ein –
dies unbeschreibliche Gefühl:
Es ist so
schön,
dies wunderbare
Leben!
Den Weg dorthin –
den kennt ihr.
Ja,
mitunter schon …

Zum Glück
hat Thomas
noch mal
nachgefragt.
Denn so konnte er
hören,
dass
sein großes Vorbild,
sein Meister,
sein Freund
bei allem
mit von der Partie
war.
Und ist.
Und bleiben wird.
Egal,
was kommt.

Dass er selbst
der Weg ist.
Und die
Wahrheit auch,
die mich
all das
erkennen lässt.
Kurz:
Ein ganzes
volles
Leben.

Wenn ich’s
zulasse
auch

meins!

Alexander Bergel
9. Mai
.

.
Predigt am 4. Ostersonntag
zu Joh 10, 1-10

Was sollte er machen? Er verstand ihn einfach nicht. Zu weit waren sie auseinander. Was ihm wichtig war, ahnte er wohl. Aber ihm so begegnen, dass sein Gegenüber sich wirklich verstanden, ja mehr noch: dass er sich wieder wohl, gar zu Hause fühlte – das ging nicht. Jedenfalls nicht im Augenblick. Die Tür – zu.

Wir alle wissen wohl, wie sich so was anfühlt. Und auch Jesus kennt sie: verschlossene Türen. Wie oft schon hat er vor ihnen gestanden. Wie oft schon ist es ihm nicht gelungen, die Türen der Herzen zu öffnen. Wie oft schon aber hatten sich auch die, die ihm eigentlich ganz nahe waren, verbarrikadiert, die Schotten dicht gemacht. Angst, Unvermögen – alles kam da zusammen.Vor Ostern. Und auch danach.

Aber: Jesus gibt nicht auf. Er macht weiter. Sucht nach Wegen. Immer wieder. Weil sie ihm am Herzen liegen. Die Menschen. So, wie sie sind. Mit all ihrer Angst. Mit all ihrem Unvermögen. Mit ihrer Überforderung. Und mit ihrem Hass, ihrem Abscheu, ihrer Ablehnung. Jesus gibt sie nicht auf. Er gibt uns nicht auf.

Hirte will er sein. Einer, der lockt. Einer, der Mut macht. Einer, der Wege kennt und sie zeigt. Dann, wenn alles aussichtslos scheint. Und noch eins will er sein: „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden. Er wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ Jesus ist eine offene Tür. Einer, der sich öffnet. Sich und sein Herz. Auch darin will er uns Vorbild sein:

„Mensch, schließe deine Türen niemals für immer. Auch wenn du vielleicht Grenzen ziehen musst, damit du leben kannst. Auch wenn du nicht allen Erwartungen gerecht werden kannst, weil du sonst untergehst. Auch wenn nicht jeder und jede immer und zu jeder Zeit bei dir ein- und ausgehen darf, weil du auch nicht alle und jeden retten kannst. Auch wenn das alles so ist: Verschließe die Tür deines Herzens niemals endgültig!“

Wir wissen genau: Das ist oft genug harte Arbeit. Oft tut das auch ganz schön weh. Und es kostet immer das eigene Leben. Aber es hilft uns auch dabei. Es hilft uns, wirklich zu leben. Denn leben kann man nicht hinter verschlossenen Türen. Gerade in Zeiten wie diesen spürt das wohl jeder.

Jesus, die Tür – kein nettes Bild also für gemütliche Stunden, sondern ein knallharter Auftrag. Und so steht am Ende mal wieder eine Frage: Welche Tür wartet bei mir darauf, dass sie sich öffnet?

Alexander Bergel
2. Mai
.

.
Predigt am 3. Ostersonntag
zu Joh 21, 1-14

Wohin nur?
Wohin nur soll ich gehen?
Weg.
Weit weg!
Am besten dorthin,
wo man weiß,
wie’s läuft.

Zurück heißt das,
zurück also in die Vergangenheit:
Lasst uns fischen gehen.
Da wissen wir,
wie’s geht,
früh zur Arbeit,
spät nach Haus.

Ob’s das bringt?
Einer muss es tun.
Und von irgendwas
muss jeder leben.

Ja, Mensch,
das stimmt.
Doch das,
das wird dir auch zur Frage:
Wovon lebst du?
Wovon lebst du wirklich?

Denn:
Dein Netz ist leer.
Und die Nacht war lang.
Wie sich das anfühlt,
das weißt du nur zu gut.
Gerade in diesen
Zeiten.

Doch da:
Ein Fremder kommt.
Gibt seinen Rat:
Mach‘s anders!
Tu es so, wie nie zuvor!

Wirf das Netz neu aus.
Wage den Schritt,
den Schritt
ins Unbekannte.

Dort wartet es,
das Leben.
Und ein Feuer,
das dir brennt.
Vielleicht sogar
in dir.

Und ein Verwundeter,
der dir zur Antwort wird.
Und ein Gott,
der neue Wege weist.

Er sagt dir:
Du darfst,
du sollst,
ja, du wirst
leben!

Mach dich also auf!
Geh einfach los!
Und denke dran:
Du musst es nicht
alleine tun.

Er ist da.
Und wir ja auch.
Sieh dich nur um!
Was meinst du –
zusammen könnte es doch gehen.
Das mit dem Leben.
Mit dem neuen Aufbruch.
Mit der Freude.
Und der Kraft.

Ostern ist möglich.
Du musst es wollen,
wirklich wollen.
Und wagen auch.
Einer wartet schon.
Und viele
gehen mit.

Alexander Bergel
25. April
.

.
Predigt am 2. Ostersonntag
zu Joh 20, 19-31

Genannt: Didymus,
Zwilling.

Vielleicht bist du das wirklich,
Thomas.

Mein Zwilling.
So wie ich.

Du fühlst und denkst genau
wie ich.

Auch ich
will es sehen.
Will es spüren.
Ich will dabei sein.
Nicht einfach aufs Hörensagen
alles gründen.

Und ja,
Beweise suche ich.
Zumindest aber
ein kleines Zeichen,
dass es wahr ist.

Und nun spreche ich.
So, wie du es tust:

Ach, Jesus,
vertrauen würd ich Dir so gern.
Dir glauben,
dass es stimmt,
was du gesagt hast.
All die Jahre.
Auf all den Wegen.
Zu all den Menschen.

Auch zu
mir.

Ich würde sie so gerne spüren,
deine Auferstehung.
Meine Zukunft.

Aber all das
ist weit weg.

Sieh sie dir doch an,
die Welt.
Die große.
Und auch
meine kleine.

Sieh sie dir doch an,
die Menschen
mit ihrer Angst.
Vor sich.
Und all den anderen.
Und vor dem Tod.

Was muss ich tun,
dass Ostern wird?

Da hör ich deinen
Rat:

Frage.
Zweifle.
Gib dich nicht zu schnell zufrieden.

Erwarte aber keinen Helden.
Nimm das Leben wahr,
wie es durch meine Wunden leuchtet.
Und durch die deinen auch.

So wird Ostern.
So geht Leben.
Spürbar heute schon.

Nicht voller Glanz und Gloria.
Aber voller Kraft.
Voller Zukunft.
Voller Leben.

Ja, Jesus,
ein Verwundeter bist du,
so sagst Du‘s mir.

Aber einer,
der lebt.

In all meinem Chaos.
In al meinem Zweifel.
In all meiner Angst.
Mitten im Tod.

Zweifeln, so sagst du’s mir,
Jesus,
zweifeln hält lebendig.
Vertrauen aber –
Vertrauen sprengt die Grenzen.

Hab also Mut,
Thomas.
Halt mir deine Wunden hin.
Und lebe!

Alexander Bergel
17. April
.

.
Predigt an Ostern
zu Joh 20, 1.11-18

Es hätte so schön werden können. Nach all dem Drama. Nach all dem Chaos. Nach all der Verzweiflung. Sie war gerade dabei zu verstehen, wirklich zu verstehen: Er ist tot. Der, der ihr so nahe war wie niemand sonst – er lebt nicht mehr. Hingerichtet. Ausgelöscht. Zerstört. Ein ganzes Menschenleben. Und nicht nur seins. Wie viele hatten auf ihn gehofft? Wie viele hatten sich danach gesehnt, dass seine Idee vom Leben, von der Welt – wie sehr hatten sie alle gehofft, dass er sich durchsetzen würde? Dass keine Macht der Welt das je verhindern könnte? Dass Ungerechtigkeit und Hass und Unterdrückung verschwinden vom Angesicht dieser Erde? Und alles, wirklich alles neu würde?

Ja, so viele hatten es gehofft. Auch sie. Maria aus Magdala. Sie hatte es doch schon gesehen. Sie hatte gesehen, wie Menschen ihr Leben änderten, weil Jesus zu ihnen sprach. Sie hatte gesehen, wie verkorkste Biographien eine neue Richtung bekamen. Ihre eigene auch. Sie hatte gesehen, wie Menschen wieder aufrecht gehen, neu sehen und hören lernten. Sie hatte gesehen, wie Lazarus wieder ins Leben zurück fand. Immer wieder und immer öfter hatte sie, hatten so viele gespürt: Da bringt einer neues Leben in die Welt. Da bleibt Gott keine wage Idee, keine Geschichte – nein: Gott bekommt Hand und Fuß. Die alten Geschichten von der Befreiung – damals in der Arche, damals am Roten Meer, damals nach der Verschleppung ins Exil –, diese Geschichten gehen weiter. Und bekommen ein weiteres Kapitel hinzu. Und ein Gesicht. Und Hände, die berühren, kraftvoll und zärtlich zugleich.

All das ging ihr unter die Haut. Und nun das. Alles war zusammen gebrochen am Nachmittag dieses schrecklichen Tages auf Golgota. Da hing er. Zwischen Himmel und Erde. Jesus. Und schrie seine Verzweiflung heraus. Als alle weg waren, als sich alle auf und davon gemacht haben – aus Panik, aus Angst, aus Verzweiflung –, da legt sie ihn ins Grab. Josef und Nikodemus waren auch dabei. Und seine Mutter. Und der, den Jesus liebte. Und ein paar andere Frauen. Noch einmal berühren. Noch einmal nahe sein. Noch einmal in dieses Gesicht blicken. In ein Gesicht, an dem sich so viel ablesen ließ. Aber nun – nun ist er tot. Das Grab ist voll. Stein davor. Aus und vorbei.

Nach einem langen quälenden Tag, der voller Fragen war, nach diesem Tag aus Blei macht sie sich auf. In aller Frühe. Dunkel war es noch. Die Sehnsucht treibt sie durch die Straßen und Gassen hinaus vor die Stadt. Zu ihm. Einmal noch – einmal noch möchte sie ihn berühren. Ihn salben mit duftendem Öl. Um den Gestank des Todes zu vertreiben. Nur einen kurzen Moment. Nur noch ein einziges Mal. Doch dann – der Stein ist weggerollt. Und Jesus? Fort! Frau, warum weinst Du? Hört sie. Und sieht in strahlendem Weiß jemanden, der sie das fragt. Sie will wissen, wo er ist. Und dreht sich um. Und sieht – einen Gärtner? Sag mir, wo du ihn hingelegt hast! Seine Antwort: Maria!

Was für eine Szene! Die tränenschweren Augen brauchen lange, bis sie im Tod den Lebenden erkennen. Aber wenn es dann geschehen ist, gibt es kein Halten mehr: Rabbuni, lieber Meister, ruft sie aus – und will ihn berühren, ihn in ihre Arme schließen. Aber das geht nicht. So schmerzhaft es auch ist: Wer dem Tod entronnen ist, lässt sich nicht mehr so einfach anfassen. Wer die Grenze des Todes überschritten hat, ist auf eine andere Weise da. Nicht greifbar. Was für eine Enttäuschung! Welch schreckliche Grenze zwischen Jesus und Maria. Wo sie doch so glücklich war, ihn wieder zu haben. Es hätte so schön werden können.

Berühren verboten! Das erleben wir in diesem Jahr. Wir feiern Ostern auf Abstand. Dürfen keine Menschen in die Arme schließen, die uns so nahe sind. Und wertvoll und kostbar. Menschen sterben allein, weil niemand da ist, nicht da sein darf, der ihre Hand hält. Menschen werden im kleinsten Kreis beigesetzt. Manche können sich nicht einmal von ihren Verstorbenen verabschieden. Kein letztes Bild, keine letzte Berührung. Was für ein Schmerz! Viele wünschten sich, an diesem Osterfest – wie immer an Ostern –, einander in den Armen zu liegen, auf das Leben anzustoßen, zu feiern bis der Morgen kommt, bis die Sonne aufgeht und die Schatten des Todes verblassen. Es geht nicht …

Maria am Grab. Vor ihr der, den ihre Seele so sehr liebt. Berührung ausgeschlossen. Sie kann ihn nicht festhalten. Denn er ist schon einen Schritt weiter gegangen. Und was macht sie? Sie schaut ihn an. Spürt seine Liebe. Und die Kraft, die von ihm ausgeht. Trotz allem. Und durch all das hindurch. Und geht los. Gestärkt von seinem Blick. Von seinen Worten. Von seinem Lächeln. Maria rennt los. Und erzählt, was geschehen ist: Ich habe den Herrn gesehen! Berühren konnte sie ihn nicht. Aber die ganze Welt hat es dennoch erfahren. Weil sie so berührt war. Voll von seiner Kraft. Und einfach losging. Berühren verboten! Berührt sein nicht. Könnte so vielleicht doch Ostern werden?

Alexander Bergel
11. April
.

.
Predigt am Karfreitag

Die Welt,
wie wir sie kannten,
gibt es nicht mehr.

Unsere Sicherheiten?
Weg.
Unser Durchblick?
Vorbei.
Unsere Macht?
Dahin.

Was bleibt,
sind Ängste.
Und Fragen.
Viele Fragen.
Wie so oft.
Wie geht es weiter?
Was kommt danach?
Und: Werde ich überleben?

Vor einem Jahr
lag eine Kirche in Trümmern.
Notre-Dame brannte.
Lichterloh.
Im Herzen von Paris.
Schutt und Asche überall.
Und mittendrin:
ein Kreuz.

Für manche wurde es
zum Bildnis.
Für das, was nicht mehr ist.
Es steht noch immer da.
Und strahlt golden.
Das Kreuz in Schutt und Asche.
Doch – wer sieht es noch?

In diesen Wochen –
da strahlt rein gar nichts mehr.
Ängste – wohin man blickt.
Einsamkeit – nicht nur im Altenheim.
Tod – all überall.
Hier noch nicht.
Doch – wer weiß?

Bilder von dem, was ist,
ziehen an uns vorüber.
Jeden Abend neu.
Und wenn da einer fragt:
Warum? –
dann steht es wieder da,
das Kreuz.
Nur nicht strahlend.
Sondern leidgetränkt.

Heute ist Karfreitag.
Der Tag,
an dem einer es
herausschreit:
Warum,
ja, mein Gott, warum?
Warum das alles?
Warum nur
hast du mich
verlassen?

Jeder kennt sie,
diese Frage.
Und jeder hat sie.
Oder nicht?

Es ist die Frage,
auf die es keine Antwort gibt.
Auch wenn viele es
versuchen.

Zu schnell,
viel zu schnell
kommt mir die Antwort oft
daher.

Egal, was ist.
Egal, was ich erleide.
Egal, was mir zwischen den Händen zerrinnt.
Egal, welcher Tod mein Leben durchkreuzt
oder das meiner Lieben.
Oder das der vielen,
deren Name ich nicht kenne.
Die aber einen haben.
Und Menschen, die um sie trauern.

Egal, woran ich auch verzweifle –
wer kann schon sagen:
Darum ist es geschehen!

Nein,
Leid hat keinen Sinn.
Leid ist zerstörerisch.
Leid folgt keinem Plan.
Einem göttlichen schon gar nicht.

Aber wenn die Erde brennt,
wenn alles ins Wanken gerät,
wenn unsere Sicherheiten keine sind,
wenn alles, was wir kennen, anders wird,
wenn Menschen gehen – einfach so,
wenn sie sterben müssen,
wenn wir sterben müssen –
was bleibt denn dann?

Es bleibt ein Gott,
der keine Antwort gibt.
Es bleibt ein Gott,
der nicht erklärt,
warum es gut war
oder hilfreich
oder pädagogisch wertvoll.

Glaubt niemandem,
der euch das
einreden will!

Es bleibt ein Gott,
der schreit.
Und zweifelt.
Der
– selbst Mensch –
zwischen Himmel und Erde hängt,
ausgelacht und angespuckt,
verhöhnt und lächerlich gemacht,
von oben herab
den Platz des Letzten einnimmt,
der selbst fragt:
Warum, Vater,
warum?

Und keine Antwort findet.
Der verlassen
und elendig da hängt.
Und stirbt.
Und tot ist.

So einfach.
So grausam.

Doch –
auch wenn es keiner glaubte,
bis auf ein paar vielleicht,
die genauso fragten
wie er:
Warum?
Und die es sahen,
wie er endete.
Und die nichts tun konnten.

Genau diese Menschen
kamen wieder.

Obwohl die Fakten dagegen sprachen –
wie so oft
und wie immer wieder
und immer noch –
diese Menschen kamen
wieder.
Am dritten Tag.

Und fanden ihn nicht.
Sie fanden auch keine Antwort.
Kein: Darum!

Aber sie spürten plötzlich –
oder vielleicht auch erst
viel später,
dass der,
dem sie trauten,
der,
dem sie folgten,
der,
der bis zum Schluss aushielt,
nicht mehr tot war.

Sondern lebte.

Ob das die Antwort ist?
An diesem Tag?
An allen anderen Tagen auch?

Ob dies
die Antwort Gottes ist?
Dass da einer
alles durchgemacht,
mitgemacht
zu Ende gebracht hat?

Damit wir nicht verzweifeln?
Nicht im Sinnlosen untergehen?
Sondern weiter gehen?
Am Ende gar auferstehen?

Und nicht erst am Ende –
sondern auch schon hier
und jetzt?

Alexander Bergel
10. April
.

.
Predigt am Gründonnerstag
zu Joh 13, 1-15

Jesus lehrt.
Und die Jünger –
begreifen
nichts.
Kämpfen um
Ansehen
und Macht.

Also wird Jesus
handgreflich.
Legt sein Gewand ab.
Und eine Schürze an.

Begreift ihr,
was ich an
euch
getan habe?

Petrus?
Jakobus?
Johannes?
Judas?

Dirk?
Klara?
Elisabeth?
Nils?

Er kniet sich
in den
Dreck.
In den
Abgrund.
Und schaut uns
an.

Begreift ihr es
jetzt?

Alexander Bergel
9. April
.

.
Predigt am Palmsonntag
zu Joh 11, 45-57

Die Stimmung ist aufgeheizt. Viele spüren: Es liegt etwas in der Luft. „Das Paschafest der Juden war nahe, und viele zogen schon vor dem Paschafest aus dem ganzen Land nach Jerusalem hinauf, um sich zu heiligen. Sie suchten Jesus und sagten zueinander, während sie im Tempel zusammenstanden: Was meint ihr? Er wird wohl kaum zum Fest kommen. Die Hohenpriester und die Pharisäer hatten nämlich, um ihn festnehmen zu können, angeordnet: Wenn jemand weiß, wo er sich aufhält, soll er es melden.“

Die Sehnsucht der Menschen ist groß. Die Sehnsucht nach Freiheit. Die Sehnsucht nach Würde. Die Sehnsucht nach gutem, gelingendem Leben. Und so warten Menschen aller Zeiten darauf, dass einer kommt, der all das möglich macht. Die Menschen damals warteten auf einen, der die Römer zum Teufel jagt. Der dem religiösen Establishment zeigt, wie verlogen und korrumpiert das System geworden ist. Der die Herrschaft Gottes aufrichtet, die alles völlig verändern wird. Viele sehen in Jesus den, der genau das tun kann. Aber wird er kommen? Wird er es wagen, sich in dieser aufgeheizten Situation in Jerusalem zu zeigen? „Was meint ihr, er wird wohl kaum zum Fest kommen.“

Die Sehnsucht der Menschen ist groß. Auch heute. Die Sehnsucht danach, sich begegnen zu können. Die Sehnsucht danach, sich an das zu erinnern, was damals war. Und es zu feiern. Mit vielen anderen. Damit die Kraft der Ereignisse von damals auch heute spürbar wird. Damit das, was Jesus für die Menschen damals war, sich auch heute ereignet. „Er wird wohl kaum zum Fest kommen.“ Das ist die Situation. Denn das Fest ist abgesagt. Vielen tut das weh. Viele vermissen es. Denn seien wir doch ehrlich: Wer kann schon ohne die anderen leben? Wer kann sich schon selbst das Wort sagen, das tröstet und befreit? Keiner kann das. Dabei ist es in Zeiten wie diesen wichtiger denn je. Doch wenn wir genau hinschauen – all das passiert gerade. Oder?

Wer hätte gedacht, wie erfinderisch Menschen werden können, wenn es darum geht, sich zu begegnen. Nicht von Angesicht zu Angesicht. Aber auf andere Weise. Menschen schreiben plötzlich wieder Briefe. Und telefonieren. Entdecken neue Medien für sich und nutzen sie. Menschen haben Zeit füreinander. Kümmern sich um Alte und Kranke. Gehen einkaufen. Erledigen Unaufschiebbares. Sind auf eine Weise da, wie man es kaum für möglich gehalten hätte. Und entwickeln Perspektiven für die Zeit danach.

„Was meint ihr, er wird wohl kaum zum Fest kommen.“ Doch. Er kommt. Damals war er jedenfalls da. Und alles wurde anders. Allerdings – und damit muss man bei Jesus immer rechnen – nicht so, wie viele es erwartet hatten. Nur wenige konnten das ertragen. Und heute? Ich glaube, er ist da. Wie gewohnt auf seine Weise. Vielleicht hat er schon längst Einzug gehalten. In unserer Stadt. In meiner Straße. Bei mir zuhause. Vielleicht hat er schon längst angefangen, die Rettung zu bringen, auf die wir so sehnsuchtsvoll warten. Vielleicht ist sein Einzug von einer Art, die mehr verändern kann, als wir heute meinen. Stiller als sonst. Aber nicht wirkungslos. Anders halt. Typisch Jesus eben. „Wenn jemand weiß, wo er sich aufhält, soll er es melden.“

Alexander Bergel
4. April
.

.
Predigt am 5. Fastensonntag 
zu Joh 11, 1-45

Krank war er. Und bald darauf tot. Weggepackt. Mit Stein davor. Lazarus von Bethanien. Weg war er. Einfach nicht da. Auf und davon. Wie so oft. Jesus von Nazareth. „Auf, mach dich auf, du Menschensohn, komm doch! Komm und sieh. Sieh, was geschehen ist. Sieh, was immer geschieht: Menschen sterben. Träume zerbersten. Hoffnungen liegen brach.“ Ja, so ist sie wohl, die Welt. Und mittendrin die Frage: Wo warst du? Und noch mehr: Wo bist du? Ja, wo bist du, Gott? Ach, wärest du doch hier gewesen. Hättest du doch eingegriffen …

Ja, Herr, warum tust du es nicht? Du siehst doch die Welt. Die Welt, wie sie ist: Krankheit und Tod, wohin man blickt. Beziehungen, die zerbrechen, weil keiner mehr weiß, wie es gehen kann. Eltern, die den Draht zu ihren Kindern verlieren. Kinder, die darauf warten, dass ihnen einer sagt: Ich hab dich lieb. Menschen, die sich das Leben zur Hölle machen. Ach, Herr, wärest du da gewesen … Warst du aber nicht. Und so geht sie weiter, die Suche nach dem Leben.

In allem Zerbrochenen. In all dem Schmerz. In all der Angst. In der Angst vor einer Diagnose. Vor der Wahrheit. Vor dem Abbruch. Vor dem Tod. Doch, Moment – wie war das noch gleich? „Herr, wärest du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben!“ Marta geht einen Schritt weiter. Sie bleibt nicht stehen bei dem, was alle sehen. Nein, sie glaubt. Und vertraut. Sie schenkt Jesus ihr Herz, denn sie spürt: Er bleibt auch nicht stehen. Er bleibt nicht stehen bei dem, was alle sehen. Jesus lässt sich berühren. Ist im innersten erschüttert. Und weint. „Seht, wie lieb er ihn hatte.“ Und dann geschieht das Unfassbare: Der Tote kommt heraus. All das, was ihn fesselte, fällt ab von ihm. Die Maske des Todes – weg!

Welch phantastische Wendung. Typisch Bibel eben. Doch – was ist mit uns? Mit unserer Angst, unserer Sprachlosigkeit? Was ist mit den Fakten, die unbarmherzig dagegen sprechen? Es sind Fakten. Aber wer hindert uns daran, in allem Scheitern, in all dem Kaputten, ja selbst im Tod einen Gott zu erkennen, der zutiefst erschüttert ist von meinem Leid? Was hindert mich daran, trotz der Gegenargumente ihm mein Herz zu schenken? Was hindert mich daran, zu glauben, dass da einer mit mir weint? Dass da einer den Kerker meines Herzens öffnet? Dass da einer meine Angst durchdringen will mit seinem Blick? Dass da einer ist, der mir sagt: „Lebe, Mensch, lebe!“?

Ach ja, Herr, zeige dich doch! Ich warte so sehr darauf. Maria und Marta – sie haben dir vertraut. Und Lazarus lebt! Der Blinde – er hat dir geglaubt und konnte wieder sehen. Die Frau am Jakobsbrunnen – sie hat dir ihr ganzes chaotisches Leben gezeigt, und du hast ihr einen neuen Blick geschenkt. Ja, du hast Menschen verändert, bewegt, geheilt. Oft ziemlich unspektakulär. Immer aber verbunden mit einer Frage: Glaubst du mir?

Alexander Bergel
28. März
.

.
Predigt am 4. Fastensonntag 
zu Joh 9, 1-41

Sie zieht sich in die Länge, die Heilungsgeschichte des Blinden. So wie kaum eine andere. Sonst geht es meist recht schnell: „Glaubst du, dass ich dir helfen kann?“, fragt Jesus oft. Und wenn der Kranke antwortet: „Ja, ich glaube, dass du mich gesund machen kannst!“, ist es auch schon passiert. Hier ist es anders. Allerdings nicht zufällig. Indem Johannes lang und breit das Umfeld der Heilung beschreibt und viele Nebengeschichten erzählt, macht er eines deutlich: Sich von Gott berühren zu lassen, das geht nicht nebenbei.

Wenn Gott wirklich in unser Leben dringt, dann tut er es ganz. Alles wird davon erfüllt. Meine Vergangenheit, meine Gegenwart, meine Zukunft. Das Umfeld, in dem ich lebe. Meine Gewohnheiten. Meine Denkstrukturen. Meine Unbeweglichkeit. Alles. Und einen weiteren Grund gibt es: Jeder hat seine „blinden Flecken“. Was für den einen völlig klar, gar kein Thema ist – für den anderen wird es zu einer Herausforderung. Und so lade ich Sie ein, sich auf die Suche zu machen nach Ihren „blinden Flecken“. Und damit auch auf die Suche nach Ihren Heilungschancen! Drei Richtungen der Heilungsgeschichte können uns dabei helfen. Vielleicht bleiben Sie ja bei einer hängen:

Die Jünger fragen Jesus: „Wer hat gesündigt, so dass dieser Mann blind ist – er oder seine Eltern?“ Grausame Frage. Denn Gott ist kein Strafender, der Krankheiten verteilt. Auch wenn manche so denken … Aber: Wie oft passiert es, ja wie einfach ist es, Verantwortung für eigenes Handeln auf andere abzuschieben. Oder unbedingt einen Schuldigen finden zu wollen, den es manchmal aber gar nicht gibt. Neige ich dazu?

„Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält.“ Es gibt sie immer wieder: jene Menschen, die genau zu wissen meinen, wo es lang geht. Was richtig ist und was falsch. Wie Gott ist und wie nicht. Gehöre ich zu diesen Leuten?

„Der Blinde antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich: Dass ich blind war und jetzt sehen kann.“ Wer kennt das nicht? Man hält sich bei Nebensächlichkeiten auf. Und verliert den Blick für das, was wirklich zählt. Der Blinde setzt die richtigen Prioritäten. Tue ich das auch?

Verantwortung auf andere abwälzen – in eigenen Denkstrukturen gefangen sein – nur das Schlechte sehen: dies können „blinde Flecken“ sein. Krankheiten, von denen Menschen geheilt werden müssten. Wie sieht das bei mir aus? Müsste ich mich dem vielleicht mal stellen?

Alexander Bergel
21. März
.

.
Predigt am 3. Fastensonntag 
zu Joh 4, 5-42

Sonne.
Glühend heiß.
Und mittendrin:
ein Brunnen.

Nicht
Jerusalem.
Nein:
Irgendwo.

Zwei
begegnen sich.
Keine Nachricht
wert.

Die Hitze
aber
ändert
das.

Trinken
wollen sie.
Der eine
wie die andere.

Nur:
Was
löscht
den Durst?

Den Durst nach Liebe
Den Durst nach Leben
Den Durst nach Sinn
Den Durst nach …

Was löscht den Durst?
Mehr Fragen sind es
– mal wieder –,
mehr Fragen,
als Antworten
zur Stelle wären.

Die üblichen
Frage-Antwort-Spiele
aber –
sie sind es nicht:

Wie geht`s, wie steht`s?
Danke.
Muss ja.
Schönen Tag noch.

Nein, er geht
ans Eingemachte.
Und sie
auch.

Er weiß
was war.
Sie sucht
was ist.

Umständlicher
geht`s wohl kaum.
Leichter
auch nicht.

Denn
das Leben
ist
nicht einfach.

Wer bin ich?
Wer war ich?
Wer werde ich
sein?

Hält Gott
die Wüste meiner Fragen aus?
Halte ich
sie aus?

Wann erlebe ich es?
Dass mir einer zuhört?
Dass mir einer sagt, was läuft?
Dass mir einer seine Nähe schenkt,
die alles verändert?

Sonne.
Glühend heiß.
Und mittendrin:
ein Brunnen.

Nicht
Jerusalem.
Nein:
Irgendwo.

Zwei
begegnen sich.
Keine Nachricht
wert.

Die Hitze
aber
ändert
das.

Trinken wollen
sie.
Der eine
wie die andere.

Was aber löscht denn nun
den Durst?
Noch besser:
Wer?

Alexander Bergel
14. März
.

.

Gebet, Musik & Poesie

.
O Gott,
komm mir zu
Hilfe.

Mit dieser Bitte beginnt die Liturgie der Tagzeiten, das Gebet der Psalmen und der biblischen Lieder, Tag für Tag. Eine kraftvolle, bildreiche Poesie erwartet einen da. Am Morgen. Am Mittag. Am Abend. Zur Nacht. Und auch noch zwischendrin. Die Bitte um Gottes Hilfe, seinen Beistand, sein Weggeleit – sie durchdringt alles.

Manchmal reicht es vielleicht, nur diese Bitte im Herzen zu haben. Dann, wenn die Worte fehlen. Oder man zu müde ist, um überhaupt noch irgendwas zu sagen, zu denken, zu fühlen. Sie finden hier einen kleinen Gebetszettel. Vier Seiten. Für zuhause. Für zwischendurch. Für Sie.

O Gott – Teil 1
O Gott – Teil 2
O Gott – Teil 3
O Gott – Teil 4

Als pdf-Datei zum Ausrucken

O Gott – Außenseite
O Gott – Innenseite
.

.
Es wär so schön
mein Gott
wenn wir doch wüssten
wohin die Reise geht

Es wär so schön
mein Gott
wenn meine Sorgen sich
in Wohlbefinden wandeln würden

Es wär so schön
mein Gott
wenn Klarheit herrschte
statt des dichten Nebels überall

Es wär so schön
mein Gott
wenn meine Schwermut
du zum Teufel jagen könntest

Schön wär’s
Doch was geschieht?
Vielleicht das eine:
dass du

in aller Schwermut
im dichten Nebel
bei allem Sorgen
Teil der Reise bist

Alexander Bergel
.

.
herr
rühme mich
denn ich habe viel ausgehalten
ohne ein zeichen von dir

vielleicht bist du nur das echo von meinem schrei

doch dann hilf mir
aus meiner klage ein lied zu machen
an dem sich kommende fremde erwärmen können

SAID
Psalmen
München 2007
.

.
Klopf, klopf – wir bringen Ihnen den Segen!

Klicken Sie hier – und schon bekommen Sie Besuch von den Sternsingern.
Und noch viele weitere Infos rund um die Aktion!
.

.
Geh deinen Weg ruhig –
mitten in Lärm und Hast,
und wisse, welchen Frieden
die Stille schenken mag.

Steh mit allen auf gutem Fuße,
wenn es geht,
aber gib dich selbst
nicht auf dabei.

Sage deine Wahrheit immer ruhig und klar
und höre die anderen auch an,
selbst die Unwissenden, Dummen –
sie haben auch ihre Geschichte.

Laute und zänkische Menschen
meide.
Sie sind eine Plage
für Dein Gemüt.

Wenn du dich selbst mit anderen vergleichen willst,
wisse, dass Eitelkeit und Bitterkeit Dich erwarten.
Denn es wird immer größere
und geringere Menschen geben als dich.

Erfreue dich an deinen Erfolgen und Plänen.
Strebe wohl danach weiterzukommen, doch bleibe bescheiden.
Das ist ein guter Besitz
im wechselnden Glück des Lebens.

Übe dich in Vorsicht bei deinen Geschäften.
Die Welt ist voller Tricks und Betrug.
Aber werde nicht blind für das,
was dir an Tugend begegnet.

Sei du selbst – vor allem:
heuchle keine Zuneigung, wo du sie nicht spürst.
Doch denke nicht verächtlich von der Liebe,
wo sie dich wieder regt.

Sie erfährt soviel Entzauberung,
erträgt so viel Dürre
und wächst doch voller Ausdauer,
immer neu, wie das Gras.

Nimm den Ratschluss deiner Jahre
mit Freundlichkeit an.
Und gib deine Jugend mit Anmut zurück,
wenn sie endet.

Pflege die Kräfte deines Gemüts,
damit es dich schützen kann, wenn Unglück dich trifft,
aber überfordere dich nicht durch Wunschträume.
Viele Ängste entstehen durch Enttäuschung und Verlorenheit.

Erwarte eine heilsame Selbstbeherrschung von dir.
Im übrigen aber
sei freundlich und sanft
zu dir selbst.

Du bist
ein Kind der Schöpfung,
nicht weniger
wie die Bäume und Sterne es sind.

Du hast ein Recht hier zu sein.
Und ob du es merkst oder nicht –
ohne Zweifel entfaltet sich die Schöpfung so,
wie sie es soll.

Lebe in Frieden mit Gott, wie du ihn jetzt für dich begreifst.
Und was auch immer deine Mühen und Träume
sind in der lärmenden Verwirrung des Lebens –
halte Frieden mit deiner eigenen Seele.

Mit all ihrem Trug, ihrer Plagerei
und ihren zerronnenen Träumen –
die Welt ist immer noch
schön!

.
Max Ehrmann (1927),
einer Legende zufolge Irischer Segen
aus dem Jahr 1692
.

.
„Über uns steht ein guter Stern“ – so heißt es in einem Lied von Gregor Linßen. „Über uns steht ein guter Stern“ – daran zu glauben dürfte in diesen Tagen dem ein oder der anderen nicht ganz leicht fallen. „Wo soll denn dieser gute Stern sein? Ich kann ihn beim besten Willen nirgendwo entdecken“ mag nur eine Reaktion sein, die Ihnen vielleicht beim Lesen dieses Satzes in den Sinn gekommen ist.

Ich muss gestehen: mir ist dieser Gedanken aktuell nur allzu vertraut und ich verstehe jede und jeden, die sich gerade schwer tun, über ihrem Leben einen guten Stern zu entdecken. Es kann einem wirklich anders werden, wenn man sich in der Welt dieser Tage umschaut. Aber umso mehr versuche ich zurzeit auf die vielen kleinen und großen Sternmomente zu achten, die in meinem Alltag immer wieder aufblitzen.

So freue ich mich jeden Morgen darauf, ein neues Türchen unseres digitalen Adventskalenders zu öffnen – und mich von den vielen verschiedenen tollen Impulsen überraschen zu lassen. Oder ich darf einen kleinen Einblick in die Lieder- und Fotoaufnahmen für das diesjährige Krippenspiel werfen und habe Gänsehaut, mit wie viel Herz, Energie und Begeisterung da etwas Großartiges auf die Beine gestellt wird. Und gerade gestern wurde ich von zwei verschiedenen Nikolauspäckchen überrascht, die im Laufe des Tages bei mir zu Hause eintrudelten. Von lieben Menschen gepackt – einfach, weil sie mir und meinem Mann eine kleine Freude bereiten wollten.

All das sind für mich Sternmomente, die mich immer wieder daran erinnern: „Kommt und seht, über uns steht ein guter Stern! Kommt und seht, Gott ist hier!“ Das Lied, aus dem diese Zeilen stammen, habe ich in dieser Woche wieder für mich entdeckt. Ich kenne es schon seit vielen Jahren und habe es bereits auf sehr vielen Adventskonzerten gesungen. Schön fand ich es immer – und adventlich hoffnungsvoll auch.

Aber als ich es mir jetzt wieder anhörte, hat es mich noch einmal ganz besonders berührt. Wenn es da zum Beispiel heißt: „Mit Hoffen und Bangen sind wir gegangen, um zu seh’n wohin die Könige zieh’n. In Zweifel und Ängsten waren wir gefangen, bis der Ruf kam: Geht! Vertraut auf IHN! Und ein Stern erstrahlte in der Finsternis, uns zu leiten bis hinter den Horizont. Kommt und seht! Über uns steht ein guter Stern! Kommt und seht: Gott ist hier!“ Für mich kam dieses Lied in dieser Woche gerade passend, weil es mich bei all den Sorgen und Unsicherheiten dieser Tage sehr eindrücklich an den Kern unserer christlichen Botschaft erinnert hat.

Vielleicht ist dieses Lied ja auch etwas für Sie? Hier finden Sie die deutsche Version, und hier die englische. Viel Freude wünsche ich Ihnen dabei – und den ein oder anderen eigenen Sternmoment!

Anne Burgard
.

.
Seit dem 7. Jahrhundert werden in den letzten sieben Tagen vor Heiligabend, also vom 17. bis 23. Dezember, die O-Antiphonen gesungen. Seit jeher haben diese Rufe, die immer mit einem staunenden »O« beginnen und von daher ihren Namen haben, die Herzen der Menschen berührt, die sich in diese wunderbaren Worte und Melodien vertieft haben.

Hier finden Sie Hintergründe zu den O-Antiphonen und sie selbst – gebetet und gesungen.
.

.
Erwartung bewegt …

Maria durch ein Dornwald ging,
Kyrie eleison.
Maria durch ein Dornwald ging,
der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen.
Jesus und Maria.

Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Kyrie eleison.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.

Da haben die Dornen Rosen getragen,
Kyrie eleison.
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen.
Jesus und Maria.

.
Lied im Gotteslob Nr. 224
Text: August von Haxthausene

Das gesungene Lied finden Sie hier.
.

.
Ein Sehnsuchtslied

O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu,
denn heute schon baust du dein Reich unter uns,
und darum erheben wir froh unser Haupt.
O Herr, wir warten auf dich. O Herr, wir warten auf dich.

O Herr, wenn du kommst, wird es Nacht um uns sein,
drum brennt unser Licht, Herr, und wir bleiben wach.
Und wenn du dann heim kommst, so sind wir bereit.
O Herr, wir warten auf dich. O Herr, wir warten auf dich.

O Herr, wenn du kommst, jauchzt die Schöpfung dir zu,
denn deine Erlösung wird alles befreien.
Das Leid wird von all deiner Klarheit durchstrahlt.
O Herr, wir warten auf dich. O Herr, wir warten auf dich.

O Herr, wenn du kommst, hält uns nichts mehr zurück,
wir laufen voll Freude den Weg auf dich zu.
Dein Fest ohne Ende steht für uns bereit.
O Herr, wir warten auf dich. O Herr, wir warten auf dich.

.
Lied im Gotteslob Nr. 233
Text: Helga Poppe

Das gesungene Lied finden Sie hier.
Einige Predigtgedanken zu diesem adventlichen Lied können Sie hier lesen.
.

.
Ostern mitten im Sommer:
Mariä Aufnahme in den Himmel
Ein Grund zum Feiern!
.

Mit dir, Maria, singen wir
von Gottes Heil in unsrer Zeit.
Uns trägt die Hoffnung, die du trugst,
es kommt der Tag, der uns befreit.

Hell strahlt dein Lied durch jede Nacht:
»Ich preise Gott, Magnificat.
Himmel und Erd hat er gemacht,
mein Gott, der mich erhoben hat.«

Du weißt um Tränen, Kreuz und Leid,
du weißt, was Menschen beugt und biegt.
Doch du besingst den, der befreit,
weißt, dass das Leben letztlich siegt.

Dein Jubel steckt auch heute an,
österlich klingt er, Ton um Ton:
Großes hat Gott an dir getan.
Großes wirkt unter uns dein Sohn.

Hell strahlt dein Licht durch jede Nacht,
pflanzt fort die Lebensmelodie:
Es kommt, der satt und fröhlich macht,
der deinem Lied den Glanz verlieh.

Mit dir, Maria, singen wir
von Gottes Heil in unsrer Zeit.
Uns trägt die Hoffnung, die du trugst,
es kommt der Tag, der uns befreit.
.

Lied im Gotteslob Nr. 905
Text: Eugen Eckert

Das gesungene Lied finden Sie hier.
.

.
»Veni Sancte Spiritus!« Den kraftvollen Pfingsthymnus aus Notre-Dame de Paris hören Sie hier.
.

.
»Komm, Heiliger Geist, komm!« Dieses gesungenes Gebet zu Pfingsten hören Sie hier.
.

.
»Ich möchte mich mit dem Wasser erfrischen, das der Heilige Geist gibt. Ich möchte ausruhen in deinen Verheißungen, und ich sehne mich danach, bei dir satt zu werden.«

Die kubanische Sängerin Narjara Portal drückt in ihrem neuen Lied die Sehnsucht nach einer neuen Erfrischung durch den Heiligen Geist aus. Hier können Sie es sehen und hören. Weitere Infos finden Sie hier.
.

.
Der Herr ist mein Hirte – von John Rutter vertont. Hier können sie es hören.
.

.
Ein Sehnsuchtslied in Zeiten der Fragen und Angst – hier können Sie es hören.
.

.
Rat

Verabschiede die Nacht
mit dem Sonnenhymnus
auch bei Nebel

hol dir die ersten
Informationen aus den
Liedern Davids
dann höre die
Nachrichten und lies
die Zeitung

beachte die Reihenfolge
wenn du die Kraft
behalten willst
die Verhältnisse zu ändern

Wilhem Bruners
.

..
.

.
Das Lied »Lobe den Herren« können Sie – leicht aktualisiert – hier hören – und sehen.
.

.
Am 2. Ostersonntag begegnet uns Jahr für Jahr der zweifelnde Thomas. Durch allen Zweifel hindurch ist er doch der sehnsuchtsvoll Glaubende. Oder wird es immer mehr. Thomas begegnet dem Auferstandenen, der ihm seine Wunden hinhält. »Sei nicht ungläubig, sondern gläubig«, ruft ihm Jesus zu. Und die Antwort? »Mein Herr und mein Gott!«

Von diesem Ringen, von dieser Sehnsucht und ihrer Erfüllung ist der Gesang »Adoro te devote – Gottheit tief verborgen« von Thomas von Aquin durchdrungen:

Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: Du mein Herr und Gott!
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester lass die Hoffnung, treu die Liebe sein.

Sie finden diesen Gesang im Gotteslob unter der Nummer 497.
Hören können Sie ihn hier (Strophe 4, 2:42).
.

.
Ostern fällt dieses Jahr in eine ungewohnte Zeit. Eine Zeit voller Fragen, Unsicherheiten und Ängsten. Eine Zeit voller Stille. Micha Kunze macht sich Gedanken.

Hier können Sie sie hören.
.

.
Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Ostersonntag.
.

.
Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karsamstag.
.

.
Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karfreitag.
.

.
Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zur Nacht auf den Karfreitag.
.

.
Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Palmsonntag.
.

.
Ein alter Psalm, an den ich gestern erinnert wurde.
Ich hatte von einer Kollegin ein Lied zugeschickt bekommen.
Von Wilhelmine.
»Solange du dich bewegst« heißt das.
Und irgendwie erinnerte mich
dieses fröhliche kleine Lied
an die alten Worte aus Psalm 139:

»Von hinten und von vorn
hast du mich umschlossen,
hast auf mich deine Hand gelegt.
Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen,
zu hoch, ich kann es nicht begreifen.«

Allerdings singt Wilhelmine
in umgekehrter Perspektive.
Und in moderner Sprache:

»Ich mach die Arme für dich auf.
Du ist gut so, wie du bist.
Es gehen Arme für dich auf.
Solange du dich bewegst,
du dich bewegst.«

Warum sich also nicht mal
durch ein Gute-Laune-Lied daran erinnern lassen,
dass wir alle wunderbar
und staunenswert geschaffen sind
und von Gott behütet werden?

Warum nicht mal
dieses Lied zum Anlass nehmen,
um Psalm 139 wirken zu lassen?

Warum also nicht mal
durch die Wohnung tanzen
und die Zusage Gottes groß werden lassen?

»Ey dein Lächeln steht dir so gut!
Du  bist gut so, wie du bist!«

Das passende Lied dazu gibt’s hier.
Und hier den Psalm:

HERR, du hast mich erforscht und kennst mich.
Ob ich sitze oder stehe, du kennst es.
Du durchschaust meine Gedanken von fern.
Ob ich gehe oder ruhe, du hast es gemessen.
Du bist vertraut mit all meinen Wegen.

Ja, noch nicht ist das Wort auf meiner Zunge,
siehe, HERR, da hast du es schon völlig erkannt.
Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen,
hast auf mich deine Hand gelegt.
Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen,
zu hoch, ich kann es nicht begreifen.

Wohin kann ich gehen vor deinem Geist,
wohin vor deinem Angesicht fliehen?
Wenn ich hinaufstiege zum Himmel – dort bist du;
wenn ich mich lagerte in der Unterwelt – siehe, da bist du.

Nähme ich die Flügel des Morgenrots,
ließe ich mich nieder am Ende des Meeres,
auch dort würde deine Hand mich leiten
und deine Rechte mich ergreifen.

Würde ich sagen: Finsternis soll mich verschlingen
und das Licht um mich soll Nacht sein!
Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir,
die Nacht leuchtet wie der Tag,
wie das Licht wird die Finsternis.

Du selbst hast mein Innerstes geschaffen,
hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter.
Ich danke dir, dass ich so staunenswert
und wunderbar gestaltet bin.
Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.

Dir waren meine Glieder nicht verborgen,
als ich gemacht wurde im Verborgenen,
gewirkt in den Tiefen der Erde.
Als ich noch gestaltlos war,
sahen mich bereits deine Augen.

In deinem Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage,
die schon geformt waren, als noch keiner von ihnen da war.
Wie kostbar sind mir deine Gedanken, Gott!
Wie gewaltig ist ihre Summe!

Wollte ich sie zählen, sie sind zahlreicher als der Sand.
Ich erwache und noch immer bin ich bei dir.
Wolltest du, Gott, doch den Frevler töten!
Ihr blutgierigen Menschen, weicht von mir!

Sie nennen dich in böser Absicht,
deine Feinde missbrauchen deinen Namen.
Sollen mir nicht verhasst sein, HERR, die dich hassen,
soll ich die nicht verabscheuen, die sich gegen dich erheben?
Ganz und gar sind sie mir verhasst,
auch mir wurden sie zu Feinden.

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz,
prüfe mich und erkenne meine Gedanken!
Sieh doch, ob ich auf dem Weg der Götzen bin,
leite mich auf dem Weg der Ewigkeit!

Anne Wolters
26. März
.

.
Getrost
und getröstet
können wir gehen
wir sind nicht allein

getrost
und getröstet
können wir das Leben wagen
da ist einer
der mit uns ist

getrost
und getröstet
können wir uns
auf den Weg machen
da ist einer
der für uns ist

da ist einer
der uns beschützt
der seine bergende Hand
über uns hält
über dich und mich
und uns und diese Stadt
unser Land und unsere Welt

der uns behütet
schläft nicht
er nimmt uns in seine Obhut
in ihm
können wir getrost sein

er
der uns Vater und Mutter ist
Frieden und Gerechtigkeit
Hoffnung und Grund
der uns kennt und liebt
und will und mag
der
schläft nicht

der
schaut nach uns
der
gibt auf uns acht
der
geht uns nach
der
lässt uns nicht los

der uns behütet
schläft nicht

deshalb
vertrau ich mich
ihm an
deshalb
verlass ich mich
auf ihn

der uns behütet
schläft nicht

der uns behütet
will unsere Lebendigkeit
der uns behütet
will unsere Freiheit
der uns behütet
will unser Wachsen

der uns behütet
schläft nicht
aber er macht es uns
nicht nur nett
der will was
für uns
der will was
von uns

der uns behütet
der fordert uns
der uns behütet
will mich

der will was
von mir
und der will was
von dir

er ist Wort
und will Antwort

weil er
mich hält und trägt
weil er mit mir ist
bin ich getragen
und getröstet

und kann ich
Antwort geben

kann tragen
und trösten

und kann gehen
in seinem Namen
getragen und getröstet
und tragen
und trösten

behütet von dem
der für das Leben ist
kann ich gehen
für das Leben

behütet und getröstet
von dem
der das Leben will
lasst uns aufbrechen und gehen
dem Leben entgegen

weil wir das Leben mit uns tragen
lasst uns das Leben
zu den Menschen bringen

getragen und getröstet
von dem
der das Leben ist.

Andrea Schwarz
Du Gott des Weges segne uns. Gebete und Meditationen
Freiburg 2008
.

.
Er ist mein Hirt.
Und mir fehlt nichts.
Er gibt mir Licht und Leben.
Es ist wie am Wasser.
Er stillt meinen Durst.
Er sagt mir, wie’s weitergeht.
Er ist der Gott, auf den ich
hoffte.

Auch dann, wenn ich durch eine Nacht
muss (meine Nacht),
gerade dann hab ich keine Angst.
Vor nichts.
Denn es ist einer bei mir:
Und das bist DU.
Du gehst mir voraus.
Das ist meine Hoffnung.
Du deckst mir den Tisch.
Meine Feinde sehen es
und können nichts machen.
Du machst mich schön.
Es ist ein Fest!
Und so wird es weitergehen,
solange ich am Leben bin
und sein darf,
bei IHM.

Psalm 23

Arnold Stadler
»Die Menschen lügen. Alle.« Und andere Psalmen
Frankfurt 1999
.

.
In der letzten Woche sind zwei sehr gute Freunde von mir zum ersten Mal Eltern geworden. Als ich die Nachricht auf meinem Handy sah, war die Freude riesig – und die Entfernung zwischen mir und meinen Freunden in Brandenburg für einen Moment vergessen. Es wurden freudige Nachrichten und Fotos ausgetauscht, ich schickte ein Willkommenspäckchen an die frischgebackene Familie. Konnte ich auch nicht selbst vor Ort sein, um die neue Erdenbürgerin gebührend zu begrüßen, so war ich doch mit meinen Gedanken und guten Wünschen bei ihr. Kleine Zeichen der Nähe in einer gezwungenermaßen distanzierten Zeit.

In den Tagen nach der Geburt kam mir ein Lied in den Sinn, das ich schon des Öfteren bei Taufen oder in Firmgottesdiensten gesungen hatte. »Gott segne dich« von Martin und Jennifer Pepper. Obwohl ich dieses neugeborene Kind noch nicht kannte, erschienen mir die Segenswünsche so wunderbar passend. Also sang ich diesem unbekannten Kind in den letzten Tagen immer wieder vor mich hin dieses Segenslied:

Ich wünsch dir Gottes Segen,
ich wünsch dir seine Nähe,
seine Kraft.
Ein reich erfülltes Leben,
über dem die Hand des Höchsten wacht.
Liebe und Wärme,
Gelassenheit in allem,
was du tust.
Dass du auch in Stürmen
sicher und im Frieden mit dir ruhst.
Ich wünsch dir diesen Segen.

Ich wünsch dir Gottes Segen,
Geborgenheit in Vater, Sohn und Geist.
Glaube, wie ein Feuer,
das wärmt und nicht in den Augen beißt.
Sehnsucht und Hoffnung,
Menschen, die dich in die Weite führen.
Freunde, die dich tragen,
Gedanken, die die Seele inspirieren.
Ich wünsch dir diesen Segen.

Gott segne dich,
behüte dich,
erfülle dich mit Geist und Licht.
Gott segne dich!
Erhebe dich,
und fürchte nichts,
denn du lebst vor seinem Angesicht.
Gott segne dich.

Ich wünsch dir Gottes Segen.
Entfalte alles, was du in dir spürst.
Die Dinge, die dir liegen.
Auch wenn du mal gewinnst und mal verlierst.
Wag neue Wege,
probier dich einfach immer wieder aus.
Lass dich nicht verbiegen,
Lebe mutig offen geradeaus.
Ich wünsch dir diesen Segen.

Gott segne dich,
behüte dich,
erfülle dich mit Geist und Licht.
Gott segne dich!
Erhebe dich,
und fürchte nichts,
denn du lebst vor seinem Angesicht.
Gott segne dich.

Manchmal ist die Hand vor unseren Augen
gar nicht mehr zu sehen.
Und wir hoffen nur noch,
dieses Dunkel irgendwie zu überstehen.
Doch kein Schatten, den wir spüren,
kann das Licht in uns zerstören.

Gott segne dich,
behüte dich,
erfülle dich mit Geist und Licht.
Gott segne dich!
Erhebe dich,
und fürchte nichts,
denn du lebst vor seinem Angesicht.
Gott segne dich.

Was für schöne Wünsche für ein Neugeborenes. Und je öfter ich dieses Lied in den letzten Tagen vor mich hin sang, desto häufiger dachte ich: Das sind nicht nur schöne Segenswünsche für ein Neugeborenes, das sind auch Segenswünsche, die wir alle gerade gut gebrauchen können.Gottes Segen, seine Nähe und Kraft tun gerade in ungewissen Zeiten besonders gut.

Ich wünsch mir auch für mich und uns in diesen Tagen Gelassenheit und Geborgenheit in Vater, Sohn und Geist. Und ich wünsche uns allen die Gewissheit, dass wir trotz allen durchkreuzten Plänen, trotz abgesagten Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen von Gott gesegnet und behütet sind. Kommen Sie gut durch diese besondere Zeit!

Hier können Sie sich selbst eine Portion Segenswünsche abholen.

Anne Wolters
19. März
.

.

Schaukasten-Gedanken

… können für einen kurzen Augenblick ansprechen oder irritieren
oder einfach nur Freude bereiten.

Hier finden Sie die schönsten Exemplare, die vor unseren Kirchen hängen,
zum Anklicken.
.