Kreuzweg

Impulse

Worte können heilen. Und zum Nachdenken bringen. Worte können Mut machen. Und neue Wege aufzeigen. Worte bringen Gefühle zum Ausdruck. Und Sorgen. Und Nöte. Glück und Unglück zeigen sich in ihnen ebenso wie Glauben und Hoffnung. Und natürlich Zuneigung und Liebe. Besonders schön ist es, wenn einem jemand solche Worte sagt. Wenn wir sie persönlich hören. Wenn wir spüren: Der meint mich!

Sie finden auf dieser Seite Gedanken, Erlebnisse, Deutungen, Diskussionsbeiträge, die uns im Pastoralen Team eingefallen sind. Oder die wir anderswo gefunden haben. Und die wir mit Ihnen teilen. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich das bewährt, vielen Mut gemacht und Lust auf mehr. Das freut uns natürlich sehr. Und deshalb machen wir einfach weiter!

Essays, Geschichten & Gedanken

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Nicht mehr zu wissen, wie man das geben kann, woraus man lebt. Das ist ein noch kaum beleuchteter Aspekt der Krise von Glaube und Kirche. Daniel Bogner geht dem Schmerz nach, den das verursacht. Und den Möglichkeiten, die darin liegen.

Seine Gedanken vom 30. November können Sie hier lesen.
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Die Adventszeit ist für viele Menschen die stressigste Zeit des Jahres. Betriebsfeiern, Weihnachtsmärkte, Basare und Schulkonzerte binden viel Aufmerksamkeit. Alle Jahre wieder: in der Adventszeit ist vielen gar nicht weihnachtlich zumute.

All das kann pessimistisch beklagt werden. Doch es hilft nicht wirklich weiter, wenn wir verstehen wollen, warum vielen Menschen der Sinn für diese Zeit abhanden gekommen ist. Dabei bedeutet Advent doch Ankunft. Bedarf es vielleicht einer neuen Willkommenskultur für den Advent?

Das Gespräch von Florian Breitmeier mit dem Theologen Gotthard Fuchs vom 27. November können Sie hier lesen und hören.
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Die Offenbarung des Johannes, das letzte und möglicherweise auch jüngste Buch der Bibel, hat nichts gemein mit dunklen Prophezeiungen à la Nostradamus. Die Offenbarung ist ein Brief an Gemeinden gewesen, die heute in Griechenland und der Türkei liegen.

Gedacht vermutlich für die Verlesung im Gottesdienst, zeitgebunden und zugleich zeitlos, denn ihre Trost- und Hoffnungsbotschaft hat auch unserer skeptischen Zeit eine Menge zu sagen. Märtyrer, Widerständler, Befreiungstheologen finden in ihr einen Gott, der den Verfolgten und Unterdrückten Gerechtigkeit und Würde verspricht.

Die Gedanken von Christian Feldmann vom 6. November können Sie hier lesen und hören.
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Die Bibelgedanken unserer Pastoralassistentin Katharina Westphal vom 5. November können Sie hier lesen.
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In den meisten Religionen, aber auch im Kino und in Serien von Streamingdiensten spielt das Gericht Gottes eine wichtige Rolle. Dennoch kommt es heute in der kirchlichen Verkündigung praktisch nicht vor. Haben Anklage und Rechtfertigung, Gerechtigkeit und Gnade, Urteil und Strafe ausgedient?

Die Gründe für das theologische Schattendasein sind vielfältig. Dabei ist diese Vorstellung nicht nur biblisch fundiert, sondern hat auch eine wichtige Bedeutung für die Positionierung der christlichen Kirchen zum Unrecht in der Welt.

Die Gedanken von Stephan Lüttich vom 30. Oktober können Sie hier lesen und hören.
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Einfach aus Gewohnheit zur Eucharistiefeier gehen? Christian Olding ist überzeugt, dass wir uns der Bedeutung der Eucharistie wieder viel bewusster werden müssen. Denn nur, wenn wir Traditionen aufmerksam pflegen, kommt der Glaube nicht abhanden.

Seine Gedanken finden Sie hier.
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Ereignisse auf der Synodalversammlung vor einigen Wochen, Ergebnisse einer Untersuchung über den Umgang mit Missbrauch im Bistum Osnabrück: Manch Hausgemachtes steht krisenhaft im Raum, im Kirchenraum – als gäbe es gerade nicht schon genug Not und Sorge in der Welt.

Dei Gedanken von Martin Splett vom 1. Oktober können Sie hier lesen.
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Wahre Freundschaft bedeutet mehr als ein Facebook-Klick. Doch wie kann man wahre Freunde eigentlich erkennen? Christian Olding gibt Tipps und schenkt Hoffnung für lebenslange Freundschaften.

Seine Gedanken finden Sie hier.
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Vielleicht ist es immer dort am schönsten, wo man gerade nicht sein kann. An einem Traumstrand oder in den Bergen, in einer pulsierenden Metropole oder in einem stillen Kloster. Einfach mal die Seele baumeln lassen.

Eine Reise kann viele Gründe haben, sei es das Interesse an anderen Ländern, der Wunsch nach Erholung oder die Suche nach Sinn. Es gibt unterschiedliche Sehnsuchtsorte, doch zur Sehnsucht gehört auch eine leise Ahnung von Unerfüllbarkeit.

Die Gedanken von Karin Dzionara vom 31. Juli können Sie hier lesen und hören.
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Die Katholische Arbeitnehmerbewegung im Bistum Osnabrück hat mit dem Filmemacher Hermann Haarmann einen Dokumentarfilm über das Leben und Wirken von Bernhard Schopmeyer erstellt. Der frühere KAB-Sekretär und Nazi-Gegner wurde 23. Juni 1945 im Osnabrücker Bürgerpark ermordet.

In dem Dokumentarfilm geben – neben nachgestellten Szenen von der Ermordung des ehemaligen Sekretärs der KAB Osnabrück – auch Bischof Franz-Josef Bode, der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, Dr. Hans-Gert Pöttering, und August Oevermann Statements ab.

August Oevermann, Mitglied unserer Gemeinde, kümmert sich seit Jahren um die Grabstätte Bernhard Schopmeyers auf dem Hasefriedhof. Ausführlich zu Wort kommt auch der Historiker Michael Schwarzwald, der ebenfalls in unserer Pfarrei lebt.

Der 17-minütige Film kann auf der Videoplattform Youtube angeschaut werden.
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Statements, Interviews & Diskussionen

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Ihr sei vor Kurzem schmerzhaft bewusst geworden, dass sie Jesusworte bisher immer nur in Tenor- oder Bassstimme kenne: Nach Ansicht der Theologin Julia Knop sollten auch Frauen das Evangelium im Gottesdienst vortragen dürfen.

Den Artikel vom 2. Dezember finden Sie hier.
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Bischof Bätzing, allein im Stuhlkreis. Die deutschen Bischöfe beim Ad-limina-Besuch – angetreten zur Disziplinierung in Rom? Man kann das auch anders deuten, meint Saskia Wendel.

Ihre Gedanken vom 22. November können Sie hier lesen.
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Priesterberufungen werden in der römisch-katholischen Kirche immer noch auf Männer eingeschränkt. Barbara Staudigl zeigt ihr eigenes theologisches und biografisches Ringen über diese Einschränkung. Und sie bringt dies mit Tilman Mosers Gottesvergiftung ins Wort.

Ihre Gedanken vom 7. Oktober können Sie hier lesen.
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In der römisch-katholischen Kirche wird derzeit viel über Synodalität diskutiert. Angela Berlis unterstützt diese Diskussion aus altkatholischer Sicht im Rahmen eines katholischen Kirchenverständnisses.

Ihre Gedanken vom 14. September können Sie hier lesen.
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Das Scheitern des Grundtextes für eine erneuerte Sexualmoral hat den Synodalen Weg nachhaltig geprägt. Die Osnabrücker Seelsorgeamtsleiterin Martina Kreidler-Kos hat an dem Text mitgewirkt. Im katholisch.de-Interview spricht sie über ihre Emotionen und darüber, wie es mit dem Text jetzt weitergeht.

Das Interview vom Gedanken vom 14. September können Sie hier lesen.
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Einige Einblicke von Martina Kreidler-Kos, Leiterin des Seelsoegeamts
im Bistum Osnabrück.

Ihre Gedanken vom 10. September finden Sie hier.
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Der Synodale Weg in Deutschland arbeitet nicht an der Spaltung der katholischen Kirche, er sucht diese Spaltung vielmehr zu verhindern. Sollte er scheitern, drohen jene Kulturkämpfe im Katholizismus zu eskalieren, welche die protestantischen USA oder die Orthodoxie bereits spalten.

Die Artikel von Rainer Bucher vom 9. September finden Sie hier.
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Schon am ersten Tag der vierten Synodalversammlung gab es den großen Knall: Die Annahme des Grundtexts zur Sexualmoral ist an der Sperrminorität der Bischöfe gescheitert. Viele Synodale machten ihrem Ärger Luft – der Reformprozess ringt nun um sein Weitergehen.

Die Artikel vom 8. September finden Sie hier.
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Von der reuigen Sünderin zur Apostelin der Apostel: Maria aus Magdala war eine inspirierende Frau, kommentiert Julia Knop, Professorin für Dogmatik in Erfurt, zum Fest der Heiligen am 22. Juli. Doch ihr »Downgrade« durch Männer habe schon in der Bibel begonnen.

Die Gedanken von Julia Knop finden Sie hier.
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Das ist die nackte Zahl. Aber hinter dieser Zahl stecken Menschen. Menschen, die im Jahr 2021 in Deutschland aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. Im Bistum Osnabrück waren es insgesamt 6.146 Menschen, in der Stadt Osnabrück 914, in unserer Pfarrei 108. Diese 108 Menschen haben von mir einen Brief bekommen. Dort heißt es unter anderem:

Es gibt viele Gründe, der Kirche den Rücken zu kehren: die Skandale, die einen sprachlos machen, die Verbrechen, die in der Kirche geschehen sind, die Art und Weise des Umgangs damit, strukturelle Ungerechtigkeiten, wenig entgegenkommendes Verhalten, vielleicht sogar sehr persönliche Verletzungen oder auch einfach die Erkenntnis: „Mir bedeutet das alles nichts mehr – warum soll ich also bleiben?“ Vielleicht mögen Sie mir von Ihren Gründen erzählen. Auch wenn wir vor Ort nicht alles beeinflussen oder ändern können, haben wir hier doch die Möglichkeit, andere Akzente zu setzen, damit Menschen sich wohl und ernstgenommen fühlen. Ich würde mich freuen, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen.

Ungefähr ein Viertel derer, die ihren Kirchenaustritt erklärt haben, nimmt das Gesprächsangebot an. Per E-Mail, per Brief oder per Telefon. Manchmal wird daraus auch eine Einladung zum Kaffee. Fast immer beschreiben mir die Männer und Frauen dann, dass es meist nicht daran liegt, wie sie die Kirche in ihrer Kindheit und Jugend oder auch hier vor Ort erlebt haben und erleben. Es sind die großen, bekannten Themen, die bei vielen erst zur Resignation und dann zum Austritt geführt haben: „Es ändert sich ja doch nichts!“ – „Ich will keine Institution unterstützen, die Frauen und homosexuelle Menschen diskriminiert!“ – „Wer immer noch vertuscht oder Aufklärung behindert, der kann nicht mehr mit meiner Unterstützung rechnen!“

Ganz oft wird bei diesen Gesprächen spürbar: Diese Menschen haben nicht ihren Glauben verloren. Manche sagen mir aber: „Nur wenn ich gehe, kann ich meinen Glauben noch retten!“ Ich überrede niemanden zurückzukommen. Aber mir ist es wichtig, deutlich zu machen, dass unsere Türen offen stehen und offen bleiben.

Nach solchen Gesprächen wünsche ich mir, dass es unserer Kirche auf allen Ebenen gelänge, schlicht und ergreifend das zu tun, was Jesus getan hat: Menschen zu sehen. Sie zu fragen: „Was brauchst du?“ Und ihnen zu helfen, Gott und einander zu begegnen. Warum ist das nur so schwer?

Alexander Bergel
28. Juni
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Predigten

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Predigt am 2. Adventssonntag
zu Jes 11,1-10, Röm 15,4-9 und Mt 3,1-6

An jenem Tag.
Ein bisschen hört sich das an wie:
Es war einmal.
Wie im Märchen also.
Und in der Tat:
Die Bilder, die Jesaja da zeichnet,
haben schon märchenhafte Züge:

„Der Wolf findet Schutz beim Lamm,
der Panther liegt beim Böcklein.
Kalb und Löwe weiden zusammen,
ein kleiner Junge leitet sie.“

Ach ja,
wie schön wäre das doch alles.
Aber – seien wir ehrlich:
Es ist und bleibt ein Märchen.
Etwas für Träumer.

Doch bevor wir das mit einem müden,
weil erfahrenen Lächeln abtun:
Vielleicht ist das wirklich was für Träumer!
Für Träumer allerdings,
die sich nicht in eine Märchenwelt flüchten,
sondern mit beiden Beinen
auf dem Boden stehen.

Die Welt wird nur dann eine Zukunft haben,
wenn es Menschen gibt,
die träumen.
Die träumen von einem Leben
in Gerechtigkeit und Frieden.
Ohne Hass und Gewalt,
Neid und Missgunst,
Fanatismus und Tod.

„Alles, was einst geschrieben worden ist,
ist zu unserer Belehrung geschrieben,
damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schriften
Hoffnung haben.“
So bringt es Paulus auf den Punkt.

Der Täufer Johannes
geht noch einen Schritt weiter.
Er erinnert uns daran,
dass aus der Erinnerung
die Tat werden muss:
„Meint nicht, ihr könntet sagen:
Wir haben Abraham zum Vater.“

Wir stehen im Advent.
Es ist die Zeit der Träume.
Die Zeit der Hoffnung.
Und die Zeit der Tat.

Eine Zeit also
besonders für Menschen,
die schon alles haben
und nichts mehr erwarten.

Eine Zeit für Menschen,
die alle Antworten kennen,
aber nicht mehr die Fragen,
die dazugehören.

Für Menschen,
die sich mit Fahrplänen auskennen,
aber nicht mehr das Verlangen haben
aufzubrechen.

Eine Zeit für Menschen,
die sich nicht mehr erinnern können
an die Träume des Anfangs,
an die Neugier des Aufwachens,
an den Ruf, der von weit her kommt.

Für Menschen,
die sich im Winterschlaf verkriechen
und betäuben mit allem Möglichen,
um ihren Hunger nicht zu spüren.

Eine Zeit für Menschen,
die sich alles zurechtgelegt,
aber keinen Platz mehr haben
für etwas, größer als das Herz.

Ja,
für all diese Menschen
– vielleicht gehören wir auch dazu –
könnten wir bitten:

Um Neugierde.
Um Unruhe.
Um Sehnsucht.
Um Ungeduld.
Um Zukunft.

Manchmal
werden Bitten
sogar erhört.
Nicht nur
im Märchen.

Alexander Bergel
4. Dezember
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Predigt am 1. Adventssonntag
zu Mt 24,27-34

„Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen.“ Jesus blickt in die Zukunft. In eine Zukunft, in der genau das passiert. Ist seine Zukunft unsere Gegenwart? Blutige Konflikte, heimtückische Terroranschläge, Zerstörung der Natur, überall Unsicherheit und Angst vor dem, was noch alles kommen mag. Werte und Ordnungen werden erschüttert; viele Menschen haben die Orientierung verloren. Ist das nicht unsere Realität?

„Die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen.“ Alte Bilder sind es. Aber sie sagen auch heute noch etwas Entscheidendes: Unsere Welt ist nicht ewig, nichts in ihr hat auf ewig Bestand. Die scheinbar sicheren Ordnungen, auf die wir uns meist verlassen, sie sind vergänglich. Die großartigen Systeme dieser Welt, sie brechen eines Tages zusammen. Auf sie ist kein endgültiger Verlass. Von den mächtigen Reichen der Geschichte, ihrem sagenhaften Reichtum und mit Kunstschätzen erfüllten Städten sind nur Ruinen übriggeblieben.

Es ist Advent. Jedes Jahr aufs Neue konfrontiert uns diese Zeit mit Fragen: Wozu das alles? Und: Was trägt mein Leben? Was gibt ihm Sinn? Ja, was bleibt am Ende übrig, wenn ich mir die Welt um mich herum anschaue? Die Welt, in der Menschen sich gegenseitig abschlachten, in der Menschen anderen das Recht zu leben nehmen? Was bleibt von meiner Welt, in der es doch oft genug auch nur darum geht, am Ende als der Stärkere da zu stehen, als der, der es geschafft hat. Was bleibt?

Es ist Advent. Die Zeit der Erschütterung, wie es jemand mal auf den Punkt gebracht hat. Zeit der Erschütterung … Ja, wenn wir uns noch erschüttern lassen, dann spüren wir nicht nur, wie unfertig die Welt, wie erlösungsbedürftig sie ist – sondern wir tun etwas. Und dann, ja dann, wenn wir alles getan haben: die Hungernden gespeist, die Kranken besucht, die Traurigen getröstet, wenn wir uns aufgerieben haben und müde sind und es wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein war – dann wird am Ende ein anderer kommen und das Werk vollenden, das über unsere Kraft ging. Darum dürfen wir nicht nur am Ende unseres Lebens, sondern praktisch jeden Abend sagen: Komm, Herr Jesus! Das ist Advent: Zeit der Tat. Und Zeit der Erwartung.

Alexander Bergel
27. November
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Predigt am Christkönigsfest
zu Lk 23,35b-43

Was für ein Vertrauen!  Kurz vor seinem Tod bittet einer, der bald sterben wird, einen anderen Todgeweihten: „Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Vielleicht kannte er Jesus bereits. Vielleicht begegnet er ihm auf Golgota aber auch zum ersten Mal. Nur ein paar Stunden hängt er neben diesem Mann aus Nazareth – und vertraut ihm sein Leben an. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein!“, lautet dann auch die Antwort Jesu. Und sie gilt nicht nur ihm, sondern allen, die das hören. Heute wirst du mit mir im Paradies sein! Nicht irgendwann – heute! Also, Mensch: Vertrau mir doch – auch wenn die Fakten dagegen sprechen! Vertrau mir doch – auch wenn dich alle hängen lassen! Vertrau mir doch – auch wenn du keinen Ausweg siehst!

Ja, mag da mancher denken, das hört sich alles so schön an. Und die Geschichte vom heruntergekommenen Gott, von dem, der mich kennt, wie ich bin, der auch in Leid und Tod an meiner Seite ist – all das ist sehr ergreifend. Aber wirklich ergriffen bin ich von diesem Elend, von all den Sorgen, meinen eigenen und den der vielen anderen. Wirklich ergriffen und verunsichert, ja und auch verstört und verletzt bin ich von den vielen Mächten des Todes in meiner kleinen und in der großen Welt … Heute wirst du mit mir im Paradies sein – mir sagt das keiner! Es ist so weit weg, dieses Paradies.

Das stimmt. Es ist weit weg, das Paradies. Und trotzdem ist es da. In uns. Sicher, so werden auch psychologische oder esoterische Trostpflaster verteilt. Und die Religion stand ja schon immer im Verdacht, die Massen beruhigen zu wollen. Aber genau das ist mit Jesus eben nicht zu machen. Er hat die Schwachen stark gemacht und die Kranken gesund. Er hat Kinder und Frauen vom Rand in die Mitte gestellt. Er hat die Wunden der Menschen, die dämonischen Schatten ihrer Vergangenheit ernst genommen und so Heilung geschenkt. Jesus hat den politischen und religiösen Führern den Kampf angesagt, weil sie vergessen hatten, wofür sie da waren. Jesus hat nie vertröstet. Er hat die Dinge beim Namen genannt. Er hat Perspektiven eröffnet. Er hat geheilt. Deshalb hängt er am Kreuz.

Geplant hatte er das sicher nicht. Aber je mehr Jesus seinen Weg fand und ihn konsequent ging, desto mehr wurde ihm auch klar, wie sehr beides zusammen gehört: Handeln und Vertrauen. Jesus konnte seinen Weg der Liebe und der Klarheit nur gehen im Vertrauen auf seinen Vater. Und dem vertraut er – bei allem Zweifel, bei allem inneren Kämpfen – bis zum Schluss. Die Ahnung vom Paradies verliert er nie.

Lange ist das her. Und Argumente dagegen gibt es nach wie vor zuhauf. Aber dann gibt es noch diesen Mann am Kreuz, der Jesus vielleicht nur diese paar Karfreitagsstunden erlebt hat – und dennoch oder vielleicht gerade deswegen alles auf diese eine Karte setzt. Dann gibt es uns, die wir oft wie in einem langen, unendlich langen Karsamstag darauf warten, dass endlich Ostern wird. Und dann, ja dann gibt es da noch etwas – diesen kleinen Mutmacher des Evangelisten Lukas. Erinnern Sie sich? Richtig: Das kleine Wörtchen „Heute“. Siebenmal taucht es in seinem Evangelium auf. Das letzte Mal in tiefster Verzweiflung. Am Kreuz. Und immer heißt es: Trau dich, Mensch. Trau dich zu vertrauen. Ja, trau dich! Nicht irgendwann. Heute!

Alexander Bergel
20. November
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Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 19,1-10

Damit hatte er nicht gerechnet. „Zachäus, komm schnell herunter. Ich muss heute bei dir zu Gast sein!“ Zu Gast – bei mir? Bei dem, den keiner leiden kann? Aber die Leute – man sieht ja, was die denken: „Jesus bei diesem Sünder? Das geht gar nicht!“ Doch – das geht. Ganz offensichtlich. Und alles wird anders. Mit einem Mal begreift der kleine Mann – der, den keiner mag, weil er sich fremdes Geld unter den Nagel reißt, und den man zum Teufel wünscht –, mit einem Mal begreift er: Es ist egal, was war. Nun kommt es darauf an, was wird!

Es scheint zu den Spezialitäten dieses Jesus aus Nazareth zu gehören, schräge Typen nicht links liegen zu lassen, sondern sich mit ihnen zu beschäftigen. Bei den Normalen hat er oft keinen großen Erfolg. Die gemütliche Bürgerlichkeit lässt sich auch nicht so gerne hinterfragen. Bei denen aber, die sich verrannt haben, deren Leben wie eine Achterbahn verläuft, die nichts mehr zu verlieren haben, bei denen, die richtig tief im Dreck sitzen, die mehr Fragen haben als Antworten, und schon gar keine glatte Biographie – bei solchen Leuten klingelt Jesus immer wieder gerne an. Und die Begegnung mit ihm verändert alles. Nur warum?

Vielleicht, weil er nicht gleich mit Forderungen kommt. Weil er nicht sagt: „Du, bevor wir ins Geschäft kommen, musst du erst mal dein Leben ändern, frömmer werden und permanent Gutes tun.“ Nein, Jesus ist einfach da. Spricht die Leute an, hört zu. Und wartet. Wartet ab, was passiert. Was wäre, wenn Jesus bei mir anklopfen und sagen würde: „Heute bin ich bei dir zu Gast!“ Was würde er dort finden?

Alexander Bergel
30. Oktober
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Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 18,9-14

Hauptsache, die Fassade stimmt. Hauptsache, ich stehe gut da. Hauptsache, meine Schatten merkt keiner. Wer denkt das nicht manchmal? Es muss doch auch wirklich nicht jeder wissen, wie es in mir aussieht, oder? Natürlich nicht. Und trotzdem: Kann man auf Dauer so leben? Nur an der Oberfläche? Hauptsache, keiner merkt was?

Zwei Personen begegnen uns heute. Personen aus längst vergangener Zeit. Ein Pharisäer. Und ein Sünder. Also einer, der alles richtig macht – und das Gegenteil davon. Der Dritte allerdings, der, der uns diese beiden Typen vorstellt – Jesus –, der entlarvt das Spiel, bevor es in die zweite Runde geht. Jesus nennt die Probleme beim Namen: Nicht der religiöse Hochleistungssportler hat die Nase vorn, nicht der, an dessen Selbstgerechtigkeit alles abperlt, nicht der, der aus Angst vor dem Leben seine Fassade permanent übertüncht mit den quietschigen Farben der eigenen Überlegenheitsphantasien, nicht der hat die Nase vorn, sondern der, der sich selbst realistisch einschätzt – und die eigene Schwäche nicht überspielt. Wer so lebt und handelt, den stellt Jesus aufs Siegertreppchen.

Denn bei Gott ist der groß, der sich selbst nicht so wichtig nimmt. Bei Gott ist der groß, der vor seiner Schwäche nicht davon läuft. Bei Gott ist der groß, der sich nicht auf Kosten anderer zum Helden stilisiert. Bei Gott ist der groß, der in erster Linie den Menschen sieht und nicht das Gesetz. Bei Gott ist der groß, der nicht auf alles eine Antwort hat. Bei Gott ist der groß, der damit rechnet, dass Gott sein Herz berührt. Und der sich noch überraschen lässt.

Das ist alles lange her. Pharisäer gibt’s hier keine und stadtbekannte Sünder sowieso nicht. Das stimmt. Vielleicht stimmt aber noch mehr, dass wir diese beiden Typen doch nur allzu gut kennen. Und zwar, weil sie in uns wohnen – je nach Lage der Dinge, je nach Situation, je nach Stimmung, je nach Prägung oder eigener Geschichte. Sie merken: Plötzlich ist das alles gar nicht mehr so weit weg, sondern Teil unseres Lebens. Was also tun? Weglaufen wäre die einfachste Variante. Aber das bringt nichts. Dann bleiben die beiden Untermieter auf ewig unversöhnt bei uns wohnen. Man könnte das Pharisäerhafte und das Schwache in uns aber auch mal nebeneinander setzen und ins Gespräch bringen. Unsere überhebliche Seite und die realistische. Den Hang zum strahlenden Sieger und die eigene Hilflosigkeit. Die religiös sichere Seite und jene, die mehr Fragen hat als Antworten.

Einfach ist das nicht, na klar. Wie so oft, wenn Jesus uns den Spiegel vorhält. Aber es wäre ehrlich. Und was würden wir dadurch verlieren? Richtig: Nichts. Im Gegenteil: Wir würden gewinnen. Und zwar einen realistischen Blick auf uns selbst. Und dadurch auch auf die anderen. Das wäre doch mal eine Perspektive, oder?

Alexander Bergel
23. Oktober
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Predigt am 29. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 18,1-8

„Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen!“ Schöne Verheißung! Aber ist das unsere Erfahrung? Handelt Gott wirklich, wenn ich ihn bitte? Bereits am letzten Sonntag war das die große Frage. Handelt Gott, wenn ich ihn bitte? Viele würden sagen: „Nein, tut er nicht. So oft schon habe ich ihn um etwas gebeten. Und nichts ist passiert.“ Am Ende bleiben meist viele Fragen. Manche Unsicherheiten. Und auch Wunden: „Warum, Gott, erhörst du mich nicht? Bin ich dir denn egal?“

Mitten in diese Fragen hinein platzt Jesus mit einem Gleichnis, das es in sich hat. Jesus vergleicht Gott mit einem Richter. Einem, dem es egal ist, was um ihn herum geschieht. Letzten Endes aber lässt er sich doch bewegen. Die Aufdringlichkeit der Witwe, sie sorgt dafür, dass der Richter ihr zu ihrem Recht verhilft. Muss man Gott also doch nur lange genug in den Ohren liegen? Hilft eine 5-Kilo-Kerze, entzündet an einem der großen Wallfahrtsorte dieser Welt, dem Gedächtnis Gottes auf die Sprünge? Muss man nur oft und lange genug das Kreuz von Lage um die Kirche tragen, damit der Kranke wieder gesund wird? Ist Gott also doch wie eine Maschine, die nur manchmal etwas länger braucht, bis sie unsere Wünsche erfüllt? Drückt Gott am Ende naturgesetzmäßig doch beide Augen zu und wirkt ein Wunder, wenn er es nicht mehr ertragen kann, das Gebitte und Gebettele?

Fast scheint es so zu sein: Wer lang genug betet, bekommt das gewünschte Resultat. Wirklich erwachsen ist das allerdings, glaube ich, nicht. Und zwar nicht nur, weil es quer zu den meisten unserer Erfahrungen steht. Denn auch wenn die Bibel voller Geschichten ist, die berichten, was Gott alles getan hat, dass er sich als ein Gott gezeigt hat, dem die Welt nicht egal ist, ja im Gegenteil: der ein Herz für die Menschen hat, und auch wenn wir selbst vielleicht schon so manches Mal gedacht oder sogar gespürt haben: Gott hat seine Finger im Spiel meines Lebens – selbst wenn all das – hoffentlich – auch zu unseren Glaubenserfahrungen gehört, ein erwachsener Glaube geht tiefer. Die Herausforderung eines erwachsenen Glaubens besteht darin, an Gott zu glauben, wenn ich ihn nicht spüre. Wenn das, was ich mir wünsche, nicht eintritt. Und wenn ich dennoch an ihm festhalte. Egal, was passiert. Ein erwachsener Glaube ist nicht naiv. Oder magisch. Ein erwachsener, ein reifer Glaube hilft, das Leben zu bestehen, das Leben mit all seinen Herausforderungen und Grenzen. Meine ich jedenfalls.

Ein Kind bittet: „Lieber Gott, mach, dass es morgen nicht regnet!“ Ein Erwachsener würde vielleicht eher sagen: „Lebendiger Gott, gib mir Kraft für einen guten Tag!“ Ein Kind betet: „Lieber Gott, bring uns sicher nach Hause!“ Ein Erwachsener vielleicht eher: „Begleite uns mit deinem Geist, der unsere Sinne schärft!“ Menschen, die an Gott glauben, fragen: „Warum hast du das nur zugelassen?“ Wer als Christ auf Jesus, den Gekreuzigten und Auferweckten schaut, geht vielleicht irgendwann einen Schritt weiter und kommt an einem Punkt an, an dem er sagen kann: „Mit dir, Gott, werde ich mein Leben bestehen, komme, was kommt!“ Kinder beten meist zum lieben Gott. Dürfen sie auch. Aber wer im Glauben erwachsen wird, kann nicht dabei stehen bleiben. Denn Gott ist nicht lieb. Als Erwachsene merken wir, dass uns Gott in dieses Leben gestellt hat. In ein Leben voller Grenzerfahrungen, voller Wunden, voller unerfüllter Bitten. Wenn wir jedoch ein Leben lang beten wie Kinder, bleibt Gott für uns ein Lückenbüßer und Wünscheerfüller.

Und wie geht es nun? Immerhin steht die Witwe immer noch im Raum. Und sie hat gekriegt, was sie wollte. Ja, hat sie. Ich glaube aber, dass es bei ihr um etwas ganz anderes geht. So wenig Gott so ist wie der abwägende, kaltschnäuzige Richter, so wenig überzeugt die aufdringliche Witwe durch ihre Aufdringlichkeit. Was sie überzeugend sein lässt, meine ich jedenfalls, ist ihr Vertrauen, ihr Vertrauen, dass am Ende alles gut wird. Am Ende wird also die Frage stehen, die Jesus immer wieder stellt: „Mensch, bei allem, was passiert, bei allem, was sich nicht ändern lässt, bei allem, wo du mehr Fragen siehst als Antworten – bei all dem, Mensch, und trotz allem: Wirst du mir vertrauen?“

Alexander Bergel
16. Oktober
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Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 17,11-19

Wer glaubt, lebt gesünder. Zu diesem Schluss kommen wissenschaftliche Untersuchungen aus den USA. Jahrzehntelang haben Wissenschaftler kranke Menschen begleitet. Und dabei zwei Sorten von Patienten unterschieden: Glaubende und Nicht-Glaubende. Das Ergebnis: Religiöse Menschen  haben ein geringeres Risiko für Krankheiten wie Depressionen, Bluthochdruck und Herzbeschwerden. Außerdem seien sie weniger suchtgefährdet und hätten eine stärkere Abwehr. Menschen, die glauben, benötigten weniger Schmerzmittel, hätten mehr Lebenszufriedenheit, ein höheres Wohlbefinden und sogar eine längere Lebenserwartung.

Ist es das, was Jesus meinte, als er dem geheilten Aussätzigen bescheinigt: „Dein Glaube hat dich gerettet!“? Könnte man meinen. Denn er ist ja gesund geworden. Zusammen mit neun anderen. Was aber – und da beginnen die ersten Fragen –, was ist mit den Millionen von Kranken, die Jesus nie begegnet sind? Was ist mit den Tausenden von Menschen, die in den Krankenhäusern dieser Welt liegen und unheilbar krank sind? Was ist mit unseren Angehörigen, deren Krankheit wir vielleicht schon seit Jahren mit ansehen müssen? Muss man denen sagen: „Tut mir leid, dein Glaube hat dich wohl nicht gerettet“?

Die schöne Heilungsgeschichte des Aussätzigen wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten bietet. Und so landen wir bei einer der Kernfragen unseres Glaubens: Handelt Gott, wenn ich ihn bitte? Am Rande einer Bittprozession, einige Jahre ist das schon her, kam ich mit jemandem ins Gespräch – über genau dieses Thema. „Also, wenn ich ehrlich bin“, begann der Mann, „wenn ich ehrlich bin, kann ich mit dem ganzen hier nichts anfangen. Gott erfüllt sie doch eh nicht, unsere Bitten. Wie denn auch?“ Hat er Recht, dieser Kritiker? Was meinen Sie? Ich fühlte mich ertappt von ihm, von seiner Nachfrage. Denn mir geht es – ehrlich gesagt – ähnlich. Mir fällt es schwer, Gott um etwas zu bitten, ihm genau zu sagen, was ich von ihm erwarte. Und doch ist es zutiefst menschlich. Hätte Jesus sonst gesagt: „Bittet, dann wird euch gegeben!“?

Wer bittet, der macht deutlich: Ich schaffe nicht alles aus eigener Kraft. Ich warte auf Hilfe. Ich vertraue. Grundvoraussetzungen des Glaubens. Ohne Frage. Aber darf das dazu führen, naiv zu werden und zu glauben: Gott wird’s schon richten!? Ich meine: nein. Ein solcher Glaube führt nämlich zu der Hoffnung, dass Gott mal eben die Naturgesetze außer Kraft setzt und Heilung schenkt, wo sie einfach nicht möglich ist. „Für Gott ist doch aber nichts unmöglich!“ wird manch Verzweifelter da einwenden. „Könnte er denn nicht doch bitte eingreifen? Nur ein einziges Mal?“ Wie oft ist Gott darum wohl schon gebeten worden – ohne Erfolg.

Wer glaubt, lebt gesünder. Je länger man sich damit beschäftigt, desto mehr Menschen fallen einem ein, die diese These zu blankem Hohn werden lassen. Und eigentlich müsste man aufstehen und gehen, weil er nur schwer zu ertragen ist, dieser Satz Jesu: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Vielleicht versuchen wir es aber doch noch einmal anders – und ziehen nicht enttäuscht von dannen. Helfen könnte dabei der nochmalige Blick in die amerikanische Untersuchung. Die beschreibt den Glauben nämlich vor allem als die innere Fähigkeit des Menschen, sich auf eine Dimension einzulassen, die nicht im Hier und Jetzt stehen bleibt, sondern Gott als ein wirkliches Gegenüber wahrnimmt. Und das sei – so die Studie weiter – ein wesentlicher Faktor für Lebensqualität. Ich kenne kranke Menschen, die genau das tun. Die – trotz aller Fragen, trotz Verzweiflung, trotz Schmerzen – mit Gottes Nähe rechnen, sich von ihm getragen fühlen. Am Ende scheint Jesus vielleicht doch Recht zu behalten: „Dein Glaube hat dich gerettet!“

Was aber heißt das nun für uns und unser Beten? Bei der Suche nach einer Antwort begleitet mich schon seit Jahren ein Wort, das es in sich hat: Gott erfüllt nicht jede unserer Bitten, aber alle seine Verheißungen. – Nicht jede unserer Bitten, aber alle seine Verheißungen …  Was bedeutet das? Vielleicht nur dies: Egal, was kommt – ich lasse dich nicht los! Natürlich beantwortet das nicht alle Fragen. Doch ganz offensichtlich lässt ein solches Vertrauen Menschen weiterleben, ohne zu verzweifeln. Gott erfüllt nicht jede meiner Bitten, aber alle seine Verheißungen: Wer sich das zu sagen traut, ja, wer so durch sein Leben und seine Krankheit geht – für den ist das keine graue Theorie mehr, sondern wirkliche, lebendige Erfahrung. Ahnen Sie, was das bedeutet?

Alexander Bergel
9. Oktober
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Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis
zu Hab 1,2-3. 2,2-4, 2 Tim 1,6-8.13-14 und Lk 17,5-10

„Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“ Ein sehr verstörendes Wort. Unnütze Knechte, die nur ihre Schuldigkeit tun? Jesus wählt ein hierarchisches Modell seiner Zeit, um den Jüngern etwas zu erklären. Doch: Manches, was früher galt, ist vorbei. So geht das heute nicht mehr. Wir brauchen ein neues Miteinander. Ein Miteinander ohne Oben und Unten, ohne Machtmissbrauch und Willkür. Genau das aber erleben wir. Auch heute noch. Immer und immer wieder. Machtmissbrauch und Willkür. Dann, wenn ein Potentat willkürlich Grenzen verschiebt. Dann wenn ein Regime die Freiheit eines ganzen Volkes unterdrückt und selbst über Leichen geht. Und auch in der Kirche erleben wir es. Immer und immer wieder.

„Warum lässt du mich die Macht des Bösen sehen und siehst der Unterdrückung zu? Wohin ich blicke, sehe ich Gewalt und Misshandlung, erhebt sich Zwietracht und Streit.“ Was der Prophet Habakuk vor 2.700 Jahren Gott anklagend entgegenschleudert, ist auch heute die Erfahrung so vieler Menschen. Und eine immer noch unbeantwortete Frage: Warum siehst du der Unterdrückung zu? Manche sind fertig mit einem Gott, der nur zuschaut. Der nichts tut. Der die Unterdrücker, die Misshandler, die Vertuscher nicht zum Teufel jagt. „Wie sollte Gott das denn tun“, fragen andere, „wenn er den Menschen doch in die Freiheit entlassen hat?“ Ja, das mag ein Argument sein. Aber wer im Leid versinkt und dann die alten Geschichten hört, Geschichten, in denen Menschen beschreiben, dass sie Gott als den erfahren haben, der ein ganzes Volk aus der Knechtschaft befreit hat, der wird nicht aufhören, Gott genau das immer wieder unter die Nase zu reiben. Und ihn anzuschreien: Zeige dich!

Die Geschichte des Propheten Habakuk geht weiter: „Der Herr gab mir Antwort und sagte: Schreib nieder, was du siehst, schreib es deutlich auf die Tafeln, damit man es mühelos lesen kann!“ Mit anderen Worten: Mach du dich zum Anwalt der Kleinen und Entrechteten! Uns erwischt diese uralte Aufforderung am Ende einer Woche, in der offenbar wurde, dass ein Priester, der weit über das Bistum hinaus hohes Ansehen genießt, vor vierzig Jahren ein Mädchen missbraucht hat. Das Bistum steht in der Kritik, nicht angemessen mit der Situation umgegangen zu sein. Die Betroffene wurde zwar gehört, aber geschehen ist faktisch nichts. „Schreib es deutlich auf Tafeln, damit man es mühelos lesen kann!“ Wir brauchen die Wahrheit, die ganze Wahrheit. Alles muss ans Tageslicht. Kein Wegducken mehr! Kein Vertuschen! Kein Relativieren! Nicht wenige jedoch fragen: Ist es dafür nicht schon zu spät?

Als die Kirche zu wachsen begann, in den ersten Jahren nach Jesu Tod und Auferstehung also, begannen bereits die ersten Konflikte. Konflikte, die Menschen an den Rand ihrer Kräfte brachten. In dieser Zeit schreibt Paulus an seinen Schüler Timotheus: „Ich rufe dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist! Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Keine Angst: Zum Schluss kommt jetzt nicht die „Alles-wird-gut-Soße“!  Nein, die würde nur alles ersticken. Aber ich merke: Auszuhalten ist all das nur, wenn ich versuche, daran zu glauben, dass noch nicht alles verloren ist. Die Welt – sie steht am Abgrund. Und die Kirche sowieso. Und ich? Ich kann nur versuchen, meinen Beitrag zu leisten, dass der nächste Schritt nicht zum freien Fall wird. Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit – vielleicht hilft er mir dabei.

Alexander Bergel
2. Oktober
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Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis
zu Gen 18,1-10a und Lk 10,38-42

Jesus sitzt am gedeckten Tisch, gibt der Gastgeberin aber vorher noch eins auf die Kochmütze: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Maria aber hat das Bessere gewählt!“ Ist das wirklich sein Ernst? Und wenn ja, was heißt das dann für uns? Meint Jesus wirklich „Lass die Arbeit Arbeit sein! Widme dich ganz dem Gebet, dem Studium, der Stille, so wirst du Gott finden“? Ja, theoretisch ist das sicher sehr schön. Nur – wer bringt dann den Müll raus? Oder die gerade gar nicht so kontemplativ gestimmten Kleinen in den Kindergarten? Soll ich Gott jenseits all dessen suchen, was ich Tag für Tag tue? Was ich Tag für Tag tun muss? Und ist er nur jenseits all dessen zu finden?

Vielleicht ist das, was Jesus sagt, gar nicht so ignorant, wie es wirkt. Vielleicht war es ihm nur wichtig, in diesem Augenblick deutlich zu machen: „Marta, lass Maria ihren Weg gehen! Du hast ihn doch schon hinter dir – und bist ein Stück weiter! Maria muss das Bessere erst einmal spüren, es erleben, es erfahren, bevor sie es im wuseligen Alltag als Kraftquelle erleben kann.“ Meister Eckhart, ein sehr lebenstauglicher Mystiker des späten Mittelalters, sieht in der wuseligen Marta einen Menschen, der selbst dann, wenn er nicht still wird und betet, in der Gegenwart Gottes lebt. Auch beim Bügeln oder beim quirligen Kindergeburtstag. Meister Eckhart glaubt Marta schon einen Schritt weiter als ihre Schwester: Sie ist fähig zur Gottesbegegnung trotz des ganz normalen Alltags-Wahnsinns.

Diesen Alltags-Wahnsinn kennt wohl jeder. Mal mehr, mal weniger intensiv und belastend. Manche ersticken in Arbeit, sind froh, wenn sie all das irgendwie noch schaffen. Andere sitzen nur noch da. Fühlen sich leer und ausgebrannt. Fragen sich: War es das? Wofür das alles? Und vor allen: Was kommt denn noch? Abraham und Sara, die uns heute ebenfalls begegnet sind, haben vielleicht auch genau diese Fragen gehabt: War es das? Wofür das alles? Und: Was kommt denn noch? Mitten in ihrem Alltag bekommen sie jedoch eine ganz unerwartete Antwort. Aber der Reihe nach.

Es ist heiß. Mittagszeit in der Wüste. Abraham sitzt vor dem Zelt und ruht sich aus. Sara ist drinnen und macht den Haushalt. Manche Dinge ändern sich wohl nie. Abraham sieht drei Männer auf sich zukommen, geheimnisvolle Gestalten. Der Künstlerpriester Sieger Köder hat diese Szene sehr eindrücklich festgehalten. Schauen Sie sich dieses Bild nach dem Gottesdienst gerne mal genauer an. Unten am Taufbrunnen steht es. Am Tisch, zu Füßen seiner drei Besucher, sitzt Abraham, die Augen nach oben gerichtet. Er hält Ausschau in eine Zukunft hinein, die ihm von den drei Besuchern angesagt wird: „In einem Jahr wird deine Frau Sara einen Sohn haben.“

Wer aber sind die drei Männer? Die Bibel sagt: Der Herr. Sieger Köder stellt drei Gesichter dar: das erste hinter einem Tuch verborgen. Gott ist einer, der sich vor den Menschen verbirgt, der im Dunkel bleibt, der sich dem Zugriff der Menschen entzieht und doch aus der Verborgenheit heraus den Menschen anspricht. Das mittlere Gesicht hat die Verhüllung, das Velum, halb zur Seite geschoben. Es ist der Gott, der teilweise aus seiner Verborgenheit herausgeht und sich dem Menschen zu erkennen gibt. Das eine Auge als Gottessymbol, auf dem Tisch Brot und Wein – Lebens-Mittel, in denen sich Gott zu erkennen gibt. Dieser Gott, der aus seiner Verborgenheit heraus geht, bekommt ein Gesicht in der Person dessen, von dem es später heißen wird: „Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ Die dritte Person auf diesem Bild ist schließlich ein dunkelhäutiger Mann. Sein vom Aussatz zerfressener Arm ist eingebunden, unter der Wolldecke sieht man einen zum Skelett abgemagerten Oberkörper. Der Künstler zeichnet so das Bild eines Gottes, dem wir in den Ärmsten der Armen begegnen. „Ich war hungrig, durstig, nackt, obdachlos.“ Ein dunkles Bild, voller Geheimnisse. Geheimnisse aber, die sich dem erschließen, der bereit ist, in die Tiefe zu gehen.

Abraham und Sara. Marta und Maria. Menschen wie Du und ich. Menschen, die versuchen, Gott zu begegnen. In den Rätseln und Fragen des Daseins. Im Hören und miteinander Reden. Am kühlen Abend oder in der Mittagssonne. Beim entspannten Nachsinnen oder in der Hitze des Gefechts. Marta und Maria – zwei Schwestern, die ihren je eigenen Weg durchs Leben und zu Gott suchen. Und sich dabei unterstützen. Sara, die um ihre Begrenzungen weiß (immerhin lacht sie, als sie hört, sie solle in ihrem Alter noch Mutter werden), und Abraham, der trotz allem zu hoffen wagt. Irgendwo dazwischen: Wir. Wir mit unseren Fragen, wir mit unserer Sehnsucht, wir mit unserer Überforderung, wir mit unserer Leere. Und wir mit einem Herzen, das sich sehnt nach einem, der es anrührt. Auch wenn es lange, manchmal unendlich lange zu dauern scheint. Aber auch nicht ewig. Und so gilt sie auch heute noch, die geheimnisvolle Verheißung jener drei Männer von damals: „In einem Jahr komme ich wieder.“ Wo sind wir dann wohl?

Alexander Bergel
17. Juli
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Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis
zu Dtn 30, 9c-14 und Lk 10,25-37

„Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf,
holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“

Mit anderen Worten: Ausreden gibt es keine. Also keine wirklichen. Klar, zu tun haben immer alle viel. Wenn man die Zeit hätte, dann würde man ja, aber … Und es gibt auch sicher immer noch geeignetere Menschen, die das übernehmen könnten. Wir kennen das … Und trotzdem: Das, was Jesus damals gesagt und getan hat – es ist ein Auftrag. Auch für uns. Sich im Hier und Jetzt dem stellen, was uns widerfährt. Nicht darauf warten, dass andere das Problem angehen, sondern selbst tätig werden. Darum muss es gehen. Jemandem zum Nächsten werden – das ist etwas, was ich tun kann. Was ich aber auch tun wollen muss.

Nicht im Himmel, nicht jenseits des Meeres – Gottes Wort ist uns so nahe, wie wir es an uns heranlassen. Man muss dazu kein Studium absolvieren oder exegetische Fachkenntnisse besitzen. Auch diese Sorge lässt sich schnell nehmen: „Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es!“ (Frère Roger).

Grau ist alle Theorie. Die Praxis – sie macht lebendig. An ihr lässt sich ablesen, was Menschen im tiefsten berührt. Vielleicht ist das heute so eine Art samaritische Nagelprobe: Was berührt uns eigentlich noch?

Alexander Bergel
10. Juli
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Gebet, Musik & Poesie

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Erwartung bewegt …

Maria durch ein Dornwald ging,
Kyrie eleison.
Maria durch ein Dornwald ging,
der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen.
Jesus und Maria.

Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Kyrie eleison.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.

Da haben die Dornen Rosen getragen,
Kyrie eleison.
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen.
Jesus und Maria.

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Lied im Gotteslob Nr. 224
Text: August von Haxthausene

Das gesungene Lied finden Sie hier.
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15 Chöre (überwiegend aus der Region Osnabrück, die 2023 das 375. Jubiläum des Westfälischen Friedens feiert) setzen ein musikalisches Zeichen für den Frieden und singen gemeinsam Imagine von John Lennon.

In Zeiten, die leider weltweit von Krieg, Menschenrechtsverletzungen, Hass und Gewalt geprägt sind, eine immer wieder wichtige Botschaft und gerade für die anstehende Adventszeit eine Anregung, auch im Kleinen und bei uns selbst Frieden zu stiften.

Das Lied können Sie hier hören.
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Ein Sehnsuchtslied – hier können Sie es hören.
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Poetische Gedanken von Hildegard König in der Zeit vor dem Pfingstfest
finden Sie hier.
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»Weib, was weinest du?« Einer der berührendsten Gesänge zum Osterfest.

Es gäbe sicher nach wie vor so manches, was nicht nur Frauen in dieser Kirche zu beweinen hätten. Aber es gab und es gibt sie dennoch immer noch: die Verkünderinnen dieser einen unglaublichen Botschaft. Sollte deren Kraft, die schon einmal nicht nur Felsen vor Grabhöhlen in Bewegung brachte, nicht auch heute Steine wegzuräumen in der Lage sein?

Den Gesang aus den Osterdialogen von Heinrich Schütz können Sie hier hören.
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Ich konnte keinen Schlaf mehr finden.
Wenn ich wenigstens zum Grab gehen könnte.
Aber die Wachsoldaten.
Oder nach Golgotha, der Blutspur nach.
Oder zu Josef oder zu Nikodemus.
Irgendwohin.
Was tun mit dem ganzen langen Schabbat?

Ich saß so da und dachte nichts als: Er ist fort. Er ist tot.
Fort und tot.
So jung noch. Und schön.
Und jetzt beginnt dann die Verwesung.
Wenn ich doch mein letztes Fläschchen von dem Königsöl
über ihn hätte ausgießen können,
über sein Gesicht,
das so blutig war,
das eine Auge verletzt und verklebt,
nie mehr werde ich dieses Gesicht sehen.

So versunken in meine Trauerqual war ich,
dass es mir kein Trost war zu denken:
Er hat gesagt, drei Tage,
dann das Wiedersehen.

Nein, nein, das hatte er nicht wörtlich gemeint.
Drei Tage, wie lang war das für ihn?
Zähl nicht nach Tagen, Mirjam,
zähl wie ich in Äonen.
Und das Wiedersehen:
wo denn, wie denn?
Nein, das war alles kein Balken, an dem ich mich halten konnte.

Nach und nach wachten alle auf.
Veronika brachte uns das vorbereitete Schabbatmahl.
Man aß aus Höflichkeit ein paar Bissen.
Schimon schlief und war nicht zu wecken.
Jeschuas Mutter sagte: Jochanan,
bete alle Psalmen, die du im Gedächtnis hast.
So begann er von Anfang:
Selig der Mann, der nicht im Rat der Gottlosen wandelt…
Wenn er nicht mehr weiterwusste,
sprang einer von uns ein.
So beteten und beteten wir,
und der Tag nahm kein Ende,
und das Gebet war kein Trost.
Ein Tag aus Blei.

Wieso sprach niemand unter uns
von Wiedersehen und Wiederkommen?
Niemand von Zukunft?
Nicht vom morgigen Tag;
nicht davon, was nun weiter aus uns würde?

Die Zeit war mit dem Messer durchgeschnitten.
Konnte überhaupt noch Zeit sein?
Hat ER nicht alles mit sich genommen,
was uns zu gehören schien?
Auch das Licht war fort, es war gewittrig und dunkel.

Dieser Tag war schlimmer als der vorhergehende.
Da war Aufregung gewesen,
da geschah etwas,
Schlimmes und Entsetzliches,
aber es bewegte sich etwas.

Jetzt aber: wir saßen wie Schatten in der Unterwelt,
und als es draußen vollends dunkel wurde,
schliefen wir wieder ein.
Was sonst konnten wir tun?

Später dachte ich im Zurückerinnern:
so lebt man im Schattenreich,
wo die Sonne nie scheint.
Noch später dachte ich:
so lebt man ohne ihn.

Luise Rinser
Mirjam
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Wie konnte das gescheh’n?
Ich kann es nicht versteh’n!
Warum bist du jetzt fort?

Ich kann dich in mir hören,
es ist als wärest du noch hier.
Ich bin bei dir,

doch du bist nicht da.
Wo bist du hingegangen?
Und kommst du jemals wieder?

Wohin bist du gegangen?

Martin Holtgrewe
16. April
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Ich denk‘, ich schreib‘ euch besser schon beizeiten
Und sag‘ euch heute schon endgültig ab
Ihr braucht nicht lange Listen auszubreiten
Um zu sehen, dass ich auch zwei Söhne hab‘!

Ich lieb‘ die beiden, das will ich euch sagen
Mehr als mein Leben, als mein Augenlicht
Und die, die werden keine Waffen tragen!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Ich habe sie die Achtung vor dem Leben
Vor jeder Kreatur als höchsten Wert
Ich habe sie Erbarmen und Vergeben
Und wo immer es ging, lieben gelehrt!

Nun werdet ihr sie nicht mit Hass verderben
Keine Ziele und keine Ehre, keine Pflicht
Sind’s wert, dafür zu töten und zu sterben
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Ganz sicher nicht für euch hat ihre Mutter
Sie unter Schmerzen auf die Welt gebracht
Nicht für euch und nicht als Kanonenfutter
Nicht für euch hab‘ ich manche Fiebernacht

Verzweifelt an dem kleinen Bett gestanden
Und kühlt‘ ein kleines glühendes Gesicht
Bis wir in der Erschöpfung Ruhe fanden
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Sie werden nicht in Reih‘ und Glied marschieren
Nicht durchhalten, nicht kämpfen bis zuletzt
Auf einem gottverlass’nen Feld erfrieren
Während ihr euch in weiche Kissen setzt!

Die Kinder schützen vor allen Gefahren
Ist doch meine verdammte Vaterpflicht
Und das heißt auch, sie vor euch zu bewahren!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Ich werde sie den Ungehorsam lehren
Den Widerstand und die Unbeugsamkeit
Gegen jeden Befehl aufzubegehren
Und nicht zu buckeln vor der Obrigkeit!

Ich werd‘ sie lehr’n, den eig’nen Weg zu gehen
Vor keinem Popanz, keinem Weltgericht
Vor keinem als sich selber g’radzustehen!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Und eher werde ich mit ihnen fliehen
Als dass ihr sie zu euren Knechten macht
Eher mit ihnen in die Fremde ziehen
In Armut und wie Diebe in der Nacht!

Wir haben nur dies eine kurze Leben
Ich schwör’s und sag’s euch g’rade ins Gesicht:
Sie werden es für euren Wahn nicht geben!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Reinhard Mey

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Zum Video von Reinhard Mey and friends kommen Sie hier
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Gott,

wie zerbrechlich unsere Sicherheiten sind,
wie gefährdet unsere Ordnungen,
das erleben wir in diesen Tagen.

Wer sieht uns mit unserer Hilflosigkeit und Angst?

Wütend und fassungslos erleben wir,
wie Machthaber die Freiheit und das Leben vieler Menschen gefährden.
Wie am Rand Europas ein Krieg beginnt.
Was geschieht als Nächstes?
Welchen Informationen können wir trauen?
Was könnten wir tun, das helfen oder etwas bewegen würde?

Sieh du die Not.
Sieh unsere Angst.

Wie so viele suchen wir Zuflucht bei dir und Schutz,
innere Ruhe und einen Grund für unsere Hoffnung.
Wir bringen dir unsere Sorgen.
Wir bitten dich für die, die um ihr Leben fürchten,
und für die, die sich beharrlich für friedliche Lösungen einsetzen.

Höre uns, Gott …

EKD
24. Februar
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Ich bin, was ich bin
Ein LGBTIQ+ Psalm (aber nicht nur)

Ich danke Dir, Ewiger, dass ich so bin, wie ich bin,
und nicht so, wie manche mich gerne hätten.

Von Beginn aller Zeit hast Du mich gedacht und gewollt,
eine Facette bin ich Deiner bunten, lebendigen Schöpfung.

Als Dein Ebenbild hast Du den Menschen geschaffen,
Du, der du das Leben selbst bist in all seiner Fülle.

In dir pulsiert die Liebe in all ihren Formen,
ein ewiger Quell, der niemals versiegt.

Du willst seit Urzeit, dass es gibt, was es gibt,
die Schranken und Grenzen hast Du nicht gemacht.

Das Wort Ebenbild legten die Saftlosen in kalt-eiserne Ketten,
die Flügel der Liebe wollten sie kürzen durch ihre Gesetze.

Doch sie erhebt sich immer wieder, lässt sich nicht zähmen,
unablässig verteilt sie sich in die Herzen der Menschen.

Ihre Funken sprühen, wenn zwei Münder sich finden,
zwei Seelen den Gleichtakt erkennen, das ergänzende Du.

Wenn eine Frau einen Mann liebt und ein Mann eine Frau,
wenn ein Mann einen Mann liebt und eine Frau eine Frau,

tanzt die Liebe Pirouetten mit kraftvoller Leidenschaft,
wenn ein Mensch einen Menschen liebt, so wie er ist.

Wenn ein Mensch Körper und Seele in sich versöhnt,
wenn ein Mann sich als Frau fühlt und eine Frau sich als Mann,

fährt die Liebe tollkühn in den Mut sich offen zu zeigen,
wenn ein Mensch sich sucht und sich endlich dann findet.

Sie alle preisen Dich Ewiger durch ihr farbiges Leben,
Du würdigst die Vielfalt durch Deinen stärkenden Segen.

Doch immer noch leiden Menschen nur weil sie lieben,
man sperrt sie in Kerker, quält sie, will ihren Tod.

Leg ihren Jägern und Richtern ihr übles Handwerk,
vor Scham vergehen sollen sie, verstummen für immer.

Meine Hoffnung setze ich auf Dich Ewiger, Fülle des Lebens,
nicht nur träumen will ich, was ich sehnlichst erwarte:

die Engherzigen werden nicht siegen mit ihrer Verachtung,
ihr Gift verliert seine Kraft, ihr Spott verwundet nicht mehr.

Begeistert erstrahlen sollen alle mit glänzenden Augen,
die Hand in Hand sich gefunden auf ihrem eigenen Weg.

Ihre zärtliche Liebe preist Dich, übersteigt alle Normen,
divers sind Deine Ebenbilder, keins gleicht dem anderen.

Unverwechselbar hast Du, das Leben, alle geschaffen,
ein kostbares Original bin ich mit meinen Ecken und Kanten.

Ich danke Dir Ewiger, dass ich so bin, wie ich bin,
und immer mehr werde, der ich sein darf vor Dir.

Stephan Wahle
6. Februar
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Ein Klassiker zu Epiphanie.
Hier können Sie ihn hören.
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Ein kleines musikalisches Juwel – entstanden in unserer Gemeinde.
Hier können Sie es hören.
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Schaukasten-Gedanken

… können für einen kurzen Augenblick ansprechen oder irritieren
oder einfach nur Freude bereiten.

Hier finden Sie die schönsten Exemplare, die vor unseren Kirchen hängen,
zum Anklicken.
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