Kreuzweg

Impulse

Worte können heilen. Und zum Nachdenken bringen. Worte können Mut machen. Und neue Wege aufzeigen. Worte bringen Gefühle zum Ausdruck. Und Sorgen. Und Nöte. Glück und Unglück zeigen sich in ihnen ebenso wie Glauben und Hoffnung. Und natürlich Zuneigung und Liebe. Besonders schön ist es, wenn einem jemand solche Worte sagt. Wenn wir sie persönlich hören. Wenn wir spüren: Der meint mich!

Sie finden auf dieser Seite Gedanken, Erlebnisse, Deutungen, Diskussionsbeiträge, die uns im Pastoralen Team eingefallen sind. Oder die wir anderswo gefunden haben. Und die wir mit Ihnen teilen. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich das bewährt, vielen Mut gemacht und Lust auf mehr. Das freut uns natürlich sehr. Und deshalb machen wir einfach weiter!

Essays, Geschichten & Gedanken

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Vielleicht ist es immer dort am schönsten, wo man gerade nicht sein kann. An einem Traumstrand oder in den Bergen, in einer pulsierenden Metropole oder in einem stillen Kloster. Einfach mal die Seele baumeln lassen.

Eine Reise kann viele Gründe haben, sei es das Interesse an anderen Ländern, der Wunsch nach Erholung oder die Suche nach Sinn. Es gibt unterschiedliche Sehnsuchtsorte, doch zur Sehnsucht gehört auch eine leise Ahnung von Unerfüllbarkeit.

Die Gedanken von Karin Dzionara vom 31. Juli können Sie hier lesen und hören.
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Die Katholische Arbeitnehmerbewegung im Bistum Osnabrück hat mit dem Filmemacher Hermann Haarmann einen Dokumentarfilm über das Leben und Wirken von Bernhard Schopmeyer erstellt. Der frühere KAB-Sekretär und Nazi-Gegner wurde 23. Juni 1945 im Osnabrücker Bürgerpark ermordet.

In dem Dokumentarfilm geben – neben nachgestellten Szenen von der Ermordung des ehemaligen Sekretärs der KAB Osnabrück – auch Bischof Franz-Josef Bode, der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, Dr. Hans-Gert Pöttering, und August Oevermann Statements ab.

August Oevermann, Mitglied unserer Gemeinde, kümmert sich seit Jahren um die Grabstätte Bernhard Schopmeyers auf dem Hasefriedhof. Ausführlich zu Wort kommt auch der Historiker Michael Schwarzwald, der ebenfalls in unserer Pfarrei lebt.

Der 17-minütige Film kann auf der Videoplattform Youtube angeschaut werden.
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Wie das gehen kann, fragt sich Weihbischof Johannes Wübbe in seinem Blog vom 12. Juli.
Hier finden Sie seine Antwort.
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Gelegentlich treffen wir uns im Pastoralteam für einen halben Tag, um jenseits des Tagesgeschäfts bestimmte Themen zu bearbeiten, Aufgaben neu zu verteilen, zu schauen, was sich wo wie verändert hat oder verändern sollte oder auch zu überlegen: Wie gehen wir mit bestimmten Entwicklungen um? Welche neuen Projekte könnte es geben? Was müssen wir lassen? Wo sollten wir uns neu aufstellen?

In der vergangenen Woche war wieder ein solcher Tag. Es ging um den Aufgabenzuschnitt im Pastoralteam. Nachdem Hildegard Vielhaber-Schulte seit Januar neu und Anne Burgard seit April wieder im Team sind, Gisela Schmiegelt und Dirk Schnieber die Erstkommunionkatechese abgegeben haben und Hermann Breulmann sich von uns verabschiedet hat, ist einiges in Bewegung geraten. Und die Frage nach der Zukunft von St. Franziskus beschäftigt uns natürlich genauso wie die vielen krisenhaften Momente, die wir alle gerade erleben.

Mitten hinein in unsere Überlegungen traf uns dann dieser biblische Text, den die Liturgie für den Tag vorsah – also zufällig und ohne didaktische Hintergedanken:

Israel war ein üppiger Weinstock, der seine Frucht brachte. Je fruchtbarer er war, desto mehr opferte man auf den Altären. Je schöner sein Land wurde, umso schöner schmückten sie die Steinmale. Ihr Herz ist geteilt, jetzt müssen sie büßen. Der Herr selbst zerschlägt ihre Altäre und zerstört ihre Steinmale. Dann werden sie sagen: Wir haben keinen König mehr, denn wir haben den Herrn nicht gefürchtet. Aber auch ein König – was könnte er für uns tun? Samaria wird vernichtet, sein König gleicht einem abgebrochenen Zweig auf dem Wasser. Verwüstet werden die unheilvollen Kulthöhen, diese Sünde Israels. Dornen und Disteln überwuchern ihre Altäre. Dann wird man zu den Bergen sagen: Deckt uns zu!, und zu den Hügeln: Fallt auf uns! Sät als eure Saat Gerechtigkeit aus, so werdet ihr ernten, wie es der göttlichen Liebe entspricht. Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit, den Herrn zu suchen, dann wird er kommen und euch mit Heil überschütten (Hos 10,1-3.7-8.12).

Vielleicht bringen Sie diese Worte aus dem Prophetenbuch Hosea genauso ins Nachdenken wie uns. Dieser 2.700 Jahre alte Text beschreibt eigentlich das, was wir heute auch erleben. Manche Dinge ändern sich offenbar nie. Aber er spricht in die krisengeschüttelte Zeit Israels hinein auch Hoffnungs- und Motivationsworte, die wir heute ebenso nötig haben: »Sät als eure Saat Gerechtigkeit aus, so werdet ihr ernten, wie es der göttlichen Liebe entspricht. Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit, den Herrn zu suchen, dann wird er kommen und euch mit Heil überschütten.« Was, wenn das wahr würde!

Alexander Bergel
5. Juli
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Mit dem Sommeranfang kommt zugleich die Sommersonnenwende: Eine paradoxe Erfahrung. Die Tage werden zwar wärmer, doch gleichzeitig kürzer. In der Mitte des Jahres inne zu werden, dass man auch selbst den Zenit des Lebens überschritten hat, das stellt vor biographische Herausforderungen.

Denen widmet sich der 24. Juni, der Tag des Täufers Johannes. Auf der Höhe seines Wirkens formuliert er in der Begegnung mit Jesus die Erkenntnis: »Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.« Was bedeutet das? Welche Chancen könnten in jenem anderen Wachstum liegen, in dem die Christuskraft zunimmt?

Die Gedanken von Christoph Störmer vom 19. Juni können Sie hier lesen und hören.
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Eine Frage,
die Jesus stellt,
als es eng wird
um ihn.

Nachfolge geht
halt selten
von der Couch
aus.

Dieselbe Frage
stellt sich
heute meist
ganz anders.

Warum
um alles in der Welt
bleibst du noch
diesem Laden treu?

Lässt Jesus
sich nicht leichter
ganz woanders
finden

als in dieser Kirche,
diesem Ort
des immer neuen
Horrors?

Manche gehen, weil sie
nicht anders können,
weil sie einem System
die rote Karte zeigen wollen,

das Menschenleben
zerstört und selbstherrlich
so oft noch immer
um sich selber kreist.

Andere bleiben,
weil sie sagen:
Diese Botschaft ist zu
kostbar,

als sie den blinden Führern
ganz zu überlassen.
Manchmal weiß ich
einfach nicht,

wofür ich mich
entscheiden soll.
Was meinst
denn du?

Alexander Bergel
17. Juni
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Ein Gott in drei Personen. Ganz schön kompliziert. Zum Glück erklärt es Jesus im Evangelium einfacher. Immer noch unsicher? Schwester Jordana Schmidt rät: Nicht lange grübeln, einfach ausprobieren!

Ihre Gedanken vom 11. Juni können Sie hier lesen.
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Aufsteigen lassen
was in mir
ist

Die Fragen
Die Hoffnung
Die Sehnsucht

Den Blick
zum Himmel richten
und darauf hoffen

dass einer kommt
der Freiheit
schenkt

und Kraft
und Mut
und Leben

Damit ich
wieder neu
begeistert bin

So war es doch
schon einmal
Warum nicht auch

heute?

Alexander Bergel
5. Juni
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Poetische Gedanken von Hildegard König in der Zeit vor dem Pfingstfest
finden Sie hier.
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Heiner Wilmer, 71. Bischof von Hildesheim, spricht von einer Revolution, einer Umkehr kirchlicher Selbstverständlichkeiten. Sein Traum sei eine andere Kirche, allerdings nicht, weil die Christenheit am Ende sei, sondern weil wir den Ursprung wiederfinden können und endlich dem Evangelium etwas zutrauen in unserer Zeit.

Als Wegweiser im Godehardjahr, das der Bischof ausgerufen hat, soll einer seiner Vorgänger dienen: Der Heilige Godehard wurde vor 1.000 Jahren Bischof von Hildesheim. Mit dem Gotthard-Pass in der Schweiz trägt einer der wichtigsten Alpenübergänge seinen Namen.

Den Artikel vom 8. Mai können Sie hier lesen und hören.
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Statements, Interviews & Diskussionen

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Von der reuigen Sünderin zur Apostelin der Apostel: Maria aus Magdala war eine inspirierende Frau, kommentiert Julia Knop, Professorin für Dogmatik in Erfurt, zum Fest der Heiligen am 22. Juli. Doch ihr »Downgrade« durch Männer habe schon in der Bibel begonnen.

Die Gedanken von Julia Knop finden Sie hier.
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Das ist die nackte Zahl. Aber hinter dieser Zahl stecken Menschen. Menschen, die im Jahr 2021 in Deutschland aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. Im Bistum Osnabrück waren es insgesamt 6.146 Menschen, in der Stadt Osnabrück 914, in unserer Pfarrei 108. Diese 108 Menschen haben von mir einen Brief bekommen. Dort heißt es unter anderem:

Es gibt viele Gründe, der Kirche den Rücken zu kehren: die Skandale, die einen sprachlos machen, die Verbrechen, die in der Kirche geschehen sind, die Art und Weise des Umgangs damit, strukturelle Ungerechtigkeiten, wenig entgegenkommendes Verhalten, vielleicht sogar sehr persönliche Verletzungen oder auch einfach die Erkenntnis: „Mir bedeutet das alles nichts mehr – warum soll ich also bleiben?“ Vielleicht mögen Sie mir von Ihren Gründen erzählen. Auch wenn wir vor Ort nicht alles beeinflussen oder ändern können, haben wir hier doch die Möglichkeit, andere Akzente zu setzen, damit Menschen sich wohl und ernstgenommen fühlen. Ich würde mich freuen, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen.

Ungefähr ein Viertel derer, die ihren Kirchenaustritt erklärt haben, nimmt das Gesprächsangebot an. Per E-Mail, per Brief oder per Telefon. Manchmal wird daraus auch eine Einladung zum Kaffee. Fast immer beschreiben mir die Männer und Frauen dann, dass es meist nicht daran liegt, wie sie die Kirche in ihrer Kindheit und Jugend oder auch hier vor Ort erlebt haben und erleben. Es sind die großen, bekannten Themen, die bei vielen erst zur Resignation und dann zum Austritt geführt haben: „Es ändert sich ja doch nichts!“ – „Ich will keine Institution unterstützen, die Frauen und homosexuelle Menschen diskriminiert!“ – „Wer immer noch vertuscht oder Aufklärung behindert, der kann nicht mehr mit meiner Unterstützung rechnen!“

Ganz oft wird bei diesen Gesprächen spürbar: Diese Menschen haben nicht ihren Glauben verloren. Manche sagen mir aber: „Nur wenn ich gehe, kann ich meinen Glauben noch retten!“ Ich überrede niemanden zurückzukommen. Aber mir ist es wichtig, deutlich zu machen, dass unsere Türen offen stehen und offen bleiben.

Nach solchen Gesprächen wünsche ich mir, dass es unserer Kirche auf allen Ebenen gelänge, schlicht und ergreifend das zu tun, was Jesus getan hat: Menschen zu sehen. Sie zu fragen: „Was brauchst du?“ Und ihnen zu helfen, Gott und einander zu begegnen. Warum ist das nur so schwer?

Alexander Bergel
28. Juni
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Annette Edenhofer plädiert für eine dialogische Religionskommunikation in der postsäkularen Gesellschaft.

Ihren Artikel vom 9. Juni können Sie hier lesen.
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Dass die Volkskirche tot ist, dürfte mittlerweile kaum noch jemanden überraschen, kommentiert Julia Martin. Umso wichtiger sei es, klug mit den daraus folgenden Transformationsprozessen umzugehen. Dabei könne auch der heilige Benedikt helfen.

Den Artikel vom 11. Mai können Sie hier lesen.
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In der liturgischen Sprache lebt die patriarchale Tradition fort, sagt die katholische Theologin, Pastoralreferentin und Autorin Annette Jantzen. Gerade an hohen Feiertagen wird »Der Herr« gepriesen. Jantzen bloggt unter dem Titel »Gotteswort weiblich« Gebete, Psalmen und Lieder in einer Sprache ohne männlich dominierte Gottesanrede. Unter anderem hat sie das Osterlob erneuert. Gerade ist das gleichnamige Buch erschienen.

Ein Gespräch vom 18. April über die Schwerkraft des Patriarchats, den Unterschied zwischen »der Ewige« und »die Ewige« und die Frage, warum nicht mehr Männer wie Jesus sind, können Sie hier hören.
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Philipp Greifenstein macht sich »Karsamstagsgedanken zur Entwicklung der Kirchen in Deutschland«.
Den Artikel vom 15. April finden Sie hier.
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Am Mittwochabend war es so weit: »Die Passion« lief als Musiktheater live bei RTL. Auch katholisch.de-Redakteurin Meike Kohlhoff saß gespannt vor dem Fernseher und hatte gemischte Gefühle – zwischen emotionalen Höhepunkten und peinlicher Berührung.

Den Artikel vom 14. April können Sie hier lesen.

Sie haben »Die Passion« nicht gesehen oder möchten Sie noch einmal anschauen? Das können Sie hier tun.
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Viele Menschen fühlen sich nicht mehr wohl in der Kirche und treten aus. Die Bischofskonferenz findet dafür scharfe Worte. Manche Pfarrer versuchen indes, mit den Gläubigen über ihre Beweggründe ins Gespräch zu kommen.

Den Artikel im Kirchenboten vom 31. März können Sie hier lesen.
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Seit dem Ukraine-Krieg steht die Friedensbewegung der Kirchen massiv in Frage. Wie verändert das eine postheroische Theologie, wird Michael Schüßler von David Schilling gefragt: Ein Mailwechsel.

Den Beitrag vom 16. März können Sie hier lesen.
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Entsetzen löst aus, auf welche Weise die Führung der Russischen Orthodoxen Kirche Putin und seinen Angriffskrieg unterstützt. Johannes Oeldemann skizziert, was der Ukraine-Krieg für die Orthodoxe Kirche langfristig bedeuten könnte.

Den Beitrag vom 16. März können Sie hier lesen.
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Predigten

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Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis
zu Gen 18,1-10a und Lk 10,38-42

Jesus sitzt am gedeckten Tisch, gibt der Gastgeberin aber vorher noch eins auf die Kochmütze: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Maria aber hat das Bessere gewählt!“ Ist das wirklich sein Ernst? Und wenn ja, was heißt das dann für uns? Meint Jesus wirklich „Lass die Arbeit Arbeit sein! Widme dich ganz dem Gebet, dem Studium, der Stille, so wirst du Gott finden“? Ja, theoretisch ist das sicher sehr schön. Nur – wer bringt dann den Müll raus? Oder die gerade gar nicht so kontemplativ gestimmten Kleinen in den Kindergarten? Soll ich Gott jenseits all dessen suchen, was ich Tag für Tag tue? Was ich Tag für Tag tun muss? Und ist er nur jenseits all dessen zu finden?

Vielleicht ist das, was Jesus sagt, gar nicht so ignorant, wie es wirkt. Vielleicht war es ihm nur wichtig, in diesem Augenblick deutlich zu machen: „Marta, lass Maria ihren Weg gehen! Du hast ihn doch schon hinter dir – und bist ein Stück weiter! Maria muss das Bessere erst einmal spüren, es erleben, es erfahren, bevor sie es im wuseligen Alltag als Kraftquelle erleben kann.“ Meister Eckhart, ein sehr lebenstauglicher Mystiker des späten Mittelalters, sieht in der wuseligen Marta einen Menschen, der selbst dann, wenn er nicht still wird und betet, in der Gegenwart Gottes lebt. Auch beim Bügeln oder beim quirligen Kindergeburtstag. Meister Eckhart glaubt Marta schon einen Schritt weiter als ihre Schwester: Sie ist fähig zur Gottesbegegnung trotz des ganz normalen Alltags-Wahnsinns.

Diesen Alltags-Wahnsinn kennt wohl jeder. Mal mehr, mal weniger intensiv und belastend. Manche ersticken in Arbeit, sind froh, wenn sie all das irgendwie noch schaffen. Andere sitzen nur noch da. Fühlen sich leer und ausgebrannt. Fragen sich: War es das? Wofür das alles? Und vor allen: Was kommt denn noch? Abraham und Sara, die uns heute ebenfalls begegnet sind, haben vielleicht auch genau diese Fragen gehabt: War es das? Wofür das alles? Und: Was kommt denn noch? Mitten in ihrem Alltag bekommen sie jedoch eine ganz unerwartete Antwort. Aber der Reihe nach.

Es ist heiß. Mittagszeit in der Wüste. Abraham sitzt vor dem Zelt und ruht sich aus. Sara ist drinnen und macht den Haushalt. Manche Dinge ändern sich wohl nie. Abraham sieht drei Männer auf sich zukommen, geheimnisvolle Gestalten. Der Künstlerpriester Sieger Köder hat diese Szene sehr eindrücklich festgehalten. Schauen Sie sich dieses Bild nach dem Gottesdienst gerne mal genauer an. Unten am Taufbrunnen steht es. Am Tisch, zu Füßen seiner drei Besucher, sitzt Abraham, die Augen nach oben gerichtet. Er hält Ausschau in eine Zukunft hinein, die ihm von den drei Besuchern angesagt wird: „In einem Jahr wird deine Frau Sara einen Sohn haben.“

Wer aber sind die drei Männer? Die Bibel sagt: Der Herr. Sieger Köder stellt drei Gesichter dar: das erste hinter einem Tuch verborgen. Gott ist einer, der sich vor den Menschen verbirgt, der im Dunkel bleibt, der sich dem Zugriff der Menschen entzieht und doch aus der Verborgenheit heraus den Menschen anspricht. Das mittlere Gesicht hat die Verhüllung, das Velum, halb zur Seite geschoben. Es ist der Gott, der teilweise aus seiner Verborgenheit herausgeht und sich dem Menschen zu erkennen gibt. Das eine Auge als Gottessymbol, auf dem Tisch Brot und Wein – Lebens-Mittel, in denen sich Gott zu erkennen gibt. Dieser Gott, der aus seiner Verborgenheit heraus geht, bekommt ein Gesicht in der Person dessen, von dem es später heißen wird: „Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ Die dritte Person auf diesem Bild ist schließlich ein dunkelhäutiger Mann. Sein vom Aussatz zerfressener Arm ist eingebunden, unter der Wolldecke sieht man einen zum Skelett abgemagerten Oberkörper. Der Künstler zeichnet so das Bild eines Gottes, dem wir in den Ärmsten der Armen begegnen. „Ich war hungrig, durstig, nackt, obdachlos.“ Ein dunkles Bild, voller Geheimnisse. Geheimnisse aber, die sich dem erschließen, der bereit ist, in die Tiefe zu gehen.

Abraham und Sara. Marta und Maria. Menschen wie Du und ich. Menschen, die versuchen, Gott zu begegnen. In den Rätseln und Fragen des Daseins. Im Hören und miteinander Reden. Am kühlen Abend oder in der Mittagssonne. Beim entspannten Nachsinnen oder in der Hitze des Gefechts. Marta und Maria – zwei Schwestern, die ihren je eigenen Weg durchs Leben und zu Gott suchen. Und sich dabei unterstützen. Sara, die um ihre Begrenzungen weiß (immerhin lacht sie, als sie hört, sie solle in ihrem Alter noch Mutter werden), und Abraham, der trotz allem zu hoffen wagt. Irgendwo dazwischen: Wir. Wir mit unseren Fragen, wir mit unserer Sehnsucht, wir mit unserer Überforderung, wir mit unserer Leere. Und wir mit einem Herzen, das sich sehnt nach einem, der es anrührt. Auch wenn es lange, manchmal unendlich lange zu dauern scheint. Aber auch nicht ewig. Und so gilt sie auch heute noch, die geheimnisvolle Verheißung jener drei Männer von damals: „In einem Jahr komme ich wieder.“ Wo sind wir dann wohl?

Alexander Bergel
17. Juli
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Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis
zu Dtn 30, 9c-14 und Lk 10,25-37

„Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf,
holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“

Mit anderen Worten: Ausreden gibt es keine. Also keine wirklichen. Klar, zu tun haben immer alle viel. Wenn man die Zeit hätte, dann würde man ja, aber … Und es gibt auch sicher immer noch geeignetere Menschen, die das übernehmen könnten. Wir kennen das … Und trotzdem: Das, was Jesus damals gesagt und getan hat – es ist ein Auftrag. Auch für uns. Sich im Hier und Jetzt dem stellen, was uns widerfährt. Nicht darauf warten, dass andere das Problem angehen, sondern selbst tätig werden. Darum muss es gehen. Jemandem zum Nächsten werden – das ist etwas, was ich tun kann. Was ich aber auch tun wollen muss.

Nicht im Himmel, nicht jenseits des Meeres – Gottes Wort ist uns so nahe, wie wir es an uns heranlassen. Man muss dazu kein Studium absolvieren oder exegetische Fachkenntnisse besitzen. Auch diese Sorge lässt sich schnell nehmen: „Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es!“ (Frère Roger).

Grau ist alle Theorie. Die Praxis – sie macht lebendig. An ihr lässt sich ablesen, was Menschen im tiefsten berührt. Vielleicht ist das heute so eine Art samaritische Nagelprobe: Was berührt uns eigentlich noch?

Alexander Bergel
10. Juli
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Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 10,1-9

359.338. Das ist die Zahl der Woche. Zumindest in der katholischen Welt. 359.338 Menschen sind im vergangenen Jahr aus der Kirche ausgetreten. Die Führungsetagen der Bistümer reagieren routiniert. Einmal mehr wird von der tiefen Krise gesprochen, in der die Kirche stecke. Von schmerzhaften Einschnitten. Von tiefer Betroffenheit. Davon, dass man Vertrauen wiedergewinnen müsse. Ein Generalvikar, vielleicht nicht zufällig der aus Köln, wagt sich dann aber – frei nach Peter Handke – an eine Art Publikumsbeschimpfung, indem er zu Protokoll gibt: „Wenn jetzt so viele Menschen gehen, können wir weniger helfen, so wie wir es nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal getan haben. Wenn wir weniger Geld haben, können wir auch weniger helfen!“ Sich zu fragen, ob das, was seit Jahren an Skandalträchtigem im gut eingerichteten katholischen Paralleluniversum Köln geschieht, nicht einer der Gründe für die weglaufenden Menschen sein könnte, ist dort offensichtlich undenkbar.

Und Jesus? Zweitausend Jahre zuvor hat er ein Konzept entwickelt, um seine Botschaft unter die Leute zu bringen. Und dieses Konzept heißt: „Geht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe!“ Der Anfangsimpuls ist also: Hingehen. Schauen, was ist. Zuhören. Und dann davon sprechen, dass es einen Gott gibt, der deinem Leben Sinn und Richtung geben kann. Eine Vergnügungsreise ist das nicht, denn die Wölfe – offensichtliche Gegner genauso wie im Hinterhalt lauernde Gefahren – gibt es zuhauf. So wie immer, wenn Menschen die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, an dem Friede herrschen soll und Gerechtigkeit und Freiheit.

Ist das nicht alles sehr naiv?, fragt sich so mancher, der weiß, wie die Dinge laufen, zumal in einer modernen Welt wie der unseren. „Nehmt keinen Geldbeutel mit“ – wohin soll das führen? Ursprünglich wollte Jesus damit wohl sagen: „Plane behutsam. Deck dich nicht mit Überflüssigem ein. Werde nicht selbstzufrieden und übersatt, sondern bleib auf dem Weg. Hör nicht auf, neu anzufangen. Und lass dich überraschen von dem, was dir hinter der nächsten Ecke begegnet!“ Für eine Kirche wie die deutsche, die ein Milliardenvermögen ihr Eigen nennt, muss das doch Folgen haben! Was machen wir mit all dem Geld? Was machen wir mit unseren Einrichtungen und Gebäuden? Wozu dient das alles?

An vielen Stellen werden wir sicher sagen können: Das ist gut investiertes Geld! Wir schaffen Räume, an denen Menschen leben, ausruhen, sich entwickeln, feiern, trauern und sterben können. Nur festlegen im Sinne von: So muss es bleiben bis in Ewigkeit! – das ist wohl nicht im Sinne des Erfinders. Am Kirchort St. Franziskus buchstabieren wir das gerade schmerzhaft durch. Denn wir müssen uns ganz konkret fragen: Was machen wir mit diesem Ort? Welche Wege müssen wir einschlagen, damit hier etwas entstehen kann, das mehr ist als ein Baudenkmal? „Nehmt keinen Geldbeutel mit!“ – das heißt für uns, sich der Frage zu stellen: Wohin geht die Reise, wenn alte Konzepte nicht mehr tragen? Denn da das offensichtlich so ist, müssen wir uns auf die Suche machen nach dem, was heute an diesem Ort und für die Menschen, die dort leben, gebraucht wird.

Mit anderen Worten: Wir müssen neu lernen umzusetzen, womit Jesus die 72 Jüngerinnen und Jünger damals beauftragt hat: „Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist euch nahe!“ Was kann dies anderes bedeuten als: „Lasst die Menschen spüren: Auch wenn du am Ende bist, auch wenn dir Hören und Sehen vergangen ist, auch wenn dich das Leben sprachlos gemacht hat, auch wenn deine Schmerzen übergroß sind, die körperlichen genauso wie die seelischen – auch wenn das alles so ist: Hör nicht auf zu vertrauen! Vertraue, dass da dein Gott ist, der sich um dich sorgt wie ein guter Vater und eine liebende Mutter!“ Das ist der Weg der Kirche in die Zukunft!

Und die, die gegangen sind? Was ist mit den 359.338 Menschen, die die Kirche verlassen haben? Neben denen, die sagen: „Was soll ich bleiben? Es bedeutet mir nichts oder nichts mehr!“, gibt es jene, die gehen, weil sie so sehr an all den Vorgängen leiden, an all dem Hochmut, an all der Ignoranz, die sie erlebt haben – und dadurch ihre Beziehung zu Gott gefährdet sehen. Nicht nur einer hat mir gesagt: „Wissen Sie, ich gehe, damit ich nicht auch noch meinen Glauben verliere!“ Helfen wir einander, dass es bei uns nicht mehr so weit kommen muss. Helfen wir einander, dass Menschen die Erfahrung machen können: Hier darf ich sein. Hier kann ich glauben. Hier kann ich leben. Und frei atmen. Ich glaube, so hatte sich Jesus das mal gedacht.

Alexander Bergel
3. Juli
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Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 9,51-62

Der Blick zurück – hilft der weiter? Manchmal erinnere ich mich ganz gerne an das, was war. Denn immerhin gehört die Vergangenheit ja auch zu mir. Die Menschen, die mir begegnet sind, die mich vielleicht sogar geprägt haben. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, auch die Fehler. Zeiten und Orte, Träume und Sehnsüchte, Unsicherheit und Schmerz – all das gehört dazu. Wird immer dazu gehören. Und lässt mich verstehen, wer ich bin. Und wie die Welt ist. Und auch, wie ich Gott erlebt habe. Mal ganz offensichtlich. Mal verborgen. Mal war er mir ganz nahe. Mal sehr fremd.

Und dann kommt Jesus mit diesem Wort: „Keiner, der nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“ Der Blick Jesu geht nach vorne. Immer nach vorne. „Schau die Welt an, wie sie ist, nicht wie sie war!“, scheint er allen zuzurufen, die fasziniert sind von seinem Weg. „Halte dich nicht fest an dem, was dich geprägt hat. Halte dich nicht fest an Menschen, denen du begegnet bist. Halt dich nicht fest an deinen Wunden, an deinem Schmerz. Halte dich auch nicht fest an dem, was mal wichtig war, aber vergangen ist. Halte dich nicht fest an deinen geordneten Strukturen, die dir Sicherheit geben sollen. Lass sie los. Suche deine Sicherheit woanders!“

„Aber wo – wo können wir denn finden, was uns trägt?“, mag da mancher vorsichtig nachfragen wollen, „wo, Jesus, wo finden wir das, was uns leben lässt?“ Vielleicht würde er antworten: „Ich kann dir nichts anbieten, was dir die Sicherheit gibt, die du kennst. Was ich dir anbieten kann – das bin ich! Aber bedenke: Wo ich bin, da ist immer der Weg unter den Füßen. Wo ich bin, da liegen die Hände selten im Schoß. Meist sind sie dabei, sich schmutzig zu machen, weil sie anpacken. Wo ich bin, da sind immer Menschen, die deine Hilfe brauchen. Die dir aber oft auch selbst zur Hilfe werden. Wo ich bin, da ist immer Kraft und Leidenschaft für das Reich meines Vaters. Wo ich bin, da ist Zeit für Träume und Visionen. Aber das bedeutet keine Flucht vor der Realität, kein: ‚Ich würde ja, ich könnte ja, man müsste mal, aber …‘ Wo ich bin, da bist du gefragt. Und wo ich bin – da bist du nie allein!“

So stelle ich mir vor, könnte Jesus dem antworten, der fragt, ob der Blick zurück nicht auch wichtig ist. Die Erinnerung, sie hilft mir doch zu verstehen, warum ich so bin, wie ich bin. Warum die Kirche so ist, wie sie ist. Warum die Welt sich so zeigt, wie sie sich zeigt. Aber wer dabei stehen bleibt, der darf sich auch nicht wundern, wenn es nicht weitergeht. Genau das aber ist es, was Jesus will, was er gelebt hat. Und mit ihm die vielen prophetischen Menschen aller Zeiten, Männer und Frauen, die sich haben beunruhigen lassen von den Ungerechtigkeiten dieser Welt, von Unfreiheit und Hass. Nur wer sich beunruhigen lässt, wird die Dinge ändern können und dabei helfen, dass die Ideen des Mannes aus Nazareth keine Ideen bleiben, sondern Hand und Fuß bekommen.

Denn nur so wird das Wirklichkeit – immer mehr, immer konkreter, immer erfahrbarer –, worum Jesus damals geworben hat, wofür er viel Unverständnis geerntet und womit er viele auch maßlos überfordert hat. Und wir? Ja, das ist die Frage. Wir – mit all unserer eigenen Überforderung, mit all unseren Bedenken, mit all unserer Furcht auch vor dem, was das konkret für uns bedeuten könnte –, wir könnten trotz alledem den Pflug in die Hand nehmen und mit ihm die Zukunft, unsere eigene, die der Kirche und die der Gesellschaft, und – trotz allem, was dagegensprechen mag – einfach losgehen.

Alexander Bergel
26. Juni
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Predigt am Dreifaltigkeitssonntag
zu Joh 16,12-15

Dazwischen passt kein Blatt: „Der Geist wird reden, was er hört, und euch verkünden. Er wird mich verherrlichen, denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein.“ Mit anderen Worten: An den dreieinen Gott zu glauben, bedeutet: Daran zu glauben, dass dieser Gott ein Meister ist im Dialog. Gott ist Beziehung. Und Gott schafft Beziehung. Gott hört. Gott teilt sich mit. Gott gibt sich preis. Und schafft so das Leben. Immer neu.

Der Gott, von dem Jesus gesprochen hat, ist kein Gott der Philosophen. Der Gott, von dem er gesprochen hat, ist einer, der sich erfahren lässt. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, genauer: der Gott Abrahams und Saras, der Gott Isaaks und Rebekkas, der Gott Jakobs und seiner Frauen Lea und Rachel, der Gott Israels also, er schafft aus dem Nichts eine ganze Welt. Geleitet sein Volk durch Wüsten hin zu blühenden Gärten. Geht voran und hinterher. Dieser Gott spricht, mal leise, mal laut, immer aber von Herz zu Herz. Seine Kraft ist mitten im Menschen. Und manchmal wird sie sogar handgreiflich, diese Kraft. Das beste Beispiel dafür ist Jesus selbst.

In ihm wird deutlich: Gottes Liebesgedanken haben ein Herz. Und ein Gesicht. Und Hand und Fuß. Gott schaut uns an. In einem Menschen. Meist von unten. Oder mit dem Arm auf unserer Schulter. Von oben herab blickt er nur vom Kreuz. Der Schmerz der ganzen Welt ist aufgehoben bei ihm. Doch nicht nur das. Der Schmerz der ganzen Welt wird auch verwandelt. Denn er, der alles lebendig macht, kann doch seinen Menschensohn nicht im Tode lassen. Er kann doch niemanden, der den Lebensatem in sich trug, im Tode lassen! Keinen Menschensohn und keine Menschentochter. Gottes Geistkraft bläst den Gestank des Todes hinweg. Und wirbelt auch sonst alles kräftig durcheinander. Damit das Leben nicht vergeht.

Was wir heute feiern, ist, daran zu denken, was Menschen erlebt haben und erleben: Ich bin geschaffen. Und geliebt. Ich bin gesehen. Und erlöst. Ich bin getragen. Und gestärkt. Der Gott über mir hat mich gewollt. Der Gott neben mir geht mit mir durch Dick und Dünn. Der Gott in mir hält mich am Leben. Geheimnisvoll – so wie das Leben selbst. Weil Menschen dies erlebt haben, ist es zur Realität geworden. Keine, die sich beweisen ließe. Aber eine, mit der sich leben lässt.

Alexander Bergel
12. Juni
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Predigt an Pfingsten
zu Gen 11,1-9, Apg 2,1-12 und Joh 20,19-23

„Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel. So wollen wir uns einen Namen machen!“ Das ist die Ausgangslage. Kennt man. Menschen machen sich selbst zum Maß aller Dinge. Und wollen es allen zeigen. Der Turm zu Babel erzählt bis heute davon. Wird sich das denn nie ändern? Vermutlich nicht. Aber der, den manche gerne spielen – Gott –, der gibt zwischendurch schon mal eine Antwort: „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ Schluss also mit dem ewigen Gekreise um sich selbst. Schluss mit dem Ausschließen anderer Stimmen. Schluss mit dem wahnsinnigen Blick nach oben, der nur dem eigenen Vorteil gilt.

Pfingsten ist die Antwort Gottes auf die zerstörerische Kraft der Potentaten, der Selbstüberschätzer, der Blender. Der menschlichen Ur-Versuchung, wie sie sich seit Babel in immer neuen Varianten zeigt, dieser Ur-Versuchung begegnet Gott mit einem Spektakel der besonderen Art: Die Kraft aus der Höhe, seine Geistkraft, ja er selbst senkt sich herab in die verkapselten Herzen der Menschen. Er öffnet Augen und Ohren, damit sie die wirkliche Tiefe des Lebens entdecken. Und die findet sich nicht in gewaltiger Höhe. Die findet sich schon gar nicht in den Ellenbogen. Nein: Die Tiefe des Lebens findet der Mensch, der es wagt, dem anderen zu begegnen. Wirklich zu begegnen. Und das kann manchmal ganz schön verstörend sein: „Jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ Das bedeutet doch: Ich lasse mir etwas sagen. Auch wenn es mir fremd vorkommt. Das bedeutet: Ich versuche zu verstehen, was der, was die andere mir sagt. Das bedeutet: Ich darf meine Meinung nicht absolut setzen. Das bedeutet: Niemand weiß alleine, wie das Leben geht. Auch wir nicht.

Pfingsten meint uns. Und deshalb sollten wir vielleicht auch mal unsere Türme zu Babel anschauen. Unsere festgefügten Mauern. Unseren Drang nach oben. Unsere eingeschränkte Sicht. Unsere Allmachtsphantasien. Wenn wir hier und heute um die Kraft aus der Höhe bitten, um den Geist, der unser Herz erfüllt, dann hat das Konsequenzen. Anstrengende, sicher. Aber in erster Linie – das glaube ich ganz fest –, in erster Linie hat das Befreiung und Aufbruch zur Folge. Wir können natürlich immer und immer wieder auf das schauen, was alles nicht mehr geht, was vergangen ist oder dabei ist zu sterben. Wir können traurig sein über den Bedeutungsverlust der Kirche in der Gesellschaft. Aber dann stehen wir wie die Babel-Turm-Erbauer vor unserem Werk und wundern uns, dass uns keiner mehr versteht. Weil die „Menschen da draußen“ nämlich ganz andere Sorgen haben.

Die Pfingstgeschichte – also Gottes Antwort auf alle Resignation, alle Selbstverliebtheit und alle Traurigkeit –, diese Geschichte geht dann weiter, wenn wir danach fragen: Wovon lebe ich? Und: Wovon leben die anderen? Pfingsten wird dann keine phantastische Geschichte bleiben, wenn wir uns aufmachen, nach Spuren Gottes in dieser Welt zu suchen. Wenn wir es wagen, auf das zu hören, was andere uns sagen – und sei das noch so verrückt oder unbequem. Pfingsten wird sich auch 2022 ereignen, wenn ich mich darüber freue, neue Sichtweisen zu bekommen. Pfingsten wird sich ereignen, wenn ich wieder Lust daran finde, Kirche zu sein und zu gestalten. Keinen Turm zu Babel, sondern einen Ort, an dem alle einen Platz finden, die Gott suchen. Denn um den geht es doch zuerst. Um ihn und um die Menschen. Die Menschen in all ihrer Buntheit.

Ganz viel von dem erlebe ich hier bei uns ja schon. Ich erlebe Menschen, die anpacken. Menschen, die sich um Schwache und Bedürftige sorgen. Menschen, die über ihren Glauben sprechen und darum ringen. Menschen, die sich auf neue Formen einlassen und sie ausprobieren. Die Liturgien gestalten und feiern, die zu Herzen gehen. Luft nach oben – klar, die gibt’s immer. Und die Gefahr zu meinen: Läuft doch! Die gibt’s auch. Also: Bleiben wir neugierig. Werden wir noch mutiger. Und schauen wir draußen nach, was es noch zu tun gibt. Richtig – draußen. Dorthin führt der Weg!

Alexander Bergel
5. Juni
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Predigt am 7. Ostersonntag
zu Apg 7,55-60, Offb 22,12-14.16-17.20 und Joh 17,20-26

Er hatte es kommen sehen. Denn er kannte sie genau. Die Menschen. Und was in ihnen ist. Jesus hatte kommen sehen, dass es sehr schwer werden würde, alle unter einen Hut zu bringen. Und so richtet er einen flehentlichen Appell an die Zwölf, die neben ihm am Abendmahlstisch sitzen: „Seid eins. Lass euch nicht auseinandertreiben. Dreht euch nicht um euch selbst. Schaut auf das, was ich euch gegeben habe!“ Was daraus geworden ist? Wir wissen es. Eine geteilte und zerrissene Kirche. Ein Gegeneinander von Gruppen und Richtungen, von denen alle wissen, wie es am besten geht. Und so streiten die einen mit den anderen, bekämpfen die stärkeren Rechtgläubigen die schwächeren Rechtgläubigen, führt ein Religionskrieg in den nächsten.

Vielleicht sind die Zeiten, in denen wir leben, ganz heilsam für die Kirche. Fast keinen interessiert es mehr, welche internen Streitigkeiten zum Ausbilden der einzelnen Konfessionen geführt haben oder wie genau Luther damals dieses gemeint und der Papst jenes missverstanden hat. Es ist vorbei. Für die Kirche und ihre Fachprobleme interessiert sich einfach keiner mehr. Und wenn doch, dann für die Abgründe, für die Verbrechen, die in den Kirchen geschehen sind. Es gab Zeiten, da war die Botschaft Jesu so faszinierend, so strahlend, so revolutionär, dass Menschen unbedingt dazu gehören wollten. Es gab Zeiten, da waren Menschen so begeistert von diesem Jesus, so voller Kraft und Hoffnung, dass sie alles zu geben bereit waren. Stephanus hat sogar mit seinem Leben dafür bezahlt. Es gab Zeiten, da war die Vision von einer neuen Welt, wie die Johannes-Offenbarung sie zeichnet, so stark, dass Menschen sich davon ergreifen ließen. Ja, diese Zeiten gab es. Und vielleicht – vielleicht gibt es sie irgendwann einmal wieder.

Dann nämlich, wenn die Jesus-Jünger von heute nicht darauf schauen, wer eigentlich mehr Recht hat. Dann, wenn die Jesus-Jünger von heute wieder ihrer Sehnsucht trauen. Dann, wenn die Jesus-Jünger von heute Menschen Lust auf diesen Jesus machen. Dann, wenn die Jesus-Jünger von heute nach dem suchen, was der Geist uns heute sagen will. Nicht gestern oder vorgestern. Sondern heute. Wir müssten vielleicht viel mehr auf das hören, was der andere sagt, was die andere denkt. Wir müssten vielleicht viel mehr auf das schauen, was die Welt heute braucht. Und wir müssten vielleicht  überhaupt mal damit rechnen, dass Gott ganz neue Wege gefunden hat, zu uns zu sprechen, als wir es gewohnt sind. Neue Sprachen. Neue Kraft. Neues Leben. Das kommt ihnen irgendwie bekannt vor? Richtig – das gab es schon mal. Sie wissen schon, damals in Jerusalem: die Sache mit dem Heiligen Geist. So fing das damals alles an. Warum nicht auch heute?

Alexander Bergel
29. Mai
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Predigt am 6. Ostersonntag
zu Apg 15, 1-2.22-29 und Joh 14,23-29

Es hat ordentlich geknallt. Denn es ging ans Eingemachte. „Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden.“ Meint jedenfalls die eine Fraktion. Die andere sagt: „So einfach ist das nicht. Wir müssen neue Wege gehen.“ Die Apostelgeschichte berichtet davon, wie Menschen, die in der Spur Jesu unterwegs sind, nach dem richtigen Weg suchen.

Müssen die alten Regeln für alle gelten, auch für Nichtjuden? Oder sind da Spielräume möglich? Und: Warum gibt es diese Regeln überhaupt? Welchen Sinn haben sie? Und wenn es manchen schwer fällt, darin einen Sinn zu erkennen – gibt es für sie vielleicht die Möglichkeit, auf andere Weise dem Auferstandenen zu folgen? Die Männer und Frauen der ersten Stunde machen es sich nicht leicht. Sie hören aufeinander. Sie streiten. Sie suchen nach Argumenten. Sie bitten Gott um Beistand. Und dann, dann finden sie eine Lösung.

Wie ist das heute mit der Meinungsfindung? In der Kirche: liberal gegen traditionell. In der Politik: links gegen rechts. Im Freundes- und Bekanntenkreis: meine Meinung gegen deine Meinung. Geht es ums Argument? Oder nicht doch immer mehr darum, den anderen als Menschen zu diskreditieren? Sind echte Diskussionen überhaupt noch möglich? Oder werden sie immer mehr zur Schlammschlacht?

Wenn Jesus von seinem Frieden spricht, den er uns hinterlassen will, dann meint er wohl keinen faulen Kompromissfrieden, der jede Auseinandersetzung ausklammert. Das wäre das andere Extrem. Wenn Jesus von seinem Frieden spricht, der so anders ist als der, wie die Welt ihn uns gibt, dann meint er vielleicht eher einen Frieden, der die Herzen so anrührt, dass es nicht darum geht, wer am Ende gewinnt, sondern darum, am Ende noch in den Spiegel schauen zu können.

Weil ich meine Meinung nicht absolut setze. Weil ich nicht um jeden Preis gewinnen will. Weil ich nicht mein Selbstwertgefühl davon abhängig mache, wie mächtig ich bin. Vielleicht müsste man sich das mal wieder fragen: Wenn ich in den Spiegel schaue – wen sehe ich da eigentlich?

Alexander Bergel
22. Mai
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Predigt am 4. Ostersonntag
zu Joh 10,27-30

Wir müssen uns nichts vormachen: Die guten alten Zeiten sind vorbei. Doch bevor sich Wehmut regt oder innerer Widerstand, seien wir doch ehrlich: Die guten alten Zeiten – die gab es eigentlich nie. Wenn ich mit alten Leuten spreche, na klar, dann ist die Erinnerung manchmal so präsent, dass man schon wehmütig werden kann: Früher, ja, da waren die Kirchen voll. Da gab es große Gruppen, Feste und Fahrten, viel Gemeinsames, ähnliche Interessen. Man wusste, was zu tun war. Und die Verantwortlichen, der Pastor, die Gemeindeschwester, die waren immer da. Man kannte sich. Und heute?

Szenenwechsel. „Meine Schafe hören auf meine Stimme: Ich kenne sie und sie folgen mir.“ Dieses Jesus-Wort, es fasziniert bis heute. Und mit ihm die Verheißung, ja mehr noch, das Versprechen: Da ist einer, der mich kennt. Der mich sieht. Der um mich weiß. Jesus war einer, der den Menschen ganz nahekam. Der wusste, was sie brauchen. Der mit ihnen Wege ging. Wenn uns dieses Bild bis heute fasziniert, dann wohl deshalb, weil es unsere tiefe Sehnsucht nach Heimat anrührt.

Ist es das, was viele heutzutage so vermissen? Dass da keine einheitliche Gruppe mehr ist? Dass da keiner mehr sofort weiß, wer ich bin, wo mir der Schuh drückt? Vermutlich ist das so. Andererseits – und auch das gehört zur „guten alten Zeit“ – andererseits hat dieses klar strukturierte Miteinander auch immer wieder zu einer Enge und Starrheit geführt, die eigene Wege oft unmöglich gemacht haben: „Wir machen das hier aber so. Und das war immer sehr schön!“

Wenn Jesus sagt: „Ich kenne die Meinen!“ – dann ist das ein Auftrag an alle, die in seiner Spur unterwegs sind. Ein Auftrag, sich diese Haltung zu eigen zu machen. Und das bedeutet vor allem: zu schauen, was die Menschen heute brauchen. Die, die noch kommen. Und die, die nicht mehr da sind. Unsere Gemeinde wird dann eine Zukunft haben, wenn wir nah dran sind an dem, was die Menschen in unseren Stadtteilen brauchen. Wenn sie bei uns etwas finden, das ihnen Kraft zum Leben gibt. Ein erster Schritt wäre vielleicht mal zu überlegen: Was weiß ich eigentlich von den Menschen, die Sonntag für Sonntag mit mir hier in der Kirche sitzen?

Alexander Bergel
8. Mai
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Predigt am 3. Ostersonntag
zu Joh 21,1-14

Sieben Männer am See. Dort also, wo sie sich auskannten. Endlich wieder! Zu viel war auch geschehen. Der, auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, war tot. Was macht man, wenn ein Projekt gescheitert ist? Viele sagen dann: Ich geh zurück. Zurück in die vertraute Umgebung. Zu vertrauten Menschen. Zurück in vertraute Muster. Das muss nicht falsch sein. Aber darin liegt auch eine Gefahr. Beides begegnet uns am See von Tiberias. Und vermutlich auch in unserem eigenen Leben.

Sie hatten es doch wirklich gewagt: Petrus und Thomas, Natanael, die Zebedäussöhne und noch zwei weitere seiner Jünger. Sie waren Jesus gefolgt. Hatten alles stehen und liegen gelassen. Hatten gesehen, wie er Menschen berührt und geheilt, sie alle in Frage und manche der Drangsalierten und Ignorierten in die Mitte gestellt hatte: Frauen und Kinder und die vielen anderen Schutz- und Rechtlosen seiner Zeit. Genau das – und vor allem, dass Jesus all das mit Gott in Verbindung bringt – hatte ihn das Leben gekostet. Sein Lebensprojekt war gescheitert. Und sie mit ihm. Oder doch nicht?

Jesus war von den Toten auferstanden. Was erst nur als Weibergeschwätz verunglimpft wurde, hatte zu einer realen Begegnung mit dem Auferstandenen geführt. Thomas, der all das massiv in Frage gestellt hatte, wurde im Innersten erschüttert, als er Jesus an seinen Wunden erkannte. Aber dann fing der Alltag doch wieder an. Jesus war nicht mehr so da, wie sie es gewohnt waren. War es vielleicht doch alles nur Einbildung? Mehr Wunsch als Realität? Was also sollten sie noch tun in Jerusalem? In jener Stadt, die so voller Sehnsucht nach Frieden und Leben ist, dass es sich bis heute spüren lässt. In jener Stadt aber, vor deren Toren der Friedensfürst sein Ende fand.

Also zurück in die Heimat. Vielleicht, so hatten sich die sieben Männer damals gedacht, vielleicht brauchen wir nur etwas Ruhe. Vielleicht brauchen wir den alten bekannten Rahmen. Vielleicht, wenn wir erstmal wieder in der Spur sind, vielleicht findet sich dann alles wie von selbst. Und genauso war es dann auch. Sie gehen fischen. Aber sie fangen – nichts. Erst als da einer kommt und für einen neuen Blick auf die alten Dinge sorgt, erst dann geschieht das Wunderbare: Fische ohne Ende! Und in all dem diese Spannung: Ist er es vielleicht wieder? Keiner traut sich, dem Gedanken bis zum Ende zu folgen. Nur der, der mit den Augen der Liebe auf alles blickt, der erkennt: „Es ist der Herr!“

Dem Auferstandenen zu folgen ist keine einfache Sache. Zu stark sind die Argumente dagegen. Zu groß die Verunsicherung. Zu mächtig die alten bekannten Bahnen. Die Begegnung der sieben Männer am See von Tiberias zeigt mir aber, dass es gehen kann. Dass es gehen kann, Ostern mitten im zermürbenden täglichen Allerlei zu erleben. Wenn ich das, was ich tue, nicht verbissen mache, sondern den Rahmen, den mir das Leben bietet oder die Umstände gewähren oder die Tradition empfiehlt, wenn ich all das als das nehme, was es ist: als Hilfe dabei, meinen eigenen Weg zu finden – dann kann ich auf dieser Grundlage auch neue Schritte wagen.

Dann entdecke ich plötzlich eine neue Sicht auf die alten Dinge. Dann erkenne ich in einem Frühstück nicht nur Fisch und Brot, sondern ein Geschenk, das mir das Herz erwärmt. Dann bekomme ich vielleicht nicht auf alles sofort eine Antwort. Aber ich spüre: Das alles hier, das ist kein Märchen. Auch keine Vertröstung. Nein, es ist vielmehr das Angebot eines Menschen, in dem Gott sich ganz auf unsere Seite gestellt hat, um an den Herausforderungen und Widrigkeiten dieses Lebens nicht zu zerbrechen, sich von ihnen nicht in die Enge führen zu lassen, sondern ermutigt und gestärkt nach vorne zu schauen.

Wenn ich diesen Schritt wage – weg aus dem, was mich an die Vergangenheit kettet, weg von dem, was immer schon so war, weg von dem, wo ich mich nicht traue, anders zu sein, weg von dem, wo die Enge dominiert, nicht die Weite – wenn ich diesen Schritt wage, dann hat das Leben eine Chance. Was aussieht wie ein Sonnenaufgangsidyll mit Picknick am Stand, das ist in Wahrheit ein Aufstand gegen den Tod. Gegen den Tod mitten im Leben.

Alexander Bergel
1. Mai
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Gebet, Musik & Poesie

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»Weib, was weinest du?« Einer der berührendsten Gesänge zum Osterfest.

Es gäbe sicher nach wie vor so manches, was nicht nur Frauen in dieser Kirche zu beweinen hätten. Aber es gab und es gibt sie dennoch immer noch: die Verkünderinnen dieser einen unglaublichen Botschaft. Sollte deren Kraft, die schon einmal nicht nur Felsen vor Grabhöhlen in Bewegung brachte, nicht auch heute Steine wegzuräumen in der Lage sein?

Den Gesang aus den Osterdialogen von Heinrich Schütz können Sie hier hören.
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Ich konnte keinen Schlaf mehr finden.
Wenn ich wenigstens zum Grab gehen könnte.
Aber die Wachsoldaten.
Oder nach Golgotha, der Blutspur nach.
Oder zu Josef oder zu Nikodemus.
Irgendwohin.
Was tun mit dem ganzen langen Schabbat?

Ich saß so da und dachte nichts als: Er ist fort. Er ist tot.
Fort und tot.
So jung noch. Und schön.
Und jetzt beginnt dann die Verwesung.
Wenn ich doch mein letztes Fläschchen von dem Königsöl
über ihn hätte ausgießen können,
über sein Gesicht,
das so blutig war,
das eine Auge verletzt und verklebt,
nie mehr werde ich dieses Gesicht sehen.

So versunken in meine Trauerqual war ich,
dass es mir kein Trost war zu denken:
Er hat gesagt, drei Tage,
dann das Wiedersehen.

Nein, nein, das hatte er nicht wörtlich gemeint.
Drei Tage, wie lang war das für ihn?
Zähl nicht nach Tagen, Mirjam,
zähl wie ich in Äonen.
Und das Wiedersehen:
wo denn, wie denn?
Nein, das war alles kein Balken, an dem ich mich halten konnte.

Nach und nach wachten alle auf.
Veronika brachte uns das vorbereitete Schabbatmahl.
Man aß aus Höflichkeit ein paar Bissen.
Schimon schlief und war nicht zu wecken.
Jeschuas Mutter sagte: Jochanan,
bete alle Psalmen, die du im Gedächtnis hast.
So begann er von Anfang:
Selig der Mann, der nicht im Rat der Gottlosen wandelt…
Wenn er nicht mehr weiterwusste,
sprang einer von uns ein.
So beteten und beteten wir,
und der Tag nahm kein Ende,
und das Gebet war kein Trost.
Ein Tag aus Blei.

Wieso sprach niemand unter uns
von Wiedersehen und Wiederkommen?
Niemand von Zukunft?
Nicht vom morgigen Tag;
nicht davon, was nun weiter aus uns würde?

Die Zeit war mit dem Messer durchgeschnitten.
Konnte überhaupt noch Zeit sein?
Hat ER nicht alles mit sich genommen,
was uns zu gehören schien?
Auch das Licht war fort, es war gewittrig und dunkel.

Dieser Tag war schlimmer als der vorhergehende.
Da war Aufregung gewesen,
da geschah etwas,
Schlimmes und Entsetzliches,
aber es bewegte sich etwas.

Jetzt aber: wir saßen wie Schatten in der Unterwelt,
und als es draußen vollends dunkel wurde,
schliefen wir wieder ein.
Was sonst konnten wir tun?

Später dachte ich im Zurückerinnern:
so lebt man im Schattenreich,
wo die Sonne nie scheint.
Noch später dachte ich:
so lebt man ohne ihn.

Luise Rinser
Mirjam
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Wie konnte das gescheh’n?
Ich kann es nicht versteh’n!
Warum bist du jetzt fort?

Ich kann dich in mir hören,
es ist als wärest du noch hier.
Ich bin bei dir,

doch du bist nicht da.
Wo bist du hingegangen?
Und kommst du jemals wieder?

Wohin bist du gegangen?

Martin Holtgrewe
16. April
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Ich denk‘, ich schreib‘ euch besser schon beizeiten
Und sag‘ euch heute schon endgültig ab
Ihr braucht nicht lange Listen auszubreiten
Um zu sehen, dass ich auch zwei Söhne hab‘!

Ich lieb‘ die beiden, das will ich euch sagen
Mehr als mein Leben, als mein Augenlicht
Und die, die werden keine Waffen tragen!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Ich habe sie die Achtung vor dem Leben
Vor jeder Kreatur als höchsten Wert
Ich habe sie Erbarmen und Vergeben
Und wo immer es ging, lieben gelehrt!

Nun werdet ihr sie nicht mit Hass verderben
Keine Ziele und keine Ehre, keine Pflicht
Sind’s wert, dafür zu töten und zu sterben
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Ganz sicher nicht für euch hat ihre Mutter
Sie unter Schmerzen auf die Welt gebracht
Nicht für euch und nicht als Kanonenfutter
Nicht für euch hab‘ ich manche Fiebernacht

Verzweifelt an dem kleinen Bett gestanden
Und kühlt‘ ein kleines glühendes Gesicht
Bis wir in der Erschöpfung Ruhe fanden
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Sie werden nicht in Reih‘ und Glied marschieren
Nicht durchhalten, nicht kämpfen bis zuletzt
Auf einem gottverlass’nen Feld erfrieren
Während ihr euch in weiche Kissen setzt!

Die Kinder schützen vor allen Gefahren
Ist doch meine verdammte Vaterpflicht
Und das heißt auch, sie vor euch zu bewahren!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Ich werde sie den Ungehorsam lehren
Den Widerstand und die Unbeugsamkeit
Gegen jeden Befehl aufzubegehren
Und nicht zu buckeln vor der Obrigkeit!

Ich werd‘ sie lehr’n, den eig’nen Weg zu gehen
Vor keinem Popanz, keinem Weltgericht
Vor keinem als sich selber g’radzustehen!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Und eher werde ich mit ihnen fliehen
Als dass ihr sie zu euren Knechten macht
Eher mit ihnen in die Fremde ziehen
In Armut und wie Diebe in der Nacht!

Wir haben nur dies eine kurze Leben
Ich schwör’s und sag’s euch g’rade ins Gesicht:
Sie werden es für euren Wahn nicht geben!
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!

Reinhard Mey

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Zum Video von Reinhard Mey and friends kommen Sie hier
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Gott,

wie zerbrechlich unsere Sicherheiten sind,
wie gefährdet unsere Ordnungen,
das erleben wir in diesen Tagen.

Wer sieht uns mit unserer Hilflosigkeit und Angst?

Wütend und fassungslos erleben wir,
wie Machthaber die Freiheit und das Leben vieler Menschen gefährden.
Wie am Rand Europas ein Krieg beginnt.
Was geschieht als Nächstes?
Welchen Informationen können wir trauen?
Was könnten wir tun, das helfen oder etwas bewegen würde?

Sieh du die Not.
Sieh unsere Angst.

Wie so viele suchen wir Zuflucht bei dir und Schutz,
innere Ruhe und einen Grund für unsere Hoffnung.
Wir bringen dir unsere Sorgen.
Wir bitten dich für die, die um ihr Leben fürchten,
und für die, die sich beharrlich für friedliche Lösungen einsetzen.

Höre uns, Gott …

EKD
24. Februar
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Ein Sehnsuchtslied – hier können Sie es hören.
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Ich bin, was ich bin
Ein LGBTIQ+ Psalm (aber nicht nur)

Ich danke Dir, Ewiger, dass ich so bin, wie ich bin,
und nicht so, wie manche mich gerne hätten.

Von Beginn aller Zeit hast Du mich gedacht und gewollt,
eine Facette bin ich Deiner bunten, lebendigen Schöpfung.

Als Dein Ebenbild hast Du den Menschen geschaffen,
Du, der du das Leben selbst bist in all seiner Fülle.

In dir pulsiert die Liebe in all ihren Formen,
ein ewiger Quell, der niemals versiegt.

Du willst seit Urzeit, dass es gibt, was es gibt,
die Schranken und Grenzen hast Du nicht gemacht.

Das Wort Ebenbild legten die Saftlosen in kalt-eiserne Ketten,
die Flügel der Liebe wollten sie kürzen durch ihre Gesetze.

Doch sie erhebt sich immer wieder, lässt sich nicht zähmen,
unablässig verteilt sie sich in die Herzen der Menschen.

Ihre Funken sprühen, wenn zwei Münder sich finden,
zwei Seelen den Gleichtakt erkennen, das ergänzende Du.

Wenn eine Frau einen Mann liebt und ein Mann eine Frau,
wenn ein Mann einen Mann liebt und eine Frau eine Frau,

tanzt die Liebe Pirouetten mit kraftvoller Leidenschaft,
wenn ein Mensch einen Menschen liebt, so wie er ist.

Wenn ein Mensch Körper und Seele in sich versöhnt,
wenn ein Mann sich als Frau fühlt und eine Frau sich als Mann,

fährt die Liebe tollkühn in den Mut sich offen zu zeigen,
wenn ein Mensch sich sucht und sich endlich dann findet.

Sie alle preisen Dich Ewiger durch ihr farbiges Leben,
Du würdigst die Vielfalt durch Deinen stärkenden Segen.

Doch immer noch leiden Menschen nur weil sie lieben,
man sperrt sie in Kerker, quält sie, will ihren Tod.

Leg ihren Jägern und Richtern ihr übles Handwerk,
vor Scham vergehen sollen sie, verstummen für immer.

Meine Hoffnung setze ich auf Dich Ewiger, Fülle des Lebens,
nicht nur träumen will ich, was ich sehnlichst erwarte:

die Engherzigen werden nicht siegen mit ihrer Verachtung,
ihr Gift verliert seine Kraft, ihr Spott verwundet nicht mehr.

Begeistert erstrahlen sollen alle mit glänzenden Augen,
die Hand in Hand sich gefunden auf ihrem eigenen Weg.

Ihre zärtliche Liebe preist Dich, übersteigt alle Normen,
divers sind Deine Ebenbilder, keins gleicht dem anderen.

Unverwechselbar hast Du, das Leben, alle geschaffen,
ein kostbares Original bin ich mit meinen Ecken und Kanten.

Ich danke Dir Ewiger, dass ich so bin, wie ich bin,
und immer mehr werde, der ich sein darf vor Dir.

Stephan Wahle
6. Februar
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Ein Klassiker zu Epiphanie.
Hier können Sie ihn hören.
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Ein kleines musikalisches Juwel – entstanden in unserer Gemeinde.
Hier können Sie es hören.
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Schaukasten-Gedanken

… können für einen kurzen Augenblick ansprechen oder irritieren
oder einfach nur Freude bereiten.

Hier finden Sie die schönsten Exemplare, die vor unseren Kirchen hängen,
zum Anklicken.
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