Predigten – Archiv2021-07-31T10:46:29+02:00
Kreuzweg

Predigten – Archiv

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Predigt am 18. Sonntag im Jahreskreis
zu Joh 6,24-35

„Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.“ Man mag es den Leuten irgendwie nicht übelnehmen. Wer geht auch nicht gerne dorthin, wo es was umsonst gibt? Aber dann kam er wieder, der Hunger. Und die Brote waren weg. Also aufs Neue: „Jesus, gib uns zu essen!“ Nur – der ist auch weg. Denn das, was er eigentlich wollte, hatten sie nicht verstanden. Lang ist das her. Aber es passiert jeden Tag. Ein junger Mann beschreibt es so:

Ich schaue auf die Uhr. Es ist 12.30 Uhr – Mittagszeit. Instinktiv zieht es mich in Richtung Kühlschrank, obwohl ich weder Hunger noch Appetit verspüre. „Man isst um diese Zeit!“ ermuntere ich mich und öffne die Kühlschranktür. „Was gibt es heute zu essen?“ frage ich mich selbst und greife zum Käse. „Käsebrot“, beschließe ich. „Das geht schnell, und ich muss nachher nicht großartig spülen.“

Schneide eine Ecke vom Käse ab und beiße gierig hinein. „Scheinbar habe ich doch Hunger!“ Das Brot aus dem Brotkorb ist hart und trocken. „Klar, ich war ja in den letzten Tagen viel unterwegs und habe oft auswärts gegessen.“ Ich versuche trotzdem, eine Scheibe abzuschneiden. Einen Moment lang überlege ich, ob ich mich zum Essen an den Tisch setzen soll. „Wozu denn eigentlich? Ist doch eh keiner da, mit dem ich reden könnte!“

Plötzlich wird mir der Sinn meiner Worte bewusst. Betroffen setze ich mich auf den Stuhl, kaue langsam auf dem harten Brot herum und stiere vor mich hin. Ruhig ist es! Zu ruhig. Ich ertrage die Stille nicht. Mein Mittagessen will gar nicht schmecken. „Es gibt nichts Schlimmeres, als alleine zu essen!“ Denke ich und schalte den Fernseher ein, der neben meinem Esstisch steht (zitiert nach: Werkbrief für die Landjugend, Liturgische Arbeitshilfen IV, München 2000).

Hunger im Jahr 2021. So beschreibt es ein junger Mann. Oder eine alte Frau? Hunger. Plus die Sehnsucht nach einem, der ihn stillt. Womit? Ja – womit bloß? „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern. Und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ Ob das wohl stimmt?

Alexander Bergel
1. August
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Predigt am 17. Sonntag im Jahreskreis
zu Joh 6,1-15

Eine wunderbare Geschichte. Ganz klar. Sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Jesus bekommt eine ganze Menschenmenge satt – wunderbarer geht es kaum! Das bringt den Verstand an seine Grenzen und macht das Herz unruhig. Also müssen Deutungen her. Mindestens zwei sind schon vorhanden – nicht mehr ganz neu, aber erprobt:

Erstens: Gott gibt im Überfluss. Jesus will ein Zeichen tun, um Gottes Reich erfahrbar werden zu lassen. Jesus stillt den Hunger. Den Hunger nach Brot, den Hunger nach Liebe, den Hunger nach Leben. So viel zur Theorie. Aber Sie könnten einwenden: Schön, dass der Gottessohn das alles tut. Doch wo tut er es bei mir? Was macht er aus meinen fünf Broten und zwei Fischen? Ich würde vermutlich mehr Fragen provozieren als Antworten geben.

Daher ist Möglichkeit zwei verlockend: Ich fordere Sie auf: Machen Sie es wie der kleine Junge: „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt!“ Der Kern dieser Botschaft wäre dann: Jesus war ein guter Organisator. Dass er durch ergreifende Reden die Herzen der Menschen zu berühren weiß, ist bekannt. Dann wird er es ja wohl auch schaffen, die Taschen der Leute zu öffnen, so dass durch die Vorräte aller auch wirklich alle satt werden.

Beide Möglichkeiten greifen mir zu kurz. (Obwohl ich glaube, dass beides zur Geschichte gehört.) Daher lade ich Sie ein, sich dieser vertrauten Erzählung einmal ganz persönlich zu nähern. Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit. Hier und jetzt. Kommen Sie mit Gott ins Gespräch.  Nur Sie und er. Niemand stört. Hören Sie auf das, was er Ihnen heute sagen will! Wenn Sie gerade nicht so genau wissen, worüber Sie mit ihm sprechen sollen, helfen Ihnen vielleicht diese drei Fragen:

Wonach habe ich wirklich Hunger?
Hat Gott es schon mal geschafft, mich satt zu kriegen?
Erlebe ich die Kommunion als eine seiner Antworten auf meinen Hunger?

Sie haben Recht – das geht ganz schön ans Eingemachte! Aber dafür sind wir doch auch hier, oder?

Alexander Bergel
25. Juli
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Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 6,30-34

„In jener Zeit versammelten sich die Apostel, die Jesus ausgesandt hatte, wieder bei ihm und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.“ Was werden sie ihm wohl berichtet haben, die Zwölf? Konnten sie erzählen vom Leben der Menschen, denen sie begegnet sind? Waren ihnen die Sorgen der Leute zu Herzen gegangen? Haben sie die strahlenden Augen junger Eltern, die schwieligen Hände der Alten, die Wunden der Kranken angerührt? Wir wissen es nicht. Aber dazu hatte er sie ausgesandt, dieser Jesus. Sagt er ja selbst von sich: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich!“

Jesus sieht in den Vielen, die ihm begegnen, keine zu missionierende Masse, kein Heer von Nummern. Im Gegenteil: Er wendet sich immer wieder einzelnen zu. Berührt sie. Nennt sie beim Namen. Lässt sich von ihrem Leid, ihrem Glück bewegen. Jesus sucht ihre Nähe. Und das erwartet er offensichtlich auch von denen, die in seine Fußstapfen treten. Damals waren es die Zwölf. Heute sind wir es. Auch wir haben uns anrühren lassen von dem Mann aus Nazareth. Sonst wären wir nicht hier. Auch uns hat er beim Namen gerufen. Auch uns will er zärtlich begegnen. Auch mit uns will er weinen. Auch mit uns will er sich freuen. Auch uns will er den Weg zeigen zu einem erfüllten Leben. Aber auch uns braucht er, um all das zu tun. Denn er hat keine Hände als die unseren.

Wer sich von Jesus, von seiner Liebe zu den Menschen ergreifen lässt, der wird nicht drumherum kommen, im Nächsten das Gesicht Jesu zu erkennen. Was aber streckt hinter diesem Gesicht? Immer ein Mensch. Ein Mensch mit seiner Geschichte. Mit seinen Liebenswürdigkeiten und Skurrilitäten. Ein Mensch mit Launen und Bösartigkeiten. Ein Mensch mit Herzenswärme und Gefühlskälte. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Immer aber ein liebenswürdiger Mensch. Wie weit blicken wir jedoch unter die Oberfläche? Machen wir uns die Mühe, hinter der Fassade den wirklichen Nachbarn, die wirkliche Kollegin, den Bekannten, die Freundin, machen wir uns die Mühe, hinter all dem Äußerlichen den wirklichen Menschen zu erkennen?

Alexander Bergel
18. Juli
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Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis
zu Am 7,12-15 und Mk 6,7-13

Irgendetwas musste passiert sein. „Geh, Seher, flüchte ins Land Juda! Iss dort dein Brot, und tritt dort als Prophet auf! In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden.“ Hatte er es tatsächlich gewagt, die Ordnung zu stören: das fein austarierte Gleichgewicht von „Das machen wir hier aber so!“ und „Jeder ist seines Glückes Schmied!“?

Sollte er wirklich die Mächtigen hinterfragt haben? Fühlten die sich gar in die Enge getrieben? Von so einem? „Amos antwortete Amazja: Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ein Viehzüchter, und ich ziehe Maulbeerfeigen.“ Aha – so einer war das. Ein Fachmann im Kultivieren von Maulbeefeigen. Soso …

Er hätte es gemütlicher haben können. Gut versteckt hinter seinen Maulbeefeigenbäumen.Aber irgendetwas war passiert. Und so machte er sich auf, zog uruhig hin und her. Sah vieles und sprach die Dinge an, die ihn störten. Woher er den Mut dazu bekam? „Der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!“ Deshalb also ging er los. Amos, der Prophet. Ohne Schulabschluss, ohne Rhetorikausbildung, ohne Netz und doppelten Boden.

Er ging und eckte an. Er ging und machte den Mächtigen die Hölle heiß. Ging und legte den Finger in die Wunde. Ging und litt an der Welt, wie sie war. Ging und hatte eine Ahnung, wie die Welt werden könnte. Ging und wurde verjagt. Ging und kam wieder. Ging und kam bald um den Verstand. Ging und kam immer mehr zu sich selbst. Ging und brachte Gott immer mehr dorthin, wo er hin gehört: mitten in die Welt – damit sie endlich anfängt, eine heile Welt zu werden.

So fing es an – damals mit Amos, dem Maulbeerfeigenzüchter, von dem Gott glaubte, er gebe einen ganz guten Propheten ab. So fing es an. Und so ging es weiter: 700 Jahre später mit Jesus und den Zwölfen, die nicht mehr alleine los mussten, sondern zu zweit. Um Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben und andere Dinge zu tun, von denen jeder vernünftige Mensch sagen würde: Wie soll das gehen? Wieder sind 2000 Jahre vergangen. Amos ist längst Geschichte, die Apostel stehen gemütlich auf ihren Sockeln – aber die Welt wartet immer noch auf Menschen, die nicht nur reden, sondern handeln. Was meinen Sie: Könnten wir das sein?

Alexander Bergel
11. Juli
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Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis

zu Mk 6,1b-6

Propheten haben es schwer. Schon immer. Weil sie unbequem sind. Weil sie Sand ins Getriebe streuen. Weil sie zum Nachdenken anregen und ihren Finger immer wieder in die Wunde legen. Und so lässt man sie reden, die Propheten aller Zeiten. Oder schickt sie weg. Macht sich lustig über sie. Oder sagt ihnen recht deutlich: „Du, wir wissen, wo du herkommst. Spiel dich mal nicht so auf!“

Manche Propheten landen in der Wüste und wünschen sich den Tod. Andere werden in einen Brunnen geschmissen oder verjagt oder getötet oder von der Gesellschaft isoliert. Die Bibel ist voller solcher Geschichten. Geschichten mit großem Mitleidsfaktor: „Ach, die Armen.“ Bedauernswert, sicher. Aber Gott sei Dank ist das alles lange her. Und stört zum Glück nicht.

Was aber wäre, wenn hier und heute jemand aufsteht und sagt: „Leute, so geht es nicht mehr weiter! Was hat eure Art zu leben noch mit Gott zu tun? Meint ihr, dass so, wie ihr als Gemeinde lebt – mit euren Strukturen, den gefestigten-offiziellen und den geheimen irgendwie gewachsenen –,  meint ihr, dass Jesus sich da wohlfühlen würde? Was ist mit eurem Einsatz für Gerechtigkeit? Was mit eurem Lebensstil? Was ist mit eurem Engagement für eine Botschaft, die nach draußen soll, hin zu den Leuten, die nicht oder nicht mehr kommen?“

Was wäre, wenn wir uns dazu gegenseitig ermutigen würden, wenn wir das, was uns bei der Taufe gesagt wurde: „Mensch, auch du bist Prophetin und Prophet!“, was wäre wohl, wenn wir diese unbequeme Seite des Christseins ernstnähmen? Was wäre wohl, wenn wir losgehen würden, diese Welt zu verändern? Ja, was meinen Sie: Was wäre dann wohl los?

Alexander Bergel
4. Juli
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Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 5,21-43

„Eene meene miste, es rappelt in der Kiste. Eene meene meck – und du bist weg!“ Ein beliebter Abzählreim. Wir alle kennen ihn seit Kindertagen. Glücklich sein darf der, der nicht rausfliegt, sondern weiterkommt. Und am Ende vielleicht sogar der Erste ist oder den Hauptgewinn erhält.

Im aktuellen Fall dürfen wir uns mit gleich zwei Gewinnern freuen: dem toten Mädchen und der kranken Frau. Glück gehabt, dass Jesus gerade vorbei kommt und der Tochter des Jairus sagt: „Steh auf!“ Glück gehabt, dass die Frau, die alles versucht hat, ihren ganzen Mut zusammen nimmt und Jesus berührt – und am Ende geheilt dasteht. Ja, wirklich Glück gehabt. Oder in der Sprache der Bibel gesagt: „Gott hat sich seines Volkes angenommen.“

Es ist schön, das glauben zu können. Noch besser, es zu erfahren. Was aber sage ich Menschen, die dummerweise kein solches Glück hatten? Menschen, die beim gefühlten Abzählspiel rausgefallen sind? Was sage ich Eltern, die ihr totes Kind betrauern müssen? Menschen, die zwar gerne sagen würden: „Gott hat sich seines Volkes angenommen!“ – die aber genau das nicht erfahren haben?

Wenn die Bibel von Totenerweckungen berichtet, dann will sie die Macht Gottes im ganz konkreten Leben zeigen, jene Kraft, die selbst Totes wieder lebendig machen kann. Der Evangelist Markus beschreibt Jesus dabei als einen, der mitfühlt und mitleidet. So sehr hat ihn das Leid des Jairus angerührt, dass er nicht anders kann, als ein Zeichen zu setzen: „Lebe, Mädchen, lebe!“ Und genau das tut es dann auch wirklich wieder!

Wie sehr aber warten Menschen heute auf einen solchen göttlichen Gefühlsausbruch? Nicht nur einmal habe ich vor einem Kindersarg gestanden. Und diese an sich frohe Botschaft der Erweckung des toten Mädchens – nicht verkündet. Weil ich Angst hatte vor den Fragen der Eltern: „Warum nur damals, warum nicht auch heute?“

Je konkreter der Tod wird – ja, je mehr der Tod nicht nur eine Tatsache ist, sondern ein Gesicht bekommt, desto weniger helfen Floskeln, desto weniger reicht die Rede von einem Leben schaffenden Gott. Ich will das spüren, will es erleben. Ich will sagen können: „Gott hat sich seines Volkes angenommen!“

Und dann geschieht es doch immer wieder, dass ich sehr erstaunt bin. Erstaunt, wie gerade Menschen, die tiefes Leid erlebt haben, zu Vertrauenden werden. Nie von jetzt auf gleich. Oft unter Schmerzen. Fast immer im Kampf. Im Kampf mit sich selbst, im Kampf mit wohlmeinenden Ratgebern, im Kampf mit Gott. Viele von Ihnen werden wissen, was ich meine.

Was ist da wohl passiert? Haben solche Menschen ganz tief im Inneren vielleicht doch erfahren, dass Gott sich seines Volkes, dass Gott sich ihrer angenommen hat? Sind die Worte und Zeichen von damals vielleicht doch so stark, dass sie auch heute noch ihre Kraft entfalten?

Alexander Bergel
27. Juni
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Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis
zu Ijob 38,1.8-11 und Mk 4,35-41

Ob sie wohl untergeht? Die Frage ist nicht neu. In den letzten Monaten wurde sie noch öfter, noch offensiver gestellt. Und immer mehr Menschen sagen unumwunden: Ja, das wird sie. Sie wird untergehen, die Kirche. Und dann ist endlich Schluss. Schluss mit all dem, was man schon längst hätte über Bord werfen sollen! – Wie konnte es nur so weit kommen? Wer hat denn so lange so intensiv geschlafen, dass man nicht bemerkt hat, wie sehr das Schiff der Kirche vor dem Kentern steht? Hätte man nicht, müsste man nicht, sollte man nicht?

Damals auf dem See Genezareth, da ging es nicht um eine große Organisation mit Macht und Einfluss. Jesus war mit seinen Jüngern unterwegs. Von einem Ufer zum anderen. Er hatte vom Reich Gottes gesprochen. Davon, wo es zu finden ist – im Kleinen, im Zarten, im Verletzlichen. Er hatte vom Senfkorn gesprochen, aus dem ein großer Baum wird. Von Geduld und Ausdauer. Und vom Warten können. Nun aber waren sie auf dem Weg in eine andere Welt. Andere Menschen, andere Sitten, aber dieselben Probleme, dieselben Fragen: Wie können Menschen heil werden und heil sein? Und wie ist Gott in all dem zu finden?

Es sind Fragen, deren Beantwortung sich wohl jeder wünscht. Aber es gibt keine einfachen Antworten. Für niemanden. Und der Weg dorthin ist selten ein Spaziergang. Wer mit Jesus unterwegs ist, darf nicht mit einem leichten Leben rechnen. Jesus sieht die Not. Jesus wendet sich dem Bedürftigen zu. Fragt ihn, was er braucht. Und ist in diesem einen Augenblick ganz für ihn da. Aber die Welt, die ist, wie sie ist, ändert er nicht mit einem Fingerschnippen. Oder doch? „Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein.“ Die Jünger damals waren außer sich: „Was ist das für ein Mensch, wenn ihm sogar der Sturm gehorcht?“

Ja, das ist die Frage: Was ist das für ein Mensch? Offensichtlich einer, dem man gerne sein Vertrauen schenkt. Einer, der Ruhe in die Sache bringt. Einer, der das Ziel fest im Blick hat. So haben Menschen Jesus nämlich erlebt. Aber er ist kein Zauberer. Keiner, der mir jede Unbequemlichkeit erspart. Und niemand, der mein Leben lebt. Das bleibt das Sperrige an ihm. Und das führt tief in das Geheimnis Gottes. Er, der alles kann, tut oft nichts. Er, der die Welt erschaffen hat, sieht zu, wie sie wieder untergeht. Er, der den Menschen so sehr liebt, wie es immer heißt, lässt ihn sterben. Nicht nur alt und lebenssatt, sondern oft genug auch jung und gezeichnet vom Kampf ums Überleben. Was will Gott denn nun? Warum stillt er manche Stürme, andere hingegen lässt er weiter toben?

Wie auch immer sich das damals am See Genezareth abgespielt haben mag – die Jünger haben in Jesus beides erlebt: den, der nichts tut, und den, der eingreift. Als sich die, die es aufgeschrieben haben, an diese Erfahrung erinnert haben, hatten sie bereits viele weitere Erfahrungen gemacht. Jahrzehnte waren seither vergangen. Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war zu einer festen Größe geworden. Zu einer verfolgten Gemeinschaft. Und zu einer Gemeinschaft, in der unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen herrschten. Da ging es zwischendurch ganz schön zur Sache, die Wellen schlugen hoch. Von außen drohte Gefahr, und innen drohten Konflikte alles zu zerreißen.

Und Jesus, was war mit dem? Man wartete auf seine Wiederkunft. Darauf, dass er den Stürmen klare Ansagen machte. Aber das tat er einfach nicht. Und dennoch, dennoch gab es all die Menschen, die nicht verzweifelt sind. Menschen, die zwar mit der Undurchschaubarkeit Gottes rangen, die sich sorgten um das Boot ihres Lebens und das Boot der Gemeinschaft, das Boot der Kirche also, um das „Schiff, das sich Gemeinde nennt“, und die sich fragten, wo genau Jesus denn darin zu finden sei. Diese Menschen gab es. Und es gibt sie auch heute noch. Menschen, die selbst das Steuer in die Hand nehmen, die das Wasser wieder rauspumpen, die den Kurs variieren und nach neuen Wegen suchen. Es gab sie, diese Menschen. Damals in Israel. Und durch die Jahrhunderte hindurch. Und es gibt sie auch heute noch. Menschen, die vertrauen, dass Jesus mit im Boot sitzt. Egal, was kommt. Und die dem Boot, dem Schiff, das sich Gemeinde nennt, nicht beim Sinken zusehen, sondern an Bord bleiben. Weil sie ahnen – das rettende Ufer erwartet uns.

Dieses Ufer und der Weg dorthin, das wird zwar nicht das Paradies sein. Aber etwas vom Reich Gottes wird sich dort finden lassen. So wie Jesus es gesagt und gezeigt hat. So wie Menschen es immer wieder gesucht und auch gefunden haben. Innerhalb und auch außerhalb der Kirche. Und sie sind fündig geworden. Haben Gottes Gegenwart gespürt. Und entdeckt. Und daran mitgearbeitet, dass die Welt eine bessere wird. Wenn dies das Erkennungsmerkmal der Kirche bleibt oder wieder wird – dann wird sie auch nicht untergehen.

Alexander Bergel
20. Juni
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Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis
zu Ez 17,22-24 und Mk 4,26-34

Ein ganzes Volk sitzt im Exil. Das Leben, wie man es kannte – vorbei. Der Tempel, Gottes Wohnstatt mitten unter den Menschen – ausgeplündert und zerstört. Politik, Handel, Kultur – nichts davon war übriggeblieben. Doch dann, siebzig Jahre waren vergangen – damals wie heute eine unendlich lange Zeit –, macht Israel die Erfahrung: Gott rettet. „Ich nehme ein Stück vom hohen Wipfel der Zeder und pflanze es ein. Einen zarten Zweig aus den obersten Ästen breche ich ab, ich pflanze ihn auf einen hoch aufragenden Berg.“

Ein zarter Zweig ist es. Aus der Spitze. Man mag darin ein Bild sehen für die Führungsetage, die ausgetauscht werden muss, damit ein neuer Anfang möglich wird. In Ordnung. Man kann darin aber auch jene Menschen erkennen, die sich nicht unterkriegen lassen. Menschen, die sich durch allen Schmutz und Dreck hindurch ausstrecken nach dem ganz Anderen, nach Gott. Und die so zu Kündern einer neuen Wirklichkeit werden. Zu Prophetinnen und Propheten.

In Zeiten tiefster Not – im Babylonischen Exil, da, wo nichts mehr so war wie vorher –, in dieser extremen Ausnahmesituation ist ein ganzes Volk neu zu Verstand und neu zu Kräften gekommen. Vielleicht, weil die Menschen sich Fragen gestellt haben: Was trägt unser Leben, dann, wenn alles ins Wanken gerät? Wie lebe ich meinen Glauben, wenn es auf mich ankommt und mir der Tempelkult nicht organisatorisch unter die Arme greift? Wie kann ein neues Verhältnis wachsen zwischen den Berufsreligiösen und dem Volk? Diese Fragen haben Räume eröffnet. Und in diesen Räumen ging der Same Gottes auf. Der Same, von dem auch Jesus spricht.

Ich habe immer mehr den Eindruck, dass auch unsere Kirche auf dem Weg ins Exil ist. Oder schon mittendrin. Alte Sicherheiten tragen nicht mehr. Die Zahlen gehen rapide nach unten. Immer mehr Abgründiges tritt zu Tage. Wir können davor nicht weglaufen. Diese Zeit als Chance zu sehen, fällt vielen schwer. Die einen wollen, dass alles so bleibt und verschließen die Augen. Die anderen lassen all das hinter sich und gehen. Aber die dazwischen, die gibt es auch. Die, die weiterhin Ausschau halten nach Gottes Spuren. Auch im Chaos. Auch im Abbruch. Auch im Niedergang.

Man kann Gott auch außerhalb der verfassten Kirchen finden. Sicher. Vielleicht sogar viel einfacher, weil nicht so viel Gerümpel im Weg steht. Aber ich will mir nicht ausreden lassen, dass es auch innerhalb der Kirche möglich ist, Gott zu begegnen. Denn dafür und zu nichts anderem ist sie da! Sie ist dazu da, Räume zu schaffen, in denen Gotteserfahrungen möglich werden. Räume, in denen Menschen einander beistehen. Und immer tiefer erkennen, worin der Sinn des Lebens bestehen könnte. Israel musste ins Exil. Hat vieles hinter sich gelassen. Und so zu neuer Kraft gefunden. Denn der Kern, der ging auch im Exil nicht verloren. Wie das wohl bei der Kirche ausgeht?

Alexander Bergel
13. Juni
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Predigt an Fronleichnam
zu Lk 9,11b-17

„In jener Zeit redete Jesus zum Volk vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften.“ Wenn man danach fragen würde, wer Jesus eigentlich war und was sein Lebensinhalt gewesen ist, dann reicht eigentlich genau dies: Er sprach vom Reich Gottes und machte alle gesund, die der Heilung bedurften. Alle, die diesem Jesus folgen, müssen das wissen. Und nur wer so lebt und handelt, folgt dem Mann aus Nazareth wirklich.

Szenenwechsel. Am vergangenen Freitag tritt der Erzbischof von München und Freising vor die Kameras und erläutert, was kurz zuvor wie ein Donnerschlag nicht nur durch die katholische Kirche, sondern wohl durch die ganze Republik ging: Marx hat dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Er wolle damit Verantwortung übernehmen. Für alle Schuld, die er auf sich geladen habe. Und für die Schuld, die im System Kirche über Jahrzehnte geschehen sei – durch Missbrauch oder dessen Vertuschung. „Für mich ist wichtig“, so Kardinal Marx bei der Pressekonferenz, „dass im Raum der Kirche, in der Institution Kirche Menschen Unheil erfahren haben. Nicht Heil, sondern Unheil! Die Betroffenen erwarten zu Recht auch, dass Zeichen gesetzt werden von Übernahme von Verantwortung.“

Dass Menschen Unheil erfahren haben. Nicht Heil, sondern Unheil! Wie pervers, wie perfide ist genau das: Menschen, die auf Jesus schauen, die fasziniert sind von ihm, von seiner heilenden, aufrichtenden, Mut machenden Botschaft, erhoffen sich eine Ahnung, eine Spur davon an einem Ort, der von sich sagt, Ort des Heils zu sein, Zufluchtsort, Aufbruchsort. Für viele ist dieser Ort, ist die Kirche jedoch zur Hölle geworden. Die Mächte der Unterwelt, wie sie an anderer Stelle im Evangelium pathetisch beschworen werden, welche die Kirche nicht überwältigen werden, diese Mächte der Unterwelt sind längst im Innern der Kirche angekommen. Ja, sie zerfressen das immer fragiler werdende Haus der Kirche so sehr, dass – wie es unser Bischof Franz-Josef Bode formuliert – „kein Stein auf dem andern“ bleiben wird. Und nun?

Damals, am Anfang, gab es noch nicht viele Steine, die zu festgefügten religiösen Institutionen geworden waren. Und die, die es gab, der Tempel in Jerusalem beispielsweise, jene Stein gewordenen Vision der erfahrbaren Nähe Gottes, dieser Tempel mit all seinen Verflechtungen in Wirtschaft und Politik ist auf diese Weise seines Kerns beraubt worden. Wie Jesus das fand, ist sehr klar geworden, als er den Tempel auf- und ausgeräumt hat. Alles, was zum Selbstzweck geworden ist, taugt nicht mehr als Erfahrungsort für einen Gott, der die Herzen der Menschen berührt, der sie begleitet, durch welche Wüste auch immer, der Zeichen seiner Nähe sendet, der Heilung schenkt und neues Leben.

Jesus hat das klar benannt. Und dann etwas Neues geschaffen. Allerdings keine festgefügte Institution. Dass es heute eine solche braucht, damit das, wofür sie steht, überhaupt wirken kann in einer Gesellschaft, die viel komplexer ist als das Zusammenleben zur Zeit Jesu, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Das Problem ist daher auch nicht die Institution an sich. Das Problem ist, dass sich die Institution Kirche immer mehr von dem entfernt hat, was an ihrem Beginn noch wichtig war. Entscheidend wird daher sein, ob wir zu dem zurückkehren, ob wir wiederentdecken, ob wir konsequent weiterleben, was Jesus uns vorgelebt und wofür er auch gestorben ist.

Sein Auftrag, damals wie heute: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Mit anderen Worten: Geht meinen Weg weiter! Meinen Weg, der selten ein Spaziergang war. Hört auf die Not der Schwachen. Und handelt! Schaut auf das, wo Menschen arm und unterdrückt sind. Und handelt! Blickt in die Herzen der Suchenden. Und handelt! Sprecht von mir. Feiert Feste, die alle Sinne berühren und über das Grau des Alltags hinaus auf die Wunder des Lebens verweisen. Sucht nach meinen Spuren mitten unter euch. Steckt andere an mit eurer Begeisterung, mit eurer Kraft, mit eurem Mut. Gebt all jenen zu essen, die Hunger haben. Hunger nach Liebe und Hunger nach Brot.

Können wir all dem gerecht werden? Ich glaube schon. Doch wie kommt man dahin? Das ist die Frage aller Fragen. Nicht nur in diesen Zeiten. Kommen wir darüber ins Gespräch! Hier und heute und immer wieder. Halten wir Ausschau danach, was die Menschen um uns herum brauchen könnten. Damit sie geheilt werden. Und aufgerichtet. Und gestärkt. Damit sie neue Perspektiven entdecken. Neugierig werden. Und vielleicht sogar selbst mitmachen wollen. Weil sie fasziniert sind von dem, was wir tun. Und wenn es dann auch nur fünf Brote und zwei Fische sind – eine kleine Tagesration also –, wenn es auch noch so wenig ist, was wir bringen können: Bringen wir es mit! Manchmal braucht es ein Wunder, damit alle satt werden. Und heil. Und gestärkt. Immer aber bedarf es einiger Menschen, die einfach anfangen. Sich nicht unterkriegen lassen. Die Hoffnung nicht aufgeben. Und weitermachen. Wir könnten doch solche Menschen sein, oder?

Alexander Bergel
6. Juni
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Predigt am Dreifaltigkeitssonntag

Mit dem Predigen ist das ja so eine Sache. Idealerweise ist es nicht zu lang, nicht zu theologisch und nah am Leben. Das Dreifaltigkeitsfest ist der ideale Tag, um bei diesem Vorsatz grandios zu scheitern: nicht zu lang, nicht zu theologisch, nah am Leben. Denn an keinem Tag im Jahr scheint sie größer: die Kluft zwischen der Theologie und dem Leben. Aber an keinem anderen Tag ist es dringlicher, diese Kluft überwinden zu helfen. Heute werden wir nämlich mit einer entscheidenden Frage konfrontiert: „Christ, was glaubst du eigentlich?“

Wenn es überhaupt noch jemanden interessiert, was wir so glauben, dann gibt sich ein fragendes Gegenüber vermutlich nicht zufrieden mit der schlichten Antwort: „An Gott.“ „Ja, schön“, wird ein solch Fragender dann weiterbohren, „schön, du glaubst an Gott. Und du nennst ihn Vater. Aber wie ist das dann mit Jesus, den du seinen Sohn nennst? Und wie ist das mit der Nummer drei, dem Heiligen Geist? Den gibt’s doch auch noch, oder?“ „Stimmt“, wird der leicht verschüchterte Christ dann vielleicht zugeben – und gleichzeitig hoffen, dass der anstrengende Nachfrager nicht noch mehr wissen will. Aber das will er. „Drei Personen. Drei Namen. Drei Götter. Glaubst du also an drei Götter?“ „Nein!“, wird der Christ sich beeilen zu antworten. „Ein Gott ist es in drei Personen. Die Dreifaltigkeit eben. Wie das aber genau ist, kann ich dir nicht sagen. Es ist halt so.“

Mit einer solchen Antwort aber wird sich der interessiert Fragende, der vielleicht einer anderen Religion angehört oder ein Nichtglaubender ist, nicht zufrieden geben. Vielleicht wird der Gefragte diesen Zeitgenossen dann an die Fachleute verweisen. An Professoren und Priester oder ähnliche Leute. Die müssten das doch wissen. Und diese Leute stehen dann am Dreifaltigkeitssonntag vor der Gemeinde und blicken in fragende Gesichter: „Wie ist es denn nun mit der Dreifaltigkeit?“ Dann heißt es, Worte zu finden, die nicht nur richtig sind, sondern solche, die die Zuhörer berühren. Worte, die helfen zu glauben. Und damit sind wir beim Kern aller Rede von Gott.

Die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit hat sich nämlich niemand einfach ausgedacht. Im Gegenteil. Sie hat mit Erfahrungen zu tun. Mit Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Die Bibel spricht vom Schöpfer-Gott, der sein Volk durch Wüsten und Gefahren begleitet und den Jesus als Vater angesprochen hat. Menschen sind Jesus begegnet und haben in ihm das Gesicht Gottes erkannt. Menschen erfahren sich als durchdrungen vom Lebens-Atem Gottes, dem Heiligen Geist. Mindestens auf dreifache Weise also teilt Gott sich dem Menschen mit. Er zeigt und schenkt sich so, wie er ist. Und so, wie Menschen ihn erfahren, ist er auch: Als Vater bleibt Gott der transzendente Ursprung, der immer ganz Andere, der nicht zu fassen ist, nicht einmal in Bildern. Als Sohn überwindet er die große Distanz zwischen Gott und Mensch, indem er selbst einer wird. Als Geist nimmt er unser Herz und unsere Augen und öffnet sie für die Wirklichkeit der Liebe Gottes, die er selbst ist. Spätestens hier wird also deutlich: Der Glaube an den dreifaltigen Gott ist kein spezielles Sondergebiet für religiös Hochbegabte. Nein: Er ist der Versuch, das zusammen zu bringen, was Menschen erlebt haben. Also auch: wie wir Gott erleben.

Wie aber erleben Sie Gott? Wer ist Gott für Sie? Ein Blick auf die eigene Art zu beten, kann dabei helfen. Der eine setzt eher auf den Vater. Schließlich ist er ja der Urgrund allen Seins, der Schöpfer, der Begründer auch unserer Existenz. Wunderbare Bilder findet das Alte Testament für diesen Gott. Ein Gott begegnet uns dort, der in Feuer und Wolke, Sturm und zärtlichem Windhauch die Nähe seines Volkes sucht. Bilder, die unser Denken stark beeinflussen. Ein anderer nähert sich im Gebet lieber dem Sohn. Jesus, der als Mensch unter uns Menschen gelebt hat. Der zu uns gesprochen hat, der Menschen berührt und geheilt hat. Ein Gott mit Hand und Fuß, zum Anfassen sozusagen. Wieder andere haben eine Vorliebe für den Heiligen Geist. Jenen Geist, der Gottes Liebe in Person ist, der alles durchdringt. Der in uns ist und in der Welt wirkt. Und der auch mal gerne alles auf den Kopf stellt.

Wie auch immer ich mich entscheide – und das kann mal so und mal so sein: Es sagt auch viel über mich aus. Über meine Art zu leben und zu glauben. Und genau darum geht es erstaunlicherweise auch: um mich selbst, um uns! Der Blick auf den drei-einen Gott lässt erkennen, auf welch vielfältige Weise Gott sich dem Menschen gezeigt hat – und wie er es immer noch tut. Wer will, kann das natürlich alles philosophisch und theologisch bis ins Kleinste auseinandernehmen und zu erklären versuchen. Und in der Tat: Es ist spannend, was Theologen und Philosophen aller Zeiten für Gedankengänge hatten und haben. Manchmal bis einem schwindelig wird. Wer Gott aber „verstehen“ will – so man ihn denn jemals verstehen kann –, der muss ihm begegnen. Meist geschieht das mitten im Leben. Bücher und gelehrte Kommentare reichen mir da nicht aus. Wenn Sie also wirklich mal jemand fragt, wer Gott ist, dann sagen Sie ihm, wie Sie ihn erleben. Das geht ganz ohne Studium. Und kommt mitten aus dem Leben. Aus Ihrem nämlich.

Alexander Bergel
30. Mai
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Predigt an Pfingsten
zu Apg 2,1-11

Was ist an Pfingsten erlaubt? Diese Überschrift war in den vergangenen Tagen oft zu lesen. Und dann wurde aufgezählt: welche Touristengruppe an welchem Nord- oder Ostseestrand willkommen ist und welche nicht, ob die Außengastronomie geöffnet haben darf und wenn ja, zu welchen Bedingungen, ob mit Test oder ohne. Zwischendurch wurde auch die Maskenfrage grundsätzlich diskutiert, dann aber doch schnell wieder verworfen. Was ist an Pfingsten erlaubt? Hinter all dem steckt die übergroße Sehnsucht danach, endlich wieder ins „richtige“ Leben hineinzufinden.

Die Frage: Was ist an Pfingsten erlaubt? betrifft aber nicht nur die Corona-Verordnungen. Diese Frage führt zum Kern dessen, warum wir heute hier sind. Was ist an, besser noch: was ist seit Pfingsten eigentlich in der Kirche erlaubt? Was ist seit jenem Ereignis damals in Jerusalem alles möglich geworden, im Laufe der langen Kirchengeschichte jedoch immer wieder – mal mehr, mal weniger, mal komplett, dafür an anderer Stelle aber zum Glück überhaupt nicht – in Vergessenheit geraten? Woran erinnert uns dieses Fest, an dem es um den Geist Gottes geht, um jenen Geist, der weht, wo er will?

Dieses Wehen, diese Kraft, dieses so wenig fassbare Irgendwas, nein, besser noch: dieser Mutmacher aus luftiger Höhe, dieser Herzensbrecher und Seelenwärmer, er schenkt uns Freiraum. Er gibt Rückenwind. Manchmal bläst er einem auch ganz schön ins Gesicht. Er lässt Dinge zu. Das Pfingstfest ist die große göttliche Erinnerung daran, frei denken zu dürfen, Grenzen und Barrieren zu überwinden, das Verbindende mehr zu suchen als das Trennende, das eigene Schneckenhaus zu verlassen und nach den Spuren Gottes an vielleicht noch unbekannten Orten zu suchen.

Was ist an Pfingsten erlaubt? Dies auf alle Fälle: Träumen. Pläne schmieden. Sich versöhnen. Hände reichen. Neues wagen. Altes vom Staub der Geschichte befreien und ihm zu neuer Kraft verhelfen. Initiativen starten. Talente entdecken und fördern. Motivieren. Den Finger in Wunden legen. Sich selbst hinterfragen lassen. Mauern einreißen. Verrückte Dinge tun. Nicht mutlos bleiben. Nicht mutlos werden. Trotz allem bleiben. Und dann weitergehen. Mit denen, die noch da sind. Und mit jenen, die vielleicht darauf warten, angesprochen zu werden.

Was ist an Pfingsten erlaubt? Auch das: In Konflikte zu gehen. Ja, das gehört auch dazu. Die junge Kirche wusste darum. Immer wieder gab es solche Konflikte. Dann wurden Argumente ausgetauscht. In der Frage beispielsweise: Muss man eigentlich erst Jude werden, um dazuzugehören? Es wurde heftig gerungen. Petrus und Paulus haben sich dabei ganz schön in die Haare gekriegt. Doch am Ende gab es eine Lösung. Wer als Jude Jünger Jesu wurde, dem blieben die alten Regeln auferlegt. Wer von außen dazu kam, musste sich nicht beschneiden lassen und die Speisevorschriften einhalten. Eine pragmatische Entscheidung.

Und es wurde weiter gerungen. Auf den großen Bischofsversammlungen der ersten Jahrhunderte, den Konzilien, wie der Glaube an Gott, an seinen Sohn, an den Heiligen Geist zu verstehen und auszudrücken ist. Was heißt das: Gottes Sohn sein? Wie ist das mit dem Heiligen Geist? Und wie kriegt man das alles zusammen, was bedeutet Dreifaltigkeit? Argumente und Gegenargumente sind ausgetauscht, um Formulierungen ist gerungen worden. Aber nicht, weil da hundert Buchhalter eine Buchhalterreligion in Form bringen, sondern weil sie eine Grundlage schaffen wollten für die Zukunft. Diesen Zeiten haben wir viele der alten Texte zu verdanken, von denen wir noch heute leben. So könnte man die ganze Kirchengeschichte durchgehen. Diese Geschichte mit all ihren Versuchen, die Botschaft Jesu in die immer wieder neuen Zeiten zu übersetzen. Vieles davon ist schiefgegangen. Mancher Impuls hat unsere Vorfahren aber auch vorangebracht. Den Blick geweitet. Neue Einsichten geschenkt.

Was ist an Pfingsten erlaubt? Diese Frage stellen wir uns heute, im Jahr 2021. Erst jüngst noch aus Rom kritisiert, der deutsche Synodale Weg führe zur Spaltung der Weltkirche, hat der Papst vorgestern nun einen Synodalen Weg für die ganze Kirche ausgerufen. Startpunkt im Oktober. Natürlich kann man skeptisch sein, ob das wirklich funktionieren wird. Man kann sich aber auch wundern. Und sich vor allem darüber freuen und daran erinnern, was seit Pfingsten alles erlaubt ist. Sie wissen schon: Träumen. Pläne schmieden. Neues wagen. Altes vom Staub der Geschichte befreien und ihm zu neuer Kraft verhelfen. Initiativen starten. Talente entdecken und fördern. Motivieren. Den Finger in Wunden legen. Sich selbst hinterfragen lassen. Mauern einreißen. Verrückte Dinge tun. Nicht mutlos bleiben. Nicht mutlos werden. Trotz allem bleiben. Und dann: weitergehen! Denn all das ist seit Pfingsten erlaubt. Und den Startschuss dazu – den feiern wir gerade!

Alexander Bergel
23. Mai
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Predigt am 7. Ostersonntag
zu Apg 1,15-17.20ac-26 und Joh 17,6a.11b-19

„… außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllte.“ Diesen Stempel hat er weg: Judas ist der Sohn des Verderbens. Keine Rettung in Sicht. Keine Chance auf Rehabilitation. Aus und vorbei. Selbst Jesus scheint das so zu sehen, wenn er sich am Abend vor seinem Tod, kurz vor dem Verrat des Judas, an den Vater wendet: „Ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllte.“ Was ist das für ein Mensch, für den es keine Hoffnung zu geben scheint? Ist er wirklich der geldgierige, verschlagene, hinterhältige Mann, der seinen Meister, der seinen Freund für ein paar Silbermünzen dem Tod ausliefert? Ist er wirklich das verkommene Subjekt, das alles Böse, alles Finstere, ja die tiefsten Abgründe des Menschen in sich vereint? Viele sehen ihn so. Bis heute. Manche Schriften des Neuen Testaments haben dieses Bild gezeichnet. Vor allem der Evangelist Johannes.

Als sein Evangelium aufgeschrieben wurde, waren allerdings schon fast 70 Jahre vergangen, seit Jesus von den Toten auferstanden war. Eine lange Zeit. Eine Zeit, in der sich viel ereignet hat. Während der Evangelist Markus kurz und sachlich beschreibt, was geschehen ist, bietet Matthäus zehn Jahre später schon eine Deutung an: „Es reute ihn.“ Lukas macht sich auf die Suche nach einer Erklärung und schreibt: „Da fuhr der Satan in ihn.“ Johannes schließlich zeichnet das düstere Bild vom verschlagenen, hinterhältigen Judas. So beginnt eine fürchterliche Wirkungsgeschichte. Eine Wirkungsgeschichte, die in letzter Konsequenz zum Judenhass der Nazis führt. Das Motiv des Judas wird dort neben manch anderem zum „ewigen Juden“. Diese fanatische, verblendete und menschenverachtende Sicht hält die Welt immer noch in Atem, nimmt sie gefangen – und sorgt für Angst und Terror.

Wir erleben es in diesen Tagen, da auch in unserem Land immer mehr Menschen ohne Hemmungen auf die Straßen gehen und gegen „die Juden“ protestieren. Es geht ihnen nicht um die in einer Demokratie gegebene Möglichkeit, gegen die Politik eines Staates zu demonstrieren. Nein, schlimmste, widerlichste Ressentiments gegen „die Juden“ finden ihren Ausdruck: im Verbrennen der israelischen Flagge, im Angriff auf Synagogen und auf Menschen, die sich als Juden zu erkennen geben. Es hört einfach nicht auf. Und daher bedarf es unser aller Solidarität! Es bedarf unseres Einsatzes gegen Antisemitismus und gegen alle undifferenzierte Sicht auf jüdische Menschen, die viele der Antisemiten als Kinder des Judas sehen, die ja nur Schlechtes in sich haben können. Was für ein irrer Glaube!

Natürlich darf man den Staat Israel für seine Siedlungspolitik kritisieren. Natürlich darf und muss man Mitleid haben mit den vielen Menschen in Palästina, die teils unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Aber man sollte Ursache und Wirkung nicht vertauschen. Man muss sehr klar benennen, wann von wem welche Aggression ausgeht, und wessen  terroristisches Verhalten eine ganze Region ins Elend stürzt! Ob es jemals eine politische Lösung für das Heilige Land, ob es dort jemals Frieden geben wird? Keiner weiß eine Antwort darauf. Jenseits dieser Frage aber sind und bleiben wir aufgerufen, unsere Stimme zu erheben, wenn mal wieder über „die Juden“ gewitzelt oder gegen sie gehetzt wird. Als Christinnen und Christen haben wir diese Verantwortung. Auch weil in unserer Heiligen Schrift durch das im ersten Jahrhundert mehr und mehr verzerrte Judas-Bild eine der Grundlagen für den Judenhass gelegt wurde.

Die Bibelforschung und manche Literaten haben in den letzten Jahrzehnten ein ganz anderes Bild des Judas Iskariot gezeichnet – und vieles spricht dafür, dass es so gewesen sein könnte. War Judas nicht vielleicht viel weniger der Verräter, sondern einer, der Jesus so nahe stand wie kaum ein anderer? Was wäre, wenn Judas vorgehabt hätte, Jesus vor dem Tod zu retten, indem er einen Deal mit den Tempelwachleuten geschlossen hätte, der aber am Ende doch nicht funktioniert hat, weil Judas ausgetrickst wurde? So die Sicht des Schriftstellers Amos Oz. Oder was wäre, wenn Judas es einfach leid war, auf das Kommen des Reiches Gottes zu warten? „Wenn ich Jesus unter Druck setze“, so könnte er zu sich gesagt haben, „wenn ich ihn nur richtig unter Druck setze, dann wird er doch von seiner Macht Gebrauch machen! Dann wird er aufstehen gegen die Mächtigen und die Unterdrücker und sein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens aufrichten!“ Jesus aber war nicht so. Sein Weg der Liebe ging über das Kreuz. Bis heute ein tiefes Geheimnis. Judas ist daran zerbrochen.

All das aber bleibt Spekulation. Auch wenn ich gerade diese Sicht, dass Judas Jesus nicht ausliefern, sondern ihm den letzten Schubs geben wollte, damit Gottes Herrschaft endlich beginnen kann, sehr sympathisch finde. Eine Sicht, wie sie zuletzt im Kinofilm Maria Magdalena zu sehen war: Judas als der, der zu viel und zu schnell wollte. Und der den Weg Jesu nicht verstanden hat. Und nun? Jenseits aller Spekulation bleibt die Frage: Was bewegt die Figur des Judas in mir? Bin ich, sind wir als Kirche wirklich so anders? Die eine Antwort wird es darauf nicht geben. Eine Spur weist aber vielleicht – wie so oft – der Blick in die Poesie. Kurt Marti formuliert es so:

schöner judas
da schwerblütig nun
und maßlos
die sonne
ihren untergang feiert
berührst du mein herz
und ich denke dir nach

ach was war
dein einer verrat
gegen die vielen
der christen der kirchen
die dich verfluchen

ich denke dir nach
und deiner tödlichen trauer
die uns beschämt

Alexander Bergel
16. Mai
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Predigt an Christi Himmelfahrt

Es war früher vorbei als gedacht. Ganz plötzlich. Dabei sah es überhaupt nicht danach aus. Und doch: Die kleine Osterkerze, die seit der Osternacht auf meinem Esstisch stand, hat am letzten Sonntag ihren Geist aufgegeben. Schade eigentlich, denn bis Pfingsten, dem Ende der österlichen Fünfzigtage-Zeit, hätte sie noch durchhalten sollen. Sicher, es gibt drängendere Probleme. Und ein wirkliches Problem ist das auch gar nicht. Aber vielleicht ja ein Bild. Ein Bild für das, was Glaubenden im Laufe ihres Lebens begegnet. Und ein Bild für das, was wir in der Kirche momentan so alles erleben und aushalten müssen. Aber der Reihe nach.

Auf dieser Kerze ist oder war meine Lieblingsostergeschichte zu sehen: Der Auferstandene begegnet Maria Magdalena. Die österliche Szene schlechthin! Maria, die Jesus ihr ganzes Herz geschenkt hat, erkennt ihn nicht wieder. Erst als Jesus sie beim Namen nennt: Maria!, erst als er aus dem Abstrakten heraus und ins Persönliche hinein tritt, erst dann erkennt sie ihn. Offensichtlich geht eine Beziehung zu Jesus nur, wenn ich ihn jenseits der Formeln und Dogmen suche. Nur wenn ich mich nicht auf das Auswendiggelernte verlasse, nur wenn ich mutig genug bin zu fragen, zu zweifeln und wirklich ein Suchender, eine Suchende bleiben oder immer mehr werde, ohne Netz und doppelten Boden, nur dann, oder vielleicht besser: vor allem dann stehen die Chancen gut, diesem Gott wirklich zu begegnen, ihm ins Herz zu schauen.

Genauso fing es damals an. Im Garten. Am ersten Tag der Woche. Und seither versuchen Menschen, Männer und Frauen, diesem Jesus zu folgen. Ihm zu vertrauen. Ihm und seiner Botschaft. Ihm und der Kraft seiner Auferstehung. In diesen Österlichen Tagen erinnert uns die leuchtende Osterkerze an jenes Feuer des Anfangs. Doch was, wenn es erlischt? Was, wenn all das, was dagegen spricht, wenn all die Skandale, all das Schwere, all das Dunkle, das auch durch Menschen in der Nachfolge Jesu in diese Welt gekommen ist, was, wenn all das die Flamme nicht nur flackern lässt, sondern zum Erlöschen bringt?

Meine Osterkerze war plötzlich aus. Und zwar in dem Moment, als auf dem Bild nur noch Maria Magdalena übrig war. Von Jesus sind nur noch ein Teil des Oberkörpers zu sehen, Arme und Beine, Hände und Füße samt Wundmalen. Mehr nicht. Und der Blick Maria Magdalenas geht ins Leere. Auch das eine Erfahrung, die viele, vermutlich sogar alle Jüngerinnen und Jünger Jesu nicht nur einmal in ihrem Leben machen: Ich versuche ihm nahe zu sein, ihn anzuschauen, ihn zu entdecken – aber da ist nur Leere. Kein Angesprochen-Sein, keine tiefe Erfüllung, keine Begeisterung, vielleicht nicht mal mehr die Sehnsucht danach. Was soll man denn da noch machen?

Ja, was soll man da noch machen? Vielleicht ist das eine jener Fragen, die ganz gut zu Christi Himmelfahrt passen. An diesem Tag, dem 40. seit Ostern, kann keiner mehr davor weglaufen: Es geht nicht alles weiter wie bisher. Kein buisness as usual. Im Gegenteil! Der Auferstandene ist nicht ins Leben zurückgekehrt wie damals Lazarus. Auferstehung bedeutet vielmehr, über all das hinaus, was wir kennen und verstehen, am Leben zu sein. Bei und in Gott aufgehoben zu sein. Ein für alle Mal. Und es bedeutet für alle, die diese Verwandlung noch vor sich haben, die Spuren des Auferstandenen in dieser Welt zu entdecken. Auch wenn viele sagen: Die gibt es gar nicht, solche Spuren. Auch wenn es sich oft genug so anfühlt, als wären das alles nur schön ausgedachte Geschichten, denn irgendwas braucht der Mensch ja, um sich daran festzuhalten. Auch wenn die Nachfolge dieses Mannes aus Nazareth die Welt offenbar nur schwer zu verändern vermag. Und am Ende, so sagen es manche, die es wirklich versucht haben, am Ende fühlt man sich doch oft genau wie diese Kerze: ausgebrannt, das Licht ist erloschen.

Ich hebe diese Kerze auf. Sie erinnert mich daran, dass auch das Leben als Christin, das Leben als Christ ein mühsames ist. Sie erinnert mich an die Momente, in denen ich mich manchmal leer und ausgebrannt fühle. Aber sie hilft mir auch, nicht dabei stehen zu bleiben. Denn dann schaue ich noch einmal auf Maria Magdalena. Ihr Blick führt nämlich auch jetzt nicht ins Leere. Auch wenn es danach aussieht. Maria weiß: Eben noch war er da, der Auferstandene, und er war keine fixe Idee, keine Wahnvorstellung und auch keine eingeredete Überlebensstrategie. Nein, Jesus war wirklich da. Und er bleibt es. Wer von dieser Hoffnung erfüllt ist, der wird nicht aufhören, nach seinen Zeichen in der Welt zu suchen. Und der wird nicht müde, sich an das Feuer des Anfangs zu erinnern. Jede, jeder von uns hatte es einmal in sich, diese Feuer des Anfangs. Und mitunter lodert es doch auch, oder? Zumindest aber die Glut, die müsste noch da sein. Und wenn nicht? Dann wird es vielleicht einen geben, der sie neu entfacht, die Glut. Wie sich das anfühlt? Wir sprechen uns wieder – zu Pfingsten!

Alexander Bergel
13. Mai
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Predigt am 4. Ostersonntag
zu Joh 10,11-18

Manche möchten nur noch weg. Weil sie es nicht mehr aushalten. Weil sie das, was ihnen wichtig ist, mit Füßen getreten sehen. Weil sie es nicht mehr ertragen können, ausgeschlossen zu sein. Da sie das falsche Geschlecht haben. Oder homosexuell sind. Da sie keine glatte Biografie vorzuweisen haben. Oder bestimmte Wortmeldungen aus dem Mittelalter nicht mit ihrem Leben in Verbindung bringen können. Deshalb ziehen sich immer mehr Menschen zurück. Zurück aus der Gemeinschaft derer, die sich um Jesus von Nazareth versammeln. Was aber ist das für eine Gemeinschaft? Manche würden sagen: Diese Gemeinschaft ist zur Institution geworden, der es nur noch um das Verwalten dessen geht, was man aus der Vergangenheit bewahren muss – egal, ob diese Ideen und Sätze dem modernen Menschen noch etwas sagen, egal ob sie ihm beim Leben und beim Sterben helfen können oder nicht.

„… weil ihm an den Schafen nichts liegt.“ Was der Autor des Johannesevangeliums über den bezahlten Knecht schreibt, genau das würden manche über jene sagen, die oft so genau wissen, was richtig ist und was falsch. Über jene, die nach Akten- und Gesetzeslage entscheiden, dabei aber den Einzelnen, die Einzelne mit ihrem konkreten Leben ausblenden – weil ihnen einfach „an den Schafen nichts liegt“. Ist es das? Ist es diese Gedanken-, gar Gefühllosigkeit, die an so vielen Stellen vorherrschend zu sein scheint? Sodass es gar nicht mehr darum geht, was Menschen berührt, was sie heilt, was sie ernst nimmt ohne Vorleistung? Oft wirkt es so. Und genau das ist es, was Menschen verletzt. Was sie zerstreut. Was sie andere Wege gehen lässt. Was ihnen schlimmstenfalls das Gespräch, das Leben mit Gott immer schwerer, vielleicht sogar unmöglich macht.

Ja, das ist die Erfahrung, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Dabei könnte, dabei müsste, dabei sollte es doch so anders sein! Das Bild vom Guten Hirten, oft belächelt, gerne verzweckt, immer wieder auch missbraucht, dieses Bild muss uns doch unruhig sein, muss uns doch unruhig werden lassen. Dieses Bild taugt nicht so sehr dafür, dass es den einen Oberhirten und ein paar Hirten im mittleren Weidemanagement zum obersten Prinzip erklärt. Der verengte Blick auf diese amtlich bestellten Hirten verstellt das, worum es eigentlich geht: um den Blick nach rechts und nach links, um die liebevolle, wohlwollende Aufmerksamkeit, um das Suchen von Spuren eines menschenfreundlichen Gottes. Sicher, es braucht auch die Verantwortungs-trägerinnen und Verantwortungsträger an der Spitze. Sonst zerfällt und vereinzelt eine Gemeinschaft. Aber vor allem bedarf es derer, die sich nicht davon abbringen lassen, in all dem Unvollkommenen dieser Welt, in all den Kämpfen und  Auseinandersetzungen, in all den Verletzungen und Wunden, in all dem Verkorksten und Zerstörten immer zuerst den Menschen zu sehen. Es braucht jene, denen an den Schafen etwas liegt. Egal woher sie kommen. Egal was sie können. Egal wie sie glauben. Egal wie sie fühlen.

Der echte gute Hirte, Jesus aus Nazareth, der Mensch unter Menschen, der Sohn eines Gottes, dessen Name bedeutet: Ich bin da, wo du bist! – dieser gute Hirte hat alles auf eine Karte gesetzt. Hat dem Menschenverachtenden den Kampf angesagt. Von der Liebe nicht nur gesprochen, sondern sie Wirklichkeit werden lassen – selbst um den Preis des eigenen Lebens. Alle, die in seiner Spur unterwegs sind, müssen das wissen. Und eigentlich wissen sie es auch. Ja, auch wir, die wir noch hier sind. Die immer wieder kommen. Weil wir die Sache Jesu noch nicht aufgegeben haben. Weil wir in der Kirche noch mehr Möglichkeiten und Hoffnungsräume erkennen als Abgründe und rückwärtsgewandte Ideologien. Auch wir wissen das. Doch was bedeutet das für unser Handeln?

Alexander Bergel
24. April
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Predigt zu Ostern

Wie erklären Sie einer 17-jährigen Atheistin, was die Vision Jesu war – auf einem Bein stehend? Können Sie das? Oder müssen sie erst üben, auf einem Bein zu stehen? Zugegeben, diese Frage erwischt Sie vermutlich etwas unvorbereitet. Vielleicht fragen Sie sich auch gerade: Warum sollte ich das überhaupt tun? Ich kenne gar keine 17-jährige Atheistin. Und Jesu Vision – na ja, wie soll man sagen, irgendwie schwierig … Sicher, er hat es versucht, wirklich versucht. Manches hat auch funktioniert. Gut sogar. Menschen haben Heilung erlebt. Ausgestoßene Gemeinschaft. Und Gefangene Freiheit. Aber hat sich das durchgesetzt? So richtig? Seine engsten Vertrauten damals – waren die überzeugt davon? Und – vielleicht noch wichtiger: Überzeugt es uns? Berechtigte Frage.

Also werden wir konkret: Was genau bedeutet es mir, diesem Jesus zu folgen? Ihm, der gestorben und am dritten Tage auferstanden ist, wie es so schön heißt. Ja, was bedeutet das, liebe Schwestern und Brüder – auferstanden von den Toten? Was bedeutet es mir? Welche Kraft ziehe ich – ich ganz persönlich – aus diesem ungeheuren Ereignis? Was bewegt es in mir? Und was bewege ich dadurch? Hat Ostern, hat die Auferstehung Jesu wirklich etwas mit meiner Erfahrung zu tun? Prägen die Melodien, die Worte, die Geschichten mein Leben so sehr, dass ich es spüren kann – und meine Umgebung am besten gleich mit?

Fragen über Fragen. Wie so oft. Aber sie lohnen sich. Denn wer sich diesen Fragen stellt – am besten ohne allzu schnelle Antwort –, der wird erleben, welche Kraft in ihnen steckt. Und wenn Sie sich dann noch trauen, diese Fragen lieb zu gewinnen, und sich auf die Suche machen, auf die Suche danach, wo der Auferstandene Ihnen begegnet ist – wenn Sie diese Schritte wagen, diese österlichen Schritte, dann können Sie vielleicht immer noch nicht sehr lange auf einem Bein stehen. Aber Sie könnten einer 17-jährigen Atheistin erklären, was die Vision Jesu war. Mehr noch: Wie Sie selbst Teil dieser Vision geworden sind. Und warum Sie – trotz allem – immer wieder Ostern feiern.

Alexander Bergel
3. April.

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Predigt am Gründonnerstag
zu  Joh 13,1-15

Ohmnächtig –
das war er.
Nicht gespielt.
Auch nicht kokett.
Nein, durch und
durch.

Auf dem Esel.
Einzug in die große Stadt.
Was für ein Bild.
Bejubelt zwar,
doch von Königspurpur
keine Spur.

Mit der Schüssel unterm Arm
geht’s weiter.
Wasser auf die Füße.
Bitte, Herr, was soll denn das?
Das muss doch nun nicht sein!
Doch, es muss.

Letzter Schritt:
das Kreuz.
Ausgespannt und aufgestellt:
der Mensch.
Ohnmächtiger geht kaum.
Ein Schrei zerreißt die Welt.

Ohnmächtig ist er,
dieser Mann aus Nazareth.
Manche werden später sagen,
dass Gott selbst es war,
der seine Allmacht
an den Nagel hing.

Gott ent-mächtigt sich.
Warum?
Warum
um alles
in der Welt?
Genau deshalb wohl.

Um alles in der Welt,
um wirklich alles
zu umarmen.
Und um zu zeigen,
welcher Weg der
wahrhaft starke ist.

Nur eine Liebe,
die aufs Ganze geht,
die das Kleine,
Schwache,
Verkorkste,
das Zerstörte sucht,

nur eine solche Liebe,
frei von Zwang und Macht,
kann alles ändern,
kann den Menschen
aufrichten und
heilen.

Eine Liebe,
die aufs Ganze geht,
hat es nicht nötig,
groß zu sein.
Sie macht sich klein.
Und lässt den andern stark sein.

Wir erleben eine Kirche,
in diesen Tagen mehr und mehr,
die ihre Macht einbüßt,
und endlich keinem mehr die Hölle heiß
oder das Leben selbst
zur Hölle macht.

Indem sie weiß,
nur sie allen, was richtig ist
und was auf keinen Fall.
Indem nur sie entscheidet,
wer ein Recht auf Gnade hat
und wer, vor allem, nicht.

Wir spüren ihn,
den
Machtverlust,
wohl wie
noch
nie.

Gott entäußert sich
all seiner Macht.
Die Kirche ist gerade erst dabei.
Wenn sie ihm
nahe kommen will,
dann sollte sie das weiter tun.

In diesen Tagen
kann sie lernen
wie es geht.
Und wir –
wir könnten auch
in diese Schule gehen.

Alexander Bergel
1. April
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Predigt am Palmsonntag
zu  Mt 21,1-17.46

Zerrissener geht es kaum. Jubel hier, Ablehnung dort. Auf der Straße der erwartete Befreier, im Tempel der alles über den Haufen werfende Umstürzler. Jubelnde Massen draußen, auf Abwehr programmierte Priester drinnen. So war es damals in Jerusalem. Und der, um den es sich dreht – Jesus aus Nazareth, der Befreier, der Prophet, der Störenfried, der Zärtliche, der Zerstörer –, er steht da und fordert eine Antwort. Damals. Und heute auch.

Jesus lässt sich nicht abbringen von seinem Weg. Zu den Menschen führt dieser Weg. Ohne Kompromisse. Alles, was sich dem entgegenstellt, räumt er weg. Traditionen, die nicht mehr tragen, die hohl und leer, mitunter sogar falsch oder gar menschenverachtend geworden sind, genauso wie eine geschäftemacherische, gewinnmaximierende, die Sorgen der Menschen vergessende Wirtschaft und Politik. Kein Wunder, dass die Mächte des Marktes und die Mächtigen alle Zeiten sich schwer tun mit ihm.

Man könnte ihn laufen lassen. Reden lassen. Ein bisschen Heilen hier, ein wenig Aufmunterung dort – das stört nicht. Ist vielleicht auch ganz gut für die Schwachen, die Kranken, die, die es halt nicht bringen. Aber wehe, wenn aus diesem Gutmenschentum eine Bewegung wird! Wehe, wenn Menschen so berührt, so gekräftigt, so nachdenklich geworden sind und plötzlich so stark, dass die Worte und Taten Jesu Folgen haben!

Denn dann wird es gefährlich. Nicht nur für die Großen und Mächtigen. Nein, gefährlich wird es auch für mich. Dann nämlich, wenn diese Dynamik mich ergreift, wenn ich der Frage nicht mehr ausweichen kann: Was bist du bereit zu tun? Wir wissen es schon lange, aber Jahr für Jahr erinnert uns diese Woche daran: Jesus zu folgen, das hat Konsequenzen. Weil er selbst so konsequent war. Nicht nur reden, sondern handeln. Nicht nur von Gott sprechen, sondern ihm zur Stimme werden. Nicht nur an der Hülle kratzen, sondern zum Kern vordringen. Um diesen Kern geht es an diesen Tagen.

Wir erinnern uns an das, was war. Um zu verstehen, was ist. Was immer ist: Nähe und Distanz. Zuneigung und Ablehnung. Freundschaft und Verrat. Liebe und Hass. Schmerzen und Zärtlichkeit. Einsamkeit und Begegnung. Fragen und Antworten. Licht und Dunkel. Leben und Tod. Wir erinnern uns an den Weg Jesu. Und betrachten dabei unseren eigenen Weg. Unseren Weg mit all seiner Zerrissenheit. Denn das ist es doch, was uns oft so zu schaffen macht, oder? Dieses Zerrissen-Sein. Zerrissen zwischen Zustimmung und Ablehnung. Zerrissen zwischen Nähe und Abstand. Zerrissen zwischen Mut und Kraftlosigkeit. Zerrissen zwischen Ja und Nein.

Auch Jesus war zerrissen. Auch Jesus war nicht immer stark. Auch Jesus wusste nicht immer auf alles eine Antwort. Am Ende seines Lebens schreit er es heraus: Warum, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Selbst bei ihm, dem Gottessohn, tiefe Zerrissenheit! Doch dabei bleibt es nicht. Er, der nicht nur in die tiefsten Niederungen des Menschseins hinabgestiegen ist, um dort allen zu begegnen, die am Boden liegen, er ist in die tiefsten Abgründe auch seiner Seele hinabgestiegen, am Ende gar in die tiefsten Tiefen des Todes. Doch dort, genau dort, ist er dem Leben begegnet. Dem ursprünglichen, wahren, kraftvollen Leben.

Am Beginn dieser Woche, in der die Zerrissenheit der Welt, in der die Zerrissenheit unserer eigenen Existenz für alle sichtbar wird, irgendwo zwischen Hosianna und Kreuzige ihn, am Beginn dieser Woche und auch an deren Ende und zwischen den Zeilen auch, da leuchtet bereits etwas anderes auf. Ein Gefühl, nein, das wäre zu wenig – eine Kraft, ja eine Kraft, die mich packt und überwältigt und aufrichtet und heilt. Ich werde selbst kraftvoll, traue mich, Dinge zu benennen, breche heraus aus dem eigenen Panzer, sehe das Gute, freue mich am Leben und trete dafür ein. Ja, selbst der Tod macht mir dann keine Angst mehr. Was für eine Verheißung! Jesus ist diesen Weg gegangen. Warum sollten wir das dann nicht auch schaffen?

Alexander Bergel
28. März
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Predigt am 5. Fastensonntag
zu  Joh 12,20-33

Sprechen Sie Klingonisch? Vermutlich nicht. Einige von Ihnen fragen sich vielleicht gerade, was das überhaupt sein soll: Klingonisch. Klingonisch ist eine konstruierte Sprache, die im Auftrag einer Filmgesellschaft Anfang der 80er-Jahre für die Klingonen, eine außerirdische Spezies in den Star-Trek-Filmen, geschaffen wurde. Ein ganz eigenes Sprachenuniversum, das man sogar lernen kann. Als Hobby sicher eine interessante Sache. Es macht eingefleischten Fans großen Spaß und ist in der fiktiven Welt etwas, womit man sich ein Leben lang beschäftigen kann. Keiner käme jedoch auf die Idee, Klingonisch zu einer weiteren Amtssprache in der EU oder im Deutschen Bundestag zu machen. Denn Klingonisch ist eine Fiktion. Mehr nicht. Und damit sind wir bei der katholischen Kirche im Jahr 2021 angekommen.

Was wir allein in den letzten Tagen erlebt haben, lässt einen – im harmlosesten Fall – verwundert die Augen reiben. Da erreicht uns ein Brief aus Rom, der – wie schon so häufig – huldvollst dazu aufruft, homosexuell liebenden Menschen mit Takt und Mitgefühl zu begegnen, denn sie sind ja schließlich Menschen. Das, was aber zu ihnen gehört, nämlich Menschen desselben Geschlechts zu lieben, das ist nicht so in Ordnung. Jedenfalls dann nicht, wenn sie unter partnerschaftlicher Liebe das verstehen, was die meisten Menschen unter partnerschaftlicher Liebe verstehen. Das widerspreche nämlich – und da müsse man bitte Verständnis haben, da könne die Kirche einfach nicht anders handeln –, das widerspreche dem Schöpferwillen Gottes, den man in Rom nun einmal exklusiv und bis ins Detail kennt. Daher könne man eine solche Verbindung auch nicht segnen. Gott segne nämlich nicht die Sünde. Ist das denn so schwer zu verstehen?

Ein paar Tage später erleben wir, und damit dringen wir noch tiefer ein in das Paralleluniversum katholische Kirche, ein paar Tage später erleben wir in Köln die Veröffentlichung des lang erwarteten, von Kardinal Woelki in Auftrag gegebenen Gutachtens zur Untersuchung der Strukturen der Vertuschung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln. Es werden Namen benannt. Endlich. Es werden Rücktritte angeboten. Selbstverständlich. Es werden Interviews gegeben, nach denen ich aber einmal mehr den Eindruck habe, dass deren Sprache – juristisch ausgewogen, jedes Wort bedacht – große Chancen hätte, eine neue Unterart des Klingonischen zu werden. Warum? Weil hier so getan wird, als ob man mit verschwurbelten Formulierungen und dem Hinweis auf vieles, was doch auch richtig gelaufen sei, zu den Menschen vordringen könne. Das Gegenteil ist der Fall. Was sich manche Kirchenfürsten in ihrem Paralleluniversum zurechtbasteln, hat mit der Realität vieler Menschen rein gar nichts mehr zu tun. Das Tragische daran ist: Die Fans des Klingonischen wissen in der Regel, dass sie sich zum Spaß in eine Parallelwelt begeben haben. Die amtlichen Vertreter des katholisch Klingonischen scheinen ihre Parallelwelt für die Realität zu halten.

Wir müssen uns nichts vormachen: Ein Paralleluniversum hat in der realen Welt keine Überlebenschance. Natürlich muss man nicht allem, was in der Welt geschieht, zustimmen. Zu sehr gibt es Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, Fanatismus, eine Wirtschaft, die tötet, und auch so manches, von dem man zu recht sagen kann: Das ist plumper Zeitgeist, der sich nach kurzer Dominanz wieder legt. Es muss – ganz sicher – immer auch Aufgabe der Kirche sein, Alternativen aufzuzeigen. Aber die müssen sich doch messen lassen am Leben Jesu. An seiner Botschaft. An seiner klaren Art, sich an die Seite der Menschen zu stellen. Vorbehaltlos. Ohne Diskussion. An die Seite derer, die von Mächtigen malträtiert, von den religiösen Eliten ausgeschlossen und von den moralisch Hochbegabten verachtet werden. Da, und nur da, finde ich, ist dann auch der Platz der Kirche.

Kirche muss neugierig machen auf diesen Jesus von Nazareth. Kirche muss Menschen helfen, den Weg zu ihm zu finden. So wie es Philippus und Andreas gemacht haben, damals mit den griechischen Pilgern in Jerusalem. Die hatten wohl irgendwie von Jesus gehört. Von seiner Art, Menschen zu berühren. Von seiner Kraft und seinen neuen Ideen. Sie hatten die Hoffnung, dass dieser Jesus auch sie berühren, stärken, vielleicht sogar heilen könnte. Zumindest aber erhofften sie sich von ihm Antworten auf ihre Fragen. Also nahmen sie Kontakt zu Philippus auf. Den kannten sie. Der verstand ihre Sprache. Und er sprach sie auch. Griechisch war das, nicht Klingonisch. Philippus wiederum fragt Andreas um Rat, der Jesus auch kennt, ihm vielleicht ein wenig näher steht. Und dann gehen sie gemeinsam zu ihm. Und nehmen die Fragenden mit.

So kommen Menschen zu Jesus. Ohne Einlasskontrolle. Ohne Überprüfung, ob man bestimmten Kriterien entspricht. Ohne Belehrung. Ohne gönnerische Geste. Jesus lässt alle zu sich, die sich das wünschen. Und dann spricht er zu ihnen. So wie die Menschen es brauchen. Damit sie ihren Weg finden. Damit sie Perspektiven entdecken. Damit sie Gott in ihrem Leben spüren. Damit die Welt ein Ort des Heiles wird. Und zwar nicht in einem Paralleluniversum. Sondern in der Welt, die ist, wie sie ist. Eigentlich ist das alles nichts Neues. Aber nach den Ereignissen der letzten Tage, Wochen und Monate, in denen wir erleben mussten, wieviel Klingonisch in Rom, in Köln und an manch anderen Orten gesprochen wurde, ist es an der Zeit, eines klar zu fordern: Überlasst das Klingonische den Star-Trek-Fans. Die Sprache der Jüngerinnen und Jünger Jesu ist eine andere.

Alexander Bergel
21. März
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Predigt am 4. Fastensonntag
zu 2 Chr 36,14-16.19-23

„An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.“ So klagt Israel, das heimatvertriebene Volk, im Babylonischen Exil. Verschleppt, zerstreut, verachtet. Dieses Volk, dem Gott doch seinen Bund versprochen hatte – es ist am Ende. Ohne Mitte. Ohne Perspektive. Ohne Heimat. Und dann noch der Hohn der Verschlepper: „Na, wo ist er denn, euer Gott? Hat er euch vergessen?“ Ein Schlag ins Gesicht! Alle, die Gott folgen und ihn doch oft genug schmerzlich vermissen, wissen, wie sich das anfühlt – der Spott derer, die sagen: „Wie kann man nur so naiv sein! Bei allem, was in der Welt passiert! Und Du glaubst diese Märchen immer noch!“

„Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren!“ Trotz allem, ja trotz allem hält Israel fest an seinem Glauben. Auch wenn alles dagegen spricht: die Umstände, die Erfahrung, das Gefühl. Aber die Menschen geben nicht auf. Die Sehnsucht nach Gott, ja vielleicht auch nur die Sehnsucht nach der Sehnsucht hat dieses Volk am Leben gehalten. Siebzig Jahre hindurch. Ein ganzes Leben also. Aber – und jetzt wird es spannend – dieses Israel tut nicht das, was Menschen sonst recht gerne tun: Israel bleibt nicht in der Vergangenheit stehen. So sehr es die Erinnerung an vergangene Zeiten auch als kostbaren Schatz bewahrt – dabei bleibt es nicht. Und so machen die Menschen, mühselig und auch sicher nicht ohne Rückschläge, neue Erfahrungen. Plötzlich war der zerstörte Tempel in Jerusalem nicht mehr der einzige Ort der Gottesbegegnung. Gerade diese fürchterliche Zeit des Exils wurde zu einer besonders intensiven Zeit der Gott-Suche, des theologischen Nachdenkens – und zu einer Zeit der Gottes-Erfahrung.

Lange ist das her. Wir sind nicht vertrieben. Leben in Sicherheit. Alles in allem brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Obwohl – hat uns Corona nicht auch zu Vertriebenen gemacht? Vertrieben aus dem selbstsicheren „So läuft das hier!“ Vertrieben aus dem „Wir sind auf der sicheren Seite!“ Vertrieben aus dem „Wir schaffen das!“ Und jenseits unserer Corona-Erfahrungen ist auch der Glaube an Gott immer ein Tanz auf dem Drahtseil in luftiger Höhe. Denn: Wie sicher können wir uns bei all dem sein? Kann ich wirklich glauben, dass es diesen Gott gibt? Dass er gar einen Plan für mein Leben hat? Fällt es mir wirklich so leicht, diesem Gott mein Vertrauen zu schenken? Oder bin ich mir vielleicht doch nicht immer so ganz sicher? Die Vertreibung ins Exil – ist das manchmal nicht auch meine Realität? Dann, wenn die Sicherheiten schwinden, die bohrenden Fragen in mir laut werden oder das mitleidige Lächeln derer, die mich für einen Naivling halten?

Zum Glauben gehören ganz offensichtlich die Zeiten, in denen alles ins Wanken gerät. Damals war es der festgefügte Tempel. Heute sind es festgefügte Zusammenhänge, die keine mehr sind. Vielen macht das Angst. Manche ignorieren das, machen weiter wie bisher – und merken am Ende doch, dass das nicht trägt. Aber darum, ja vor allem darum ging es damals im Exil. Und darum geht es für Glaubende heute: Um die Frage nämlich: Was trägt mich? Noch besser: Wer? Lassen wir diese Frage wirklich an uns heran?

Alexander Bergel
14. März
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Predigt am 3. Fastensonntag
zu Joh 2,13-25

Haben Sie Ihren Frühjahrsputz schon erledigt? Jesus ist grad mittendrin. Er war zum Paschafest nach Jerusalem gekommen. Zu jenem Fest also, das an die Befreiung Israels aus der Sklaverei erinnert. Beten wollte er. Seinem Gott nahe sein. Einem Gott, der aus dem Nichts heraus Unglaubliches wirken kann. Gerade noch hatte er es auf eindrucksvolle Weise erlebt. Kurz vorher nämlich tat Jesus sein erstes Zeichen: aus Wasser wurde Wein bei der Hochzeit zu Kana. Und nun? Hier in Jerusalem begegnet Jesus Menschen, die nicht mehr viel zu erwarten scheinen. Der ganze Tempel steht voller Gerümpel. Überall Geld, Tiere, Devotionalien. Kaufen, Machen, Anfassen – das ist die Devise. Wo aber bleibt da die Offenheit, sich beschenken zu lassen? Jesus durchfährt ein heiliger Zorn: „Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ Alles muss raus. Alles, was sich zwischen Gott und den Menschen drängt – weg damit. Ein Frühjahrsputz der ganz eigenen Art …

Die Zeit vor Ostern ist auch so eine Art Frühjahrsputz. Frühjahrsputz der Seele sozusagen. Doch Vorsicht: Wer sich das traut, stößt ziemlich sicher auf eine Frage: Was ist in meinem Inneren eigentlich los? Eher Markthalle oder eher Tempel? Also: Eher Lärm, Chaos und Durcheinander? Oder: Klarheit, Offenheit und Weite? Die Geschichte der Tempelreinigung könnte für uns zu einem heilenden Bild werden. Und zu einer Aufforderung: Mensch, wage es, in deine Abgründe hinab zu steigen. In dein Chaos. Blicke in deine dunklen Ecken. Schaffe eine klare Linie. Lass nicht zu, dass alles wichtiger wird als du selbst – und Gott. Wie aber kann das gehen?

Manchmal hilft beim Entrümpeln des eigenen Inneren der Weg über das Entrümpeln des Äußer-en. Ein Frühjahrsputz der Seele kann durchaus beim Entrümpeln der Wohnung beginnen. Viele haben es in diesen Corona-Zeiten bereits getan. Sie noch nicht? Dann schauen Sie sich mal um. Sind Sie zufrieden mit all dem, was Sie in Ihrer Wohnung so alles haben? Oder stehen Ihre vier Wände voll mit allem Möglichen, das Sie eigentlich gar nicht brauchen? Werfen Sie es weg – und Sie können wieder freier atmen. Versuchen Sie’s! Andere müssten vielleicht eher anfangen, ihre Zeit neu zu sortieren. Einfach war das noch nie. Aber momentan ist das eine noch größere Herausforderung. Für alle, die einsam zuhause sind und die quälend langsam vergehende Zeit erleiden genauso wie für alle, deren Leben sich nur noch am Laptop abspielt zwischen Homeschooling der Kinder, zu optimierenden Arbeitsabläufen, fehlenden Sozialkontakten und der Frage, wie bei alldem das Essen auf den Tisch kommt. Was könnte da helfen? Was muss sich ändern? Wieder andere müssten vielleicht ihre Beziehungen mal in aller Ruhe anschauen: Freunde, Bekannte, Kollegen. Und – so hart es klingen mag – vielleicht auch da ein bisschen sortieren und aufräumen. Oder neu investieren. Denn wie kann eine Freundschaft Zukunft haben, wenn ich sie nur noch irgendwie am Leben erhalte – weil sich keiner traut zu sagen, dass es eigentlich keine Freundschaft mehr ist?

Markthalle oder Tempel – das war die Frage Jesu. Und es ist unsere Frage! Jesus konnte nicht mit ansehen, wie der heilige Raum – der Ort also, an dem der Mensch Gott und sich selbst ganz nahe ist – zweckentfremdet wird. Am Ende nämlich, am Ende steht da zwar ein fester Bau – aber das Leben in ihm – das ist verschwunden. Alles läuft nur noch irgendwie so. Die Gottes-beziehung – läuft nach Plan, pünktlich am Sonntagmorgen für eine Stunde. Die Beziehung zu anderen – läuft nach Plan, ohne besonderen Reiz, muss ja. Die Beziehung zu mir selbst – Ach ja, man wird auch nicht jünger … Ja, so kann’s gehen. Muss es aber nicht. Noch – noch ist Zeit!

Alexander Bergel
7. März
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Predigt am 2. Fastensonntag
zu Gen 22,1-18 und Mk 9,2-10

Schlimmer geht’s eigentlich nicht: „Nimm deinen Sohn, den einzigen, den du liebst, und bring ihn als Brandopfer dar.“ Wie schrecklich! Und was für ein Gott! Selbst wenn wir wissen, wie die Geschichte ausgeht, dreht sich einem der Magen um. Gott stellt Abraham auf die Probe. Warum nur? Ist das Leben nicht schon grausam genug? Muss Gott jetzt auch noch einen draufsetzen? Der Weg des Abraham mit seinem Sohn Isaak zum Berg Morija ist eine der dunklen Geschichten des Alten Testaments. Wenn ich sie lese, spüre ich, wie fremd mir Gott sein kann. Viel Dunkles, viele Schatten und noch mehr Fragen tauchen auf: Was ist das denn für ein Weg, den Gott mit uns geht? Wie finde ich mich da wieder? Was tue ich, wenn ich mich völlig überfordert fühle? Wenn mich das, was mir begegnet, zu Tode ängstigt?

Abraham, der Mann des großen Vertrauens, geht ihn, seinen Weg. Durch alle Höhen und Tiefen des Lebens hindurch. Seine Zukunft ist zwar immer bedroht. Aber: Er vertraut. Er vertraut, dass Gott trotz allem einen Plan für ihn hat. Sein Sohn soll leben. Beide werden eine Zukunft haben. Am Ende wird also alles wieder gut. Manche Bibelwissenschaftler sagen: In dieser Erzählung wird eine heilsame Entwicklung verarbeitet: die Abschaffung der Menschenopfer nämlich, die Gott ganz und gar nicht will. Natürlich – so kann man diese Geschichte auch lesen. Und vermutlich ist es auch so: Gott hat keine Freude an Opfern, an Menschenopfern schon gar nicht. Er will unser Herz. Wer sich so in diese alte Erzählung hineinbegibt, der sieht Gott von einer ganz anderen Seite. Die Bibel als verarbeitete Erfahrung, als Entwicklung gar von grausamen Kulten zu einer Liebesbeziehung, zu einem Miteinander auf Augenhöhe.

Ja, das will uns diese Erzählung sicher auch sagen: Gott geht gegen das Grausame in dieser Welt an. Er geht sogar so weit, dass er es selbst mit all dem Grausamen aufnimmt, um es von innen heraus zu verwandeln. Er wird Mensch. Kommt selbst in diese Welt. Aber ist seither alles gut? Natürlich nicht. Es wird ein langer Weg bleiben. Ein Weg aber, auf dem es uns auch wie Schuppen von den Augen fallen kann, wie nah uns Gott so manches Mal gekommen ist. So nah, dass wir diesen Moment festhalten möchten – wie Petrus auf dem Berg Tabor: „Herr, ich will drei Hütten bauen. Lass dieses Glück doch niemals aufhören!“ Doch dieses Hochgefühl ist meist schnell wieder vorbei. Jeder, der mit Gott unterwegs ist, weiß das.

Geschichten wie die des Abraham mit seinem Sohn Isaak zeigen mir, dass alle Versuche, Gott zu begreifen, ins Leere laufen. Sie mahnen mich, den Mund nicht zu voll zu nehmen und zu sagen: So und so ist Gott, das will und tut er aus dem und dem Grund. Gott bleibt ein großes Geheimnis. Eines, das mich nicht bequem werden lässt. Wer mit Gott unterwegs ist, wird ihn immer spüren, diesen Stachel. Den Stachel der bohrenden Fragen. Den Stachel der Ratlosigkeit. Den Stachel des Zweifels. Aber dabei müssen wir nicht stehen bleiben. Auf dem Berg Morija zeigt sich Gott als der Verborgene, schwer Zugängliche. Auf dem Berg Tabor strahlt das göttliche Licht durch alles hindurch – eine Ahnung von Ostern macht sich breit. Und wir? Irgendwo dazwischen. Was meinen Sie: Auf welchem Berg sitzen Sie wohl gerade?

Alexander Bergel
28. Februar
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Predigt am 1. Fastensonntag
zu Gen 9,8-15 und Mk 1,40-45

Ob Jesus wohl geahnt hat, was das bedeutet? Ziemlich direkt nach seiner Taufe geht er in die Wüste. Um allein zu sein. Und um zu klären, was das heißt: Gottes Sohn sein. Genau das hatte er dort gehört, drüben am Jordan. Doch nun, nun sitzt er da. Ganz allein. In dieser Steinwüste, in der man nichts anderes hört als seinen Herzschlag … Alles, was mich ablenkt, alles, was ich mir suche, um ja nicht meinem Leben auf den Grund zu gehen – all das ist plötzlich weg. Nur noch in bin da. Ich ganz allein. Wissen Sie, wie sich das anfühlt?

Schön ist das nicht! In diesem Moment kommen sie nämlich mit voller Wucht – die gefürch-teten, oft verdrängten Fragen: Wer bin ich eigentlich wirklich? Wofür lebe ich? Was wäre, wenn es mich nicht mehr gäbe? Hat das alles überhaupt einen Sinn? Von jetzt auf gleich erwischt es einen manchmal. Gerne mal mitten im Urlaub. Oder an großen Festen. Diese Fragen überfallen mich, wenn ich wirklich alleine, ganz alleine bin. Oder aber im Kreis von ganz vielen Menschen. Mit diesen Fragen im Nacken ist man dann plötzlich trotzdem der einsamste Mensch der Welt.

Was tut man dann? Weglaufen? Sicher. Man kann alles wegdrängen. Weitermachen wie bisher. Sich einreden: „Ach, so schlimm ist das nicht. Die depressive Phase vergeht schon wieder!“ Man kann sich noch mehr Arbeit suchen. Oder Ablenkungen. Der Markt ist voll davon. Nur – irgendwann reicht das auch nicht mehr. Das Übermaß an Arbeit kann zum Herzinfarkt oder Burnout führen, die beste Party ist irgendwann zu Ende oder langweilig. Die zur Routine erstarrte Beziehung ist am Ende keine mehr, nur noch Gewohnheit. Und schnell ist man älter, als es einem lieb ist. Und dann?

Jesus war vierzig Tage in der Wüste. Er hat sich von Grund auf infrage stellen lassen. Er ist seiner Sehnsucht auf den Grund gegangen, hat sich in die Abgründe seiner Existenz hinein begeben. Jesus hat gekämpft. Mit all dem Destruktiven, Aggressiven, Verkorksten in der Welt – und in sich selbst. Er hat am eigenen Leib erfahren, was zutiefst zum Menschen gehört: die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, die Sehnsucht nach Freiheit und Zukunft, die Sehnsucht nach einem gelingenden Leben.

Wie lange zuvor bereits Noah, der sich durch die Wassermassen des Todes hindurch quält, kämpft sich Jesus durch die Abgründe des Zweifels, der Angst, des Alleinseins hindurch. Und fasst Mut. Mut, dem Leben mehr zu trauen als der Fratze des Bösen. Sich nicht aufzugeben, auch wenn Hitze und Sand den Durst unerträglich werden lassen. Jesus gibt nicht auf. Im Gegenteil. Nach dieser quälenden Wüstenerfahrung geht es bei ihm erst richtig los. Vermutlich konnte er seinen Weg nur gehen, weil er vor sich selbst nicht davon gelaufen ist. Er hat es geschafft. Hat Heil erfahren und weiter geschenkt. Das war die Geschichte von Jesus in der Wüste. Und bei uns – wie sieht’s bei uns aus?

Alexander Bergel
21. Februar
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Predigt am 6. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 1,40-45

„Jesus hatte Mitleid mit ihm.“ Dieser kleine Satz sagt eigentlich schon alles. Jesus lässt die Welt nicht kalt. Ganz im Gegenteil. Immer wieder mischt er sich ein. Immer wieder bewegt er die Herzen von Menschen. Immer wieder wendet er sich ihnen zu. Immer wieder stellt er sich auf die Seite der Schwachen. Immer und immer wieder. Wer sich die Evangelien der letzten Sonntage anschaut, könnte meinen, Jesus habe sein Leben lang nur Kranke geheilt. Langsam kann man es schon nicht mehr hören: Nach der Heilung des psychisch Kranken, dann der Schwiegermutter des Petrus und vieler Leute, „die an allen möglichen Krankheiten litten“, nun die Heilung eines Aussätzigen.

„Wir haben es ja verstanden!“, möchte mancher da vielleicht einwenden. Aber haben wir das wirklich? Haben wir wirklich begriffen, nicht nur vom Kopf, sondern auch mit Herz und Bauch, dass Jesu Hartnäckigkeit Methode ist? Gott rückt dem Menschen immer wieder auf die Pelle. Er meint mich. Mit allem Kranken. Mit allem Gebrechen. Mit aller Angst. Mit aller Sorge. Ich merke, mir tut es gut, mich daran erinnern zu lassen. Nichts anderes tun gläubige Juden bis heute, wenn sie sich immer und immer wieder daran erinnern, wie sie Gott – oft in tiefster Not – erfahren haben.

Auch wir können uns im Licht dieses Glaubens auf die Suche machen nach Gott, nach seinen Spuren in unserem Leben. Neugierig geworden? Dann lesen Sie diese Geschichten doch einfach mal nach. Beginnen Sie Ihre Schatzsuche beispielsweise mit dem Markus-Evangelium. Versetzen Sie sich in das Leben der Menschen, denen Sie da begegnen: den Schwachen und Zukurzgekommenen, den Erfolgreichen, den Kranken, den Gesunden, den Komischen, den Verrückten – all denen, die da sind. Vielleicht blicken Sie dort ja wie in einen Spiegel! Und sind mitten drin – in einem großen Abenteuer …

Alexander Bergel
14. Februar
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Predigt am 5. Sonntag im Jahreskreis
zu Ijob 7,1-7

Warum? Immer wieder ist es diese eine Frage. Ijob, dessen Name für schier grenzenloses Leid steht, dieser Ijob klagt: „Monde voller Enttäuschung wurden mein Erbe, und Nächte voller Mühsal teilt man mir zu!“ Warum? Ja, warum, Gott, warum? Eine Antwort? Fehlanzeige. Immer wieder. Damals wie heute. Vielleicht hilft ein Blick auf Jesus weiter: „Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten.“ Menschen heilen – das tut er. Immer wieder. Jesus sieht in all dem das machtvolle Handeln Gottes. Und so ist für ihn ganz klar: „Lasst uns anderswohin gehen, damit ich dort predige. Denn dazu bin ich gekommen!“ Jesus gibt keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Er geht zu den Menschen. Spricht mit ihnen. Und handelt. Jesus berührt die Leute. Mit Worten. Und Taten. Er lässt sie spüren: Gott ist da. In allem – und trotz allem.

Könnte das eine Richtung sein? Nach Gottes Spuren suchen: in allem – und trotz allem? Könnte eine Spur vielleicht sein, sich den eigenen Brüchen, den eigenen Grenzen zu stellen, nicht wegzulaufen und ehrlich, wirklich ehrlich zu fragen: Was sagt mir diese Grenzerfahrung? Konkret: Was geht mir an die Nieren? Wo fehlt mir die Luft zum Atmen? Was schlägt mir auf den Magen? Was beugt mich nieder? Was lässt mein Herz rasen? Was mich verstummen? Und weiter: Begegnet mir Gott vielleicht auch dort? Auch wenn er das Leid nicht weg nimmt? Ja, Sie haben Recht – in der Theorie hört sich das alles ganz schön an. Aber wenn ich dann so da sitze in meinem Elend … Und eines muss auch klar sein: Oft genug sind Krankheiten nur eines: völlig sinnlos!

Zu den wohl schlimmsten Erfahrungen eines Lebens gehört sicher die Diagnose einer lebensbedrohenden, vielleicht sogar tödlichen Krankheit. Von einem Augenblick auf den nächsten ist dann alles anders. Die Welt um einen herum fängt an, sich zu drehen. Man weiß gar nichts mehr. Und oft geht dann alles sehr schnell. OP, Warten auf den Befund, Unsicher-heiten zuhauf, wieder Warten, Angst. Die Nacht nach der Diagnose – die Hölle. Und eine Frage lässt nicht lange auf sich warten: Warum? Der rationale Teil sagt einem: Darauf gibt es keine Antwort. Aber das Herz – es will eine!

Solche Nächte – sie sind quälend lang. Menschen berichten aber auch, dass diese Nächte zu den intensivsten ihres ganzen Lebens geworden sind. Alles geht einem durch den Kopf. Alles Suchen und Fragen, alles Leid und Glück, die vielen Menschen, die einem etwas bedeuten, alle Schuld auch – und die Angst vor dem Tod. Einen kenne ich, der diese Erfahrung gemacht hat: „Als es dann langsam Morgen wurde, war ich plötzlich ruhig. Bis heute weiß ich nicht, warum. Ich konnte sagen – und zwar überhaupt nicht verschroben-frömmlerisch: Wie es kommt, so kommt es. Auf dich, mein Gott, vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben. Es hört sich fromm an, sehr fromm“, gibt er zu, „und gerade deshalb“, so fährt er fort, „gerade deshalb würde ich das so nie sagen – wenn ich es nicht selbst erlebt hätte … Diese Krankheit hat mein Leben verändert. Das merke ich. Bis heute.

Dieser Mensch ist wieder gesund geworden. Manch anderer wird das nicht. Aber selbst dann bleibt Menschen dieser Gott. Ein Gott, der zuhört. Und auf geheimnisvolle Weise neue Wege zeigt. Immer wieder gibt es Menschen, die das so unterschreiben würden – selbst wenn sie wissen: Ich werde sterben. Die Frage nach Gott und dem Leid – sie bleibt eine, vielleicht sogar die Frage unseres Lebens. Nicht immer gibt es eine Antwort darauf. Oder vielleicht doch?

Alexander Bergel
7. Februar
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Predigt am Fest der Darstellung des Herrn
zu Lk 2,22-40

Ich tue es nicht gerne. Aber es muss sein. Am Mittwoch räume ich sie weg: meine Krippe. Und mit ihr das letzte Bisschen Weihnachtsgefühl. Wenn ich mich gerade dran gewöhnt habe, dass Weihnachten wirklich vorbei ist, dann feiern wir doch noch mal ein weihnachtliches Fest: das heutige nämlich, Darstellung des Herrn. Noch einmal weihnachtliche Lieder hören, noch einmal ein bisschen Gefühl, noch einmal der kleine süße Jesus. Doch stopp – ganz so süß ist das alles gar nicht. Was genau feiern wir eigentlich an diesem Tag? Wir feiern, dass sich die Sehnsucht zweier alter Menschen erfüllt: Simeon und Hanna. Ein Leben lang hatten sie darauf gewartet, den Messias zu sehen. Sie haben allen Ernstes ihrem Gott geglaubt. Geglaubt, dass er sich in ihrem Leben zeigt! Das muss man erst mal durchhalten. Ein ganzes Leben lang! Wie schwer fällt es mir manchmal, eine Krise durchzustehen. Oder schwere Momente. Momente, in denen ich mich frage: Ist der Weg, den ich gehe, der richtige? Ist der Gott, an den ich glaube, der echte? Ist das Leben, das ich führe, ein vernünftiges?

Weihnachten erinnert mich daran: Gott wagt einen neuen Anfang mit seiner Welt. Und mit mir. Er kommt in unsere Dunkelheiten. Er stellt sich an unsere Seite. Ja, er geht auf Tuchfühlung mit uns, um zu wissen, wie das Leben läuft. Um genau das nicht zu vergessen, ist das Jahr mit vielen weihnachtlichen Festen durchzogen: Am 25. März – neun Monate vor der Geburt Jesu – feiern wir, dass Gott den Menschen ernst nimmt. Er kommt nicht einfach so in diese Welt, überrumpelnd. Nein: Nur weil ein Mensch „Ja“ sagt – Maria nämlich –, nur weil sie mit Gott an einem Strang zieht, kann das Vorhaben „Erlösung der Welt“ beginnen. Am 24. Juni feiern wir die Geburt Johannes des Täufers, ein weiteres weihnachtliches Fest. Gott braucht Menschen, die auf ihn zeigen. Menschen, die darauf aufmerksam machen: „Guck mal da, da ist er, dein Gott.“ Ohne solche Menschen hätte ich ihn vielleicht nie gefunden … Am 2. Juli – der nächste weihnachtliche Vorbote: Maria Heimsuchung. Die schwangere Maria kann ihre Freude nicht für sich behalten. Sie geht übers Gebirge zu ihrer Verwandten Elisabeth. Ja, die Berg- und Talfahrt des Lebens beginnt. Und das ziemlich schnell nach der umwerfenden Gotteserfahrung, die Maria durch den Engel hatte. Da ist es gut, Menschen zu haben, zu denen man gehen kann. Menschen, die einen verstehen, weil sie Ähnliches erlebt haben. So wie Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers.

Und heute nun: Darstellung des Herrn, das letzte der weihnachtlichen Feste. Bevor er groß wird und der Welt seinen Gott verkündet, begibt Jesus sich als kleines Kind in den Tempel, in das Haus seines Vaters. Eine Geschichte nicht nur, aber auch für Enkel und Großeltern. Vor 40 Jahren ist mein Opa gestorben. An vieles von ihm kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber an eines: Er saß oft am Fenster und schaute auf den Friedhof in Ostercappeln, der neben seinem Garten lag. Heute weiß ich, dass er oft betete. Und nachdachte, wie es wohl nach dem Tod wäre. Voller Sehnsucht wartete er darauf, Gott begegnen zu können. Für mich ist er wie der Simeon im Tempel: ein Leben lang bereit, suchend, voller Sehnsucht nach Leben.

Vielleicht lasse ich sie doch noch ein paar Tage länger stehen: meine Krippe. Denn sie erinnert mich an Vieles. Die Krippe erinnert mich daran: Gott braucht Dein „Ja“, um Deine Welt zu verändern. Gott begegnet Dir in Menschen, die auf der Berg- und Talfahrt ihres Lebens Ähnliches erlebt haben wie du. Gott wird erkennbar, wenn andere Dir zeigen, wo sie ihm begegnet sind. Und Gott erfüllt die Sehnsucht derer, die alles auf eine Karte setzen. Menschen wie Simeon oder Hanna oder mein Opa.

Alexander Bergel
2. Februar
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Predigt am 4. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 1,21-28

Unangenehm muss das gewesen sein, damals in der Synagoge. Dorthin hatte er sich verkrochen, dieser arme Irre. Und jetzt wittert er seine große Stunde. Der Mann, der von einem unreinen Geist besessen war, beginnt zu schreien: „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen?“

2000 Jahre später. Sonntag Morgen ist es. Wer in der Kirche sitzt, erlebt: Alles läuft schön nach Plan. Alles in allem angenehm, ja fast gemütlich. Was, wenn jetzt jemand käme, der das alles kaputt macht? Würden wir sofort die Polizei rufen oder solch einen Menschen „nur” durch kollektive Verachtung strafen?

Jesus in der Synagoge reagiert so: „Er befahl: ‚Schweig und verlass ihn!’ Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.“ Wer hätte das gedacht: Jesus lässt sich herausfordern. Er lässt sich in Frage stellen. Jesus ignoriert den Kranken nicht. Ganz im Gegenteil: Er nimmt ihn ernst. Und er geht noch einen Schritt weiter: Jesus nennt die Krankheit dieses Menschen beim Namen: Er vertreibt den unreinen Geist – wie es in der Sprache der Bibel heißt.

Immer mal wieder begegnen auch mir solche Menschen. Menschen, die krank sind. Krank im Kopf. Krank im Herzen. Und fast immer fühle ich mich schlecht: Wie gehe ich mit ihren Aggressionen um? Wie reagiere ich auf ihre Vorwürfe? Wie kann ich überhaupt mit denen reden? Wie verhalte ich mich gegenüber Alkohol- und Drogenabhängigen?

Solche Menschen, sie stellen mich in Frage. Meine schöne geordnete Welt! Sie konfrontieren mich mit dem Leben,  wie es eben auch ist: krank, arm und elend. Heraus-Fordernd sind sie, diese Menschen – und das in einem doppelten Sinn: Sie fordern mich heraus zu fragen: Was ist im Leben wirklich wichtig? Und sie zeigen mir: Mensch, auch dein Leben ist verletzlich. Auch du bist nicht nur stark.

Dass Jesus am Anfang seines öffentlichen Wirkens einen psychisch Kranken heilt, ist wohl kein Zufall. Seelisches Leiden, Besessenheit, Sucht – all das ist immer auch ein Anzeichen für die tiefe Sehnsucht nach Leben, nach Geborgenheit, nach Liebe – und letzten Endes auch nach Gott.

Obwohl wir Gott nie gesehen haben
– so der Theologe und Dichter Ernesto Cardenal –,
obwohl wir Gott nie gesehen haben,
sind wir wie die Zugvögel,
die – an einem fremden Ort geboren –,
doch eine geheimnisvolle Unruhe empfinden,
wenn der Winter naht,
eine Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat,
die sie nie gesehen haben
und zu der sie aufbrechen,

ohne zu wissen, wohin.

Vielleicht gehört das auch zu dem, was wir von den „Besessenen“ unserer Tage lernen können: Auf unsere Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat zu achten, die wir nie gesehen haben.

Traue ich mich das? Traue ich mich, meiner tiefsten Sehnsucht Raum zu geben? Nehme ich mich so, wie ich bin? Oder muss ich so sein, wie andere mich haben wollen? Kann ich mir eingestehen, schwach zu sein? Oder spiele ich immer den Starken? Jesus ist da ziemlich klar. Und wir?

Alexander Bergel
31. Januar
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Predigt am 3. Sonntag im Jahreskreis
zu Mk 1,14-20

Simon
Andreas
Jakobus
Johannes

Kommt her, folgt mir nach!
Alles liegen lassen. Und weg.

Herr Meyer
Frau Müller
Oma Inge
Kevin

Schon, aber
ich muss auf meine Stellung achten.
Schon, aber
meine Verlobte mag das nicht.
Schon, aber
dafür habe ich keine Zeit.
Schon, aber
ich riskiere zu viel.
Schon, aber
was werden die Leute sagen?
Schon, aber
meine Eltern sind anderer Meinung.
Schon, aber
ich müsste mich engagieren.
Schon, aber
ich bin schon so oft frustriert worden.
Schon, aber
man kann auch so ein guter Mensch sein.

Vielleicht nächste Woche.

Alexander Bergel
24. Januar
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Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis
zu 1 Sam 3,3b-10.19 und Joh 1,35-42

Diese Worte ändern alles. Egal ob mitten in der Nacht gesprochen oder zur zehnten Stunde, also nachmittags um 4. Der kleine Samuel im Tempel hört eine Stimme. Andreas und Petrus sehen einen Menschen. Der eine ist innerlich ganz zappelig und bleibt am Ball, um heraus zu finden, wer denn da ruft. Die anderen beiden gehen einfach los. Zu Jesus nach Hause. Dort die Frage: Was wollt ihr? Ja, manchmal muss man sich das wohl fragen. Was will ich eigentlich? Was will ich hier? Und was will ich von Gott? Doch – wie finde ich das heraus? Selbst im Glauben Geübte wissen nicht sofort Bescheid. Siehe Eli, der weise Mann im Tempel. Und auch die forschen Gott-Sucher müssen sich Zeit nehmen und Eindrücke sammeln. Siehe Andreas und Petrus.

Glauben braucht Zeit. Und Glauben braucht ein offenes Ohr. Glauben braucht die von manchen gefürchtete, von anderen ersehnte Stille. Glauben erfordert Mut. Und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Wer glaubt, traut seiner Sehnsucht. Und hofft auf die Begegnung mit einem wunderbaren Gegenüber. Wer dieses Gegenüber kennenlernen, gar sein Leben mit ihm teilen will, der muss sich mit ihm auseinander setzen. Wer Gott erfahren will, sollte also die Bibel in seiner Nähe haben. Lesen. Einfach lesen. Immer wieder. Egal, ob ich verstehe, was da steht oder nicht. Immer wird es da ein Wort geben, das mich packt. Oder berührt. Oder Irritiert. Oder versöhnt. An Wunden rührt oder Heilung schenkt. Wer Gott erfahren will, der sollte auch keine Angst vor Menschen haben. Reden und schweigen. Da sein und hören. Unterstützen und ziehen lassen. Trösten, stärken – und  lieben. Wer glaubt, erahnt bei all dem den menschen-freundlichen Gott.

Und der Alltag? Die eigene Hektik und die der anderen? Die vielen Sorgen? Die Kirche, die auch nicht mehr das ist, was sie mal war – oder noch nicht die ist, die sie sein könnte? Der Stress? Die Zwänge, die Argumente dagegen? Und überhaupt – wie soll das gehen? Keiner hat behauptet, Gott zu finden, gehe nebenbei, in der Wohlfühloase oder am besten mit Spiritualitätsdiplom. Nein, das nicht. Wenn du es versuchen willst, dann schaue nach, ob du dies hast: ein Herz, das sich nach Stille sehnt, und ein Ohr, das neugierig bleibt. Für’s erste wäre das schon eine ganze Menge. Und der Rest? Der geschieht nicht selten wie von selbst.

Alexander Bergel
17. Januar
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Predigt an Erscheinung des Herrn
zu Mt 2,1-11

Geschichten gehen immer weiter. Diese auch. „Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er sandte aus und ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte.“ Ganz gleich, ob es diesen Kindermord so konkret gegeben hat oder ob er nur illustrieren soll, wie Herodes von seinen Zeitgenossen erlebt wurde – eine Blutspur zieht sich durch seine Herrschaft, durch ein ganzes Land, durch eine ganze Geschichte. Und diese Blutspur – sie reicht bis in unsere Tage.

Was ist eigentlich los mit unserer Welt? Was ist los mit einem Land, das zu Recht zu den ältesten und stärksten Demokratien unserer Erde zählt? Was ist los in Washington, wo ein aufgeheizter Mob durch die Straßen zieht und das Kapitol stürmt? Was ist los mit einem Machthaber, der vom Wohl des Volkes spricht, dem es aber nur um seinen eigenen narzisstischen Machterhalt geht? Eine Blutspur des Misstrauens, des Hasses, der Polarisierung zieht sich durch ein ganzes Land. Überraschen kann das niemanden.

Und bei uns? Was ist los mit einem Land, das zu den reichsten der Erde zählt, in dem Politiker natürlich auch nicht alles richtig machen, aber doch versuchen, Entscheidungen zu treffen, die uns allen helfen wollen, gut durch diese Krise zu kommen? Was ist los bei uns, wenn sich Menschen gegen das Impfen aussprechen, dies aber nicht in einem vernünftigen Diskurs tun, sondern in der Öffentlichkeit Aufkleber anbringen, vor ein paar Tagen auch am Schaukasten vor der Heilig-Geist-Kirche. Auf diesem Aufkleber war ein Judenstern abgebildet. Mittendrin stand: Ungeimpft. Und darunter war zu lesen: „Es geht wieder los.“ Eine Blutspur der Gedanken, der Manipulation, eine Blutspur, von der wir noch nicht absehen können, wohin sie führt.

Worum geht es all diesen Leuten? Worum geht es dem abgewählten Präsidenten der USA? Worum geht es den Radikalen überall auf der Welt? Jenen, die nicht bereit oder willens oder fähig sind, Argumente auszutauschen, gemeinsam nach Lösungen, nach Perspektiven, nach Wegen in eine gute Zukunft zu suchen? Es ist schwer zu sagen. Manchen geht es wirklich nur um das eigene Ich. Andere wollen den Hass, die Zerstörung, das Chaos. Und man wird sie vermutlich nicht ändern können. Umso wichtiger ist es dann aber zu überlegen: Was wollen wir denn? Was ist unsere tiefste Sehnsucht? Und: Wie können wir helfen, dass sich die Wege des Heiles durchsetzen und nicht das Unheil der Narzissten, der Blender, der Verkürzer, der Polemisierer und Verführer?

„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ Ganz gleich ob es nun Könige waren oder Weise, ganz gleich ob es drei waren oder mehr, da waren Männer unterwegs – selbst das wäre egal, warum nicht auch Frauen? –, Menschen waren unterwegs. Haben sich auf den Weg gemacht. Weil sie gespürt haben: Es gibt da noch etwas anderes. Ja, es gibt da noch einen Anderen. Den zu suchen – das lohnt sich. Und so haben sie sich aufgemacht. Haben die Zeichen des Himmels richtig gedeutet – ohne zu wissen, wohin sie das führt. Sie haben das Alte hinter sich gelassen, denn das gab ihnen nicht mehr den nötigen Halt. Sie sind losmarschiert. Hitze am Tag, Kälte in der Nacht. Durch Gebirge und Täler. Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen – das hatten sie bei sich. Sonst nichts.

Und dann – die erste Adresse: Herodes. Wohin auch sonst, wenn man einen neuen König sucht? Aber da leuchtete der Stern schon nicht mehr. Und sie ahnten: Bei Herodes gibt es keine Ehrlichkeit. Und keine Zukunft. Seine Verschlagenheit war ihm wohl ins Gesicht geschrieben. Also: Weitergehen. Und dann finden Sie das Unerwartete. Dann finden Sie ein Kind. Und sie spüren. Das ist er. Und allen war klar: Das ist es! Ein neuer Anfang muss her. Die Begegnung mit dem verletzlichen Kind, die Begegnung mit ihrer eigenen Verletzlichkeit, die Begegnung mit dem ganz Neuen weckt Kräfte, macht Mut und schenkt die Fähigkeit, wieder zu träumen.

„Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.“ Gott-Sucher und Friedens-Sucher aller Zeiten haben auf ihr Inneres gehört. Gott-Sucherinnen und Frieden-Sucherinnen aller Zeiten haben sich bewegen lassen. Und sind so Gott und seinem Frieden ganz nahe gekommen. Gott-Sucher und Friedens-Sucherinnen aller Zeiten haben neue Wege gefunden, um das erfahrene Heil, den ersehnten Frieden dorthin zu bringen, wo Gott und sein Frieden am Nötigsten sind. „I have a dream – Ich habe einen Traum!“: Martin Luther King hatte diesen Traum. 1963 hat er ein ganzes Land, sein Land, die USA, damit bewegen und begeistern können. 2021 wartet darauf, dass Menschen einen solchen Traum leben. Anders gesagt: Geschichten gehen immer weiter. Diese auch?

Alexander Bergel
10. Januar
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Predigt am Zweiten Sonntag nach Weihnachten
zu Joh 1,1-5.9-14

Keiner weiß, wie Gott ist. Keiner wird auch jemals Worte finden, um ihn wirklich zu beschreiben. Und doch versuchen es Menschen immer wieder. Ja, sie müssen es sogar tun. Denn wie soll ich mich jemandem nähern, von dem ich nicht mal eine Ahnung habe, wer er sein könnte?

Johannes, der Evangelist, versucht es auch. Er nähert sich dem Wesen Gottes mit dem griechischen Wort Logos. Logos bedeutet Weisheit, Wort, Geist, Sinn. Logos ist der Inbegriff aller positiven geistigen Kräfte. In Jesus von Nazareth, so die Botschaft des Johannes, hat diese geballte Kraft Gottes menschliche Gestalt angenommen: Das Wort, der Logos, ist Fleisch geworden.

Am Menschen Jesus von Nazareth sehen wir, wie Gott ist, wie wir uns ihn vorstellen können. In ihm ist Gott den Menschen nahegekommen, ist Gott sichtbar, berührbar und angreifbar geworden. Denn genau das hat Jesus getan: Er hat Menschen berührt und umarmt. Und das haben die, die mit ihm in Berührung gekommen sind, als ein Berührtwerden von Gott erlebt. Diese Erfahrung hat sie geheilt, versöhnt, wieder ganz werden lassen, ihnen die verlorene Menschenwürde zurückgegeben.

Wer im Glauben unterwegs ist, kann sich seiner Sache niemals ganz sicher sein. Wer im Glauben unterwegs ist, der kann aber auch nicht anders, als immer wieder Ausschau zu halten nach Zeichen für dieses große Gottesgeheimnis. Und die Erfahrung der vielen Gott-Sucher zeigt: Diese Zeichen lassen sich finden. Die Menschheitsgeschichte ist voll davon.

Damals in Betlehem, da blieb es nicht beim Zeichen. Und das Wort nicht beim Wort allein. Damals in Betlehem ging Gott einen entscheidenden Schritt weiter. Sein Wort bekam Hand und Fuß. Diese Hand ist es, die er uns auch heute noch entgegenstreckt. Greifen Sie zu! Denn Gottes Wort – es gilt!

Alexander Bergel
3. Januar
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Predigt zum Jahreswechsel
zu Lk 2,16-21

Was war das nur für ein Jahr. Unendlich viel ist geschehen! Von heute auf morgen hatte sich alles verändert. Erst kam da dieser Engel. Der Engel, der etwas Unglaubliches verkündete:

„Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären!“ Als sie es so langsam zu verstehen begann, Maria, die junge Frau aus Nazareth, da war er auch schon wieder weg, der Engel.

Wohin mit ihren Fragen, wohin mit ihrer Sorge, wohin mit ihrer Freude? Maria macht sich auf den Weg. Sie geht ins Gebirge zu Elisabeth, ihrer Verwandten. Die Berg- und Talfahrt des Lebens beginnt. Auf dem Gipfel angekommen – ein Gruß: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen!“ Auch hier wieder: Erstaunen. Maria, sie lässt sich berühren – und kann nicht mehr an sich halten: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Jubel, Freude, tiefes Erleben: Gott ist da!

Aber dann: Heimwärts geht es – mit einer Frage im Gepäck: „Wie sag ich’s Josef – das mit dem Kind? Wird er mir glauben?“ Josef: Er zögert zwar. Er ringt mit sich. Vielleicht auch mit Gott, sicher mit seiner Frau. Aber: Er bleibt. „Gemeinsam schaffen wir das!“ So etwas mag er wohl gesagt haben. Endlich Ruhe und Sicherheit! Aber die währt nicht lange.

Wieder etwas Unerwartetes geschieht: „In jenen Tagen erging ein Befehl von Kaiser Augustus, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.“ Also wieder unterwegs. Wieder keine Ruhe. Wieder keine Sicherheit. Wo doch das Kind bald kommen würde … Aber es nutzt nichts. Nach langem Ritt, nach mühsamem Weg: endlich eine Herberge – egal was für eine.

„Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit der Niederkunft. Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.“ Was wird das wohl für ein Kind werden? „Können wir ihm eine Zukunft bieten? Wir armen Leute? Wird Gott uns helfen?“ Immerhin hatte der Engel den Hirten Großes verheißen. „Heute ist euch der Retter geboren. Er ist der Messias, der Herr!“ Wieder große Worte – was wird wohl daraus werden? „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“

Der Engel. Der mühsame Weg. Die Freude der Begegnung auf Augenhöhe. Die unvermutete Umarmung. Die lebensbedrohliche Politik. Das Wunder in armseliger Umgebung. Der offene Himmel. Das war Marias Weg durch ihren Advent bis nach Betlehem. Das ist und bleibt der Weg durch unseren Advent. Bis nach Betlehem. Bis zu dem Ort, an dem uns gesagt wird: Du hast eine Zukunft.

Auch nach diesem Jahr. Nach einem Jahr, in dem unendlich viel geschehen ist. In der großen und in unserer kleinen Welt. Ein Jahr, wie es wohl keiner von uns je zuvor erlebt hat. 365 Tage Leben und Sterben, Lachen und Weinen, Hoffnung und Trauer, Frieden und Krieg, 365 Tage Glück und Leid, Liebe und Hass, Fragen und Antworten, Glauben und Zweifel.

Vielleicht haben Sie es in den vergangen Tagen so gemacht wie Maria. Geschaut, was war. Nachgedacht. Losgelassen. Vielleicht haben Sie manches ganz neu in den Blick genommen. Vielleicht sind Ihnen manche Menschen noch fremder geworden. Andere aber plötzlich ganz nahe gekommen. Vielleicht ist Ihnen aufgegangen, wie Sie Gott schmerzlich vermissen. Oder wie Sie ihm ganz nahe gekommen sind. Vielleicht haben Sie mehr Fragen entdeckt, als dass sich Antworten finden ließen.

Was auch immer in Ihrem Leben los ist: Diese Tage sind voll von einem einzigen Versprechen: „Egal, was war – egal, was kommt. Ich gehe mit dir durch Dick und Dünn. Erinnere dich an die Wunder, die du schon erlebt hast. Und glaube mir, dass ich der Gott deines Lebens bleibe, komme, was kommt!“ Also: Augen auf im neuen Jahr! Das Wunder – es geht weiter.

Alexander Bergel
31. Dezember
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Predigt am Weihnachtsfest
zu Lk 2,1-15

Einen unpassenderen Zeitpunkt kann man sich kaum vorstellen. Immerhin ist sie schwanger. Doch es nutzt nichts. Sie müssen los. Protestieren? Keine Chance. Der Kaiser will es so. Also machen sie sich auf den Weg. Nach Betlehem. Und lassen sich eintragen. In Listen. – In diesen Tagen bleiben am besten alle zuhause. Einen unpassenderen Zeitpunkt könnte es auch dafür nicht geben. Immerhin ist Weihnachten. Protestieren? Nutzlos. Denn der Befehl kommt wiederum von ganz oben. Die Regierung hat es angeordnet. Viele halten sich auch daran. Und wer doch rausgeht – zum Beispiel hierher –, muss sich eintragen lassen. In Listen.

Was für verrückte Zeiten! Hätte man mir vor einem Jahr gesagt, dass ich mal Fachmann im Erstellen und Ausfüllen von Listen würde, hätte man uns gesagt, dass wir die Worte Inzidenz, SARS-CoV-2 oder Virus-Variante im Schlaf würden aussprechen können, hätte man uns gesagt, zu welchen Verwerfungen, Vorwürfen und steilen Thesen es in unserem Lande einmal kommen würde, hätte man uns gesagt, wie viele Menschen Angst ums nackte Überleben haben und in welch noch größeres Elend weite Teile dieser Erde gestürzt würden, weil ein Virus die Welt in Atem hält – nur wenige hätten es geglaubt. Aber genau so ist es gekommen.

Die Welt steht Kopf. Menschen haben Angst. Um Freunde. Um Angehörige. Ums eigene Leben. Menschen fragen nach dem Sinn. Wollen verstehen, was passiert. Wollen Lösungen finden. Halten die Enge einfach nicht mehr aus. Können es nicht ertragen, allein zu sein. Oder fühlen sich vom Staat bevormundet. Eine Welt im Strudel der Pandemie. Unsere Gesellschaft – eine der reichsten der Erde – gelangt an ihre Grenzen. Und dann wird Weihnachten. Einfach so. Doch was genau bedeutet das? Also: Was bedeutet es wirklich? Wir schauen auf ein Kind. Nichts weiter. Gott hat offensichtlich eine Schwäche für klare Ansagen. Denn klarer geht’s wirklich nicht: Wer ein Kind anschaut, wer es in die Arme schließt, wer sich von ihm anrühren lässt – der kann doch gar nicht anders, als neuen Mut zu fassen, oder? Gott wählt diesen Weg. Er hätte tausend andere nehmen können. Aber nein: Er wird ein Kind. Doch dieses Kind – es fällt nicht vom Himmel.

Selbst wenn die uralte Geschichte, die uns alle Jahre wieder verzaubert, märchenhafte Züge aufweist: Jesus ist kein Märchenprinz. Ganz im Gegenteil. Jesus kam auf der Straße zur Welt. Nicht im sicheren Zuhause. Jesus hat die Welt am eigenen Leib erfahren. Hat gespürt, wie sich Hunger anfühlt. Hunger nach Brot. Hunger nach Liebe. Hunger nach erfülltem Leben. Das hat ihn geprägt. Und seine Eltern wohl auch. Maria und Josef – zwei Menschen, die ihren Verstand eingeschaltet haben und nicht einfach so irgendwem hinterhergelaufen sind. Aber sie haben sich bewegen lassen. Nicht nur durch den Kaiser. Und damit schon das vorgelebt, was der erwachsene Jesus allen Menschen ins Stammbuch schreiben sollte: Bleib nicht stehen! Brich auf! Bewege dich! Und dann rechne damit, dass du in allem, was geschieht, Gott begegnen kannst. Nicht im Paradies oder in der Wellness-Oase. Nein, da, wo das Leben tobt. Wo es so ist, wie es nun mal ist.

Wir feiern Weihnachten. In einem Jahr, das viele an ihre Grenzen gebracht hat. Wir feiern Weihnachten und schauen dabei auf jene Grenze, die Gott überwunden hat. Er kommt zu uns. Mit seinem Lächeln und seiner Liebe. Mit seiner Kraft und seiner Zärtlichkeit. Mit seinem Anspruch und seiner Ermutigung. Und mit einem Versprechen. Und dieses Versprechen heißt: Du wirst nicht untergehen! Und wenn wir irgendwann – wir werden es erleben, seien Sie sicher! –, wenn wir irgendwann keine Listen mehr ausfüllen, keine Kontakte mehr einschränken und unsere Lieben wieder umarmen dürfen – dann könnte uns das eine Ahnung davon schenken, wie es sich anfühlt, wenn Gott uns seine Nähe schenkt. Auf seiner Liste stehen wir nämlich ganz oben!

Alexander Bergel
24. Dezember
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Predigt am Vierten Adventssonntag
zu Lk 1,26-38

Wir haben in unserer Pfarrei den diesjährigen Advent unter das Motto „Advent ist eine Zeit der Erschütterung“ gestellt und auf verschiedene Weise beleuchtet, was diese Sentenz für uns hier heute konkret bedeuten könnte. Das Zitat stammt bekanntlich von dem weltweit berühmten Jesuitenpater Alfred Delp, und es lautet im Ganzen: „Advent ist […] eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“[1] Ich meine, es bietet sich an, am heutigen vierten Adventssonntag – und in der gespannten Erwartung auf das nahende Weihnachtsfest – einmal etwas ausführlicher an den Urheber unseres Advents-Mottos zu erinnern, auch deshalb, da sich der dahinter stehende Gedanke schließlich mit einer Kernaussage des heutigen Evangeliums verschränkt: Maria, die sich von Gott berufen lässt.

Alfred Delp gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den wichtigsten Gesprächspartnern des Kreisauer Kreises; einer Gruppe oppositionell gesinnter Männer und Frauen, die sich formiert hatte, um Grundsätze einer geistigen, politischen und sozialen Neuordnung für die Zeit nach dem erhofften und erwarteten Ende des nationalsozialistischen Terrorregimes zu erarbeiten. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch am 20. Juli 1944 gelangten schnell auch die Angehörigen des Kreisauer Kreises ins Visier der NS-Behörden, und so wurde auch Alfred Delp bereits am 28. Juli 1944 – nach der Feier der Frühmesse – von der Gestapo verhaftet. Für Delp bedeuteten die dann folgenden Monate der Gefangenschaft eine Zeit zwischen Schwermut, Depression und ungebrochenem Lebenswillen; die nicht nur geprägt war von der Sorge um sein eigenes Leben, sondern auch um das Leben seiner Mithäftlinge und Gefährten, die Zukunft seiner Ordensgemeinschaft, die Zukunft der Deutschen als Gesellschaft – während ihn die Verfolger – auch und gerade wegen seines christlichen Bekenntnisses – durch Isolationshaft und quälende Verhöre zu zermürben suchten. Als Nachgeborene kennen wir den Ausgang dieser Geschichte und wissen, dass Alfred Delp am 11. Januar 1945 wegen angeblichen ‚Hoch- und Landesverrats‘ zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde kurz darauf am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Dass dieses Datum mit dem Festtag Maria Lichtmess zusammenfällt, ist natürlich nur Zufall; erscheint mir aber dennoch erwähnenswert.

Trotz der widrigen Umstände seiner Gefangenschaft hat Alfred Delp in der Enge seiner Gefängniszelle einen Teil der Schriften verfasst, die heute sein Vermächtnis bilden. Sie geben ein eindringliches Zeugnis von seinem Wunsch und Streben, immer tiefer in die Nachfolge Christi hineinzuwachsen. So notiert er etwa am 1. Januar 1945 ganz ‚jesuitisch‘ in sein Tagebuch: „Ich will mich Jesus zugesellen als ein Treugeselle und Liebender.“[2] Und er fügt hinzu, dass diese Nachfolge vor allem eine Leidenschaft bezeichne, „eine Leidenschaft […] des Glaubens, der Hingabe, des Strebens, des Dienstes.“[3]

Delps Leidenschaft für die ‚Sache Jesu‘ kommt auch in seinen Adventsmeditationen zum Ausdruck, die während seiner Haftzeit entstanden sind. Die Meditationen tragen den Titel Adventsgestalten und sie beginnen mit dem Satz: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Was aber bedeutet das? Delp erläutert: Damit der Mensch zu sich selbst findet, damit er zu der ‚Fülle‘ gelangt, zu der er gerufen und fähig ist, muss er, „die anmaßenden Gebärden und verführerischen Träume“[4] ablegen, mit denen er sich immer wieder etwas vormacht. Diesen Prozess, in dem sich der Mensch von seiner Überheblichkeit, seiner Vermessenheit, seinen Illusionen befreit, beschreibt Delp als ein ‚erschütterndes Erwachen‘. Doch ist der Mensch dabei nicht allein; im Advent begleiten ihn Gestalten, die ihm den Weg weisen, die ihm zum Vorbild werden können.

Die zentrale Gestalt ist für Delp in diesem Zusammenhang Maria, die uns im heutigen Evangelium begegnet. Während die heutige Theologie zu Recht Marias Rolle als Prophetin hervorhebt – die u. a. darin zum Ausdruck kommt, dass sie, nachdem sie der Engel verlassen hat, im Magnificat das ihr übermittelte Gotteswort öffentlich macht –, konzentriert sich der Theologe Delp, wie es zu seiner Zeit üblich war, stärker auf den ‚Gehorsam‘ Marias und die Bedeutung der Gottesmutterschaft. Aber ebenso wie die ‚moderne‘ Theologie betont auch Delp die Verkehrung der irdischen Herrschaftsverhältnisse, die mit Marias ‚Ja‘ zu Gott – ihrer bewussten Nachfolge – verbunden ist. Er schreibt: „Die Frau hat das Kind empfangen, es unter ihrem Herzen geborgen und hat den Sohn geboren. Die Welt ist in ein anderes Gesetz geraten.“[5]

Maria als Gestalt des Advent: Wie Maria offen werden für die Verheißungen Gottes. Wie Maria Gottes Wort verkünden. Wie Maria Gott nachfolgen. Darin liegt die Kraft der Veränderung. Daran können wir uns halten. Vielleicht ist es zuvor nötig, dass wir uns erschüttern lassen und wach werden zu uns selbst. Die Gelegenheit dazu ist günstig. Denn es ist ja Advent.

[1] Alfred Delp: Im Angesicht des Todes. Geschrieben zwischen Verhaftung und Hinrichtung 1944–1945, hg. von Paul Bolkovac, Frankfurt am Main 1947, S. 27.
[2] Ebd., S. 19.
[3] Ebd.
[4] Ebd., S. 27.
[5] Ebd., S. 31.

Maria Schmiegelt
20. Dezember
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Predigt am Dritten Adventssonntag
zu Jes 61,1-2a.10-11

Zum Einstieg hören Sie die Titelmelodie des Weihnachtsmärchens

Kleider machen Leute! Schimmel Nikolaus, der Hund Kasperle und eine Schmuckschatulle, die von der Eule Rosalie bewacht wird, sind alles, was Aschenbrödel nach dem Tod ihrer Eltern geblieben ist. Das Waisenkind lebt bei der herrischen Stiefmutter, die den Gutshof des Vaters an sich gerissen hat. Die Stiefmutter und ihre leibliche Tochter Dora erniedrigen Aschenbrödel nach Kräften und behandeln sie wie eine  Magd.

Wir kennen es, das Märchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Ein Klassiker der Advents- und Weihnachtszeit. Im Vordergrund der Geschichte stehen zwei Menschen – das Aschenbrödel und der Prinz. Und drei Haselnüsse. Und drei Wünsche. Im Märchen geht es aber auch immer um Kleidung. Die fesche Jagdkleidung der jungen Frau, das schöne Ballkleid samt verlorenem Schuh oder später das Brautkleid. Und es gibt in diesem Märchen natürlich ein Happy End! Der Prinz heiratet das Aschenbrödel.

Auch das dritte Jesaja-Buch spricht heute von Kleidern – von Gewändern des Heils und vom Mantel der Gerechtigkeit. Nur dass Jesaja diese Art der Kleidung mit den persönlichen Erfahrungen der Menschen seiner Zeit verbindet. Es sind die Jahre nach dem Babylonischen Exil. Das Volk – oder besser die Oberschicht des israelitischen Volkes – darf in die Freiheit zurück. Schluss mit der Unterdrückung! Die Worte des Jesaja sollen das Volk trösten, denn so wie es nun in ihrer Heimat aussieht, wird es kein schöner Anblick bei ihrer Rückkehr werden. Es erwartet sie ein trostloser Trümmerhaufen, ein Trümmerhaufen, der einst die Gottesstadt Jerusalem war. Erschütterung macht sich breit. Unbehagen und Skepsis mit Blick auf die Zukunft kommen noch hinzu. Jesaja darf ihnen aber im Auftrag Gottes Heil(ung) und Gerechtigkeit zusagen!

Ungefähr 2500 Jahre später, kurz vor seiner Hinrichtung am 2. Februar 1944 schreibt Alfred Delp den Satz: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Es ist die Überschrift unserer diesjährigen Adventszeit. Alfred Delp meint damit, dass es beim Ankommen des Gottessohnes auch auf mich ankommt! Auf jeden von uns! Und das gleiche meint auch Jesaja, wenn er schreibt: „Er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit.“ Nicht die schönen Kleider die ich äußerlich trage, machen mich aus. Seine Kleider sind Heil(ung) und Gerechtigkeit. Und es sollen die Kleider meines Inneren, meiner Seele sein! Auf dem Grund meiner Seele liegen vielleicht Dinge verborgen, die ich nur allzu gerne vergessen möchte, nur allzu gerne ausblenden und ignorieren möchte. Es ist wie ein Weglaufen vor mir selbst, eine Erschütterung – meine Erschütterung!

Advent ist die Zeit der Erschütterung, in der ich wach werden soll zu mir selbst! Nur im Wach-Sein, also im Erkennen meiner Schwächen, im „Ihm Hinhalten meiner Fehler“ werde ich Freiheit erlangen. Das, was ich für Gerechtigkeit halte, muss ich immer wieder auf den Prüfstand stellen! (In der Tageslesung vom ersten Advent nennt es Jesaja „Unsere Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid …“) Meine Gerechtigkeit hat das Bestreben nach Ausgleich, nach der gerechten Behandlung durch andere mir gegenüber, nach der Antwort auf meine Frage: „Und wo bleibe ich dann …?“ Auch die schnell dahin gesagten Lebensweisheiten Einzelner oder ganzer Gruppen, wenn es um Gerechtigkeit geht, müssen immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden – so schwer das auch sein mag. Mein persönliches Gerechtigkeitsempfinden kann weit von dem entfernt sein, was wirklich gerecht ist!

Ist es gerecht, wenn es uns hier in Deutschland so gut geht? Ist es gerecht über ausgefallenen Urlaub in der Pandemie zu jammern? Ist es gerecht, an unseren Grenzen Menschen abzuweisen, die unschuldig durch Krieg, Vertreibung und Hass fast nichts mehr haben als ihr Leben? Ist es gerecht, Millionen von Impfdosen für unsere Gesellschaft zu sichern, damit wir möglichst schnell aus der Pandemie heraus kommen (was ich sehr gut verstehen kann)? Aber ist es auch gerecht, dass sich andere Menschen, die nicht in einem europäischen Wohlstandsstaat leben, wahrscheinlich keinen oder nicht genügend Impfstoff leisten können?

Ja – es können unbequeme Fragen auftauchen, wenn es um Gerechtigkeit geht! Gottes Gerechtigkeit ist nie Ausgleich im menschlichen Sinne. Gottes Gerechtigkeit macht Sie (macht mich) g-e-r-e-c-h-t! Sie ist die innigste Beziehung zwischen Gott und mir! Sie richtet mich auf! Sie stärkt mir den Rücken! Sie wärmt mich, wenn meine Seele friert! Und – sie führt mich zur Freiheit! Und in dieser Freiheit kann ich wiederum anderen den Rücken stärken, sie aufrichten und ihnen menschliche (und vielleicht auch bereits) göttliche Wärme schenken! Kleider machen – vielleicht – Leute! Kleider des Heils und Kleider der Gerechtigkeit machen uns Christen aus! Finden Sie nicht auch?

Gregor Kleine-Kohlbrecher
13. Dezember
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Predigt am Zweiten Adventssonntag
zu Jes 40,1-5.9-11

Welche Begriffe, welche Bilder tauchen in eurem / in Ihrem Kopf auf, wenn ihr an die erste Lesung denkt? Mir sind folgende Begriffe aufgefallen: TROST – WEG – FREUDE – MACHT – NÄHE – getragen bzw. umfasst vom Berg ZION, von JERUSALEM. Diese Begriffe können uns eine Annäherung an die Worte ermöglichen, die Jesaja an das Volk Israel spricht, Israel im Exil in Babylon – 70 Jahre lang – zwei Generationen, also gefühlt ohne Ende …

TROST: Jesaja darf das Volk Israel trösten, er hat von Gott den Auftrag, ihm Hoffnung zu geben: ein Ende des Exils ist in Sicht!

WEG: Dann die Aufmunterung, der Zuspruch: Es gibt einen Weg durch die Wüste, den „Weg des Herrn“ – verbunden mit dem Aufruf: Helft mit, geht mit, bereitet den Weg vor,  macht es möglich ihn zu gehen – im Bild das Tal heben, Berge senken – macht ihn also begehbar! Der Zuspruch meint: Lasst euch drauf ein, denn Gott ist bei euch, die „Herrlichkeit des Herrn“.

FREUDE: Die Freude steht im Mittelpunkt – als Beobachtung, als Zuspruch, als Vision! In diesen Versen leuchten alle Hoffnungen, alle Visionen, alle Träume des Volkes Israel auf: Jerusalem, freue dich, denn bald wird das Volk Israel wieder bei dir sein! Wer jemals in Jerusalem gewesen ist, auf dem Berg Zion, wird die Gefühle, die Sehnsüchte ein kleines Stück nachempfinden können, die Jesaja mit diesen Rufen im Volk Israel auslöst, also Hoffnung und Ansporn: Erinnert euch!

MACHT: Die beiden letzten Begriffe scheinen zunächst gegensätzlich. Die ersten Verse klingen so „schön“ – aber es braucht die Macht Gottes. Das Volk Israel ist mit Gewalt ins Exil geschleppt worden, und nun braucht es die Macht Gottes, um befreit zu werden – Vertrauen auf die Stärke, auf die Macht Gottes – das ist Jesajas Auftrag!

Das klingt aber so abstrakt, so hart –  deshalb

NÄHE: Wie ein Hirt auf seine Schafe / Lämmer achtet – jedes einzelne nimmt er auf den Arm, holt es in seine Nähe, an seine Brust – so ist Gott euch nahe. Diese tief begründete Zuversicht will Jesaja dem Volk Israel verkünden. Hat uns dieser Jahrtausende alte Text, diese Worte des Propheten Jesaja heute noch etwas zu sagen? In dieser „Zeit der Erschütterung“? Wir sind doch gar nicht im Exil! Oder doch?

TROST: Sie bringen die Koffer und auf ihrem Weg verlieren sie Inhalt und Identität. Ich hatte ein Boot und hatte ein Haus. Von dem was ich hatte, blieb nur der Rauch. Offene Arme, Tritte vor die Tür. Ich mag dich sehr, aber nicht hier … Ich will nicht hier sein. So singen die Broilers 2014 über die Situation von Geflüchteten in Deutschland. Oder Nadin und Amir – im Flüchtlingslager nach ihrer gefährlichen Flucht auf einem Lastwagen – schlagen die Zeit tot. „Amir hatte Glück“, sagt Nadim. Denn ab und zu bringt ein Sozialarbeiter eine Gitarre mit. Dann vergisst Amir die Ödnis um sich herum und versinkt in Musik. Nadim läuft stattdessen dreimal täglich zu seinem Postfach, um zu sehen, dass es leer ist. Aber dann ist doch Post da. Die Jungs werden benachrichtigt, dass sie in einer Don-Bosco-Wohngruppe für unbegleitete Flüchtlinge leben sollen. „Kein Streit, nicht so eng und nicht mehr langweilig. Hier kannst du mit den anderen reden, wir machen was zusammen.“

WEG: Wir denken an den Weg, den viele Flüchtlinge auf sich nehmen, auf sich nehmen müssen – aber Jesaja spricht von einem Hoffnungsweg – heraus aus dem Exil – mit dem Zuspruch:  es ist möglich, wenn Täler gehoben und Hügel gesenkt werden. Aber wer kann das heute tun? Vielleicht ein Aufruf / ein Anruf an mich? Menschen aus dem Exil – aus ihrer Heimatlosigkeit, aus der Einsamkeit herauszuholen, anzusprechen – den Weg aufzuzeigen – mitzugehen. Das gilt nicht nur für Geflüchtete, sondern auch für Einsame hier in unserer direkten Umgebung, jetzt in der Corona-Zeit.

FREUDE:  Erzählt von Zion! Von Jerusalem, der Botin der Freude! Zurück in die Heimat – wie Grace aus Uganda, die jetzt als Lehrerin im Südsudan arbeitet:  Heimweh? „Ach ich vermisse einfach meine Familie so sehr. Meine Kinder weinen, wenn ich anrufe. Hier war es echt schwierig. Während der Ausbildung wurde uns gesagt, wir müssten die Familien der Schüler zuhause besuchen. Aber es dauerte, bis ich mich das getraut habe. Manche Leute verhalten sich feindselig. Es gibt üble Geschichten, wie Ausländer hier behandelt werden. Sie wollen deine Ratschläge nicht annehmen, weil du aus einem anderen Land bist.  …. Wenn alles gut geht, will ich noch ein Jahr hier unterrichten, bevor ich nach Uganda zurückgehe.“  „Zuhause ist für mich kein Ort, sondern ist dort, wo die Familie ist“, sagt Neda aus dem Iran, die froh ist, in Deutschland zu sein. Samir aus Afganistan nach harten Jahren in Deutschland mit Drogen und Kriminalität, hartem Entzug – hat nun eine Perspektive für sein Leben: wird mit 22 Jahren Vater einer Tochter, trainiert ehrenamtlich Jugendliche im Fußballverein – sein Motto: Setzt euch Ziele!“

MACHT:  Versetz dich einfach mal in diese Lage! Stell dir vor, wie eines Morgens bewaffnete Mörder vor deiner Tür stehen, dich schlagen und dann deine Mutter, deinen Vater, deine ganze Familie …Würdest du bereit sein zu bleiben und zu erleben, wie diese Männer straflos bleiben? Stell dir vor, dass Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Zugehörigkeit zu einer politischen Partei geköpft werden. Würdest du bereit sein, zu warten, bis du dran bist oder würdest du um dein Leben rennen? Stell dir vor, dass du eines Tages wegen deiner Meinung, wegen eines Gedichts oder eines Lieds, das Ungerechtigkeit und Verbrechen eines korrupten Regimes anprangert, verfolgt wirst – von eben dieser Regierung – Versetz dich einfach mal in diese Lage!  In dieser Erfahrung von Trezor Nzungu aus dem Flüchtlingslager in Malawi fällt es schwer, von der Macht Gottes, von „seinem kraftvollen Arm“ zu sprechen – wie Jesaja es tut – zumal der Begriff „Macht“ auch bei uns in der Kirche nicht immer positiv besetzt ist.

NÄHE: Papst Franziskus predigt und lebt uns den Gott der Nähe vor – das, was Jesaja am Ende unserer Lesung als wundervolle Realisierung von Gottes Macht zeichnet: das Bild vom Hirten, der seine Lämmer an seiner Brust trägt. Er macht sich auf den Weg als erstes zu den Geflüchteten auf Lampedusa – zu den Obdachlosen in Rom, vor seiner Haustür – zu den Indigenen, den Verachteten in Lateinamerika: „Bitten wir den Herrn um die Gnade der Tränen über unsere Gleichgültigkeit, über die Grausamkeit in der Welt, in uns und in denen, die anonymisiert sozial-ökonomische Entscheidungen treffen.“

Auch Rupert Neudeck war jemand, der nicht weggeschaut hat, der die Not der Menschen nicht ausgeblendet hat, sondern ihre Nähe gesucht hat – ihnen Nähe gegeben hat. Und dieses Leben für andere habe ihm unheimlich viel Freude gemacht – so sagt Navid Kermani über ihn in seiner Traueransprache 2016.

Sind nicht wir alle angesprochen, wenn Jesaja von dem „Ertrag der Macht Gottes“ – von dem Hirten, der seine Lämmer auf den Arm nimmt, spricht? Jede / jeder von uns weiß, wie gut es tut, das zu empfangen, aber auch das zu geben, diese Nähe zu leben. Navid Kermani schließt seine Traueransprache mit: „Ich glaube, verehrte Trauergemeinde, es geht nur so, dass jeder von uns, jede einzelne künftig ein bisschen mehr trägt als bisher. Alleine schaffen wir das nicht.“

Wie Jesaja dem Volk Israel im Exil Hoffnung, Mut, Zuversicht vermittelt – getragen von dem wunderbaren Bild der Stadt Jerusalem – so können wir uns gemeinsam auf den Weg machen – zum anderen – zur Gestrandeten – zu den Einsamen – nicht wegsehen – sich betreffen lassen – aufmerksam sein  – mitreden – nahe sein!!!!

Andrea Tüllinghoff
6. Dezember
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Predigt am Ersten Adventssonntag
zu Mk 13,24-37

Bestimmt kennen Sie ihn:  Loriot alias Vicco von Bülow. Er war einer der bekanntesten deutschen Humoristen, ein Künstler des Wortwitzes, der die verschiedensten Charaktere humorvoll beschrieb und Alltagssituationen karikierte. Wir möchten Ihnen heute eine Szene aus dem Film Papa ante Portas mit und von Loriot vorspielen. Vielleicht vorweg zum Inhalt: Herr Heinrich Lohse ist in den Vorruhestand geschickt worden. Nun versucht er sich im Haushalt einzubringen. Was dann doch zu einigermaßen chaotischen Zuständen führt.

Filmausschnitt

Die Filmscene zeigt: Ein älteres Paar sitzt bei Familie Lohse auf dem Sofa. Herr Heinrich Lohse sitzt ihnen gegenüber. Das Paar beginnt das Gespräch: „Nach den Berechnungen des international anerkannten Professors Pirkheimer hat der Venusmond Tetra seine Umlaufbahn verlassen und rast auf die Erde zu. Sein Aufprall steht unmittelbar bevor. Dies bedeutet das Ende unseres Planeten.“ Herr Lohse reagiert darauf wie folgt: „Das kommt hier im Moment sehr ungelegen.“ Das Paar führt das Gespräch weiter: „Nur alle Menschen, die innerlich und äußerlich sauber sind, haben nichts zu befürchten.“ Danach versuchen sie, Herrn Lohse Wurzelbürsten zu verkaufen und drohen ihm an, jeden Donnerstag wieder zu kommen. Daraufhin fragt er schnell: „Wo muss ich unterschreiben?“

Haben Sie den Satz von Herrn Lohse noch im Ohr: „Das kommt hier im Moment sehr ungelegen”? Und sicher nicht nur Herrn Lohse, denn das, was uns hier in der Szene zum Schmunzeln bringt, wird, zwar mit anderen Worten, aber auch im Evangelium des heutigen Sonntags angedeutet: Der Weltuntergang. Dort heißt es: „In jenen Tagen wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ Ist das Angstmache, wie es die beiden Herrschaften bei Loriot versuchen um ihre Bürsten und das Badesalz an den Mann zu bringen? Das klingt so, wie es in manchen Katastrophenfilmen ausgemalt wird, wo z.B. ein Meteorit auf die Erde stürzt und dann mit einem Mal alles dunkel wird. Weltuntergangsstimmung im Advent – passt das?

Im Evangeliums Text heißt weiter: „Dann man wird den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit kommen sehen.“ Das ist nun wieder adventlich, oder? Wir erwarten doch Christus! Advent heißt doch Ankunft – warten auf die Ankunft Jesu. Aber so? Und jetzt? Käme uns das nicht ungelegen? Mit Gott muss man immer rechnen aber er ist eben nicht be-rechen-bar. Auch wenn die Juden z. Zt. Jesu auf den Messias warteten, so hatte niemand mit dem Kommen Gottes gerechnet, schon gar nicht als Kind in einem Stall.

Und schon damals kam Gottes Sohn und die Radikalität seiner Botschaft der Nächstenliebe vielen Menschen ungelegen. Vor allem sein Tod am Kreuz war für seine Jünger damals, und ist es auch noch für viele heutige Menschen, unbegreiflich. Gottes Sohn selbst stirbt in scheinbarer Gottverlassenheit. Kann das ein liebender und den Menschen zugewandter Gott zulassen? Durch den Tod Jesu am Kreuz wird Gott und das Leid miteinander verbunden – hier zeigt sich das Wesen Gottes. Er ist dem Menschen gegenüber distanzlos, will uns nahe sein, mit seiner Liebe, mit seinem Trost.

Das Leid gehört zu uns Menschen! Es lässt sich nicht aus unserem Leben wegdenken. Und Krieg, Not, Katastrophen und Krankheiten kommen immer ungelegen, das zeigt uns auch die gegenwärtige Pandemie. Sie verstört und verunsichert Menschen, sie isoliert, sie ängstigt und schockiert. Ja, das kommt ungelegen und viele Planungen mussten über den Haufen geworfen werden. Hochzeiten mussten verschoben werden, der Urlaub wurden gecancelt und Geburtstagfeste fielen aus. Natürlich, das kommt uns ungelegen – aber nicht alles läuft nach unserem Plan.

Ich glaube nicht, dass Gott die Pandemie geschickt hat oder für anderes Leid verantwortlich ist, aber ich glaube, dass er sich darin finden lässt. Gott ist in der Nähe und in der Ferne, er ist in der Erfüllung unserer Wünsche, aber auch in ihrer Durchkreuzung. Er findet sich in der Schönheit wie in der Hässlichkeit, er ist im Humor und in der Trauer, er ist in Freude und im Leid. Er entspricht nicht immer unseren Vorstellungen, aber gerade das ist die Herausforderung des christlichen Glaubens: Gott gerade dort, wo wir ihn nicht erwarten, zu suchen und zu finden, auch oder gerade in Zeiten der Krise. Damit ist nicht das Prinzip gemeint: Not lehrt beten. Aber Wachsamkeit und Aufmerksamkeit, um die Liebe in allen Bereichen des Lebens, in Freude und in Leid, neu zu entdecken. Seid also wachsam – denn ihr wisst nicht, wann – wo – oder wie der Herr kommt.

Gisela Schmiegelt
29. November
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Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu Spr 31,10-31

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, als Sie die heutige Lesung gehört haben. Ich muss gestehen: Ich habe gehört, wie eine Frau beschrieben wurde, bei deren Bild mir fast der Atem stehen bleibt: tüchtig, fleißig, ein Gewinn für ihren Mann und ihr Umfeld. Und dann auch noch gottesfürchtig. Und das natürlich alle Tage ihres Lebens. Wow! Was für eine Frau! Oder? Kennen Sie eine solche Frau? Wenn Sie, gerade als Mann, jetzt nicken, dann ehrt sie das sicherlich. Wenn Sie, als Frau, die Stirn runzeln, zeigt das zumindest Ihren gesunden Realismus. Denn, bei Licht betrachtet, werden wir zugeben müssen, dass uns das Buch der Sprichwörter keine Frau des Alltags vor Augen stellt. Oder? Ich persönlich finde mich zumindest nicht wieder in dieser biblischen Darstellung. Zu hoch hängt für mich die biblische Latte: Ich bin weder immer tüchtig noch bin ich stets und ständig ein Gewinn für mein Umfeld. Das ist leider die harte Realität. Und auch bei der Gottesfurcht bin ich mir nicht sicher, ob ich mit dem biblischen Ideal mithalten kann. Ich befürchte: wohl eher nicht. Aber: Muss das denn? Muss ich denn ein Ideal erfüllen, um eine gute Frau zu sein? Und wer legt fest, wie eine gute Frau zu sein hat?

Wenn ich diesen Text als Frau lese, dann mit gemischten Gefühlen. Zugegeben: Es freut mich, dass am Ende des Kirchenjahrs in einem liturgischen Text mit kraftvollen Worten die die Leistung einer Frau gewürdigt wird. Gerade auch ihre Arbeit und ihre Klugheit. Interessant war für uns die Entdeckung, dass in der Fassung für die Liturgie Verse gestrichen wurden wie „Sie kauft einen Acker“ und „Sie öffnet ihren Mund in Weisheit“. Das lässt tief blicken und ist schade – daher haben Sie heute die ungekürzte Fassung des Textes gehört. Die biblischen Lorbeeren können nämlich nicht schaden, in einer Welt, in der immer noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter herrscht. In deren Wirtschaftssystemen es bis heute nicht selbstverständlich ist, dass eine Frau Leitungsaufgaben übernimmt. Geschweige denn, dass sie dafür auch gleich bezahlt wird. Und um die Situation in der Kirche wissen wir auch: Wenn wir in dieser Woche als Frauen das Wort verkünden, dann ist das ein besonderer Moment, auch wenn es das eigentlich nicht mehr sein sollte. Dass Frauen predigen ist keinesfalls alltäglich, erst recht nicht in einer Eucharistiefeier. Frauen haben qua Geschlecht kein Recht darauf. Es ist kirchenrechtlich in der Messe sogar offiziell verboten. Da tut es gut, zu lesen, wie wertschätzend ein über 2200 Jahre alter biblischer Text von der Frau redet und sie in den höchsten Tönen preist.

Und dennoch bleibt der Boden der Tatsachen. Ich kann ihn nicht ausblenden, wenn ich den schillernden Text aus dem Buch der Sprichwörter höre. Die Lebenswelten von Frauen sehen so anders aus – zumindest in meinem Umfeld. Da sind keine idealisierten Super-Frauen, sondern Frauen, die einen herausfordernden Alltag managen. Und die immer wieder an ihren eigenen Ansprüchen scheitern – ja scheitern müssen. Weil wir eben in keiner idealen Welt leben. Weder als Frau noch als Mann. Da sind Frauen, die Krisen bewältigen müssen – persönliche, gesundheitliche, familiäre. Und schließlich Frauen, die in der Vielfalt der Lebensformen um Anerkennung in Kirche und Gesellschaft ringen. All diese Frauen sehe ich nicht repräsentiert, wenn ich in den Lesungstext schaue. Dort sehe ich eine Frau, die auf ein enges Ideal begrenzt wird: Eine (natürlich) verheiratete, erfolgreiche, wohltätige Power-Frau. Kein Wort von Verunsicherung oder gar Überforderung. Kein Wort von Zweifeln oder vom Ringen – um die eigene Rolle, um die Identität als Frau. Sicherlich ist das Frauenbild der Bibel insgesamt facettenreicher. Und zum Glück sind die Vorstellungen von gelingendem Leben heute vielfältiger. Das gilt für Männer natürlich ebenso wie für Frauen. Und eigentlich sollte mittlerweile klar sein: niemand hat das Recht, diese verschiedenen Lebensformen zu bewerten. Aber das scheint noch immer nicht in allen Köpfen angekommen zu sein. Leider. Gerade die Kirche tut sich bis heute schwer damit. So ist zumindest mein Eindruck. Da wird noch immer viel zu oft bewertet und verurteilt. Weil etwas ungewohnt ist. Weil etwas nicht so ist, wie es immer war. Weil man selbst anders lebt. Und da gehen Menschen. Frauen. Und Männer. Enttäuscht und verletzt – von einem Ideal, das nur überfordern kann.

Die Lesung des heutigen Sonntags ist also kein leichter Stoff. Zumindest für mich nicht. Zwar spielt sie uns Frauen einerseits in die Karten, weil sie an manchen Stellen erstaunlich modern erscheint. Aber gleichzeitig lässt sie uns beide mit einer gewissen Skepsis zurück. Diese Spannung gilt es auszuhalten. Und zu gestalten. Mit dem eigenen Sein und vor allem mit dem eigenen Tun. Zwischen den Idealen und den Realitäten unseres ganz persönlichen Lebens. In zwei Wochen beginnt ein neues Kirchenjahr und mit ihm stellt sich die immer wiederkehrende Frage: Wie geht es weiter in dieser Kirche? Wie kann es weitergehen? Die Perspektive des heutigen Sonntags könnte sein: Mehr als bisher mit Frauen, in allen Diensten. Denn Gott traut den Frauen alles zu. Mit Frauen und Männern, die kritisch bleiben gegen alle Formen überhöhter Ideale – und stattdessen immer wieder benennen, wie das Leben heute wirklich aussieht. Und dass es in all seiner Vielfalt, seiner Kraft und auch seinem Scheitern von Gott geschenkt und getragen ist. Und schließlich mit Entscheidungsträgern, die nicht ängstlich abwarten, sondern – bei allem Aber – auch mal auf Risiko gehen. Letzteres wünschen wir beide uns für den synodalen Weg der deutschen Kirche. Wir müssen weiterkommen. Und gerade für alle realen tüchtigen Frauen hoffen wir, dass es nicht mehr so lange dauert.

Anne Burgard
Simone Kassenbrock
15. November
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Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu Lk 2,41-52

Maria. Meine Namenspatronin. Kein Wunder, dass ich schon als Kind ganz genau aufgepasst habe, wenn es um Maria ging. Besonders aufgefallen ist mir da immer der Satz: „Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war in ihrem Herzen“. Dieser Satz steht auch am Ende des Evangeliums am Weihnachtsmorgen. Wenn ich eins dieser Evangelien höre, dann warte ich immer schon auf diesen ganz besonderen Satz. Was diesen Satz so hervorhebt, fängt schon damit an, dass er überhaupt dort steht. Für die Handlung, für das was passiert, ist er nicht wichtig. Man hätte ihn auch einfach weglassen können. Und trotzdem steht er da. Trotzdem ist es wichtig, dass Maria das was passiert ist, im Herzen behält.

Etwas im Herzen zu behalten bedeutet, sich etwas zu merken, über etwas nachzudenken. Aber nicht nur das: es bedeutet mit dem Herzen darüber nachzudenken. Sozusagen „nachzufühlen“. Maria hat erkannt, dass Jesus hier nicht nur wirres Zeug erzählt, wenn er sagt, dass er im Haus seines Vaters sein will. Maria hat erkannt, was Jesus damit sagen will. Das was hier passiert, ist wichtig und von Bedeutung. Sie hat mit ihrem Herzen verstanden. Sie glaubt, weil sie es selbst gespürt hat. Dieses erkennen in ihrem Herzen bildet den Grundstein dafür, dass sie Jesus sein ganzes Leben lang ihr Vertrauen schenkt und auch noch nach seinem Tod an das glaubt, was er verkündet hat. Sie vertraut ihm und glaubt ihm, nicht nur als seine Mutter, sondern auch als Gläubige. Ihr Herz wusste: Das ist Gottes Sohn.

Das, worauf es hier für mich ankommt ist, dass ihr Herz es ihr gesagt hat und dass sie danach handelt. Das ist der Grund, wieso der Satz: „Seine Mutter bewahrte alles was geschehen war in ihrem Herzen“ so wichtig ist. Das ist der Grund, wieso der Satz dort steht, obwohl er für das, was in der Geschichte eigentlich passiert, nicht wichtig ist. Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob sie das, was geschehen ist in ihrem Herzen behält oder nicht. Denn Maria ist keine Frau, die etwas einfach so hinnimmt. Nein, Maria erkennt, dass hier, als Jesus sagt, er muss im Haus seines Vaters sein, etwas Besonderes passiert ist. Sie vertraut Jesus, weil ihr Herz es ihr sagt. Maria ist also viel mehr, als eine Magd Gottes. Sie ist eine Frau, die für sich selbst denkt. Eine intelligente Frau, der auffällt, dass hier etwas besonders passiert und die eine eigene Einschätzung trifft. Eine Frau, die ihrem Herzen folgt. Eine ziemlich moderne Frau also. Damit kann sie uns, uns allen, nicht nur uns Frauen, bis heute ein Vorbild sein.

Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob wir etwas einfach hinnehmen, oder ob wir über Dinge nachdenken, unsere eigene Einschätzung treffen und unserem Herzen folgen. Im Glauben und in unserem täglichen Leben. Machen wir Dinge, weil wir sie immer schon gemacht haben? Oder lohnt es sich zu überdenken, auch wenn es zum zehnten Mal ist? Sollten wir so einkaufen wie immer? Oder mehr auf Nachhaltigkeit achten sonst? Weniger Plastik verbrauchen? Weniger Fleisch essen? Sollten wir Strom verbrauchen wie immer? Oder überzählige Lampen ausschalten? Vielleicht zu einem Ökostromanbieter wechseln? Sollten nur Männer Priester werden dürfen? Oder sollten wir uns, wie die Initiative Maria 2.0 dafür einsetzen, dass Menschen jeden Geschlechts dieses Amt bekleiden dürfen? Sollten wir handeln wie immer? Oder aus der Vergangenheit lernen? Wie sieht die Welt aus, denn wir sie immer wieder, mit neuen Erfahrungen im Hinterkopf, betrachten? Sollten wir denken: ich mache das nicht, die anderen machen es ja auch nicht? Oder einfach mal den Anfang machen? Maria zeigt uns, dass wir nicht einfach hinnehmen sollen. Wie Maria sollten wir das tun, von dem unser Herz uns sagt, dass es das Richtige ist.

Maria Ahrnsen
15. November
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Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu Mt 25,14-30

Während meiner Ausbildung zur Trauerbegleiterin im vorletzten Jahr, bin ich auf ein Buch gestoßen, dessen Titel mich neugierig gemacht hat. Er lautet: „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ (Bronnie Ware, 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen – Einsichten, die Ihr Leben verändern werden, Goldmann Verlag, München 2015). Google sei Dank habe ich ein wenig über die Autorin erfahren können. Bronnie Ware, so heißt sie, ist Australierin. Sie arbeitete einige Jahre als Bankerin, aber so richtig viel Freude hatte sie nicht an ihrem Beruf. Sie fühlte sich, so beschreibt sie es, wie in einer Tretmühle. Ihr Alltag hat sie einfach nur frustriert. Eines Tages verkaufte sie ihren Besitz und machte sich auf die Suche nach einem Leben, das sie wirklich leben wollte. Sie verbrachte einige Zeit auf einer Südseeinsel, fuhr nach England und zurück, reiste durch Australien, jobbte in Bars und probierte alle möglichen Tätigkeiten aus. Sie ließ sich einfach vom Leben treiben, bis sie schließlich als Palliativpflegerin Todkranke und Sterbende zu Hause auf ihrem letzten Weg begleitete. Neun Jahre arbeitete sie mit Sterbenden, führte Gespräche mit ihnen, fragte nach ihrem Leben. In dieser Zeit findet sie heraus – und beschreibt das ja dann auch später in ihrem Buch –, dass es besonders fünf Dinge sind, die Sterbende am Ende ihres Lebens am meisten bereuen. Diese lauten:

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt mir mehr Freizeit zu gönnen und nicht so viel gearbeitet.“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht zu erhalten.“
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir zu erlauben, glücklicher zu sein.“

Ist es das, was uns im Leben oft fehlt? Den Mut, ein Leben zu führen wie wir es uns eigentlich wünschen? Den Mut, so zu leben, ohne dass wir uns am Ende selber sagen müssen: „Mir fehlte der Mut mir zu erlauben glücklicher zu sein?“ Im Evangelium, das wir vorhin gehört haben, erzählt Jesus ein Gleichnis. Auch wenn es zunächst nicht so erscheint, für mich ist diese Geschichte eine „Mut-mach-Geschichte.“ Der Herr im Gleichnis vertraut allen drei Dienern sein Vermögen an, alles was er hat. Dem einen gibt er 5 Talente Silbergeld, dem andern 2, dem dritten ein Talent Silbergeld. Dabei muss man wissen: Ein Talent war für die Menschen damals, zu denen Jesus sprach, zunächst einmal eine Gewichtseinheit. Ein Talent Silbergeld war für die damaligen Menschen eine unvorstellbar große Summe – ein fast 60 kg schwerer Haufen Silber.

Aber das Gleichnis ist sicher nicht als Lehrstück für die Finanzwelt gedacht. Vielmehr stehen diese Talente hier für alles, was Gott uns anvertraut. Unser Leben, unsere Begabungen, Menschen, die wir lieben, Freunde, die Welt. Und für Jesus sicher auch seine frohe Botschaft. Das alles ist unendlich kostbar. In dem Gleichnis setzten zwei der Diener das ihnen Anvertraute ein, sie wirtschaften damit, sicher nicht ohne Risiko, aber am Ende sind sie und auch der Herr, als er wiederkommt, mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Nur der dritte Diener traut sich nicht an das Geld ran. Er geht auf Nummer sicher und vergräbt es. Er hat Angst davor, er könnte etwas verkehrt machen oder sogar das ihm Anvertraute verlieren, Angst vor der Kritik seines Herrn. Na ja, könnte man sagen: Was ist daran so verkehrt? Er passte doch gut auf das Geld auf und hat es verwahrt. Er hätte es ja auch vergeuden, verspielen oder verjubeln können. Was soll denn daran so schlimm sein?

Ich denke, die Frage, die hinter dem Gleichnis steht ist die: Was machst du aus deinem Leben, das Gott dir anvertraut hat. Nutzt du die Möglichkeiten, die er dir schenkt, die Chancen, die das Leben dir bietet? Oder lässt du dich von der Angst bestimmen? Traust du dich, dich auf die Liebe eines anderen einzulassen, auch wenn das bedeuten kann, verletzt oder enttäuscht zu werden? Traust du dich, deine Meinung zu vertreten und dich für andere einzusetzen, auch wenn das bedeutet, selbst in Kritik zu geraten? Traust du dich, deine Träume und Wünsche zu leben, auch wenn du enttäuscht wirst? Traust du dich, in deinem Leben etwas Neues zu beginnen, auch wenn andere von dir erwarten, dass alles so bleibt wie es ist? Traust du dich, einem anderen Menschen zu vertrauen, auch wenn es dich angreifbar macht? Traust du dich, zu deinem Glauben zu stehen, auch wenn andere dich belachen?

Natürlich ist es bequemer, wenn man sich aus allem raushält, wenn man seine Ruhe, wenn man sich durch die Probleme anderer nicht berühren lässt. Natürlich ist es einfacher, wenn man sich sagt: „Ich kann an den Problemen der Welt und der Gesellschaft sowieso nichts ändern.“  Einfacher, wenn man es anderen überlässt Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen. Natürlich, dann gehe ich auch kein Risiko ein. Aber: Nicht das gelebte Leben bereuen wir am Ende, sondern das nicht gelebte Leben und seine versäumten Möglichkeiten.

Ich denke das Gleichnis will uns einerseits mahnen und andererseits motivieren: Jeden persönlich in seinem Handeln, aber auch uns in den Gemeinden und in der Kirche im Allgemeinen. Wir dürfen uns nicht in unserem Gemeindealltag vergraben, verstecken, es gut sein lassen mit der Pflege unserer Traditionen allein oder abzuschotten in unseren Kreisen und Gruppen. Das Gleichnis besagt: Wem viel anvertraut ist, von dem wird man viel fordern. Stellt sich die Frage: Was ist der Kirche anvertraut, den Gemeinden? Was wurde vergraben, so dass sich nichts verändern kann, was müssen wir wieder ausgraben um damit zu wuchern. Welcher Schatz wurde der Kirche anvertraut (z.B. Menschen, Männer und Frauen, mit ihren vielfältigen Begabungen und Berufungen)?

Am Ende des Gleichnisses wird beschrieben, wie es dem dritten Diener ergeht: „Dort, in der Finsternis, wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.“ Reue am Ende des Lebens über verpasste Möglichkeiten kann schmerzlich sein. Vielleicht fühlt es sich ein wenig so an, wie „heulen und mit den Zähnen knirschen“. Lassen wir uns von Jesus sagen: Hab Mut, trau dich, so zu leben, wie du es für richtig hältst. Trau dich, die Welt zu gestalten und zum Guten zu verändern. Trau dich zu lieben und auch zu leiden.Trau dich, weil Gott dir unendlich viel zutraut.

Gisela Schmiegelt
14. November
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Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu 2 Joh 4-9 und Lk 17,26-37

In wenigen Tagen feiern wir den Namenstag der HeiligenElisabeth von Thüringen. Elisabeth ist zum Inbegriff des barmherzigen und fürsorglichen Menschen geworden. Darum ist sie auch die Patronin der Caritas, und auch die kfd gedenkt ihrer jedes Jahr im November. 1207 wurde sie als ungarische Königstochter geboren und im Alter von 14 Jahren mit dem Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen verheiratet. Dort lebte sie wohlbehütet im Wohlstand ihrer Familie. Doch das war ihr nicht genug: sie wollte für andere, arme Menschen da sein, sie versorgen, sich kümmern. Nach dem Tod ihres Ehemannes setzt sie gegen den Willen der Verwandtschaft ihr Engagement fort. Sie entsagt jeglichem Wohlstand und folgt dem Armutsideal des Franz von Assisi. Sie verschreibt sich vollkommen dem entbehrungsreichen Dienst an Armen und Kranken. Dafür bleibt ihr nicht viel Zeit, denn bereits im Alter von 24 Jahren stirbt sie, arm und krank.

Wenn ich auf dieses kurze Leben schaue, empfinde ich Respekt und Hochachtung: Elisabeth lebt und verwirklicht mit ihrem Engagement geradezu vollkommen jenes Gebot, an dessen Einhaltung wir in der Lesung von gerade eben erinnert werden: „Ich schreibe dir kein neues Gebot, sondern das, was wir gehabt haben von Anfang an, dass wir uns untereinander lieben.“

Zu einer solchen Liebe, einem solchen Engagement fühle ich mich kaum in der Lage. Da bin ich völlig überfordert. Und warum? Vordergründig betrachtet: ich bin ja keine Landgräfin und schon gar keine Heilige! Ich werde nie eine sein, dazu bin ich nicht berufen. Aber so einfach sollte man es sich nicht machen, sich nicht hinter einer solchen Antwort verstecken. Anders gefragt: Was unterscheidet eigentlich Elisabeth von mir, von anderen Frauen und Männern, losgelöst von Heiligenschein und Berufung?

Vielleicht finden wir die Antwort im Evangelium von heute: Jesus ermahnt seine Zuhörer eindringlich: „Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren; und wer es verlieren wird, der wird es gewinnen!“ Statt ihr vornehmes, wohlhabendes Leben aufrechtzuerhalten, war Elisabeth bereit, ihr Leben für Notleidende hinzugeben, es zu verlieren. In meinem Beruf möchte ich auch anderen helfen, Kranke heilen, Leiden lindern. Aber bin ich bereit, mein Leben zu verlieren, zu opfern? Bei dieser Frage stellt sich doch in uns etwas ganz Banales, aber zutiefst Menschliches ein – nämlich die Angst zu sterben.

Es klingt paradox: Diese Angst zu sterben ist einerseits lebenswichtig, sie warnt, schützt, bewahrt uns vor unterschiedlichen Gefahren, sie hält uns am Leben. Aus dieser existentiellen Urangst des Menschen heraus wurden die kreativsten und größten Erfindungen und kulturellen Leistungen der Menschen erschaffen: Behausungen, Gesundheitswesen, medizinisches Wissen und Forschung, Lebensversicherungen usw. Auch heute, angesichts der Bedrohung durch ein neues Virus, stellen wir die Welt auf den Kopf. Unsere Vorstellungen und Konzepte über das Leben und Sterben bestimmen große Teile unserer Lebens- und Alltagsgestaltung.

Andererseits blockiert diese Angst uns, sie hindert uns am Leben. Die Angst vor dem Tod kann dazu führen, dass wir das Leben in seiner Tiefe und Weite, seinem Zauber und seiner unermesslichen Vielfalt nicht mehr spüren. Wir wollen häufig dieses Leben bis an seine Grenzen auskosten, alles Erlebbare erleben. Die Gier nach mehr und noch mehr verhindert den Blick auf das, was wirklich wichtig ist im Leben.  Es geht nicht um ein „gefülltes“, sondern um ein „erfülltes“ Leben. Bin ich bereit zu sterben – jetzt? Bereit sein zu sterben – und gleichzeitig leben wollen. Hingabe an den Tod – Hingabe an das Leben.

Das Größere hinter beiden Aspekten, das Aufhebende hinter dieser Widersprüchlichkeit ist die Liebe. In der Liebe zum Leben ist verborgen die Sehnsucht nach Ganzheit und Vollendung – und dazu gehört der Tod. Leben in seiner wesenhaften Natur schließt den Tod mit ein. Im Angesicht des Todes zu leben, intensiviert also vielmehr unser Leben, es macht uns achtsam, dankbar und nicht zuletzt sensibel für das Leben all derjenigen, die unsere Hilfe benötigen, seien es Flüchtlinge, Obdachlose, Kranke oder Pflegebedürftige. In der zum Teil aufopferungsvollen Zuwendung gegenüber diesen Menschen opfern wir in Wahrheit nicht unser Leben, sondern wir gewinnen es zurück. So möchte ich mit einem Wort aus dem 90.Psalm schließen: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Dr. Ulrike Haucap-Osterhaus
13. November
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Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu 1 Joh 4,7-16 und Lk 10,38-42

Diese kurze Geschichte von den beiden Schwestern Marta und Maria beschreibt eine Situation, wie wir sie wohl alle kennen. Besuch hat sich angekündigt, es kommt jemand, der einem wichtig ist. Und Marta tut das, was wohl die meisten von uns in dieser Situation tun würden: Sie nimmt ihn freudig auf und verfällt in Betriebsamkeit, sie läuft geschäftig hin und her, sie räumt und putzt und kümmert sich darum, dass etwas Gutes auf den Tisch kommt … Maria dagegen setzt sich Jesus zu Füßen und hört ihm einfach nur zu, während Marta die ganze Arbeit alleine verrichtet. Empört wendet sich Marta an Jesus, damit dieser ihre Schwester zurechtweist: “Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“

Wenn ich mir diese Situation vorstelle, muss ich sagen: Mein Herz schlägt für Marta und ich kann ihre Empörung gut verstehen! Doch Jesus reagiert ganz anders, als Marta es erwartet, denn seine liebevolle Zurechtweisung trifft nicht Maria, sondern sie selbst. Aber warum? Sie hat sich doch so viel Mühe gemacht und so viel für Jesus getan. Sieht er das denn gar nicht? Doch, Jesus sieht, was Marta tut. „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen …“ Er nimmt das durchaus wahr. Doch er sagt auch:“… aber eines nur ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“

Ich kann mir vorstellen, dass Marta von dieser Aussage zunächst einmal völlig vor den Kopf gestoßen war. Wieso ist das, was Maria tut, besser? Was ist falsch daran, sich zu kümmern? Jesus selbst hat uns doch die tätige Nächstenliebe vorgelebt, er hat sich gekümmert, die Not der Menschen gesehen und Kranke geheilt … Ich glaube, es ist zum einen eine Frage des „timings“, eine Frage des „Was ist jetzt gerade drann?“, „Was ist jetzt notwendig?“

In dieser Geschichte geht es nicht darum, etwas für einen Gast vorzubereiten – der Gast ist bereits da! Jesus ist im Haus der beiden Schwestern, doch Marta ist so beschäftigt, dass sie gar keine Zeit für ihn hat vor lauter „Sorgen und Mühen“. Sie will für ihn sorgen, ihm etwas „geben“, während Maria bereit ist, sich von Jesus „beschenken“ zu lassen, indem sie sich zu seinen Füßen setzt und seinen Worten lauscht. Und das, so sagt Jesus, ist in diesem Falle „das Not-wendige und Bessere“.

In der Lesung haben wir gehört, dass Gott die Liebe ist, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. Wir brauchen die Beziehung zu Gott, damit wir seine Liebe zu uns an andere weitergeben können. Wir sind also zunächst einmal „Beschenkte“. Die Gefahr ist groß, dass wir meinen, alles aus uns selbst heraus tun zu können oder zu müssen. Doch auch Jesus hat sich immer wieder zurückgezogen, um sich im Gebet von Gott stärken und beschenken zu lassen. Oder wie Paulus es in seinem Brief an die Philipper sagt: „Ich vermag alles durch ihn, der mir Kraft gibt“ (Phil 4,13). Viele Menschen sagen heute: „Ich vermag alles!“ und nehmen sich damit wichtiger als sie sind. Ein Blick auf die politischen Bühnen dieser Welt zeigt uns viele Beispiele dafür…

Wir Christen aber haben eine Quelle der Kraft und der Liebe, die uns geschenkt wird, wenn wir uns dafür öffnen und uns die Zeit dafür nehmen. Die beiden ungleichen Schwestern – Marta und Maria – sie wohnen auch in mir und in jedem von uns. Und oft ist Marta die Lautere und Stärkere von beiden, die sich, von den Lasten des Alltags getrieben, keine Ruhe gönnt. Da ist es gut, wenn eine Stimme zu uns sagt: „Mach dir nicht so viel Sorgen und Mühen. Denke daran: Eines nur ist notwendig. Mach es wie Maria – und wähle das Bessere!“

Karolin Holtgrewe
12. November
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Predigt im Rahmen der Aktionswoche
»Frauen verkünden das Wort«

zu Lk 17,11-19

Kennen Sie das auch, liebe Gemeinde, da bekommt man etwas geschenkt, eine kleine Aufmerksamkeit, ohne besonderen Anlass – einfach so. Und dann: Man wundert sich und bedankt sich und fragt: Womit habe ich das verdient? Was kann ich dir dafür Gutes tun? Es geht auch umgekehrt: Wir schenken jemandem etwas – einfach so, ohne Grund –, und der Beschenkte fragt dasselbe: Womit habe ich das verdient? Wie kann ich das wieder gutmachen? Einfach nur: Freude und Dankbarkeit – das genügt! Das gibt es doch, das erleben wir doch auch immer mal wieder – diese kleinen Dinge: Aufmerksamkeiten, jemandem einen Gefallen tun: ein Lächeln, ein Dankeschön, einen schönen Tag wünschen, das genügt und das tut gut – vielleicht besonders in dieser Zeit!

Der Heilige Martin hat ja auch den Bettler nicht gefragt: „Was gibst du mir, wenn ich dir die Hälfte meines Mantels gebe?“ Oder: „Was tust du für mich?“ Martin hat gehandelt: aus Nächstenliebe, aus Mitmenschlichkeit, aus Barmherzigkeit, von Herzen, ganz spontan! Stell dir vor, das würde jeder tun! Stell dir vor, das würde jeder tun: an andere denken, andere unterstützen, helfen, wo es möglich und nötig ist: kostenlos und unverbindlich, ohne Hintergedanken!

Ganz viel geschah und geschieht ja auch bei uns in der Pfarrei: besonders in dieser Corona-Zeit. Einige Beispiele: Dda haben Kinder und Erwachsene Grüße geschrieben, gemalt, gebastelt für ältere oder einsame Menschen, auch für die Menschen in unseren Senioren-einrichtungen. Es gibt viele andere Hilfen und Aufmerksamkeiten: die Aktion Tannenzweig Jugendlichen, die Sternsingeraktion, praktische Hilfen für Flüchtlinge, Besuchsdienste, Begrüßungs- und Ordnerdienste in diesen Zeiten und so weiter …

Warum tun Menschen das? Sicher nicht aus Egoismus oder um gut dazustehen, auch nicht, um sich den Himmel oder das ewige Leben zu verdienen! Der Heilige Martin und viele andere Vorbilder im Glauben handelten aus Barmherzigkeit und Nächstenliebe, aus ihrem christlichen Glauben heraus. Manche wurden aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft verspottet. Lassen wir uns nicht einschüchtern, wenn andere vielleicht über uns lächeln – die sind einfach nur neidisch!

Jesus Christus hat so gehandelt, auch im heutigen Evangelium: Die Heilung der zehn Aussätzigen. Jesus hat keine Bedingungen gestellt: „Wenn ihr meine Jünger, meine Nachfolger werdet, dann mache ich euch gesund.“ Jesus waren die Menschen wichtig! Alle Menschen! Und nur einer bedankt sich. Warum nur einer? In Jesu Nachfolge üben wir Nächstenliebe, aus Dankbarkeit dafür, dass Gott uns liebt! Wir geben diese Liebe, diese Menschenfreundlich-keit Gottes weiter an unsere Mitmenschen – einfach so! Stell dir vor, das würde jeder tun!

Ich habe vor kurzem diese Tüte mit Süßigkeiten gekauft, weil auf der Tüte steht: „Zeig Herz“ und „Zum Teilen“. „Zum Teilen“ steht drauf, und wenn jetzt nicht Corona-Zeit wäre, hätte ich am Ausgang eine Schale mit dem Inhalt mehrerer Tüten hingestellt und jeder hätte sich etwas nehmen dürfen – geht aber zur Zeit nicht, schade! Aber vieles andere ist in dieser ungewöhn-lichen Zeit möglich: ein Lächeln – trotz Maske, ein freundliches Wort, ein Zunicken oder Zuwinken, Zuwendung, Zeit für ein Gespräch, auch vor der Kirche (mit Abstand!), ein schriftlicher Gruß, ein Telefongespräch. Kleine Aufmerksamkeiten, mit denen wir unsere Mitmenschen erfreuen, vieles in dieser Zeit mit Abstand, aber dennoch „mit Herz“, weil es von Herzen kommt! Stell dir vor, das würde jeder tun! Seien wir erfinderisch: „Zeig Herz!“ Das könnten wir doch auch weiterhin probieren – oder?

Karin Gösmann
11. November
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Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis
zu Sir 27,30-28,7 und Mt 18,21-35

„Groll und Zorn sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.“ Ob sich Wutbürger davon beeindrucken lassen? Unwahrscheinlich. Sie sprechen von der Merkel-Diktatur, sehen sich in ihren Grundrechten eingeschränkt, wähnen hinter allem eine große geheime Macht. Und wollen das bekämpfen. Mit Agitation und Gewalt. Mit Wut und Groll und Zorn. In den vielen Flüchtlingslagern dieser Welt haben Groll und Zorn auch ein Zuhause. Ausweglosigkeit all überall. Und Angst. Schreckliche Angst. Die vielen geflohenen Menschen haben Angst um ihr Leben. Und Politiker haben Angst, etwas falsch zu machen. Das ist die Stunde der Scharfmacher. Überall auf der Welt schlagen Menschen wild um sich, mit Worten und Taten. Überall auf der Welt vergiften Menschen das Miteinander. Bedarf es da nicht einer gehörigen Portion Groll und Zorn, um gegen all diese Dinge anzugehen?

Der Weg Jesu ist – wie so oft – ein anderer. Seine Aufforderung geht so: „Fang bei dir selbst an. Denke daran, wie oft du dich schon verrannt hast. Wie oft du schon schuldig geworden bist. Wie sehr du davon lebst, dass andere dir einen neuen Anfang schenken. Also: Wage das Unmögliche und hab Geduld. Immer wieder. Und immer mehr!“ „Ja“, möchte man da sagen, „du hast Recht, Herr! Aber wir dürfen doch diese Ungerechtigkeit nicht einfach so weiterlaufen lassen. Wir dürfen doch nicht zusehen, wie Menschen umkommen, nur weil sie in der falschen Gegend leben. Wir dürfen doch nicht zulassen, dass unsere Erde den gewinnmaximierenden Konzernen geopfert wird. Wir dürfen doch nicht zusehen, wie mitten in Europa Potentaten ihr Volk niederknüppeln oder Menschen einfach so verschwinden. Wir müssen doch was tun!“

„Ja“, so stelle ich es mir vor, könnte Jesus sagen, „das stimmt. Wer mir folgt, muss sich die Hände schmutzig machen. Wer mir folgt, der legt den Finger in die vielen Wunden dieser Zeit. Wer mir folgt, der kämpft! Aber eines solltest du bedenken, wenn du überleben willst: Lass dich nicht vergiften. Sei nie so durchdrungen von Gewalt und Hass, dass du nicht mehr in den Spiegel schauen kannst. Lass den anderen leben. Nur so kannst du ihn gewinnen!“ „Du hast leicht reden, Jesus, doch was ist mit den vielen Unterdrückten dieser Tage, was mit den vielen Opfern von Willkür und Terror? Was mit all den Radikalen, die ihren Weg gehen ohne Rücksicht auf Verluste?“ Die Fragen sind richtig. Denn all das ist ja da. Und all das wird bleiben. Aber der Funke Hoffnung, für den Jesus sein Leben gab, der bleibt auch.

Alexander Bergel
13. September
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Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis
zu Röm 13,8-10 und Mt 18,15-20

„Liebe – und tu, was du willst!“ Hört sich einfach an. Und ein bisschen verrückt. Wer genauer hinschaut, der merkt recht schnell: Einfach ist das ganz und gar nicht. Allenfalls ein bisschen verrückt: „Liebe – und tu, was du willst.“ Der Kirchenvater Augustinus hat dies im 5. Jahrhundert gesagt. Nur was meint er damit? Auf den ersten Blick sagt er: „Macht, was ihr wollt. Nur nicht ohne Liebe.“ So verlockend sich das auch anhört – leicht geht anders. Wer wirklich liebt, der weiß das. Wer wirklich liebt, der macht nämlich nicht einfach, was er will, sondern was gut ist für den anderen. Und das ist nicht immer identisch mit dem, was mir grad gefällt …

Wer 50 Jahre verheiratet ist – der weiß das. Wer Kinder auf die Welt gebracht und groß gezogen hat – der weiß das. Wer sich voller Lust und Leidenschaft nach seinem Liebsten, seiner Liebsten sehnt – der weiß das. Wer sich voll und ganz für eine Sache einsetzt – der weiß das. Wer sich um Alte, Kranke, Einsame kümmert – der weiß das. Wer andere erträgt, obwohl sie so ganz anders sind – es aber vielleicht die eigene psychisch kranke Schwester, der merkwürdige Onkel, die kauzige Nachbarin ist – der weiß das. Wer liebt, tut eben nicht in erster Linie das, was er will, sondern das, was der andere braucht.

Heißt Liebe also: sich aufzugeben? Nein. Denn Lieben heißt mitunter auch: zurechtweisen, Grenzen aufzeigen, Unrecht beim Namen nennen, Irrwege beenden, Perspektiven eröffnen. Von Anfang an gehört auch das zum Leben einer christlichen Gemeinde. Aber selbst dann, wenn der Evangelist Matthäus schreibt: „Wenn einer nicht auf euch hört, obwohl ihr im Recht seid, dann sei er euch wie ein Heide und Zöllner!“ selbst dann spüren wir noch: Diese Menschen nicht fallen zu lassen, sondern ihnen in Liebe zu begegnen, das ist der Weg Jesu. Denn der hatte ein großes Herz, gerade für Zöllner und Sünder.

Liebe – und tu was du willst! Das kann nicht jeder einfach so mal eben. Aber wer sich immer mehr von dieser Liebe erfassen lässt, die wir ja alle gratis geschenkt bekommen haben – jene Liebe nämlich, die mir sagt: „Egal, was du tust, egal, welchen Scheiß du baust, egal, in welche Richtung du dich verläufst – ich, Gott, liebe dich!“ – wer sich von dieser Liebe erfassen, tragen und verwandeln lässt, der wird vielleicht doch irgendwann die Kraft finden, immer mehr auch selbst zu lieben, wirklich zu lieben. Sicher, ein langer Weg, bevor man das wirklich kann. Doch – den ersten Schritt, den könnte man ja mal versuchen. Warum nicht gleich heute?

Alexander Bergel
6. September
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Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis
zu Jes 20,7-9, Röm 12,1-2 und Mt 16,21-27

„Du Opfer!“ Wer dieses Wort auf dem Schulhof hört oder in der Firma – der weiß: Ich habe ein Problem. „Du Opfer!“ bedeutet: Da hat einer keine Chance. Mitschüler, Kollegen, wer auch immer meint: Der da, die da ist ein Loser. Einer, der es nicht drauf hat. Eine Randfigur. Und das Mobben beginnt. Wenn wir in der Bibel vom Opfer hören oder in der Kirche davon sprechen, sieht die Sache etwas anders aus. Opfer bedeutet nach allgemeiner Überzeugung wohl so etwas wie: Ich gebe etwas her und erhalte dafür etwas anderes. Wer in die Bibel blickt, findet an deren Anfängen viele solcher Handlungen. Da ist aus urältesten Zeiten von Menschenopfern die Rede. Denken Sie an Abraham und Isaak. Ein Vater will seinen Sohn opfern. Welch schreck-liche Vorstellung! Gott jedoch greift ein – und verhindert die Bluttat. Manche Bibelwissen-schaftler sagen: In dieser Erzählung wird eine heilsame Entwicklung verarbeitet: die Abschaffung der Menschenopfer nämlich, die Gott ganz und gar nicht will.

Wer weiter in der Bibel blättert, dem begegnen dann weitere Formen des Opfers: Tiere und Früchte, Gold und Silber werden nun den Göttern, werden Gott dargebracht. Irgendwie kriegen Menschen diesen Drang nicht los … Immer wieder aber sehen sich diese Praktiken auch der Kritik ausgesetzt. Denn viele Propheten lehnen die Opferkulte ab. Und schließlich kommt Gott selbst zu Wort: „Ich will keine Brand- und Schlachtopfer, kein Gold und Silber. Ich will euch. Euer Herz. Eure Liebe. Dich, Mensch, dich will ich!“ Wie ein Liebender seine Liebste sucht, sich nach ihr sehnt – so ist Gott auf der Suche nach dem Menschen. Nichts anderes erfährt dann auch der Prophet Jeremia, der uns an seiner Beziehung zu Gott teilhaben lässt: „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt.“ Es wäre sicher einfacher gewesen, die Sache mit Gott über einen geregelten Opferbetrieb zu regulieren. Jede Woche eine kleines Opfertier oder ein paar Münzen in die Tempelkasse – und alles wäre erledigt. Und sein Leben definitiv friedlicher verlaufen! Aber nichts da: „Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich.“ Und warum? Weil Jeremia gemerkt hat: Gott will nicht irgendwas von ihm. Er will, er braucht ihn ganz. Und das hat Konsequenzen.

Genau das ist es, wovon auch Jesus spricht: „Mensch, ich brauche dich! Ich brauche dich, um die Welt zu verändern. Ich brauche dich, damit du allen erzählst, was du mit mir erlebt hast. Ich brauche dich, um für Gerechtigkeit einzustehen. Ich brauche dich, damit die Welt erfährt, wie Barmherzigkeit geht! Allerdings“, so sagt Jesus weiter, „allerdings geht ein solches Leben nicht in der Komfortzone. Ein solches Leben bedeutet auch Leid und Ausgeschlossen-Sein, es bedeutet auch Verzicht und Opfer.“ Damit sind wir beim anstrengenden Teil des Christseins angekommen. An Gott zu glauben, den Weg Jesu zu gehen, ist zwar zuerst etwas Befreiendes, Mut machendes, Glück schenkendes. Aber wer sich als ein solch Beschenkter, als eine solch Beschenkte erlebt, der kann das nicht für sich behalten. Der muss davon erzählen und sich engagieren. In letzter Konsequenz riskiert er damit sein Leben. Paulus formuliert es so: „Bringt euch selbst als lebendiges Opfer dar. Das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst!“

Wenn also im biblischen Sinn vom Opfer die Rede ist, geht es immer ans Eingemachte, nie um irgendwelche Dinge. Aber auch nicht um etwas Blutrünstiges. Wenn wir vom Opfer Jesu sprechen, meint das nicht: Gott braucht ein blutiges Menschenopfer. Nein, das wäre völliger sadistischer Irrsinn. Ganz im Gegenteil: Im Opfer Jesu erkennen wir die tiefste Hingabe, die ein Menschen überhaupt leisten kann. Er gibt sein Leben, weil er ahnt, dass aus dieser Liebe etwas ganz Neues erwachsen kann: Leben für alle nämlich, das kein Ende kennt. So ist es also Gott selbst, der diesen Kampf mit dem Tod aufnimmt. Und wenn wir dann weiter von unserem Opfer sprechen, dann meint das etwas sehr Ähnliches: Wir treten in keinen Handel mit Gott ein (frei nach dem Motto: Je größer die Kerze, desto schneller müsste doch meine Bitte erfüllt werden!), und auch kein selbstverstümmelndes, Leid verherrlichendes Tun ist damit gemeint. Nein, wir vertrauen Gott unser Leben an. Im Brot und im Wein bringen wir dann auch in der Feier Eucharistie alles vor Gott, was uns ausmacht. Unser ganzes Leben. Alles. Wir bieten ihm uns an. Und bitten ihn, dass er uns verwandeln und heil machen möge. Nicht mehr, aber auch nicht weniger …

„Du Opfer!“ Wer so etwas über einen anderen Menschen sagt, ist zerstörerisch, zynisch und gemein. Wer auf eine solche Weise beschimpft und fertig gemacht wird, wird irgendwann selbst daran glauben, dass er nichts wert ist. Wer aber im biblischen Sinne vom Opfer spricht und das Opfer Jesu, seine Lebenshingabe, feiert, der ist fest davon überzeugt, dass er alles auf eine Karte setzen darf. Und von Gott hören wird: Du bist wertvoll! Eigentlich, ja eigentlich müsste das die ganze Welt erfahren. Und alle Opfer in ihr.

Alexander Bergel
30. August
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Predigt am 21. Sonntag im Jahreskreis
zu Jes 22,19-23 und Mt 16,13-20

Schlüsselfragen sind immer Schlüsselfragen. Denn daran entscheidet sich, wer reinkommt und wer nicht. Und vor allem: Wer es selbst bestimmen kann, ohne immer jemand anderen fragen zu müssen. In der Kirche ist das genauso wie in der Firma oder im Verein. Und wo es um Schlüsselfragen geht, sind Schlüsselfiguren meist nicht weit. Einer dieser Schlüsselfiguren sind wir eben begegnet: Simon Petrus. Auf diesen Felsen will Jesus seine Kirche bauen. Und die Schlüssel zum Himmelreich gibt’s obendrauf. Auch hier: Schlüsselfragen sind offensichtlich Schlüsselfragen.

Wie auch immer es damals anfing, wie auch immer Jesus das Fels-Sein und den Schlüsseldienst des Petrus verstanden haben mag – was daraus auch geworden ist, können wir in der Kuppel der Peterskirche in Rom sehen. In riesigen Buchstaben steht das Jesus-Wort dort zu lesen. Es ist der in Stein gehauene Machtanspruch der Päpste, die sich von jeher auf diesen Auftrag Jesu berufen. Doch auch wenn man Petrus ehrlicherweise nicht als den ersten Papst bezeichnen kann, hat sich das Papsttum historisch doch von ihm her entwickelt. Und nicht nur das.

Keine vier Jahrhunderte dauerte es, da war die Kirche zur Staatskirche geworden und ihre Amtsträger zu Beamten. Wie schnell wurde Politik gemacht. Wie oft wurden plötzlich Dinge entschieden, von denen man sich schon fragen kann: Was haben die eigentlich mit dem Evangelium zu tun? Wie oft wurden – und werden auch heute noch – Menschen ausgeschlossen: Menschen, die mit ihren Fragen quer kommen. Menschen, die bestimmten moralischen Ansprüchen nicht genügen. Das Schloss ist zu, der Schlüssel in mächtigen Händen. Ob das so gemeint war? Dieser Frage muss man sich stellen.

Vielleicht muss man dazu aber auch nicht nur nach Rom schauen. Wie sieht’s denn hier bei uns aus? Benutzen wir unsere Schlüssel nicht manchmal auch eher dazu, Türen zu schließen, als sie zu öffnen? Spüren Menschen, die uns begegnen, dass unser Gott einer ist, der befreit – und keiner, der einengt? Gelingt es uns, den Schlüssel zum Herzen von Menschen zu finden, die in sich verschlossen oder verbittert oder verletzt oder von dieser Kirche maßlos enttäuscht sind? Schaffen wir es, andere neugierig zu machen auf die Botschaft Jesu – vielleicht gar nicht so sehr durch große Worte, sondern einfach dadurch, dass wir da sind? Und noch eine Frage: Können wir es haben, Menschen neben uns groß werden zu sehen?

Jesaja, der Prophet, berichtet von einem Gottesdiener, der Menschen klein gehalten und nur an sich und seinen Machterhalt gedacht hat. Solchen Leuten wird der Schlüssel am Ende wieder weggenommen. Alle, die ihre Schlüssel benutzen, um zu verschließen und nicht, um Herzen zu öffnen, stehen dem Plan Gottes im Weg. Vielleicht hat Jesus dem Petrus genau deshalb diesen ganz besonderen Schlüssel anvertraut. Weil er wusste: Dieser Mann hat das Herz am rechten Fleck. Er kämpft. Und leidet. Und hofft. Und liebt. Offene Türen, offene Hände und offene Herzen. Darauf kommt es an. Ob uns das gelingt, ist am Ende wohl die entscheidende Schlüsselfrage.

Alexander Bergel
23. August
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Predigt am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel
zu Lk 1,39-56

„… denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“ Leichtfertig sagt sie das wohl nicht. Immerhin liegt ein beschwerlicher Weg hinter ihr. Nicht nur der übers Gebirge. Und was noch kommt? Keiner weiß es. Doch trotz alledem stimmt Maria ihr Lied an. Ein Lied, das den Sturz der Mächtigen besingt. Ein Lied, das davon träumt: Einmal muss es doch geschehen! Einmal muss sich doch zeigen, dass den Mächten des Todes die Puste ausgeht und die Potentaten, die Unterdrücker, die Angsteinflößer, die Todbringer, die Vergewaltiger, die Sklavenhalter ausgespielt haben! Einmal, ja einmal muss es doch geschehen!

Marias Lied ist ein Lied der Hoffnung. Der Ermutigung. Und der Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse. Aber es ist kein Lied der Vertröstung. Kein Lied, das sagt: „Irgendwann, ja, da wird es geschehen. Du musst halt nur lang genug warten.“ Nein, so verstanden wären wir ganz schnell bei den Religionskritikern vergangener Zeiten und auch der Gegenwart angelangt, die im Glauben vor allem Opium fürs Volk und Vertröstung aufs Jenseits erkennen. Das aber will und darf der Glaube niemals sein. Trost schon, Vertröstung nein.

Maria singt ja auch nicht: „Der Mächtige wird Großes an mir tun!“, sondern: „Er hat Großes an mir getan!“ Maria blickt zurück auf ihr Leben. Was hatte sie schon alles erlebt? Leicht war das sicher nicht. Einfache Verhältnisse. Römische Besatzung. Ein brodelnder politischer Kessel. Und dann dieses Kind! Wie soll sie das bloß erklären? Doch: „Der Mächtige hat Großes an mir getan!“ Wer die Welt mit den Augen dieser Maria betrachtet, der sieht zuerst das Heil. Und erst dann all das, was diesem Heil im Wege steht. Ob uns das auch gelingt?

Wenn Sie in Ihr Leben blicken, wenn Sie auf Ihre Beziehungen, auf  ihre Arbeit schauen, auf das, was Sie gerne tun, auf das, wo andere meinen, Sie hätten da ein richtiges Talent – würden Sie da nicht auch sagen können: „Der Mächtige hat Großes an mir getan“? Wer so über sich denkt, der sieht sich vor allem als ein Beschenkter, als eine Beschenkte. Wer so über sich denkt, der wird aber auch im anderen zuerst das Gute sehen. Und der wird sich erheben und dafür eintreten, dass Gottes Traum von dieser Welt kein frommer Wunsch bleibt, sondern immer mehr Wirklichkeit wird. Der Blick auf Maria lässt uns erahnen, welche Kraft der Glaube an einen Gott schenkt, der spürbar wird in allem, was sich ereignet. Und der diese Welt zu einem besseren Ort machen will – auch durch mich.

Wenn wir heute auf das Leben der Mutter Jesu blicken, tun wir es vom Anfang und vom Ende her. Maria hat über den Tod hinaus zu spüren bekommen, wie machtvoll Gott an ihr gehandelt hat. Und nicht nur an ihr. Das ganze Leben mit allem, was dazu gehört: alles Kämpfen und Ringen, alles Suchen und Fragen, alle Momente der Leere und der tiefen Erfüllung, alle Wunden und Narben, alle Hoffnung und jeder Augenblick geschenkter Liebe – kurz: der ganze Mensch mit Leib und Seele, er geht auch im Tod nicht verloren, sondern hat eine Zukunft. Ein für alle Mal. Und das Schöne daran ist: Diese Zukunft beginnt nicht irgendwann. Nein, sie hat schon längst angefangen. Erinnern Sie sich?

Alexander Bergel
15. August
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Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 13,24-43

Ein Sämann ging aus.
Gedanken, mehr noch: ein Gebet
von Hermann Coenen

Großer Sämann Du, geduldiger Gärtner.
Milliarden Jahre konntest Du warten,
bis unser glühender Planet abkühlte.
Bis langsam, ganz langsam Leben entstand
im Wasser, auf dem Land, in der Luft.

Neun Monate kannst Du warten,
bis aus dem befruchteten Ei
ein Menschenkind wächst im Leib seiner Mutter.
Zehn Jahre, zwanzig Jahre kannst du warten,
bis so ein Menschenjunges lernt,
auf eigenen Beinen zu stehe,
und auch dann oft noch recht wackelig.

Wie viele Anläufe musst Du nehmen, Gott,
wenn Du mir etwas beibringen willst:
Wie stur kann ich sein, wie zu,
wie schwer von Begriff!
Menschen schickst du mir über den Weg.
Mit Glückserfahrungen lockst du mich,
mit Schicksalsschlägen.
Ein Liedvers geht unter die Haut,
ein Dichterwort, ein Psalm.
Und vieles fällt unter die Dornen.

Du gibst es nicht auf. Du gibst mich nicht auf.
Du gibst uns nicht auf.
Du vertraust, dass unterhalb der Oberfläche,
in der Tiefe des Ich,
Dein Samenkorn wächst und wächst.

Du traust uns zu, dass eines Tages
der treibende Keim durchbricht
und zum Blühen kommt und Frucht bringt.
Dass nach der langen Schwangerschaft
der Menschheitsgeschichte wir Neandertaler
endlich Mensch werden.

Wir danken Dir für den einen, den neuen Menschen,
der ganz so geworden ist,
wie Du Dir den Menschen gedacht hast:
Jesus von Nazareth, der Sohn der Maria,
die schönste Frucht, die Du hast reifen lassen
auf dieser Erde.

Wir können Ihn nicht vergessen,
möchten so sein, so werden, so leben wie Er.
Wir möchten lernen von Ihm,
wie einer reif wird allmählich in Sonne und Sturm,
wenn das Leben uns streichelt und schlägt.

Wir möchten lernen von Ihm, wie man das macht,
unter den rauhen und stacheligen Schalen des anderen
den guten Kern zu entdecken in jedem:
Dein Ebenbild, Gott, auch wenn es entstellt ist.

Wir möchten lernen von IHM,
wie man trotz aller Würmer im Apfel der Welt
den Glauben nicht aufgibt
an das Gute, an Dich.

Wir möchten lernen von Ihm
Geduld und Vertrauen und Hoffnung,
dass Du, großer Gärtner, uns annimmst
und fruchtbar machst
heute und am Tag der großen Ernte.

Herrmann Josef Coenen
Meine Jakobsleiter
Düsseldorf 1986

Alexander Bergel
18. Juli
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Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis
zu Sach 9,9-10 und Mt 11,25-30

„Ausmerzen werde ich die Streitwagen aus Éfraim und die Rosse aus Jerusalem, ausgemerzt wird der Kriegsbogen. Der Herr wird den Nationen Frieden verkünden, und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde.“ Es ist ein Kontrastprogramm, ein wirkliches Kontrastprogramm, das der Prophet Sacharja dem am Boden liegenden Jerusalem zuruft. Auch wie Jesus die Welt sieht, ist ein Kontrastprogramm. Denn am Ende rechnet er vor allem mit einem Publikum: „Ich preise dich“, so betet er zu seinem Vater, „weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“

Kein Starker, kein Mächtiger, das weiß Jesus ganz genau, hört auf seine Worte. Nur die Kleinen, die, die nichts mehr zu verlieren haben – die sind es, sie haben noch ein Ohr. Ein Ohr für diese verrückte Botschaft, die nichts anderes ist als ein Kontrastprogramm. Und damit ein Stachel. Ein Stachel – ganz sicher – in der großen Welt der Politik. Und ein Stachel in der kleinen Welt meines Lebens. Er ist präzise gesetzt, dieser Stachel. Und er tut weh. Zumindest dann, wenn wir ihn nicht betäuben mit den üblichen Beruhigungsmitteln: „Ach, das wird er schon alles nicht so wörtlich gemeint haben, das mit dem Vergeben und der anderen Wange und so!“ Oder: „Es ist halt ein Traum.“ Um es gleich zu sagen: Diese Beruhigungsmittel fegt Jesus vom Tisch, indem er klar macht: „Ja, es ist ein Traum. Und: Ja, ich habe das wörtlich und wirklich so gemeint!“ Tja, und nun? Wir könnten – zumindest für einen Augenblick – so tun, als würden wir diesem wörtlich gemeinten Traum Jesu folgen.

„Mensch“, so stelle ich mir vor, würde Jesus dann sagen, „Mensch, lass die Bedenken Bedenken sein. Dreh dich nicht nur um dich selbst. Blicke nach rechts und nach links. In die Welt, wie sie ist. Blicke aber auch nach oben und nach unten. Halte Ausschau nach dem, was Gott dir schenkt. Und nach dem, was schon da ist. Erwarte alles von Gott – denn der weiß, was du brauchst. Und dann – dann lebe meinen Traum von dieser Welt. Fang einfach an. Ohne Konzept. Ohne Netz mit doppeltem Boden. Ohne Reiserücktrittsversicherung. Ich weiß ja, dass eigentlich alles dagegen spricht: die Macht der selbstverliebten Männer in Weißen und anderen Häusern, die grenzenlose Selbstüberschätzung der Despoten, das Beharrungsvermögen der Traditionalisten, die Bedenken der Erfahrenen, das Leid der Gequälten, die Trauer der Einsamen, die Wunden der Gefolterten, die ausgelachten Barmherzigen, die für naiv erklärten Weltverbesserer, die getöteten Friedenssucher, die sinnlose Zerstörungswut der Radikalen von Links und Rechts. Ja, eigentlich spricht alles dagegen. Da habt ihr Recht. Aber wollt ihr wirklich, dass meine Idee von dieser Welt zu Ende geht? Wollt ihr wirklich, dass die Kämpfer für Gerechtigkeit umsonst gestorben sind? Wollt ihr wirklich der Angst und der Ohnmacht das letzte Wort gönnen?“

Jesus war kein naiver Träumer. Jesus war Realist. Und genau deshalb blickte er weiter. Genau deshalb hat er sich nicht zufrieden gegeben mit der Welt, wie sie ist. Er hat uns vielmehr gezeigt, wie sie auch ist. Solange es die Welt gibt, begegnen uns die entmutigende, angstmachende, zähnefletschende Fratze des Bösen, die Großmacht der Überheblichkeit, das Meer der geweinten Tränen. Aber mittendrin – mittendrin lebt die Vision des Jesus von Nazareth. Die Bedenken, die kennt er. Alle. Und trotzdem – trotzdem wagt er eine Frage: Folgst du mir?

Alexander Bergel
4. Juli
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Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis
zu 2 Kön 4,8-11.14-16a und Mt 10,37-42

„Ich weiß, dass dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist. Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitstellen. Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.“ Elischa, der Prophet, hat ungeheures Glück. Glück, auf jemanden zu treffen, der in ihm auch den Menschen sieht. Nicht nur den Gottesmann. Nicht nur den Heiler. Nicht nur den Prediger. Bis ins Detail wird uns die Sorge der Frau um den prophetischen Gast vor Augen geführt: Bett, Tisch, Stuhl, Leuchter. „Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.“ Dass diese fast schon niedliche Szene nicht unter den Teppich des Erhabenen gekehrt wurde, sondern mitten in der Bibel steht, macht doch eines deutlich: Wer im Auftrag Gottes unterwegs ist, hört nicht auf, ein Mensch zu sein. Und wer damit aufhören würde, wäre nicht mehr im Auftrag Gottes unterwegs. So einfach ist das. Und so einfach bleibt es auch.

Wie einfach das sein kann, zeigt ein Blick in das Jahr 2019. Da hatte der Generalvikar mal wieder eine seiner legendären Ideen. „Du, Alexander“, so fing er am Telefon an, „ich kenne da jemanden, der würde gut zu euch passen. Toller Mann. Jesuit. Viel rumgekommen. Hat Schulen geleitet und Akademien. War mit Studenten unterwegs. Kennt viele Leute, die was zu sagen haben. Hat Interesse an neuen Ideen und setzt die auch um. Und ist ein sehr netter Mensch. Der wäre was für euch! Und ihr habt da doch die leere Wohnung, oder? Ach ja, übrigens, nächsten Montag könnte er mal vorbeikommen. Hättest Du da Zeit?“ Natürlich hatte ich die. Und recht schnell war klar: Das könnte was werden mit Hermann Breulmann, dem Jesuiten aus Berlin. Die Chemie stimmte. Und so haben wir neben der Heilig-Geist-Kirche – fast wie beim Propheten Elischa – das kleine, gemauerte Obergemach hergerichtet und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitgestellt. Und dachten zufrieden: „Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.“

Ich erinnere mich gut noch an Deinen ersten Tag Ende Februar, lieber Hermann. Ein paar Freunde aus Hamburg, ein Kollege aus Berlin, Deine Schwester und ihr Mann aus Voxtrup waren mitgekommen, um Bett, Tisch, Stuhl, einen Leuchter und – zugegebenermaßen – noch ein paar Sachen mehr in Deine neue Wohnung zu tragen. Praktischerweise war auch grad Pause beim Erstkommuniontreffen mit Dirk Schnieber, so dass schnell ein paar Väter beim Einzug mitgeholfen haben. Und dann warst Du da. Vom großen Berlin ins geringfügig kleinere Osnabrück. Aber genauso wolltest Du es gerne. Um nach aufregenden Jahren in wuseligen Städten wie Hamburg, München und Berlin ein wenig runterzufahren, Seelsorger zu sein, Liturgie zu feiern, ein, zwei, drei, vier Ideen zu entwickeln und vor allem Zeit zu haben, um Menschen zu begegnen.

Doch dann kam Corona. Plötzlich war ganz viel Zeit da. Und Deine geplante Einführung auf unbestimmte Zeit verschoben. Keine leichte Zeit. Für niemanden. Und für Dich schon gar nicht. Doch trotzdem bist Du nicht zum durch Deine neuen Gemächer spukenden Schlossgespenst geworden. Im Gegenteil. So Manchem bist Du schon begegnet. Man sieht die Fenster wieder offen stehen. Besonders das ganz hinten links, aus dem gelegentlich Rauchschwaden ihren Weg ins Freie finden. Die beiden Raucher bei uns im Team freut das natürlich besonders! Manche Menschen aus unserer Pfarrei kennen Dich noch aus Studentenzeiten. In der Kleinen Kirche warst Du schon und der Hochschulgemeinde auch. Auf der Homepage ist einiges von Dir zu lesen. Und ich erinnere mich gerne an so manches lustige und gleichermaßen tiefsinnige Gespräch mit Dir. Es ist spannend zuzuhören, wenn Du erzählst. Dein Weg zu den Menschen ist kein komplizierter – auch wenn Du mitunter Wörter kennst, die ich noch nie gehört habe.

Deine Analyse der kirchlichen Situation ist messerscharf. Genau so etwas brauchen wir in dieser Kirche, der noch nie so viele Menschen den Rücken gekehrt haben wie in diesem Jahr. Doch keine Angst, lieber Hermann. Früher hat man die Jesuiten geholt, um die Welt zu retten. Oder irgendwen zurückzudrängen. Um Struktur in ein Chaos zu bringen oder überhaupt mal Sinn und Verstand an einen neuen Ort. Keine Angst, all das musst Du nicht. Du muss nicht die Welt retten. Es reicht, wenn Du einfach da bist. Mit Deinen Erfahrungen und Ideen. Mit Deinen Fragen und der ein oder anderen Antwort. Mit Deinen Gedanken und Deinem Humor. Das könnte nicht nur was Prophetisches haben. Es könnte auch viel Spaß machen. Und uns helfen, immer neu zu fragen, warum wir eigentlich noch da sind. Und warum es sich – trotz allem – lohnt, in der Spur Jesu zu bleiben.

Alexander Bergel
27. Juni
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Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis
zu Jer 20,10-13 und Mt 10,26-33

Propheten, das ist nicht neu, Propheten müssen mit Widerstand rechnen. Weil es selten bequem ist, was sie sagen. Weil sie den Finger in die Wunde legen. Weil sie Unehrlichkeit nicht ertragen. Und Ignoranz. Und schon gar nicht eine Haltung, die sich selbst zum Mittelpunkt des Universums macht. Weil sie genau dagegen immer wieder angehen, werden Propheten lächerlich gemacht, für verrückt erklärt und bekämpft. Auch Jeremia bekommt das zu spüren: „Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Zeigt ihn an! Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze.“ Es musste ihm klar gewesen sein, dass viele so reagieren würden. Und dennoch: Jeremia geht seinen Weg weiter. Denn er spürt: Das ist nicht einfach nur eine fixe Idee. Nein, er kritisiert und hinterfragt eine Gesellschaft, die ihre Mitte verloren hat. Er bekämpft religiöse und politische Machthaber, die vergessen haben, dass es nicht um Selbsterhalt gehen muss, sondern um das Wohl eines ganzen Volkes.

Wenn der Mann aus Nazareth viele Jahrhunderte später einen ähnlichen Weg einschlägt und am Ende dafür am Kreuz sterben muss, spüren wir einmal mehr, wie wenig sich die Dinge ändern lassen. Menschen neigen durch alle Zeiten hindurch ganz offensichtlich dazu, sich friedlich einzurichten. Und dabei nicht gestört werden zu wollen. Und – seien wir ehrlich – es ist ja auch nur allzu verständlich, oder? Wer wünscht sich denn auch nicht, friedlich bei einem lauen Lüftchen und einem guten Glas Wein auf der Terrasse zu sitzen und in den eigenen Garten zu schauen? Wer wünscht sich nicht, bei all den Belastungen, die das Leben für einen bereit hält – zumal in dieser Krise –, nicht ständig mit den großen Problemen der Welt konfrontiert zu sein? Wer würde nicht gerne die Augen schließen und einfach für sich und seine Familie in Ruhe und Frieden leben? Ich glaube, die meisten würden es am liebsten genauso machen. Doch wenn es wirklich alle so machen, dann kippt am Ende auch alles. Wirklich alles.

Jesus wusste das. Genauso wie die vielen Prophetinnen und Propheten vor ihm und danach. Deshalb hat sein aufrüttelnder, Mut machender Ruf auch heute nichts von seiner Aktualität verloren: „Fürchtet euch nicht!“ Fürchtet euch nicht, die eigene Komfortzone zu verlassen! Fürchtet euch nicht, Partei zu ergreifen für die Armen und Schwachen! Die übrigens gar nicht so weit weg wohnen, sondern vielleicht sogar auf der anderen Straßenseite. Fürchtet euch nicht, die selbstgemachte Katastrophe des Klimawandels anzuprangern und alternative Lebensformen zu entwickeln! Fürchtet euch nicht, für die Rechte von Arbeitnehmern einzutreten, die keine Lobby haben! Fürchtet euch nicht, weiter nachzufragen, woher unsere Lebensmittel und unsere Kleidung kommen und unter welch menschenunwürdigen Bedingungen sie teilweise hergestellt werden! Fürchtet euch nicht, Rassismus beim Namen zu nennen und für die Rechte aller Menschen einzutreten! Egal woher sie kommen. Egal was sie fühlen. Egal wen sie lieben. Fürchtet euch nicht, Strukturen des Bösen zu erkennen und zu verändern! Fürchtet euch nicht, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern immer wieder einzufordern! Oder sie einfach zu leben. Fürchtet euch nicht, eurem Gewissen zu folgen! Fürchtet euch nicht, unbequem zu sein, wenn ihr ein Ziel erkannt habt, das über eure kleine Welt hinausweist! Fürchtet euch nicht!

Prophetin, Prophet sein – das ist kräftezehrend. Und oft frustrierend. Einfacher ist es, das zu tun, was alle machen. Das stimmt. Doch wo führt das hin? Weil es immer wieder diese Mahnerinnen und Mahner gegeben hat, konnten Dinge sich verändern. Selten schnell. Fast nie sofort. Manchmal auch nur in Teilen. Oder gar nicht. Und doch gab es immer wieder Menschen, die nicht aufgegeben haben. Menschen wie Jeremia und Elija, Debora und Rut, Maria von Magdala, Hildegard von Bingen und Teresa von Avila. Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und Hannah Ahrend, Martin Luther King, Nelson Mandela, Eugen Drewermann und Greta Thunberg. Und noch viele andere. Sie hatten keine Angst. Und haben weitergemacht. Trotz allem. Wo wären wir ohne sie? Gute Frage. Noch wichtiger aber: Wer geht ihren Weg weiter?

Alexander Bergel
20. Juni
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Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 9,36-10

Gestern waren die zwölf Apostel bei mir zu Gast.
Ich tischte alles auf, was der Kühlschrank hergab.
Sie müssen von sehr weit gekommen sein.
Sie waren hungrig und durstig,
und auf ihren Mänteln klebte dick der Staub.
Ich wollte wissen, wer unter ihnen Johannes sei
und wer Judas.
Sie sagten, sie übten noch.
Die Rollen werden erst kurz vor Ostern festgelegt.

Horst Bienek

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Üben?
Was wollen die denn
üben?

Warum denn
auch die Dinge
ändern

Johannes ist der Gute
Judas der Böse
Und Thomas zweifelt

So steht es doch
geschrieben.
Oder etwa nicht?

Lies nach
Lies quer
Tu’s immer wieder

Doch Vorsicht
Zwischen den
Zeilen

wirst du finden
was deine Weltsicht
irritiert

Finden
wirst
du

dass niemand
wirklich
niemand

eine Rolle
spielen muss
die ewig gilt

Ich weiß
es wär so schön
so einfach

Und
vor allem
praktisch

Denn
Rollen
Schubladen

ersparen
mir
das Denken

So wurden sie
auf ihre Rollen
festgelegt

Sie werden’s
weiter
Tag für Tag

Was soll aus dem
schon werden?
Bei diesen Eltern

Ich hab’s doch
gleich gesagt
So wie die rumläuft

Jeder ist seines Glückes Schmied
Mir wird auch nichts geschenkt
Wer nicht will, der hat schon

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Da könnt ja jeder kommen
Schotten dicht

Raus aus dem Klischee?
Nein
lieber nicht

Klar
so ist es einfach
Nachdenken unerwünscht

Leben aber
geht so
nicht

Was wäre wohl
wenn ich sie fahren ließe
meine klare Meinung?

Was wäre
wenn ich fragen würde
was Johannes wirklich denkt?

Oder Judas
vor und
nach der Tat

Oder gar am Anfang
als Jesus ihn wollte
um die Welt zu retten?

Was wäre wohl
wenn ich mal schaute
warum der alte Mann von gegenüber

so komisch ist
so abgedreht
so hart?

Oder die Frau
von der man weiß
woher sie kommt

keiner aber
wissen will
wovon sie träumt?

Was wäre wohl,
wenn Rollen
Rollen blieben

und Menschen
Menschen
würden?

Man weiß es
nicht so ganz
genau

Nein
wissen kann das
keiner

Vielleicht jedoch
könnt‘ Wahrheit
werden

was Jesus
nicht für
ausgeschlossen hielt

Kranke würden heil
Tote lebend
Aussätzige rein

Das wär
ja fast der Himmel
Ganz genau

Der Himmel
Fast
zumindest

Kurz vor
Ostern
halt

Alexander Bergel
13. Juni
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Predigt an Pfingsten
zu Gen 11,1-9 und Apg 2,1-11

„Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen!“ Das ist die Ausgangslage. Kennt man. Menschen machen sich selbst zum Maß aller Dinge. Und wollen es allen zeigen. Der Turm zu Babel erzählt bis heute davon. Wird sich das denn nie ändern? Vermutlich nicht. Aber der, den manche gerne spielen – Gott –, der gibt zwischendurch schon mal eine Antwort: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt, und jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ Schluss also mit dem ewigen Gekreise um sich selbst. Schluss mit dem Ausschließen anderer Stimmen. Schluss mit dem wahnsinnigen Blick nach oben, der nur dem eigenen Vorteil gilt.

Pfingsten ist die Antwort Gottes auf die zerstörerische Kraft der Potentaten, der Selbstüberschätzer, der Blender. Der menschlichen Ur-Versuchung, wie sie sich seit Babel in immer neuen Varianten zeigt, dieser Ur-Versuchung begegnet Gott mit einem Spektakel der besonderen Art: Die Kraft aus der Höhe, sein Geist, ja er selbst senkt sich herab in die verkapselten Herzen der Menschen. Er öffnet Augen und Ohren, damit sie die wirkliche Tiefe des Lebens entdecken. Und die findet sich nicht in gewaltiger Höhe. Die findet sich schon gar nicht in den Ellenbogen. Nein: Die Tiefe des Lebens findet der Mensch, der es wagt, dem anderen zu begegnen. Wirklich zu begegnen. Und das kann manchmal ganz schön verstörend sein: „Ein jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ Das bedeutet doch: Ich lasse mir etwas sagen. Auch wenn es mir fremd vorkommt. Das bedeutet: Ich versuche zu verstehen, was der, was die andere mir sagt. Das bedeutet: Ich kann meine Meinung nicht absolut setzen. Das bedeutet: Niemand weiß alleine, wie das Leben geht. Auch wir nicht.

Pfingsten meint uns. Und deshalb sollten wir vielleicht auch mal unsere Türme zu Babel anschauen. Unsere festgefügten Mauern. Unseren Drang nach oben. Unsere eingeschränkte Sicht. Unsere Allmachtsphantasien. Wenn wir hier und heute um die Kraft aus der Höhe bitten, um den Geist, der unser Herz erfüllt, dann hat das Konsequenzen. Anstrengende, wie so oft, sicher. Aber in erster Linie – das glaube ich ganz fest –, in erster Linie hat das Befreiung und Aufbruch zur Folge. Wir können natürlich immer und immer wieder auf das schauen, was alles nicht mehr geht, was vergangen ist oder dabei ist zu sterben. Wir können traurig sein über den Bedeutungsverlust der Kirche in der Gesellschaft. Aber dann stehen wir wie die Babel-Turm-Erbauer vor unserem Werk und wundern uns, dass uns keiner mehr versteht.

Die Pfingstgeschichte – also Gottes Antwort auf alle Resignation, alle Selbstverliebtheit und alle Traurigkeit –, diese Geschichte geht dann weiter, wenn wir danach fragen: Wovon lebe ich? Und: Wovon leben die anderen? Pfingsten wird dann keine phantastische Geschichte bleiben, wenn wir uns aufmachen, nach Spuren Gottes in dieser Welt zu suchen. Wenn wir es wagen, auf das zu hören, was andere uns sagen – und sei das noch so verrückt. Pfingsten wird sich auch 2020 ereignen, wenn ich mich darüber freue, neue Sichtweisen zu bekommen. Pfingsten wird sich ereignen, wenn ich wieder Lust daran finde, Kirche zu sein und zu gestalten. Keinen Turm zu Babel, sondern einen Ort, an dem alle einen Platz finden, die Gott suchen. Denn um den geht es doch zuerst. Um ihn und um die Menschen. Die Menschen in all ihrer Buntheit.

Ganz viel von dem erlebe ich hier bei uns ja schon. Ich erlebe Menschen, die anpacken. Menschen, die sich um Schwache und Bedürftige sorgen. Menschen, die über ihren Glauben sprechen und darum ringen. Die Diskussion um die Frage: Feiern wir wieder Gottesdienste oder nicht? hat auf beeindruckende Weise gezeigt, was Menschen darüber denken. Selten habe ich so viel Tiefsinniges über den Wert der Liturgie und über die Sehnsucht nach Eucharistie gehört wie in der letzten Zeit. Was für ein Schatz! Nicht nur in diesen Tagen erlebe ich bei uns Menschen, die eine Vision haben. Von einer Kirche, die hört und sieht, die Menschen beteiligt und über den eigenen Tellerrand hinausgeht. Mir haben die letzten Monate gezeigt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Wie sehr wir uns gegenseitig brauchen. Wie wichtig uns manches allzu Selbstverständliche oder in Vergessenheit geratene wirklich ist. Vielleicht führt all das dazu, neu durchzustarten. Neu zu entdecken, warum es uns eigentlich gibt. Und worum es wirklich geht. Die Jünger damals haben ganz neu durchgestartet. An diesem ersten Pfingsttag. Dann können wir das doch auch, oder?

Alexander Bergel
30. Mai
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Predigt am 7. Ostersonntag
zu Joh 17,1-11a

Ja
mittendrin
da stehen wir
mittendrin
in dieser Welt
mit einem Auftrag
im Gepäck

Hört in euch hinein
hört aufeinander
sprecht von dem
was ihr erfahren habt
und dann
dann geht
hinaus

Beachte
die Reihenfolge
wenn Du
die
Verhältnisse
ändern
willst

Krisengeschüttelt
die Welt
krisengeschüttelt
dein Leben
krisengeschüttelt
alles um dich
herum

So war es
eigentlich
immer
schon
so wird es
wohl auch
bleiben

Doch eines
sei dir sicher
eines bleibt
genauso wahr
alleine
bist du
nicht

Immer wieder
gibt es da
den
einen
der so
denkt
wie du

Immer wieder
gibt es da
die
eine
die ganz anders
denkt
als du

Beide retten
dich
vor dem
Abgrund
beide helfen dir
den Weg zu finden
deinen Weg

Den Weg
der zum
Leben führt
ja
das Leben
selber
ist

Und sein Geist
sein Rückenwind
der kommt
vielleicht nicht heute
vielleicht auch nicht
gleich morgen
wart es nur ab

Denn sein
Versprechen
gilt
ich lasse dich
ohne Beistand
sicher nicht
zurück

Mach dich also
auf die Suche
noch ist
Zeit
und gewiss nicht
aller Tage
Abend

Alexander Bergel
23. Mai
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Predigt an Christi Himmelfahrt
zu Apg 1,1-11

Nun ist er endgültig weg. Auf und davon. Nicht mit einer Rakete, das dürfte allen klar sein, aber doch mit einigem Aufsehen. Weg geht er, weit weg in den Himmel. Und die Jünger? Und wir? Wir bleiben zurück. Wie so oft. Und müssen sehen, wie es weiter geht. Ja, wie geht es denn weiter? Was bleibt von dieser unglaublichen Botschaft? Was bleibt von Jesus? Was bleibt von ihm, wenn er weg geht? Es bleibt erst einmal die Frage: Bin ich bereit, ihm zu folgen? Ihm, der vom Frieden nicht nur sprach, sondern ihn lebte. Ihm, der mit jeder Faser seiner Existenz davon überzeugt war, dass die Liebe immer die stärkeren Argumente hat. Ihm, der barmherzig war. Und mutig. Und kraftvoll. Und am Ende tot.

Bin ich bereit, einem zu folgen, der alles gegeben hat, sogar sich selbst? Und bleibt es für mich nicht nur eine fromme Episode längst vergangener Zeiten, von der man auch nicht so richtig weiß, wie man sich das vorzustellen hat – bleibt es für mich nicht nur eine alte Geschichte, sondern reale Erfahrung, dass der, der starb, fürchterlich zugerichtet am Kreuz, dass genau der von den Toten auferstanden ist? Und macht es mir Mut, gibt es mir Kraft, darauf mein ganzes Leben zu gründen?

Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten – wann und wie auch immer vor 2000 Jahren der Tote als Lebender erfahren wurde, wann und wie auch immer er ganz zu seinem Vater heimging, wann und wie auch immer die Kraft aus der Höhe alles durcheinander gewirbelt hat, wann und wie auch immer das alles war – auf eines kommt es an: Gehe ich den Weg Jesu weiter? Traue ich mir das zu? Wenn ja, dann könnten wunderbare Dinge passieren: Was sich vernichtend durch mein Leben schlängelt, machtvoll und heimtückisch – es verliert seine Kraft. Was Beziehungen und Geschichten vergiftet – es endet nicht mehr tödlich. Krankes wird gesund, die Enge wird zur Weite, der Blick verändert sich. Keine Macht der Welt wird stärker sein als diese Freiheit, die der geben kann, der sich selbst verschenkt hat.

Heute spüren wir, welche Kraft von Ostern ausgeht: Einer stirbt, damit alle leben. Einer lebt, damit wir nicht ins Dunkle sinken. Einer sprengt die Dimensionen dieses Lebens auf, damit wir weit werden im Denken, Fühlen und Handeln. Einer sendet seinen Geist, damit das alles nicht in Vergessenheit gerät, sondern eine Zukunft hat. Doch Vorsicht: All das könnte frommes Gerede bleiben. Und zur bloßen Folklore verkommen. Oder zum vermuteten Kennzeichen einer kulturellen Identität. Es könnte aber auch anders sein. Es könnte uns packen. Wieder neu. Mich, Sie und viele mehr. Es könnte. Und dann? Ja, was wäre wohl dann?

Alexander Bergel
20. Mai
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Predigt am 6. Ostersonntag
zu Joh 14,15-21

Es dauert nicht mehr lange, dann ist er weg. Dann müssen sie selbst sehen, wie sie klar kommen. Keiner mehr, der die Dinge regelt. Keiner mehr, der an alles erinnert. Keiner mehr, der eine Ahnung davon gibt, was das heißt: Gott ist nicht weit weg, sondern mitten in der Welt. Irgendwann musste es so weit kommen. Aber jetzt? So plötzlich? Damit hatten sie nicht gerechnet, die Jünger. Und so sitzen sie da und müssen es erst einmal begreifen lernen, was das heißt, wenn Jesus sagt: „Ich gehe zum Vater.“

Es hat ziemlich lange gedauert, aber irgendwann war sie weg. Die gewohnte Idylle der kleinen, überschaubaren Pfarrei. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir uns gut eingerichtet. Alles lief gut, jeder kannte seinen Platz, alle wussten, wie es funktioniert. Eine schöne heile Welt, so sollte es bleiben! Aber so blieb es nicht. Die Dinge verändern sich. Seit Jahren schon. Keine überschaubare Gemeinde mehr, sondern eine immer größer werdende. Keine eingespielten Muster mehr, sondern neue Herausforderungen. Keine Klarheit mehr, was das heißt, katholisch zu sein, sondern fließende Übergänge. Kein: „Wir machen das hier aber so!“, sondern die Frage: „Wie könnten wir es denn mal neu versuchen?“

Die Jünger damals erleben: Jesus geht weg. Wir heute spüren: Viel Gewohntes verschwindet, das, was Halt gegeben hat, ist nicht mehr sicher. Auf die Spitze getrieben erleben wir das in diesen Monaten der Krise. Aber in all dem steckt auch eine Aufforderung: Mensch, trau dir etwas zu! Bleib nicht stehen! Geh selber deinen Weg. Such ihn neu, Tag für Tag! Das, was dir vertraut war – es ist nicht mehr. Aber – das Leben erwartet dich!

Anders wäre es einfacher gewesen, damals wie heute. Jesus hätte doch noch einige Jahre so weiter machen können, den Frauen und Männern um ihn herum weiter von Gott erzählen, ihnen weiter den Weg bahnen können. Aber nein, das tut er nicht. „Ihr wisst alles, was ihr wissen müsst. Nun geht euren Weg!“

Und heute? Hätte nicht lieber doch alles so bleiben können, wie es war? Nein. Die Welt hat sich verändert. Und die Kirche auch. Manche sehen darin nur Abbruch, Verlust, Untergang. Andere aber das Wirken des Heiligen Geistes. Und der steht für Aufbruch, Offenheit und neue Kraft. Aber bevor etwas Neues kommen kann, muss das Alte vergehen!

Doch was bedeutet das nun? Es bedeutet: Mensch, verlass dich nicht auf andere. Nicht auf die religiösen Profis, nicht auf die Strukturen, nicht auf das, was die Leute sagen. Vertrau darauf, dass Gott zu dir spricht. Dass er dich braucht. Und du ihn. Trau dich, über deinen Glauben zu reden. Und über deine Zweifel. Trau dich, deinen Glauben nicht einzufrieren. Sondern immer neu zu suchen, was er für dein Leben bedeutet. Trau dich! Egal wie alt du auch bist: Trau dich, neu anzufangen! Und hab keine Angst! Denn: Du bist nicht allein. Und der Geist Gottes – der ist schon unterwegs!

Alexander Bergel
16. Mai
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Predigt am 5. Ostersonntag
zu Joh 14,1-14

Keiner weiß,
wohin
die Reise geht.
Nicht nur in
Corona-Zeiten
ist das so.

Der Weg durch’s Leben –
er wird immer
voller Überraschungen sein.
Voller Sackgassen
und Seitenwege.

Wie oft schon
hab ich mich verlaufen.
Wie oft schon
ganz neu angesetzt.
Versucht,
durch all das Chaos,
durch Rückschläge
und Enttäuschungen
hindurch
zu ahnen,
wie das Leben
wirklich
funktioniert.
Genau verstanden
habe ich’s bis heute
nicht.

Wie oft schon
waren aber plötzlich
Menschen da.
Menschen,
die wussten,
wo es lang geht.
Meist dort,
wo ein Weg
sich gabelte
oder Mauern
unbezwingbar schienen.
Auch dort waren sie
zur Stelle,
wo die Straße sich
in dunkler Nacht
verlor.

Nicht nur einmal
waren plötzlich
weite Strecken
wie im Flug
geschafft.
Und nicht nur einmal
stellte es sich ein –
dies unbeschreibliche Gefühl:
Es ist so
schön,
dies wunderbare
Leben!
Den Weg dorthin –
den kennt ihr.
Ja,
mitunter schon …

Zum Glück
hat Thomas
noch mal
nachgefragt.
Denn so konnte er
hören,
dass
sein großes Vorbild,
sein Meister,
sein Freund
bei allem
mit von der Partie
war.
Und ist.
Und bleiben wird.
Egal,
was kommt.

Dass er selbst
der Weg ist.
Und die
Wahrheit auch,
die mich
all das
erkennen lässt.
Kurz:
Ein ganzes
volles
Leben.

Wenn ich’s
zulasse
auch

meins!

Alexander Bergel
9. Mai
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Predigt am 4. Ostersonntag
zu Joh 10,1-10

Was sollte er machen? Er verstand ihn einfach nicht. Zu weit waren sie auseinander. Was ihm wichtig war, ahnte er wohl. Aber ihm so begegnen, dass sein Gegenüber sich wirklich verstanden, ja mehr noch: dass er sich wieder wohl, gar zu Hause fühlte – das ging nicht. Jedenfalls nicht im Augenblick. Die Tür – zu.

Wir alle wissen wohl, wie sich so was anfühlt. Und auch Jesus kennt sie: verschlossene Türen. Wie oft schon hat er vor ihnen gestanden. Wie oft schon ist es ihm nicht gelungen, die Türen der Herzen zu öffnen. Wie oft schon aber hatten sich auch die, die ihm eigentlich ganz nahe waren, verbarrikadiert, die Schotten dicht gemacht. Angst, Unvermögen – alles kam da zusammen.Vor Ostern. Und auch danach.

Aber: Jesus gibt nicht auf. Er macht weiter. Sucht nach Wegen. Immer wieder. Weil sie ihm am Herzen liegen. Die Menschen. So, wie sie sind. Mit all ihrer Angst. Mit all ihrem Unvermögen. Mit ihrer Überforderung. Und mit ihrem Hass, ihrem Abscheu, ihrer Ablehnung. Jesus gibt sie nicht auf. Er gibt uns nicht auf.

Hirte will er sein. Einer, der lockt. Einer, der Mut macht. Einer, der Wege kennt und sie zeigt. Dann, wenn alles aussichtslos scheint. Und noch eins will er sein: „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden. Er wird ein- und ausgehen und Weide finden.“ Jesus ist eine offene Tür. Einer, der sich öffnet. Sich und sein Herz. Auch darin will er uns Vorbild sein:

„Mensch, schließe deine Türen niemals für immer. Auch wenn du vielleicht Grenzen ziehen musst, damit du leben kannst. Auch wenn du nicht allen Erwartungen gerecht werden kannst, weil du sonst untergehst. Auch wenn nicht jeder und jede immer und zu jeder Zeit bei dir ein- und ausgehen darf, weil du auch nicht alle und jeden retten kannst. Auch wenn das alles so ist: Verschließe die Tür deines Herzens niemals endgültig!“

Wir wissen genau: Das ist oft genug harte Arbeit. Oft tut das auch ganz schön weh. Und es kostet immer das eigene Leben. Aber es hilft uns auch dabei. Es hilft uns, wirklich zu leben. Denn leben kann man nicht hinter verschlossenen Türen. Gerade in Zeiten wie diesen spürt das wohl jeder.

Jesus, die Tür – kein nettes Bild also für gemütliche Stunden, sondern ein knallharter Auftrag. Und so steht am Ende mal wieder eine Frage: Welche Tür wartet bei mir darauf, dass sie sich öffnet?

Alexander Bergel
2. Mai
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Predigt am 3. Ostersonntag
zu Joh 21,1-14

Wohin nur?
Wohin nur soll ich gehen?
Weg.
Weit weg!
Am besten dorthin,
wo man weiß,
wie’s läuft.

Zurück heißt das,
zurück also in die Vergangenheit:
Lasst uns fischen gehen.
Da wissen wir,
wie’s geht,
früh zur Arbeit,
spät nach Haus.

Ob’s das bringt?
Einer muss es tun.
Und von irgendwas
muss jeder leben.

Ja, Mensch,
das stimmt.
Doch das,
das wird dir auch zur Frage:
Wovon lebst du?
Wovon lebst du wirklich?

Denn:
Dein Netz ist leer.
Und die Nacht war lang.
Wie sich das anfühlt,
das weißt du nur zu gut.
Gerade in diesen
Zeiten.

Doch da:
Ein Fremder kommt.
Gibt seinen Rat:
Mach‘s anders!
Tu es so, wie nie zuvor!

Wirf das Netz neu aus.
Wage den Schritt,
den Schritt
ins Unbekannte.

Dort wartet es,
das Leben.
Und ein Feuer,
das dir brennt.
Vielleicht sogar
in dir.

Und ein Verwundeter,
der dir zur Antwort wird.
Und ein Gott,
der neue Wege weist.

Er sagt dir:
Du darfst,
du sollst,
ja, du wirst
leben!

Mach dich also auf!
Geh einfach los!
Und denke dran:
Du musst es nicht
alleine tun.

Er ist da.
Und wir ja auch.
Sieh dich nur um!
Was meinst du –
zusammen könnte es doch gehen.
Das mit dem Leben.
Mit dem neuen Aufbruch.
Mit der Freude.
Und der Kraft.

Ostern ist möglich.
Du musst es wollen,
wirklich wollen.
Und wagen auch.
Einer wartet schon.
Und viele
gehen mit.

Alexander Bergel
25. April
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Predigt am 2. Ostersonntag
zu Joh 20,19-31

Genannt: Didymus,
Zwilling.

Vielleicht bist du das wirklich,
Thomas.

Mein Zwilling.
So wie ich.

Du fühlst und denkst genau
wie ich.

Auch ich
will es sehen.
Will es spüren.
Ich will dabei sein.
Nicht einfach aufs Hörensagen
alles gründen.

Und ja,
Beweise suche ich.
Zumindest aber
ein kleines Zeichen,
dass es wahr ist.

Und nun spreche ich.
So, wie du es tust:

Ach, Jesus,
vertrauen würd ich Dir so gern.
Dir glauben,
dass es stimmt,
was du gesagt hast.
All die Jahre.
Auf all den Wegen.
Zu all den Menschen.

Auch zu
mir.

Ich würde sie so gerne spüren,
deine Auferstehung.
Meine Zukunft.

Aber all das
ist weit weg.

Sieh sie dir doch an,
die Welt.
Die große.
Und auch
meine kleine.

Sieh sie dir doch an,
die Menschen
mit ihrer Angst.
Vor sich.
Und all den anderen.
Und vor dem Tod.

Was muss ich tun,
dass Ostern wird?

Da hör ich deinen
Rat:

Frage.
Zweifle.
Gib dich nicht zu schnell zufrieden.

Erwarte aber keinen Helden.
Nimm das Leben wahr,
wie es durch meine Wunden leuchtet.
Und durch die deinen auch.

So wird Ostern.
So geht Leben.
Spürbar heute schon.

Nicht voller Glanz und Gloria.
Aber voller Kraft.
Voller Zukunft.
Voller Leben.

Ja, Jesus,
ein Verwundeter bist du,
so sagst Du‘s mir.

Aber einer,
der lebt.

In all meinem Chaos.
In al meinem Zweifel.
In all meiner Angst.
Mitten im Tod.

Zweifeln, so sagst du’s mir,
Jesus,
zweifeln hält lebendig.
Vertrauen aber –
Vertrauen sprengt die Grenzen.

Hab also Mut,
Thomas.
Halt mir deine Wunden hin.
Und lebe!

Alexander Bergel
17. April
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Predigt an Ostern
zu Joh 20,1.11-18

Es hätte so schön werden können. Nach all dem Drama. Nach all dem Chaos. Nach all der Verzweiflung. Sie war gerade dabei zu verstehen, wirklich zu verstehen: Er ist tot. Der, der ihr so nahe war wie niemand sonst – er lebt nicht mehr. Hingerichtet. Ausgelöscht. Zerstört. Ein ganzes Menschenleben. Und nicht nur seins. Wie viele hatten auf ihn gehofft? Wie viele hatten sich danach gesehnt, dass seine Idee vom Leben, von der Welt – wie sehr hatten sie alle gehofft, dass er sich durchsetzen würde? Dass keine Macht der Welt das je verhindern könnte? Dass Ungerechtigkeit und Hass und Unterdrückung verschwinden vom Angesicht dieser Erde? Und alles, wirklich alles neu würde?

Ja, so viele hatten es gehofft. Auch sie. Maria aus Magdala. Sie hatte es doch schon gesehen. Sie hatte gesehen, wie Menschen ihr Leben änderten, weil Jesus zu ihnen sprach. Sie hatte gesehen, wie verkorkste Biographien eine neue Richtung bekamen. Ihre eigene auch. Sie hatte gesehen, wie Menschen wieder aufrecht gehen, neu sehen und hören lernten. Sie hatte gesehen, wie Lazarus wieder ins Leben zurück fand. Immer wieder und immer öfter hatte sie, hatten so viele gespürt: Da bringt einer neues Leben in die Welt. Da bleibt Gott keine wage Idee, keine Geschichte – nein: Gott bekommt Hand und Fuß. Die alten Geschichten von der Befreiung – damals in der Arche, damals am Roten Meer, damals nach der Verschleppung ins Exil –, diese Geschichten gehen weiter. Und bekommen ein weiteres Kapitel hinzu. Und ein Gesicht. Und Hände, die berühren, kraftvoll und zärtlich zugleich.

All das ging ihr unter die Haut. Und nun das. Alles war zusammen gebrochen am Nachmittag dieses schrecklichen Tages auf Golgota. Da hing er. Zwischen Himmel und Erde. Jesus. Und schrie seine Verzweiflung heraus. Als alle weg waren, als sich alle auf und davon gemacht haben – aus Panik, aus Angst, aus Verzweiflung –, da legt sie ihn ins Grab. Josef und Nikodemus waren auch dabei. Und seine Mutter. Und der, den Jesus liebte. Und ein paar andere Frauen. Noch einmal berühren. Noch einmal nahe sein. Noch einmal in dieses Gesicht blicken. In ein Gesicht, an dem sich so viel ablesen ließ. Aber nun – nun ist er tot. Das Grab ist voll. Stein davor. Aus und vorbei.

Nach einem langen quälenden Tag, der voller Fragen war, nach diesem Tag aus Blei macht sie sich auf. In aller Frühe. Dunkel war es noch. Die Sehnsucht treibt sie durch die Straßen und Gassen hinaus vor die Stadt. Zu ihm. Einmal noch – einmal noch möchte sie ihn berühren. Ihn salben mit duftendem Öl. Um den Gestank des Todes zu vertreiben. Nur einen kurzen Moment. Nur noch ein einziges Mal. Doch dann – der Stein ist weggerollt. Und Jesus? Fort! Frau, warum weinst Du? Hört sie. Und sieht in strahlendem Weiß jemanden, der sie das fragt. Sie will wissen, wo er ist. Und dreht sich um. Und sieht – einen Gärtner? Sag mir, wo du ihn hingelegt hast! Seine Antwort: Maria!

Was für eine Szene! Die tränenschweren Augen brauchen lange, bis sie im Tod den Lebenden erkennen. Aber wenn es dann geschehen ist, gibt es kein Halten mehr: Rabbuni, lieber Meister, ruft sie aus – und will ihn berühren, ihn in ihre Arme schließen. Aber das geht nicht. So schmerzhaft es auch ist: Wer dem Tod entronnen ist, lässt sich nicht mehr so einfach anfassen. Wer die Grenze des Todes überschritten hat, ist auf eine andere Weise da. Nicht greifbar. Was für eine Enttäuschung! Welch schreckliche Grenze zwischen Jesus und Maria. Wo sie doch so glücklich war, ihn wieder zu haben. Es hätte so schön werden können.

Berühren verboten! Das erleben wir in diesem Jahr. Wir feiern Ostern auf Abstand. Dürfen keine Menschen in die Arme schließen, die uns so nahe sind. Und wertvoll und kostbar. Menschen sterben allein, weil niemand da ist, nicht da sein darf, der ihre Hand hält. Menschen werden im kleinsten Kreis beigesetzt. Manche können sich nicht einmal von ihren Verstorbenen verabschieden. Kein letztes Bild, keine letzte Berührung. Was für ein Schmerz! Viele wünschten sich, an diesem Osterfest – wie immer an Ostern –, einander in den Armen zu liegen, auf das Leben anzustoßen, zu feiern bis der Morgen kommt, bis die Sonne aufgeht und die Schatten des Todes verblassen. Es geht nicht …

Maria am Grab. Vor ihr der, den ihre Seele so sehr liebt. Berührung ausgeschlossen. Sie kann ihn nicht festhalten. Denn er ist schon einen Schritt weiter gegangen. Und was macht sie? Sie schaut ihn an. Spürt seine Liebe. Und die Kraft, die von ihm ausgeht. Trotz allem. Und durch all das hindurch. Und geht los. Gestärkt von seinem Blick. Von seinen Worten. Von seinem Lächeln. Maria rennt los. Und erzählt, was geschehen ist: Ich habe den Herrn gesehen! Berühren konnte sie ihn nicht. Aber die ganze Welt hat es dennoch erfahren. Weil sie so berührt war. Voll von seiner Kraft. Und einfach losging. Berühren verboten! Berührt sein nicht. Könnte so vielleicht doch Ostern werden?

Alexander Bergel
11. April
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Predigt am Karfreitag

Die Welt,
wie wir sie kannten,
gibt es nicht mehr.

Unsere Sicherheiten?
Weg.
Unser Durchblick?
Vorbei.
Unsere Macht?
Dahin.

Was bleibt,
sind Ängste.
Und Fragen.
Viele Fragen.
Wie so oft.
Wie geht es weiter?
Was kommt danach?
Und: Werde ich überleben?

Vor einem Jahr
lag eine Kirche in Trümmern.
Notre-Dame brannte.
Lichterloh.
Im Herzen von Paris.
Schutt und Asche überall.
Und mittendrin:
ein Kreuz.

Für manche wurde es
zum Bildnis.
Für das, was nicht mehr ist.
Es steht noch immer da.
Und strahlt golden.
Das Kreuz in Schutt und Asche.
Doch – wer sieht es noch?

In diesen Wochen –
da strahlt rein gar nichts mehr.
Ängste – wohin man blickt.
Einsamkeit – nicht nur im Altenheim.
Tod – all überall.
Hier noch nicht.
Doch – wer weiß?

Bilder von dem, was ist,
ziehen an uns vorüber.
Jeden Abend neu.
Und wenn da einer fragt:
Warum? –
dann steht es wieder da,
das Kreuz.
Nur nicht strahlend.
Sondern leidgetränkt.

Heute ist Karfreitag.
Der Tag,
an dem einer es
herausschreit:
Warum,
ja, mein Gott, warum?
Warum das alles?
Warum nur
hast du mich
verlassen?

Jeder kennt sie,
diese Frage.
Und jeder hat sie.
Oder nicht?

Es ist die Frage,
auf die es keine Antwort gibt.
Auch wenn viele es
versuchen.

Zu schnell,
viel zu schnell
kommt mir die Antwort oft
daher.

Egal, was ist.
Egal, was ich erleide.
Egal, was mir zwischen den Händen zerrinnt.
Egal, welcher Tod mein Leben durchkreuzt
oder das meiner Lieben.
Oder das der vielen,
deren Name ich nicht kenne.
Die aber einen haben.
Und Menschen, die um sie trauern.

Egal, woran ich auch verzweifle –
wer kann schon sagen:
Darum ist es geschehen!

Nein,
Leid hat keinen Sinn.
Leid ist zerstörerisch.
Leid folgt keinem Plan.
Einem göttlichen schon gar nicht.

Aber wenn die Erde brennt,
wenn alles ins Wanken gerät,
wenn unsere Sicherheiten keine sind,
wenn alles, was wir kennen, anders wird,
wenn Menschen gehen – einfach so,
wenn sie sterben müssen,
wenn wir sterben müssen –
was bleibt denn dann?

Es bleibt ein Gott,
der keine Antwort gibt.
Es bleibt ein Gott,
der nicht erklärt,
warum es gut war
oder hilfreich
oder pädagogisch wertvoll.

Glaubt niemandem,
der euch das
einreden will!

Es bleibt ein Gott,
der schreit.
Und zweifelt.
Der
– selbst Mensch –
zwischen Himmel und Erde hängt,
ausgelacht und angespuckt,
verhöhnt und lächerlich gemacht,
von oben herab
den Platz des Letzten einnimmt,
der selbst fragt:
Warum, Vater,
warum?

Und keine Antwort findet.
Der verlassen
und elendig da hängt.
Und stirbt.
Und tot ist.

So einfach.
So grausam.

Doch –
auch wenn es keiner glaubte,
bis auf ein paar vielleicht,
die genauso fragten
wie er:
Warum?
Und die es sahen,
wie er endete.
Und die nichts tun konnten.

Genau diese Menschen
kamen wieder.

Obwohl die Fakten dagegen sprachen –
wie so oft
und wie immer wieder
und immer noch –
diese Menschen kamen
wieder.
Am dritten Tag.

Und fanden ihn nicht.
Sie fanden auch keine Antwort.
Kein: Darum!

Aber sie spürten plötzlich –
oder vielleicht auch erst
viel später,
dass der,
dem sie trauten,
der,
dem sie folgten,
der,
der bis zum Schluss aushielt,
nicht mehr tot war.

Sondern lebte.

Ob das die Antwort ist?
An diesem Tag?
An allen anderen Tagen auch?

Ob dies
die Antwort Gottes ist?
Dass da einer
alles durchgemacht,
mitgemacht
zu Ende gebracht hat?

Damit wir nicht verzweifeln?
Nicht im Sinnlosen untergehen?
Sondern weiter gehen?
Am Ende gar auferstehen?

Und nicht erst am Ende –
sondern auch schon hier
und jetzt?

Alexander Bergel
10. April
.

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Predigt am Gründonnerstag
zu Joh 13,1-15

Jesus lehrt.
Und die Jünger –
begreifen
nichts.
Kämpfen um
Ansehen
und Macht.

Also wird Jesus
handgreflich.
Legt sein Gewand ab.
Und eine Schürze an.

Begreift ihr,
was ich an
euch
getan habe?

Petrus?
Jakobus?
Johannes?
Judas?

Dirk?
Klara?
Elisabeth?
Nils?

Er kniet sich
in den
Dreck.
In den
Abgrund.
Und schaut uns
an.

Begreift ihr es
jetzt?

Alexander Bergel
9. April
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Predigt am Palmsonntag
zu Joh 11,45-57

Die Stimmung ist aufgeheizt. Viele spüren: Es liegt etwas in der Luft. „Das Paschafest der Juden war nahe, und viele zogen schon vor dem Paschafest aus dem ganzen Land nach Jerusalem hinauf, um sich zu heiligen. Sie suchten Jesus und sagten zueinander, während sie im Tempel zusammenstanden: Was meint ihr? Er wird wohl kaum zum Fest kommen. Die Hohenpriester und die Pharisäer hatten nämlich, um ihn festnehmen zu können, angeordnet: Wenn jemand weiß, wo er sich aufhält, soll er es melden.“

Die Sehnsucht der Menschen ist groß. Die Sehnsucht nach Freiheit. Die Sehnsucht nach Würde. Die Sehnsucht nach gutem, gelingendem Leben. Und so warten Menschen aller Zeiten darauf, dass einer kommt, der all das möglich macht. Die Menschen damals warteten auf einen, der die Römer zum Teufel jagt. Der dem religiösen Establishment zeigt, wie verlogen und korrumpiert das System geworden ist. Der die Herrschaft Gottes aufrichtet, die alles völlig verändern wird. Viele sehen in Jesus den, der genau das tun kann. Aber wird er kommen? Wird er es wagen, sich in dieser aufgeheizten Situation in Jerusalem zu zeigen? „Was meint ihr, er wird wohl kaum zum Fest kommen.“

Die Sehnsucht der Menschen ist groß. Auch heute. Die Sehnsucht danach, sich begegnen zu können. Die Sehnsucht danach, sich an das zu erinnern, was damals war. Und es zu feiern. Mit vielen anderen. Damit die Kraft der Ereignisse von damals auch heute spürbar wird. Damit das, was Jesus für die Menschen damals war, sich auch heute ereignet. „Er wird wohl kaum zum Fest kommen.“ Das ist die Situation. Denn das Fest ist abgesagt. Vielen tut das weh. Viele vermissen es. Denn seien wir doch ehrlich: Wer kann schon ohne die anderen leben? Wer kann sich schon selbst das Wort sagen, das tröstet und befreit? Keiner kann das. Dabei ist es in Zeiten wie diesen wichtiger denn je. Doch wenn wir genau hinschauen – all das passiert gerade. Oder?

Wer hätte gedacht, wie erfinderisch Menschen werden können, wenn es darum geht, sich zu begegnen. Nicht von Angesicht zu Angesicht. Aber auf andere Weise. Menschen schreiben plötzlich wieder Briefe. Und telefonieren. Entdecken neue Medien für sich und nutzen sie. Menschen haben Zeit füreinander. Kümmern sich um Alte und Kranke. Gehen einkaufen. Erledigen Unaufschiebbares. Sind auf eine Weise da, wie man es kaum für möglich gehalten hätte. Und entwickeln Perspektiven für die Zeit danach.

„Was meint ihr, er wird wohl kaum zum Fest kommen.“ Doch. Er kommt. Damals war er jedenfalls da. Und alles wurde anders. Allerdings – und damit muss man bei Jesus immer rechnen – nicht so, wie viele es erwartet hatten. Nur wenige konnten das ertragen. Und heute? Ich glaube, er ist da. Wie gewohnt auf seine Weise. Vielleicht hat er schon längst Einzug gehalten. In unserer Stadt. In meiner Straße. Bei mir zuhause. Vielleicht hat er schon längst angefangen, die Rettung zu bringen, auf die wir so sehnsuchtsvoll warten. Vielleicht ist sein Einzug von einer Art, die mehr verändern kann, als wir heute meinen. Stiller als sonst. Aber nicht wirkungslos. Anders halt. Typisch Jesus eben. „Wenn jemand weiß, wo er sich aufhält, soll er es melden.“

Alexander Bergel
4. April
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Predigt am 5. Fastensonntag 
zu Joh 11,1-45

Krank war er. Und bald darauf tot. Weggepackt. Mit Stein davor. Lazarus von Bethanien. Weg war er. Einfach nicht da. Auf und davon. Wie so oft. Jesus von Nazareth. „Auf, mach dich auf, du Menschensohn, komm doch! Komm und sieh. Sieh, was geschehen ist. Sieh, was immer geschieht: Menschen sterben. Träume zerbersten. Hoffnungen liegen brach.“ Ja, so ist sie wohl, die Welt. Und mittendrin die Frage: Wo warst du? Und noch mehr: Wo bist du? Ja, wo bist du, Gott? Ach, wärest du doch hier gewesen. Hättest du doch eingegriffen …

Ja, Herr, warum tust du es nicht? Du siehst doch die Welt. Die Welt, wie sie ist: Krankheit und Tod, wohin man blickt. Beziehungen, die zerbrechen, weil keiner mehr weiß, wie es gehen kann. Eltern, die den Draht zu ihren Kindern verlieren. Kinder, die darauf warten, dass ihnen einer sagt: Ich hab dich lieb. Menschen, die sich das Leben zur Hölle machen. Ach, Herr, wärest du da gewesen … Warst du aber nicht. Und so geht sie weiter, die Suche nach dem Leben.

In allem Zerbrochenen. In all dem Schmerz. In all der Angst. In der Angst vor einer Diagnose. Vor der Wahrheit. Vor dem Abbruch. Vor dem Tod. Doch, Moment – wie war das noch gleich? „Herr, wärest du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben!“ Marta geht einen Schritt weiter. Sie bleibt nicht stehen bei dem, was alle sehen. Nein, sie glaubt. Und vertraut. Sie schenkt Jesus ihr Herz, denn sie spürt: Er bleibt auch nicht stehen. Er bleibt nicht stehen bei dem, was alle sehen. Jesus lässt sich berühren. Ist im innersten erschüttert. Und weint. „Seht, wie lieb er ihn hatte.“ Und dann geschieht das Unfassbare: Der Tote kommt heraus. All das, was ihn fesselte, fällt ab von ihm. Die Maske des Todes – weg!

Welch phantastische Wendung. Typisch Bibel eben. Doch – was ist mit uns? Mit unserer Angst, unserer Sprachlosigkeit? Was ist mit den Fakten, die unbarmherzig dagegen sprechen? Es sind Fakten. Aber wer hindert uns daran, in allem Scheitern, in all dem Kaputten, ja selbst im Tod einen Gott zu erkennen, der zutiefst erschüttert ist von meinem Leid? Was hindert mich daran, trotz der Gegenargumente ihm mein Herz zu schenken? Was hindert mich daran, zu glauben, dass da einer mit mir weint? Dass da einer den Kerker meines Herzens öffnet? Dass da einer meine Angst durchdringen will mit seinem Blick? Dass da einer ist, der mir sagt: „Lebe, Mensch, lebe!“?

Ach ja, Herr, zeige dich doch! Ich warte so sehr darauf. Maria und Marta – sie haben dir vertraut. Und Lazarus lebt! Der Blinde – er hat dir geglaubt und konnte wieder sehen. Die Frau am Jakobsbrunnen – sie hat dir ihr ganzes chaotisches Leben gezeigt, und du hast ihr einen neuen Blick geschenkt. Ja, du hast Menschen verändert, bewegt, geheilt. Oft ziemlich unspektakulär. Immer aber verbunden mit einer Frage: Glaubst du mir?

Alexander Bergel
28. März
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Predigt am 4. Fastensonntag 
zu Joh 9,1-41

Sie zieht sich in die Länge, die Heilungsgeschichte des Blinden. So wie kaum eine andere. Sonst geht es meist recht schnell: „Glaubst du, dass ich dir helfen kann?“, fragt Jesus oft. Und wenn der Kranke antwortet: „Ja, ich glaube, dass du mich gesund machen kannst!“, ist es auch schon passiert. Hier ist es anders. Allerdings nicht zufällig. Indem Johannes lang und breit das Umfeld der Heilung beschreibt und viele Nebengeschichten erzählt, macht er eines deutlich: Sich von Gott berühren zu lassen, das geht nicht nebenbei.

Wenn Gott wirklich in unser Leben dringt, dann tut er es ganz. Alles wird davon erfüllt. Meine Vergangenheit, meine Gegenwart, meine Zukunft. Das Umfeld, in dem ich lebe. Meine Gewohnheiten. Meine Denkstrukturen. Meine Unbeweglichkeit. Alles. Und einen weiteren Grund gibt es: Jeder hat seine „blinden Flecken“. Was für den einen völlig klar, gar kein Thema ist – für den anderen wird es zu einer Herausforderung. Und so lade ich Sie ein, sich auf die Suche zu machen nach Ihren „blinden Flecken“. Und damit auch auf die Suche nach Ihren Heilungschancen! Drei Richtungen der Heilungsgeschichte können uns dabei helfen. Vielleicht bleiben Sie ja bei einer hängen:

Die Jünger fragen Jesus: „Wer hat gesündigt, so dass dieser Mann blind ist – er oder seine Eltern?“ Grausame Frage. Denn Gott ist kein Strafender, der Krankheiten verteilt. Auch wenn manche so denken … Aber: Wie oft passiert es, ja wie einfach ist es, Verantwortung für eigenes Handeln auf andere abzuschieben. Oder unbedingt einen Schuldigen finden zu wollen, den es manchmal aber gar nicht gibt. Neige ich dazu?

„Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält.“ Es gibt sie immer wieder: jene Menschen, die genau zu wissen meinen, wo es lang geht. Was richtig ist und was falsch. Wie Gott ist und wie nicht. Gehöre ich zu diesen Leuten?

„Der Blinde antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich: Dass ich blind war und jetzt sehen kann.“ Wer kennt das nicht? Man hält sich bei Nebensächlichkeiten auf. Und verliert den Blick für das, was wirklich zählt. Der Blinde setzt die richtigen Prioritäten. Tue ich das auch?

Verantwortung auf andere abwälzen – in eigenen Denkstrukturen gefangen sein – nur das Schlechte sehen: dies können „blinde Flecken“ sein. Krankheiten, von denen Menschen geheilt werden müssten. Wie sieht das bei mir aus? Müsste ich mich dem vielleicht mal stellen?

Alexander Bergel
21. März
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Predigt am 3. Fastensonntag 
zu Joh 4,5-42

Sonne.
Glühend heiß.
Und mittendrin:
ein Brunnen.

Nicht
Jerusalem.
Nein:
Irgendwo.

Zwei
begegnen sich.
Keine Nachricht
wert.

Die Hitze
aber
ändert
das.

Trinken
wollen sie.
Der eine
wie die andere.

Nur:
Was
löscht
den Durst?

Den Durst nach Liebe
Den Durst nach Leben
Den Durst nach Sinn
Den Durst nach …

Was löscht den Durst?
Mehr Fragen sind es
– mal wieder –,
mehr Fragen,
als Antworten
zur Stelle wären.

Die üblichen
Frage-Antwort-Spiele
aber –
sie sind es nicht:

Wie geht`s, wie steht`s?
Danke.
Muss ja.
Schönen Tag noch.

Nein, er geht
ans Eingemachte.
Und sie
auch.

Er weiß
was war.
Sie sucht
was ist.

Umständlicher
geht`s wohl kaum.
Leichter
auch nicht.

Denn
das Leben
ist
nicht einfach.

Wer bin ich?
Wer war ich?
Wer werde ich
sein?

Hält Gott
die Wüste meiner Fragen aus?
Halte ich
sie aus?

Wann erlebe ich es?
Dass mir einer zuhört?
Dass mir einer sagt, was läuft?
Dass mir einer seine Nähe schenkt,
die alles verändert?

Sonne.
Glühend heiß.
Und mittendrin:
ein Brunnen.

Nicht
Jerusalem.
Nein:
Irgendwo.

Zwei
begegnen sich.
Keine Nachricht
wert.

Die Hitze
aber
ändert
das.

Trinken wollen
sie.
Der eine
wie die andere.

Was aber löscht denn nun
den Durst?
Noch besser:
Wer?

Alexander Bergel
14. März
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