
Impulse
Worte können heilen. Und zum Nachdenken bringen. Worte können Mut machen. Und neue Wege aufzeigen. Worte bringen Gefühle zum Ausdruck. Und Sorgen. Und Nöte. Glück und Unglück zeigen sich in ihnen ebenso wie Glauben und Hoffnung. Und natürlich Zuneigung und Liebe. Besonders schön ist es, wenn einem jemand solche Worte sagt. Wenn wir sie persönlich hören. Wenn wir spüren: Der meint mich!
Sie finden auf dieser Seite Gedanken, Erlebnisse, Deutungen, Diskussionsbeiträge, die uns eingefallen sind. Oder die wir anderswo gefunden haben. Und die wir mit Ihnen teilen. In der Corona-Pandemie hat sich das bewährt, vielen Mut gemacht und Lust auf mehr. Das freut uns natürlich sehr. Und deshalb machen wir einfach weiter!
Essays, Geschichten & Gedanken
Grau und nebelvoll
lässt
der November
uns zurück
Dunkel und erwartungsfroh
öffnet
jene Zeit die Arme
die nun kommt
Beide Zeiten
rühren Herzen an
mit ihrem Dunkel
und dem Licht
Trauer und Erwartung
Abschied und Neubeginn
Schmerz und Sehnsucht
Sterben und Geboren werden
Adventlich leben heißt
Im Grau die Farben
suchen
und sie
finden
Alexander Bergel
19. November
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Der Toten zu gedenken, hat sich als Ritual sehr verändert, doch es bleibt die Hoffnung,
sagt Stefan Rau zu Allerseelen.
Seine Gedanken vom 1. November finden Sie hier.
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Es ist leicht
zu sagen
Nie wieder
Was tue ich
dass
Nie wieder
nicht
zur hohlen
Phrase
wird?
Alexander Bergel
5. Oktober
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Was ist Recht
und was ist
Wahrheit?
Hass und
Hetze
allerorten
Tiefe Gräben
Fäuste
Scharfe Zungen
Angst vor dem
was kommt und dem
was ist
Kriege
Tod und
Terror
Hoffnungslos?
Atemlos?
Sinnlos?
Stell dich
an unsre Seite
Gott
Rühre an
die Herzen
und schenk uns neuen
Mut
Alexander Bergel
24. September
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Im Sommer 2024 hat sich eine Gruppe aus dem Liturgieausschuss auf den Weg nach Aschaffenburg gemacht, um die Gemeinde Maria Geburt mit ihrer außergewöhnlichen Kirche zu erleben. Die kleine Gruppe kehrte beeindruckt zurück.
Der ehemalige Pfarrer der Gemeinde, Markus Krauth, bringt seine Gedanken zu dem, was dort gelebt wird, zu Papier. Den Essay auf der seite feinschwarz.net vom 5. September können Sie hier lesen.
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Für den italienischen Maler Tizian war die Sache klar: sein größtes jemals gemaltes Werk nannte er vor 500 Jahren Assunta, die in den Himmel Aufgenommene.
Von der Himmelfahrt der Gottesmutter war auch schon tausend Jahre vorher die Rede. Doch erst 1950 gab die katholische Kirche höchst offiziell bekannt, wie es wirklich war: Maria sei mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. Wie war das damals und wie ist es heute zu verstehen?
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Für den italienischen Maler Tizian war die Sache klar: sein größtes jemals gemaltes Werk nannte er vor 500 Jahren Assunta, die in den Himmel Aufgenommene.
Von der Himmelfahrt der Gottesmutter war auch schon tausend Jahre vorher die Rede. Doch erst 1950 gab die katholische Kirche höchst offiziell bekannt, wie es wirklich war: Maria sei mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. Wie war das damals und wie ist es heute zu verstehen?
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Säkularisation ist auch nicht immer das, woran alle denken.
Zu diesem Schluss kommt Christoph Makschies nach einem Besuch in Frankreich. Nach einem Essen, das er im Schatten eines berühmten Bildes zu sich nimmt, fährt er ganz entspannt zuürck nach Deutschland.
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Im Sommer besuchen ungezählte Menschen Kirchengebäude – monumentale Kathedralen, aber auch liebenswerte Dorfkirchen. Wo sonst kann man die Geschichte und Kultur eines Ortes in so verdichteter Form kennenlernen?
Die Architektur, die Kunstwerke, die Fenster regen zum Nachdenken an und schenken Momente einer tieferen Entspannung. Allerdings muss man die alten Bauwerke lesen können. Viele Initiativen versuchen dabei zu helfen: Sie halten Kirchen für Besucher offen, erzählen ihre Geschichten und bieten Seh-Hilfen an.
Das Feature von Johann Hinrich Claussen auf NDR Kultur vom 13. Juli können Sie hier hören.
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Das einsame alte Mütterchen in der Kirchenbank ist ein langlebiges Klischee. In Wirklichkeit ist in unserer säkularen Gegenwart die Beziehung zwischen Gottesglaube und Menschenalter entkoppelt, so, wie auch sonst die religiösen Bindungen fraglicher geworden sind. Dennoch kann es im Prozess des Älterwerdens gewissermaßen zu einer Renaissance des Glaubens kommen.
Die Gedanken von Bruno Preisendörfer vom 29. Juni auf NDR Kultur thematisieren das Verhältnis von Reife und Religion und beschreiben, welche Horizonte sich religiöser oder spiritueller Selbsttranszendenz eröffnen.
Hier können Sie sie hören.
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Statements, Interviews & Diskussionen
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Klöster können in einem säkularisierten Europa Gegen-Orte sein, die Stabilität und geistliche Tiefe vermitteln, sagt der Trappist und Vorsitzende der Nordischen Bischofskonferenz, Bischof Erik Varden.
Im Gespräch mit Jan-Heiner Tück geht er dem Phänomen einer neu erwachenden Sehnsucht nach Erfahrungen der Transzendenz unter jungen Menschen nach.
Den Podcast der Zeitschrift Communio vom 19. November können Sie hier hören und lesen.
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Die Leseordnung in Gottesdiensten müsse geändert werden, sagt Annette Jantzen. Denn biblische Frauen kämen in den gelesenen Texten kaum vor – obwohl ihre Geschichten wichtig sind.
Im Podcast vom 1. Oktober spricht sie über Beispiele »herausgeschnittener« Frauen. Hier können Sie ihn hören.
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Nora Bossong ist im Hauptberuf Schriftstellerin. Rund ein Dutzend Bücher liegen vor – zuletzt der Roman Reichskanzlerplatz.
Nora Bossong, geboren 1982 in Bremen, sagt augenzwinkernd: Im Nebenberuf sei sie Ministrantin. Sie engagiert sich im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Der wichtigste Nebenberuf war eine Zeitlang das Studium der Katholischen Theologie. Manchmal zieht sie sich in Klöster zurück.
Religion und Literatur – sind das für Nora Bossong zwei Paar Schuhe? Oder wie integriert sie beides in ihrem Leben?
Ein Interview mit ihr im Deutschlandfunk vom 5. September können Sie hier hören.
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Elf Wochen nach Pfingsten, also am 24. August, feiert man in der evangelischen Kirche den sogenannten Israel-Sonntag. Früher sprach man vom Juden-Sonntag. Ein Tag mit einer wechselvollen Geschichte – über die Jahrhunderte hinweg.
Heute soll er die Verbindung des Christentums mit dem Judentum ausdrücken. Aber wie begeht man angesichts des Krieges in der aktuellen Situation so einen Gottesdienst?
Die Sendung Tag für Tag im Deutschlandfunk vom 13. August geht dieser Frage nach. Hier können Sie sie hören.
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Immer wieder ist in diesen Tagen die Rede von Kulturkampf. Vielen raucht der Kopf, wenn sie nachdenken über die Entwicklungen rund um die Wahl neuer Richter für das Bundesverfassungsgericht.
Die Wahl wurde vor genau einer Woche verschoben, weil eine Kandidatin, nämlich Frauke Brosius-Gersdorf, in die Kritik geraten ist. Es ging um ihre Positionen zu Corona und Kopftüchern, zum Gendern und zur Abtreibung oder – wie einige es formulieren – zum Schwangerschaftskonflikt. Die römisch-katholische Kirche war am Rande auch involviert und rückte dann immer weiter ins Zentrum. Rudert sie jetzt zurück?
Ein Gespräch dazu mit dem katholischen Theologen und Journalisten Joachim Frank vom 18. Juli können Sie hier hören.
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Der italienische Katholik Carlo Acutis war 15 Jahre alt, als er 2006 an Leukämie starb. Seitdem wird er in der katholischen Kirche immer stärker verehrt, im September will Papst Leo XIV. Acutis heiligsprechen.
Doch daran gibt es auch Kritik, denn Acutis hat Internetseiten programmiert und dort auch antijüdische Erzählungen weiterverbreitet. Ist die geplante Heiligsprechung daher ein Fehler?
Einschätzungen dazu im Live-Gespräch vom 16. Juli im Deutschlandfunk mit dem katholischen Theologen und Jesuiten Christian Rutishauser, Judaistik-Professor an der Universität Luzern und ständiger Berater des Papstes für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum, können Sie hier hören.
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Religionen sind Systeme menschlicher Sinnsuche: Wo kommen wir her, warum sind wir hier, wo wir sind? Aber sind diese Systeme obsolet, angesichts der Fortschritte zum Beispiel in der Astrophysik, die ja den Anfang unseres Universums inzwischen ebenso gut zu erklären vermag wie die Quantenmechanik die Geheimnisse des Allerkleinsten in der Materie?
Das Grundsatzgespräch vom 30. Juni im Deutschlandfunk mit dem Astrophysiker und Professor für Naturphilosophie und physikalische Grenzfragen, Harald Leschn, können Sie hier hören.
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Aus Eichenholz schnitzt Diakon und Holzbildhauer Ralf Knoblauch Königinnen und Könige, die durch die ganze Welt touren.
Wie er dazu gekommen ist und warum seine Arbeit auch etwas Spirituelles hat, erzählt er im Interview, vom 4. Juni, das Sie hier lesen und hören können.
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Mit der Wahl von Papst Leo XIV. schaut die ganze Welt nach Rom. Doch Stefan Kiechle fragt sich angesichts der großen Inszenierungen und Zeremonien: Wo bleiben die Frauen? Dabei denkt er auch über Männerbünde nach.
Seine Gedanken vom 23. Mai finden Sie hier.
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Robert F. Prevost wurde zum Papst gewählt und hat sich den Namen Leo XIV. gegeben.
Eine erste Einschätzung von Thomas Schüller, Professor für Kirchenrecht an der Universität Münster, vom 9. Mai finden Sie hier.
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Predigten
Predigt am 1. Adventssonntag
zu Mt 24,29-44
„Sofort nach den Tagen der großen Drangsal wird die Sonne verfinstert werden, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde wehklagen.“ Jesus blickt in die Zukunft. In eine Zukunft, in der genau das passiert. Ist seine Zukunft unsere Gegenwart? Blutige Konflikte, heimtückische Terroranschläge, Zerstörung der Natur, überall Unsicherheit und Angst vor dem, was noch alles kommen mag. Werte und Ordnungen werden erschüttert; viele Menschen haben die Orientierung verloren. Ist das nicht unsere Realität?
„Die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann werden alle Völker der Erde wehklagen.“ Alte Bilder sind es. Aber sie sagen auch heute noch etwas Entscheidendes: Unsere Welt ist nicht ewig, nichts in ihr hat auf ewig Bestand. Die scheinbar sicheren Ordnungen, auf die wir uns meist verlassen, sie sind vergänglich. Die großartigsten Systeme dieser Welt, sie brechen eines Tages zusammen. Auf sie ist kein endgültiger Verlass. Von den mächtigen Reichen der Geschichte, ihrem sagenhaften Reichtum und mit Kunstschätzen erfüllten Städten sind nur Ruinen übriggeblieben.
Es ist Advent. Jedes Jahr aufs Neue konfrontiert uns diese Zeit mit Fragen: Wozu das alles? Und: Was trägt mein Leben? Was gibt ihm Sinn? Ja, was bleibt am Ende übrig, wenn ich mir die Welt um mich herum anschaue? Die Welt, in der Menschen sich gegenseitig abschlachten, in der Menschen anderen das Recht zu leben nehmen? Was bleibt von meiner Welt, in der es doch oft genug auch nur darum geht, am Ende als der Stärkere da zu stehen, als der, der es geschafft hat. Was bleibt?
Es ist Advent. Die Zeit der Erschütterung, wie Alfred Delp, der von den Nazis hingerichtete Jesuit, es auf den Punkt gebracht hat. Zeit der Erschütterung … Ja, wenn wir uns noch erschüttern lassen, dann spüren wir nicht nur, wie unfertig die Welt, wie erlösungsbedürftig sie ist – sondern wir tun etwas. Und dann, ja dann, wenn wir alles getan haben: die Hungernden gespeist, die Kranken besucht, die Traurigen getröstet, wenn wir uns aufgerieben haben und müde sind und es wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein war – dann wird am Ende ein anderer kommen und das Werk vollenden, das über unsere Kraft ging. Darum dürfen wir nicht nur am Ende unseres Lebens, sondern praktisch jeden Abend sagen: Komm, Herr Jesus! Genau das ist Advent: Zeit der Tat. Und Zeit der Erwartung.
Alexander Bergel
30. November
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Predigt am Christkönigsfest
zu Lk 23,35b-43
Was für ein Vertrauen! Kurz vor seinem Tod bittet einer, der bald sterben wird, einen anderen Todgeweihten: „Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Vielleicht kannte er Jesus bereits. Vielleicht begegnet er ihm auf Golgota aber auch zum ersten Mal. Nur ein paar Stunden hängt er neben diesem Mann aus Nazareth – und vertraut ihm sein Leben an. „Heute wirst du mit mir im Paradies sein!“, lautet dann auch die Antwort Jesu. Und sie gilt nicht nur ihm, sondern allen, die das hören. Heute wirst du mit mir im Paradies sein! Nicht irgendwann – heute! Also, Mensch: Vertrau mir doch – auch wenn die Fakten dagegen sprechen! Vertrau mir doch – auch wenn dich alle hängen lassen! Vertrau mir doch – auch wenn du keinen Ausweg siehst!
Ja, mag da mancher denken, das hört sich alles so schön an. Und die Geschichte vom heruntergekommenen Gott, von dem, der mich kennt, wie ich bin, der auch in Leid und Tod an meiner Seite ist – all das ist sehr ergreifend. Aber wirklich ergriffen bin ich von diesem Elend, von all den Sorgen, meinen eigenen und den der vielen anderen. Wirklich ergriffen und verunsichert, ja und auch verstört und verletzt bin ich von den vielen Mächten des Todes in meiner kleinen und in der großen Welt … Heute wirst du mit mir im Paradies sein – mir sagt das keiner! Es ist so weit weg, dieses Paradies.
Das stimmt. Es ist weit weg, das Paradies. Und trotzdem ist es da. In uns. Sicher, so werden auch psychologische oder esoterische Trostpflaster verteilt. Und die Religion stand ja schon immer im Verdacht, die Massen beruhigen zu wollen. Aber genau das ist mit Jesus eben nicht zu machen. Er hat die Schwachen stark gemacht und die Kranken gesund. Er hat Kinder und Frauen vom Rand in die Mitte gestellt. Er hat die Wunden der Menschen, die dämonischen Schatten ihrer Vergangenheit ernst genommen und so Heilung geschenkt. Jesus hat den politischen und religiösen Führern den Kampf angesagt, weil sie vergessen hatten, wofür sie da waren. Jesus hat nie vertröstet. Er hat die Dinge beim Namen genannt. Er hat Perspektiven eröffnet. Er hat geheilt. Deshalb hängt er am Kreuz.
Geplant hatte er das sicher nicht. Aber je mehr Jesus seinen Weg fand und ihn konsequent ging, desto mehr wurde ihm auch klar, wie sehr beides zusammen gehört: Handeln und Vertrauen. Jesus konnte seinen Weg der Liebe und der Klarheit nur gehen im Vertrauen auf seinen Vater. Und dem vertraut er – bei allem Zweifel, bei allem inneren Kämpfen – bis zum Schluss. Die Ahnung vom Paradies verliert er nie.
Lange ist das her. Und Argumente dagegen gibt es nach wie vor zuhauf. Aber dann gibt es noch diesen Mann am Kreuz, der Jesus vielleicht nur diese paar Karfreitagsstunden erlebt hat – und dennoch oder vielleicht gerade deswegen alles auf diese eine Karte setzt. Dann gibt es uns, die wir oft wie in einem langen, unendlich langen Karsamstag darauf warten, dass endlich Ostern wird. Und dann, ja dann gibt es da noch etwas – diesen kleinen Mutmacher des Evangelisten Lukas. Erinnern Sie sich? Richtig: Das kleine Wörtchen „Heute“. Siebenmal taucht es in seinem Evangelium auf. Das letzte Mal in tiefster Verzweiflung. Am Kreuz. Und immer heißt es: Trau dich, Mensch. Trau dich zu vertrauen. Ja, trau dich! Nicht irgendwann. Heute!
Alexander Bergel
23. November
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Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 18,9-14
Hauptsache, die Fassade stimmt. Hauptsache, ich stehe gut da. Hauptsache, meine Schatten merkt keiner. Wer denkt das nicht manchmal? Es muss doch auch wirklich nicht jeder wissen, wie es in mir aussieht, oder? Natürlich nicht. Und trotzdem: Kann man auf Dauer so leben? Nur an der Oberfläche? Hauptsache, keiner merkt was?
Zwei Personen begegnen uns heute. Personen aus längst vergangener Zeit. Ein Pharisäer. Und ein Sünder. Also einer, der alles richtig macht – und das Gegenteil davon. Der Dritte allerdings, der, der uns diese beiden Typen vorstellt – Jesus –, der entlarvt das Spiel, bevor es in die zweite Runde geht. Jesus nennt die Probleme beim Namen: Nicht der religiöse Hochleistungssportler hat die Nase vorn, nicht der, an dessen Selbstgerechtigkeit alles abperlt, nicht der, der aus Angst vor dem Leben seine Fassade permanent übertüncht mit den quietschigen Farben der eigenen Überlegenheitsphantasien, nicht der hat die Nase vorn, sondern der, der sich selbst realistisch einschätzt – und die eigene Schwäche nicht überspielt. Wer so lebt und handelt, den stellt Jesus aufs Siegertreppchen.
Denn bei Gott ist der groß, der sich selbst nicht so wichtig nimmt. Bei Gott ist der groß, der vor seiner Schwäche nicht davonläuft. Bei Gott ist der groß, der sich nicht auf Kosten anderer zum Helden stilisiert. Bei Gott ist der groß, der in erster Linie den Menschen sieht und nicht das Gesetz. Bei Gott ist der groß, der nicht auf alles eine Antwort hat. Bei Gott ist der groß, der damit rechnet, dass Gott sein Herz berührt. Und der sich noch überraschen lässt.
Das ist alles lange her. Pharisäer gibt’s hier keine und stadtbekannte Sünder auch nicht mehr so häufig. Wobei man mit Blick auf die Pharisäer nicht in die antijudaistische Falle tappen darf, im Pharisäertum das Zerrbild eines propagandistisch aufgeladenen heuchlerischen Juden zu entdecken. Das meint Jesus, selbst Jude durch und durch, natürlich nicht. Ihm geht es darum, dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in dem er seine eigene Selbstgerechtigkeit erkennen kann. Und die ist sicher nicht nur bei manchen Vertretern des Pharisäertums anzutreffen gewesen, sondern bei vielen sich moralisch überlegen wähnenden Menschen.
Plötzlich ist das alles gar nicht mehr so weit weg, sondern Teil unseres Lebens. Der Fromme und der Sünder – wohnen sie nicht auch in uns? Je nach Lage der Dinge, je nach Situation, je nach Stimmung, je nach Prägung oder eigener Geschichte. Was also tun? Weglaufen wäre die einfachste Variante. Aber das bringt nichts. Dann bleiben die beiden Untermieter auf ewig unversöhnt bei uns wohnen. Man könnte das von sich selbst Überzeugte und das Schwache in uns aber auch mal nebeneinandersetzen und ins Gespräch bringen. Unsere überhebliche Seite und die realistische. Den Hang zum strahlenden Sieger und die eigene Hilflosigkeit. Die religiös sichere Seite und jene, die mehr Fragen hat als Antworten.
Einfach ist das nicht, na klar. Wie so oft, wenn Jesus uns den Spiegel vorhält. Aber es wäre ehrlich. Und was würden wir dadurch verlieren? Richtig: Nichts. Im Gegenteil: Wir würden gewinnen. Und zwar einen realistischen Blick auf uns selbst. Und dadurch auch auf die anderen. Das wäre doch mal eine Perspektive, oder?
Alexander Bergel
25. Oktober
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Predigt am 26. Sonntag im Jahreskreis
zu Am 6,1a.4-7 und Lk 16,19-31
„Das Fest der Faulenzer ist vorbei!“ Ein solcher Satz brennt sich ein: Aber, wie das mit prophetischen Aufrüttelsätzen nun mal so ist – sie werden gerne überhört. Es läuft doch auch alles prima. Und überhaupt: Warum soll ich es mir nicht gut gehen lassen? Immerhin habe ich hart gearbeitet. Da wird man doch wohl… Also: Weitermachen. Und bitte keine Armutsdebatte. Jeder ist seines Glückes Schmied!
Netter Versuch. Aber dieses Ausweichmanöver funktioniert nicht. Denn was der Prophet Amos den Reichen und Schönen vorwirft, ist nicht, dass diese ein bisschen bequemer liegen als vorher oder sich noch einen zweiten Hauptgang genehmigen. Nein, was Amos kritisiert und im Gleichnis Jesu dramatische Ausmaße annimmt, das führt unweigerlich zu zwei Fragen: 1. Kommt Gott in meinem Leben eigentlich noch vor? Und 2: Wo bleibt mein Nächster?
Fragen sind es, die ans Eingemachte gehen, ja, sie berühren unser Innerstes: Mensch, woraus lebst Du? Was gibt Deinem Leben Stabilität und Sicherheit? Wozu die Macht, die du dir so sehr ersehnst? Ist es wirklich das Geld, das dir ein sorgloses Leben ermöglicht? Was ist mit deinen Ängsten? Lohnt der ganze Aufwand, den du treibst, damit auch ja keiner hinter deine glänzende Fassade blickt? Warum neigst du dazu, vor allem an dich zu denken – und den Menschen neben dir zu vergessen?
Man muss es so deutlich sagen: Jesus entlarvt ein solches Leben als ein – verpfuschtes Leben. Vorbeigelebt am Eigentlichen. Vorbeigelebt an sich selbst, vorbeigelebt an dem, was um mich herum geschieht, vorbeigelebt an Gott. Am Ende ist der Abstand so groß geworden, dass keine Brücke mehr trägt…
Auf uns trifft das ja alles zum Glück nicht zu, mag da mancher denken. Und spielt den Ball zurück in das tausende Jahre entfernte Spielfeld. Nur – wir dürfen sicher sein, er kommt zurück, dieser Ball, mit voller Wucht. Und dann stellt sich auch uns diese eine Frage: Mensch, wofür lebst Du?
Alexander Bergel
28. September
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Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis
zu Am 8,4-7 und Lk 16,10-13
Die Botschaft ist klar: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Man hört’s – und hakt es ab. Zumindest, wenn man verstanden hat, was mit Mammon überhaupt gemeint ist. Wir haben dieses aramäische Wort Martin Luther zu verdanken, der es bei seiner großartigen Bibelübersetzung einfach so stehen gelassen hat.
Ursprünglich bezeichnet Mammon einen Dämon, der den Menschen zum Geiz verführt. Und in der Tat: Es kann wirklich etwas Dämonisches haben, wenn Geld so sehr das eigene Handeln regiert, dass am Ende nichts anderes mehr zählt. Also: Vermutlich breite Zustimmung bei der Feststellung Jesu: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“
Viele haben sehr genaue Vorstellungen davon, ab welcher Höhe das Anhäufen und Ausgeben von Geld moralisch schwierig wird. Meistens sind es „die da oben“, die Reichen und Schönen, die Politiker und Wirtschafsleute, von denen man eh nichts anderes erwartet, als dass sie mit dem Geld nur so um sich werfen.
In einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, sind Bilder von Champagner nippenden Promis und in Privatjets reisenden Spitzenpolitikern oder Wirtschaftsbossen auch nur begrenzt auszuhalten. Gerade bei Menschen, die ohnehin verunsichert sind, keine Perspektive mehr für sich erkennen oder gar unter die Räder zu kommen drohen.
Wer in der Spur der alttestamentlichen Propheten unterwegs ist, wie Amos einer war, und wer auf Jesus hört, der seinen Finger immer wieder in die Wunden der Gesellschaft legt, wird sich aber auch nicht vor dem Finger Jesu in der eigenen Lebenswunde retten können – und seiner Frage: Mensch, woran hängt denn eigentlich dein Herz?
Die prophetische Sozialkritik benennt Strukturen des Unrechts ganz klar: Wucher, Raffgier, Betrug. Mit Gott, so die Propheten, ist das nicht zu machen. Jesus sieht das genauso, will anhand des Umgangs mit Geld aber noch etwas anderes sagen: Wenn du schon bei diesem Geschäft nicht ehrlich bist, lieber Mensch – wie ehrlich bist du dann bei den wirklich wichtigen Dingen, den Herzensdingen?
Vielleicht ist die Fährte, die Martin Luther gelegt hat, gar nicht so schlecht. Mammon zu sehen als das Dämonische, also als das, was mich von meinen Herzensdingen trennt. Daher, liebe Schwestern, liebe Brüder, Hand aufs Herz: Wofür schlägt das eigentlich gerade?
Alexander Bergel
21. September
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Predigt am Fest Kreuzerhöhung
zu Num 21,4-9, Phil 2,6-11 und Joh 3,13-17
Es gibt Gespräche, die man sein Leben lang nicht vergisst. Weil es ums Ganze geht, vielleicht sogar um Leben und Tod. Ein solches Gespräch führt Nikodemus mit Jesus. Mitten in der Nacht. Er kommt zu ihm, vermutlich heimlich, macht aber kein Geheimnis aus seiner Sehnsucht. Nikodemus will wissen, wer dieser Jesus ist. Schon lange ist er auf der Suche nach Gott. Am Ende dieser Nacht merkt er schließlich – er, der fromme und gelehrte Jude: In Jesus begegne ich Gott auf völlig neue Weise.
„Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ Wie in einem Brennglas macht das Johannesevangelium deutlich, worum es Gott geht. Jenem Gott, der bereits zu Mose und den Propheten gesprochen hat. Jenem Gott, den Jesus zärtlich seinen Vater nennt: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ Mit anderen Worten: Gott will weder Verurteilung noch Untergang. Im Gegenteil: Jesus ist gekommen, um zu retten und aufzurichten.
Die Widerstände dagegen waren jedoch groß. In letzter Konsequenz führt Jesus dieser Weg daher auch ans Kreuz. Er stirbt, weil Menschen es so wollten. Und nicht – wie man es jahrhundertelang gepredigt hat –, weil ein blutrünstiger Gott ein versöhnendes Menschenopfer verlangt, um die durch die Sünden der Menschen auf ungeheure Größe angewachsene Strafe abzuwenden. Ein solchermaßen gefordertes Opfer wäre die Pervertierung dessen, wie Jesus von Gott spricht und wie er selbst seinen Weg verstanden hat.
Nein, auf das Kreuz zu schauen, das bedeutet: Da ist ein Mensch, der seinen Weg konsequent geht, bis zum Ende. Da ist ein Mensch, der nicht wegläuft. Ein Mensch, der zu seinem Wort steht. Mehr noch: Da ist ein Mensch, der eine solche Liebe in sich spürt, dass diese selbst dem Tod die Stirn bieten kann. Auf das Kreuz zu schauen, das bedeutet: Da ist ein Gott, der sich ganz in diese Welt hineinbegibt. Da ist ein Gott, der das Leid durchleidet. Ein Gott, der dem Tod ins Auge sieht. Mehr noch: Das ist ein Gott, der kraft seiner beispiellos liebenden Ohnmacht alles auf den Kopf stellt. Sogar den Tod.
Auf einzigartige Weise ist dies in einem alten Hymnus ins Wort gebracht, den Paulus in seinem Brief an die Philipper überliefert hat: „Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen.“ Der Name dieses Menschen ist: Jesus. Und Jesus heißt übersetzt: Gott rettet.
Aber tut er das wirklich? Retten? Wenn wir auf das Kreuz blicken und darin einen großen göttlichen Liebesbeweis sehen, können wir ja aber die Augen dennoch nicht vor all dem verschließen, was sich in dieser Welt Tag für Tag an unbeschreiblichem Elend, an übergroßem Hass, an zähnefletschender Wut und an ausbeuterischem Handeln zeigt. Sterbende Menschen auf den Schlachtfeldern dieser Erde, von Terror traumatisierte Kinder, Frauen und Männer, durch Armut und Krankheit gezeichnete Menschen heben ihre Hände zum Himmel und fragen: Wann hat all das ein Ende?
Und eine andere große Frage, die bleibt auch: Gott, warum nur lässt du all das geschehen? Natürlich, unendlich viel Leid geschieht, weil Menschen es so wollen. Was soll Gott da schon tun? Doch der Blick in die Bibel, in die Heiligen Schriften der Juden und der Christen, zeigt, dass Gott sich dieser Frage schon immer stellen musste. Eine seiner Antworten ist der Mensch gewordene Gottessohn. Und schon vorher waren es Menschen, Frauen und Männer, die das Ihrige getan haben, um dem Leid etwas entgegenzusetzen.
Mose hatte in der Wüste Kupferschlangen anfertigen lassen, um der Gefahr durch lebendige Giftschlangen zu entkommen. Was seine Wurzeln sicher in einer abergläubischen Weltsicht hat, will aber, neben der ebenso nötigen praktisch-medizinischen Hilfe, dem bedrohten Menschen sagen: Verliere nicht den Mut! Heb deine Augen zum Himmel! Und höre nicht auf, den Verheißungen Gottes zu trauen!
Genau deshalb schauen wir auf den Gekreuzigten. In Zeiten, in denen die Hoffnung immer weniger zu tragen scheint, ist es vielleicht eine der größten Möglichkeiten, die uns die Religion schenken kann: Weiter mit einem Gott zu rechnen, mehr noch: weiter unserem Gott zu trauen, der sich bis aufs Blut mit uns verbündet hat. Das bedeutet nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Im Gegenteil. Es bedeutet: loszugehen, anzupacken, Not zu sehen und sie zu lindern. Sich einzusetzen gegen die Parolen des Hasses und der Ausgrenzung. Und in all dem ein Hoffender, eine Hoffende zu bleiben. Oder wieder neu zu werden. So wie damals Nikodemus.
Nach seinem Gespräch mit Jesus – Sie erinnern sich? –, nach diesem Gespräch geht Nikodemus nach Hause. Wie neugeboren. Zweimal noch wird er uns im Johannesevangelium begegnen. Einmal verteidigt er Jesus gehen jene, die ihn töten wollen. Nikodemus ist zum Kämpfer geworden. Doch auch er kann die Kreuzigung Jesu nicht verhindern. Und so begegnen wir Nikodemus ein zweites Mal. Nach Jesu Tod. Er salbt den Leichnam Jesu und setzt ihn dann bei, zusammen mit Josef von Arimathäa. Nikodemus läuft nicht weg, er bleibt treu bis zum Ende.
Verteidigender Kampf und zärtliche Sorge – zwei Antworten auf das, was Menschen erleben und erleiden. Mit Blick auf mein Leben, mit Blick auf die Kreuze um mich herum: Was könnte wohl gerade meine Aufgabe sein?
Alexander Bergel
14. September
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Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 14,25-33
„Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?“ Natürlich, genauso macht man das. Denn „sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten.“ Und das möchte ja nun wirklich keiner.
Die Kirche verändert sich. Immer weniger Menschen interessieren sich für sie oder wenden sich bewusst von ihr ab. Zu groß die Kluft zwischen Verkündigung und eigener Realität. Zu monströs die Verbrechen, die innerhalb der Kirche geschehen sind. Zu wenig Antworten auf das, was Menschen heute berührt. Und die Folge? In der NOZ war am Freitag zu lesen: „Kirche ohne Priester. Wie das Bistum überleben will.“ Völlig überraschend ist das, was dann beschrieben wird, nicht. In den nächsten Jahren wird das Bistum 45% der Stellen des pastoralen Personals abbauen. Priester? Gibt es keine mehr. 2025 war die letzte Weihe auf lange Sicht. Wir sind in einem Umbruch, wie ihn die Kirche lange nicht mehr erlebt hat. So, wie es war, wird es nie wieder. Und nun?
Wir haben in den letzten Jahren viel gebaut und erneuert. Christus König und Heilig Geist sind durch die Renovierungen fit gemacht worden für die Zukunft. Ich meine sogar, die beiden Kirchen sind so schön wie nie zuvor. Nur: Wer geht da noch rein? Oder anders gefragt: Was nützen uns schön renovierte Kirchen, die keiner mehr braucht? Sind wir vielleicht ein bisschen wie der Turmbauer, von dem Jesus erzählt, der das Fundament gelegt hat, aber am Ende nicht weiterkommt mit seinem Bau? Was also brauchen wir, um weiterzukommen mit unserem Bau?
Ich glaube, wir brauchen einen Perspektivwechsel. Kirche hat da eine Überlebenschance, wo sie aufhört, um sich selbst zu kreisen, zu jammern, zu lamentieren, zu beherrschen und zu verwalten. Die Kirche hat da eine Zukunft, wo wir als Getaufte neu lernen, mit Gott zu rechnen. Und andere spüren lassen, dass wir kein verstaubter Verein sind, sondern ein Bauprojekt der Zukunft!
Das Haste Open Air ist für mich so ein Bauprojekt der Zukunft, ein Beispiel dafür, wie wir uns als offene, einladende Gemeinde zeigen können. Viele packen mit an und machen dieses Festival zu ihrer Herzensangelegenheit. Menschen feiern im Schatten unseres Kirchturms und erleben eine friedliche, für alle angenehme Zeit. Oder die Sommerkirche. Bekanntes und Unerwartetes. Vertraute Orte und ganz neue Wege. Unaufgeregt, aber mit Herz. Von Menschen für Menschen. Auch die Rikscha, mit der Ehrenamtliche der Caritas Senioren und körperlich beeinträchtigte Menschen zu Ausflügen einladen: ein Bauprojekt der Zukunft.
Und eine wirklich großes, ja im wahrsten Sinne des Wortes Bau-Projekt (vielleicht wird sogar ein Leuchtturm draus) ist die Umgestaltung der Franziskuskirche in ein Kolumbarium. Lange haben wir überlegt, was aus diesem Ort, der uns einfach zu groß geworden ist, werden kann. Und haben eine Lösung gefunden: Künftig werden hier nicht nur Lebende, sondern auch Verstorbene ihren Platz finden. Und zwar alle. Alle, die es wollen.
Bereits in den 60er-Jahren, als St. Franziskus gebaut wurde, sollte diese Kirche ein „Ort für alle“ sein. „Alle“ meinte damals in erster Linie alle Katholiken. Wenn wir heute von „allen“ sprechen, sind hingegen wirklich alle gemeint. Auch Menschen ohne christliches Bekenntnis, auch Menschen ohne religiösen Hintergrund. In St. Franziskus können Menschen künftig daher nicht nur mit einem christlichen Ritus bestattet werden, sondern auch mit Riten anderer Religionen oder begleitet durch säkulare Trauerredner ihre letzte Ruhe finden. Das Kolumbarium bietet einen Raum für alle, die diesen Ort für sich wählen. Weil sie die Architektur mögen, weil sie aus unseren Stadtteilen kommen oder weil sie sich von der Idee angesprochen fühlen, Teil einer grenzenlosen Gemeinschaft zu sein.
Werden durch all das unsere Kirchen wieder voller? Vermutlich nicht. Aber das Fundament, auf dem wir stehen – es wird für alle offensichtlicher. Vielleicht sogar für uns selbst. Was ist eigentlich das Fundament Ihres Lebens?
Alexander Bergel
7. September
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Predigt am 20. Sonntag im Jahreskreis
zu Lk 12,49-53
Es gibt so Momente, in denen ich mich frage: Hab ich das jetzt richtig verstanden? Heute ist so ein Moment. Oder es könnte so einer sein. Aber der Reihe nach. Vorher könnten wir vielleicht mal für einen Augenblick so tun, als wären wir gerade dabei, Jesus kennenzulernen. Wir würden vermutlich staunen, welche Kraft von ihm ausgeht, wenn er Kranke heilt, Tote auferweckt und den Mächtigen die Leviten liest. Wir wären fasziniert von seinem Gott-Vertrauen, beeindruckt von seiner Güte und vermutlich herausgefordert von seinen klaren Positionen: die andere Wange hinhalten, vergeben, neu anfangen. Von Tod und Auferstehung ganz zu schweigen.
Aber irgendwann passiert es dann doch: Wer Jesus kennenlernt, der landet bei diesen Worten: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Was um alles in der Welt ist mit Jesus los? Hat er am Ende doch was Fanatisches an sich? Ist er einer, der nur so gütig tut, am Ende aber die Gesellschaft zum Einsturz bringen will? „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei, der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.“
Ohne das Verhältnis von Schwiegertöchtern und Schwiegermüttern grundsätzlich oder im Einzelfall analysieren zu wollen (oder gar zu können) und jenseits der Tatsache, dass es so oder so ähnlich hinter vielen Türen aussieht – denn der Mensch ist nun mal so, wie er ist, nicht frei von Neid und Eifersucht und Enttäuschung und Verletzung –, jenseits all dessen steht man doch ein bisschen ratlos da, vielleicht mit der Frage auf der Zunge: „Hab ich das jetzt wirklich richtig verstanden? Will Jesus die Spaltung, nicht die Einheit? Will er Feuer statt sanfter Brise? Will er Krieg statt Frieden?“
Wir haben Jesus schon ziemlich gut kennengelernt. Wissen, wofür er steht, wie er handelt, was ihm wichtig ist. Wir hören Jahr für Jahr die Geschichte von dem kleinen Kind im Stall. Erleben Jahr für Jahr, wie dieses Leben endet – am Kreuz nämlich. Und werden Jahr für Jahr mit einer Botschaft konfrontiert, die den Tod zum Teufel jagt. Mit anderen Worten: Die Geschichte Jesu geht aufs Ganze. Er macht keine halben Sachen. Wen er ruft, den will er ganz. Mit wem er die Welt verändern will, der kann das nicht im Nebenberuf machen oder von der Couch aus. Jesus provoziert. Und das weiß er auch. Aber nicht um die Welt zu zerstören, sondern um sie aufzubauen, zu verwandeln, ja: zu retten.
Wer diesen Weg mitgeht, wirklich mitgeht, und dabei seine Komfortzone verlässt, der eckt an. Vielleicht sogar dort, wo es am meisten weh tut. Nicht bei Herrn Meyer oder Frau Müller aus der Nachbarschaft, nicht bei irgendeinem Vorgesetzten, nicht bei Erbtante Berta – nein, wer wirklich ernst macht mit dem, was er von diesem Jesus angenommen hat, der will echt sein. Und dann kann es sein, dass es im innersten Bereich nicht mehr so weiter gehen kann wie vorher. Dann zeigt sich, wie das Verhältnis zum engsten Umkreis wirklich ist. Zu den Eltern. Den Kindern. Schwiegermutter. Schwiegervater.
Und das heißt nun was? Es könnte bedeuten, damit zu rechnen: Nicht alles, was so harmonisch bei mir zu Hause daherkommt, ist auch echt. Es könnte bedeuten: das, was ich Tag für Tag erlebe, müsste mal auf den Prüfstand. Es könnte bedeuten, dass mir der seit langem bekannte Jesus manchmal doch den Spiegel vorhält – und was ich da sehe, lässt mich erschrecken. Wenn das gelingt, dann hat Jesus genau das erreicht, was er wollte. Kein fanatisches Dreinschlagen. Kein: Krieg statt Frieden. Kein martialisches Gemetzel. Sondern: Ehrlichkeit. Und Offenheit. Und Mut. Mut für neue Anfänge. Das ist ziemlich anstrengend. Sicher. Aber es macht frei.
Alexander Bergel
17. August
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Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis
zu Gen 18,1-15 und Lk 10,38-42
Jesus sitzt am gedeckten Tisch, gibt der Gastgeberin aber vorher noch eins auf die Kochmütze: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Maria aber hat das Bessere gewählt!“ Ist das wirklich sein Ernst? Und wenn ja, was heißt das dann für uns? Meint Jesus wirklich „Lass die Arbeit Arbeit sein! Widme dich ganz dem Gebet, dem Studium, der Stille, so wirst du Gott finden“? Ja, theoretisch ist das sicher sehr schön. Nur – wer bringt dann den Müll raus? Oder die gerade gar nicht so kontemplativ gestimmten Kleinen in den Kindergarten? Soll ich Gott jenseits all dessen suchen, was ich Tag für Tag tue? Was ich Tag für Tag tun muss? Und ist er nur jenseits all dessen zu finden?
Vielleicht ist das, was Jesus sagt, gar nicht so ignorant, wie es wirkt. Vielleicht war es ihm nur wichtig, in diesem Augenblick deutlich zu machen: „Marta, lass Maria ihren Weg gehen! Du hast ihn doch schon hinter dir – und bist ein Stück weiter! Maria muss das Bessere erst einmal spüren, es erleben, es erfahren, bevor sie es im wuseligen Alltag als Kraftquelle erleben kann.“ Meister Eckhart, ein sehr lebenstauglicher Mystiker des späten Mittelalters, sieht in der wuseligen Marta einen Menschen, der selbst dann, wenn er nicht still wird und betet, in der Gegenwart Gottes lebt. Auch beim Bügeln oder beim quirligen Kindergeburtstag. Meister Eckhart glaubt Marta schon einen Schritt weiter als ihre Schwester: Sie ist fähig zur Gottesbegegnung trotz des ganz normalen Alltags-Wahnsinns.
Diesen Alltags-Wahnsinn kennt wohl jeder. Mal mehr, mal weniger intensiv und belastend. Manche ersticken in Arbeit, sind froh, wenn sie all das irgendwie noch schaffen. Andere sitzen nur noch da. Fühlen sich leer und ausgebrannt. Fragen sich: War es das? Wofür das alles? Und vor allen: Was kommt denn noch? Abraham und Sara, die uns heute ebenfalls begegnet sind, haben vielleicht auch genau diese Fragen gehabt: War es das? Wofür das alles? Und: Was kommt denn noch? Mitten in ihrem Alltag bekommen sie jedoch eine ganz unerwartete Antwort. Aber der Reihe nach.
Es ist heiß. Mittagszeit in der Wüste. Abraham sitzt vor dem Zelt und ruht sich aus. Sara ist drinnen und macht den Haushalt. Manche Dinge ändern sich wohl nie. Abraham sieht drei Männer auf sich zukommen, geheimnisvolle Gestalten. Der Künstlerpriester Sieger Köder hat diese Szene sehr eindrücklich festgehalten. Schauen Sie sich dieses Bild nach dem Gottesdienst gerne mal genauer an. Unten am Taufbrunnen steht es. Am Tisch, zu Füßen seiner drei Besucher, sitzt Abraham, die Augen nach oben gerichtet. Er hält Ausschau in eine Zukunft hinein, die ihm von den drei Besuchern angesagt wird: „In einem Jahr wird deine Frau Sara einen Sohn haben.“
Wer aber sind die drei Männer? Die Bibel sagt: Der Herr. Sieger Köder stellt drei Gesichter dar: das erste hinter einem Tuch verborgen. Gott ist einer, der sich vor den Menschen verbirgt, der im Dunkel bleibt, der sich dem Zugriff der Menschen entzieht und doch aus der Verborgenheit heraus den Menschen anspricht. Das mittlere Gesicht hat die Verhüllung, das Velum, halb zur Seite geschoben. Es ist der Gott, der teilweise aus seiner Verborgenheit herausgeht und sich dem Menschen zu erkennen gibt. Das eine Auge als Gottessymbol, auf dem Tisch Brot und Wein – Lebens-Mittel, in denen sich Gott zu erkennen gibt. Dieser Gott, der aus seiner Verborgenheit heraus geht, bekommt ein Gesicht in der Person dessen, von dem es später heißen wird: „Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ Die dritte Person auf diesem Bild ist schließlich ein dunkelhäutiger Mann. Sein vom Aussatz zerfressener Arm ist eingebunden, unter der Wolldecke sieht man einen zum Skelett abgemagerten Oberkörper. Der Künstler zeichnet so das Bild eines Gottes, dem wir in den Ärmsten der Armen begegnen. „Ich war hungrig, durstig, nackt, obdachlos.“ Ein dunkles Bild, voller Geheimnisse. Geheimnisse aber, die sich dem erschließen, der bereit ist, in die Tiefe zu gehen.
Abraham und Sara. Marta und Maria. Menschen wie Du und ich. Menschen, die versuchen, Gott zu begegnen. In den Rätseln und Fragen des Daseins. Im Hören und miteinander Reden. Am kühlen Abend oder in der Mittagssonne. Beim entspannten Nachsinnen oder in der Hitze des Gefechts. Marta und Maria – zwei Schwestern, die ihren je eigenen Weg durchs Leben und zu Gott suchen. Und sich dabei unterstützen. Sara, die um ihre Begrenzungen weiß (immerhin lacht sie, als sie hört, sie solle in ihrem Alter noch Mutter werden), und Abraham, der trotz allem zu hoffen wagt. Irgendwo dazwischen: Wir. Wir mit unseren Fragen, wir mit unserer Sehnsucht, wir mit unserer Überforderung, wir mit unserer Leere. Und wir mit einem Herzen, das sich sehnt nach einem, der es anrührt. Auch wenn es lange, manchmal unendlich lange zu dauern scheint. Aber auch nicht ewig. Und so gilt sie auch heute noch, die geheimnisvolle Verheißung jener drei Männer von damals: „In einem Jahr komme ich wieder.“ Wo sind wir dann wohl?
Alexander Bergel
20. Juli
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Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis
zu Dtn 30, 9c-14 und Lk 10,25-37
„Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“
Mit anderen Worten: Ausreden gibt es keine. Also keine wirklichen. Klar, zu tun haben immer alle viel. Wenn man die Zeit hätte, dann würde man ja, aber … Und es gibt auch sicher immer noch geeignetere Menschen, die das übernehmen könnten. Wir kennen das … Und trotzdem: Das, was Jesus damals gesagt und getan hat – es ist ein Auftrag. Auch für uns. Sich im Hier und Jetzt dem stellen, was uns widerfährt. Nicht darauf warten, dass andere das Problem angehen, sondern selbst tätig werden. Darum muss es gehen. Jemandem zum Nächsten werden – das ist etwas, was ich tun kann. Was ich aber auch tun wollen muss.
Nicht im Himmel, nicht jenseits des Meeres – Gottes Wort ist uns so nahe, wie wir es an uns heranlassen. Man muss dazu kein Studium absolvieren oder exegetische Fachkenntnisse besitzen. Auch diese Sorge lässt sich schnell nehmen: „Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es!“ (Frère Roger).
Grau ist alle Theorie. Die Praxis – sie macht lebendig. An ihr lässt sich ablesen, was Menschen im tiefsten berührt. Vielleicht ist das heute so eine Art samaritische Nagelprobe: Was berührt uns eigentlich noch?
Alexander Bergel
13. Juli
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Gebet, Musik & Poesie
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»Komm, Heiliger Geist, komm!« Dieses gesungenes Gebet zu Pfingsten
hören Sie hier.
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»Veni Sancte Spiritus!« Den kraftvollen Pfingsthymnus aus Notre-Dame de Paris
hören Sie hier.
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Am 2. Ostersonntag begegnet uns Jahr für Jahr der zweifelnde Thomas. Durch allen Zweifel hindurch ist er doch der sehnsuchtsvoll Glaubende. Oder wird es immer mehr. Thomas begegnet dem Auferstandenen, der ihm seine Wunden hinhält. »Sei nicht ungläubig, sondern gläubig«, ruft ihm Jesus zu. Und die Antwort? »Mein Herr und mein Gott!«
Von diesem Ringen, von dieser Sehnsucht und ihrer Erfüllung ist der Gesang »Adoro te devote – Gottheit tief verborgen« von Thomas von Aquin durchdrungen:
Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: Du mein Herr und Gott!
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester lass die Hoffnung, treu die Liebe sein.
Sie finden diesen Gesang im Gotteslob unter der Nummer 497.
Hören können Sie ihn hier (Strophe 4, 2:42).
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»Weib, was weinest du?« Einer der berührendsten Gesänge zum Osterfest.
Es gäbe sicher nach wie vor so manches, was nicht nur Frauen in dieser Kirche zu beweinen hätten. Aber es gab und es gibt sie dennoch immer noch: die Verkünderinnen dieser einen unglaublichen Botschaft. Sollte deren Kraft, die schon einmal nicht nur Felsen vor Grabhöhlen in Bewegung brachte, nicht auch heute Steine wegzuräumen in der Lage sein?
Den Gesang aus den Osterdialogen von Heinrich Schütz können Sie hier hören.
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Ein Sehnsuchtslied – hier können Sie es hören.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karsamstag.
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Ein Klassiker zu Epiphanie.
Hier können Sie ihn hören
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Ein kleines musikalisches Juwel – entstanden in unserer Gemeinde.
Hier können Sie es hören.
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Erwartung bewegt …
Maria durch ein Dornwald ging,
Kyrie eleison.
Maria durch ein Dornwald ging,
der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen.
Jesus und Maria.
Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Kyrie eleison.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.
Da haben die Dornen Rosen getragen,
Kyrie eleison.
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen.
Jesus und Maria.
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Lied im Gotteslob Nr. 224
Text: August von Haxthausene
Das gesungene Lied finden Sie hier.
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Schaukasten-Gedanken
… können für einen kurzen Augenblick ansprechen oder irritieren
oder einfach nur Freude bereiten.
Hier finden Sie die schönsten Exemplare, die vor unseren Kirchen hängen,
zum Anklicken.
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