
Impulse
Worte können heilen. Und zum Nachdenken bringen. Worte können Mut machen. Und neue Wege aufzeigen. Worte bringen Gefühle zum Ausdruck. Und Sorgen. Und Nöte. Glück und Unglück zeigen sich in ihnen ebenso wie Glauben und Hoffnung. Und natürlich Zuneigung und Liebe. Besonders schön ist es, wenn einem jemand solche Worte sagt. Wenn wir sie persönlich hören. Wenn wir spüren: Der meint mich!
Sie finden auf dieser Seite Gedanken, Erlebnisse, Deutungen, Diskussionsbeiträge, die uns eingefallen sind. Oder die wir anderswo gefunden haben. Und die wir mit Ihnen teilen. In der Corona-Pandemie hat sich das bewährt, vielen Mut gemacht und Lust auf mehr. Das freut uns natürlich sehr. Und deshalb machen wir einfach weiter!
Essays, Geschichten & Gedanken
Gedanken nach einer Predigt des Bischofs von Passau
zur Frage der Menschenwürde
Nach dem Terroranschlag auf dem Christopher-Street-Day in Berlin am 26. Juli 2026 habe ich einige Gedanken formuliert und auch meiner Kirche die ein oder andere Frage gestellt. (Zu diesem kleinen Text gelangen Sie hier.)
Nun hat Stefan Oster, der Bischof von Passau, in einer Predigt zum Thema Menschenwürde am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel durchaus bedenkenswerte Fragen formuliert. Man muss diese Fragen sicher nicht in allem so beantworten, wie er es tut. Aber nachdenkenswert sind sie allemal.
Widersprechen aber möchte ich seinen Aussagen, mit denen er direkt auf die Christopher-Street-Days Bezug nimmt:
Wenn wir die Christopher-Street-Days betrachten mit ihren vielen Facetten von offen zur Schau gestellten Lebensweisen, sexuellen Präferenzen und angeeigneten Identitäten, dann wird auch hier unmittelbar anschaubar, wie fundamental sich Gesellschaft verändert hat. Und ja, es ist ein Ausdruck der Freiheit der Menschen, den unsere Demokratie ausdrücklich ermöglicht. Und es wird zugleich deutlich, wie schwer wir uns als gläubige Menschen tun, all das, was da gezeigt oder inhaltlich vertreten wird, mit unserem christlichen Menschenbild zu versöhnen. Wir stellen angesichts mancher Dinge die ehrliche Frage: Entspricht das der Würde, die uns von Gott gegeben ist – oder widerspricht es ihr? Hat der Schriftsteller Dostojewski am Ende Recht, wenn er sagt: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt?
Der Bischof spricht von »angeeigneten Identitäten«. Weiß er, wovon er spricht?
Der Bischof schreibt, es werde deutlich, »wie schwer wir uns als gläubige Menschen tun, all das, was da gezeigt oder inhaltlich vertreten wird, mit unserem christlichen Menschenbild zu versöhnen«. Ich tue mich damit nicht schwer. Und ich muss da auch nichts versöhnen.
Der Bischof fragt: »Entspricht das der Würde, die uns von Gott gegeben ist – oder widerspricht es ihr?« Was genau soll denn dort der Menschenwürde widersprechen?
»Wenn es Gott nicht gibt«, so zitiert der Bischof Dostojewski, »ist alles erlaubt«. Mit anderen Worten: Der Ausdruck von sexueller Vielfalt, von gemeinsamem Aufstehen gegen Unterdrückung und Diskriminierung ist Ausdruck des Nichtglaubens an Gott?
Eine abenteuerliche These. Nein, mehr noch: Es ist eine gefährliche Sicht, da sie Menschen, die leben, wie sie sind, zum Gesicht einer postulierten Gottesvergessenheit unserer Gesellschaft oder gar seiner Ablehnung macht.
Ich kann in dem Zusammenhang nur wiederholen, was ich bereits am 27. Juli geschrieben habe:
Was kann
ich tun,
dass Menschen
sein können,
wie sie sind,
einfach weil sie
Menschen sind?Ich kann:
Aufstehen.
Mitgehen.
Widersprechen.
Zuhören.
Mitleiden.
Die Liebe schützen.Und
meine Kirche,
was kann
die
tun?
Sie könnte
aufhören.Aufhören
mit gönnerischer Miene
unter
Umständen
»diesen Menschen«
Gottes Segen
zu gewähren.Aufhören
zu unterscheiden
zwischen Menschen,
deren Liebe Gott enthält
und jenen,
wo nur ein bisschen Gott
zu spüren ist. Wenn überhaupt.Aufhören
zu verleugnen,
dass sie
Menschen
schwer belastet hat
und das bis heute
tut.Sie könnte aufstehen,
meine Kirche.
Sie könnte aufstehen
und um Verzeihung bitten.
Und Dinge beim Namen nennen.
Und sich schämen.
Und dann sagen, was so naheliegend ist:Alle Menschen
sind geliebte Kinder Gottes.
Auch dann, wenn Männer Männer lieben und Frauen Frauen.
Auch dann, wenn jemand sein Geschlecht erst finden muss.
Auch dann, wenn jemand so ganz anders ist,
als man sich das naturrechtlich
zusammenreimt.Sie könnte aufstehen,
meine Kirche.
Und immer mehr zu dem Ort werden,
nach dem sich jeder sehnt:
Ein Ort,
an dem ich sein darf.
Einfach so.Hatte Jesus
sich das nicht mal so
gedacht?
Alexander Bergel
18. August
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Die Urlaubszeit in den Sommermonaten macht jedes Jahr wieder deutlich, dass der Tourismus weltweit ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor ist. Zugleich hat der Tourismus auch einen bedeutenden kulturellen Aspekt.
Christian Cebulj skizziert einige Schnittstellen zwischen Religion und Reisen. Seine Gedanken auf der Seite feinschwarz.net vom 7. August finden Sie hier.
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Nach dem Terrorangriff auf dem CSD
in Berlin
Ein Mensch
ist gestorben.
Und viele
wurden verletzt.
Einfach so.
Weil einer es
wollte.
Weil einer wollte,
dass jemand,
der anders ist als er,
anders denkt,
anders fühlt,
anders liebt,
nicht mehr leben soll.
Es geschah.
Mal wieder.
Diesmal in Berlin.
Es könnte,
es kann jederzeit
geschehen.
Überall.
Ich höre
Betroffenheitsbekundungen
und sehe Trauermienen
auf vielen Seiten.
Manchen merkt man an:
Mehr Pflicht ist da
als ein Gefühl.
Vom rechten Rand gar
wird uns vorgegaukelt:
Wenn ihr uns wählt, passiert so was nicht mehr.
Denn mit uns herrscht wieder Ordnung.
Ja, für ihre Ordnung sorgen würden sie.
Einen Regenbogen hisst dann jedoch
keiner mehr.
Was kann
ich gegen all das tun?
Was kann
ich tun,
dass queere Menschen
keine Angst
mehr haben müssen?
Was kann
ich tun,
dass zwei,
die Hand in Hand
durch unsere Straßen gehen wollen,
sich nicht
verstecken müssen?
Was kann
ich tun,
dass Menschen
sein können,
wie sie sind,
einfach weil sie
Menschen sind?
Ich kann:
Aufstehen.
Mitgehen.
Widersprechen.
Zuhören.
Mitleiden.
Die Liebe schützen.
Und
meine Kirche,
was kann
die
tun?
Sie könnte
aufhören.
Aufhören
mit gönnerischer Miene
unter
Umständen
»diesen Menschen«
Gottes Segen
zu gewähren.
Aufhören
zu unterscheiden
zwischen Menschen,
deren Liebe Gott enthält
und jenen,
wo nur ein bisschen Gott
zu spüren ist. Wenn überhaupt.
Aufhören
zu verleugnen,
dass sie
Menschen
schwer belastet hat
und das bis heute
tut.
Sie könnte aufstehen,
meine Kirche.
Sie könnte aufstehen
und um Verzeihung bitten.
Und Dinge beim Namen nennen.
Und sich schämen.
Und dann sagen, was so naheliegend ist:
Alle Menschen
sind geliebte Kinder Gottes.
Auch dann, wenn Männer Männer lieben und Frauen Frauen.
Auch dann, wenn jemand sein Geschlecht erst finden muss.
Auch dann, wenn jemand so ganz anders ist,
als man sich das naturrechtlich
zusammenreimt.
Sie könnte aufstehen,
meine Kirche.
Und immer mehr zu dem Ort werden,
nach dem sich jeder sehnt:
Ein Ort,
an dem ich sein darf.
Einfach so.
Hatte Jesus
sich das nicht mal so
gedacht?
Alexander Bergel
27. Juli
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Die Bibel ist wichtig, aber nur etwa 4-5 % der Bevölkerung lesen täglich in der Bibel und über 50 % tun das nie. Haben die Jahrtausende alten Schriften noch Relevanz in der Welt des 21. Jahrhunderts?
Viele biblische Texte sind im Kontext politischer Konflikte und existentieller Krisen entstanden. Bibellesen kann Hoffnung stärken und Menschen resilienter machen. Die Bibel in gerechter Sprache ist 2006 erschienen – als ein Versuch, die Aktualität der biblischen Texte durch eine moderne und zugleich wissenschaftlich verantwortete Übersetzung neu zum Sprechen zu bringen.
Die Gedanken von Claudia Janssen in der Sendung Glaubenssachen auf NDR Kultur vom 5. Juli können Sie hier hören.
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Beim Deutschen Katholikentag in Würzburg wurde die Intervention »Schmerzpunkt« von Susanne Wagner mit Vernissage eröffnet: katholikentag.de/schmerzpunkt.
Kai Christian Moritz hat eine beeindruckende und berührende Rede gehalten. Am 23. Mai wurde sie auf der Seite feinschwarz.net veröffentlicht. Hier können Sie sie lesen.
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was genau
würde wohl
passieren
wenn du
vergisst
was du
alles
nicht
kannst
was dir
nicht
gelingt
wo du
meinst
lieber nicht
er macht das
viel besser
wo du denkst
hat noch nie
funktioniert
und du
gehst los
und machst es
einfach?
Alexander Bergel
23. Mai
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Das erste Amtsjahr von Papst Leo XIV. ist vorüber. Matija Vudjan analysiert die ersten Schritte des neuen Papstes im Horizont des vorigen Pontifikats.
Seine Gedanken vom 15. Mai finden Sie hier.
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Wie kostbar
das Leben ist
merkst du
doch oft
erst
wenn es am
seidenen Faden
hängt
Warum
eigentlich?
Alexander Bergel
9. Mai
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Warum zweifeln so viele Christen an der leibhaftigen Auferstehung Jesu Christi? Dominik Blum blickt auf Umfragen, Bibeltexte und Bert Brecht – und zeigt, was der Osterglaube heute wirklich bedeuten kann.
Seine Gedanken vom 10. April finden Sie hier.
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Der Karsamstag wird oft als Leerstelle wahrgenommen. Sonja Huber liest diesen Tag im Zusammenhang mit dem jüdischen Schabbat – für Jesus ein Herzensanliegen und dem Judentum ein Tag der Schönheit und Wonne
Ihre Gedanken vom 3. April finden Sie hier.
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Statements, Interviews & Diskussionen
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Seit einigen Jahren wird zwischen der AfD und deutschen Kirchenvertretern ein offener Konflikt ausgetragen. Die Kirchen kritisieren die AfD scharf und erlassen Unvereinbarkeitsbeschlüsse, die AfD wiederum will den Kirchen Privilegien und Gelder streichen. Auch bei den drei im September anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland spielt dieser Konflikt eine Rolle.
Ein Interwiew im Deutschlandfunk mit dem Greifswalder Bischof Tilman Jeremias, das am 11. August geführt wurde, können Sie hier hören.
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Jens Spahn hat zusammen mit einem Partner ein Kind bekommen, ausgetragen von einer Leihmutter in den USA. Diese Nachricht hat eine größere Debatte rund um Leihmutterschaft ausgelöst.
Ein Gespräch im Deutschlandfunk mit der Philosophin Julia Inthorn darüber, wie Theologie und Ethik auf das Thema Leihmutterschaft blicken, das am 20. Juli geführt wurde, können Sie hier hören.
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200 Seiten, dicht und anspruchsvoll: Die erste Sozialenzyklika von Papst Leo XIV. hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Was macht Magnifica Humanitas, veröffentlicht am Pfingstmontag, so besonders?
Ein Gespräch mit der Theologie-Professorin Ursula Nothelle-Wildfeuer über ein Dokument mit Langzeitwirkung vom 11. Juni im Deutschlandfunk können Sie hier hören.
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Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. ist weit mehr als eine KI-Enzyklika: Anhand der KI als Sozialer Frage unserer Zeit zeigt der Papst, was es heute heißt, die Gesellschaft christlich zu denken – und aufzubauen.
Eine erste Zusammenfassung und Einordnung des Papstscheiben von Felix Neumann auf katholisch.de vom 25. Mai finden Sie hier.
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Nach dem Angriff eines Israeli auf eine Nonne in Jerusalem ist das Entsetzen groß. Gewalt gegen Christen durch jüdische Extremisten ist nicht neu, sagt Abt Nikodemus, aber sie eskaliert. Es fehle an Solidaritätsadressen der israelischen Regierung.
Ein Interview mit ihm im Deutschlandfunk vom 6. Mai können Sie hier hören.
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Bei seiner Wahl im Mai 2025 sahen viele im neuen Papst eine Art moralischen Gegenentwurf zum US-Präsidenten. Zunächst gab sich Leo XIV. diplomatisch zurückhaltend. Doch seit Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran scheint der Papst seine Zurückhaltung abgelegt zu haben.
Einschätzungen des Historikers und USA-Experten Michael Hochgeschwender vom 10. April hören Sie hier.
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In den USA war das Christentum schon immer anders als in Europa. Bislang überwogen dort allerdings fromme und bibeltreue Evangelikale.
Doch mit dem Aufstieg Donald Trumps hätten christliche Nationalisten die Vormachtstellung übernommen, sagt Arnd Henze, der selbst Theologe ist und lange für den WDR und die ARD in den USA gelebt und gearbeitet hat. Ultranationalistische Christen sagten dem modernen Gesellschafts- und Rollenbild einen radikalen Kampf an, forderten das Ende der Demokratie und predigten dazu Militanz.
Ein Gespräch mit ihm vom 5. April können Sie hier hören.
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Opfer sexualisierter Gewalt leiden ein Leben lang – unter den Folgen dieses traumatischen Leids und auch unter der Ignoranz der Gesellschaft. Bis heute. Die Ausstellung »Shame – European Stories« erzäht die Geschichten Betroffener, zeigt ihre Gesichter – und fordert zum Hinsehen auf.
Einen Bericht von Astrid Fleute im Kirchenboten vom 10. März können Sie hier lesen.
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Max-Josef Schuster, Pastoralreferent im Ruhestand und systemischer Berater, lässt die übersehene Berufung der Frauen keine Ruhe.
Seinen Beitrag auf der theologischen Seite feinschwarz.net vom 6. Januar können Sie hier lesen.
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Die Brandmauer zur AfD muss »so lange halten, wie es geht«, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing. Die AfD sei »menschenverachtend«, denn sie vertrete einen »völkischen Nationalismus«, erklärt der Bischof von Limburg.
Das Interview im Deutschlandfunk vom 21. Dezember können Sie hier hören.
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Predigten
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Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 16,21-27
Breitbeinigkeit war seine Sache nicht. Jene Attitüde also, die mit dem selbstgefälligen Impetus des Besserwisserischen daherkommt. Nein, das war Jesu Sache nicht. Petrus hingegen stellt ein solches Verhalten nicht nur einmal zur Schau. Heute werden wir Zeugen davon auf dem Weg nach Jerusalem.
Jesus hatte die Jünger mit seiner Einschätzung der Lage vertraut gemacht. Einer Lage, die für ihn kreuzgefährlich werden sollte. Petrus aber will das nicht hören. Ein gescheiterter Messias? Undenkbar. Echte Männer sterben nicht! Jedenfalls nicht so. Und Jesus? Reagiert knallhart. Aber diese Härte ist nicht Ausdruck einer toxischen Männlichkeit mit cholerischen Ausfällen, sondern der Hinweis auf eine zutiefst menschliche Sehnsucht: Petrus soll ihm nicht in den Rücken fallen, er soll ihm den Rücken stärken.
Breitbeinigkeit als Lebensmaxime hat selten etwas bewirkt. Standhaftigkeit hingegen schon. Und um die geht es Jesus. Auch in dieser unbequemen Szene. Jesus hat das Leid nicht gesucht. Er will sich auch nicht zum Opfer machen, weil ein erzürnter Gott es so will, wie Theologen später einmal behaupten werden.
Ein solches Gedankenkonstrukt kann ich in der Bibel nirgendwo erkennen. Aber etwas anderes finde ich dort: einen Gott nämlich, der den Menschen liebt. Da Liebe jedoch nur in Freiheit geschenkt und angenommen werden kann, führt der Weg der Menschen auch in die Abgründe des Hasses, in letzter Konsequenz in den Tod hinein.
In dieser zwiespältigen und abgründigen Welt sucht auch Jesus seinen Weg. Viele von denen, die ihm begegnen, erkennen in seinem Antlitz immer mehr die Züge Gottes. Jesus heilt Menschen, die wundgelegen und am Boden zerstört sind. Jesus überwindet Gräben und baut Brücken. Jesus holt Ausgestoßene vom Rand in die Mitte, gibt Frauen und Kindern ein nie gekanntes Ansehen und steht mit jeder Faser seiner Existenz dafür ein, was er auf Golgatha mit seinem Blut besiegeln wird: Mensch, ich will, dass du lebst!
In Jesus von Nazareth sehen wir, wo Gott ist: mitten im Leid und Elend, das Kreuz auf der Schulter. Er schleppt es nicht durch die Lande, weil ein erzürnter Gott es so will – nein, er nimmt das Kreuz auf sich, damit die, die leiden, einen haben, der es mitträgt. Jesus steht nicht breitbeinig vor uns. Er hält keine Vorträge (schon gar keine besserwisserischen) wie jener Petrus, der barsch in seine Schranken gewiesen wird. Jesus teilt den Weg der gequälten Kreatur. Bis zum Schluss. Aus seinem Karfreitag konnte Ostern werden, weil er bis zum Ende durchgehalten hat.
Damit auch wir unseren Weg gehen können, brauchen wir keine Menschen, die breitbeinig vor uns stehen und uns erklären, wie das alles viel besser gehen könnte. Nein, wir brauchen Menschen, die uns dabei helfen, das Kreuz zu tragen.
Bevor wir jedoch darauf warten, dass andere damit beginnen, ihre Breitbeinigkeit oder Unantastbarkeit oder Ignoranz aufzugeben, könnten wir versuchen, Jesus nicht in den Rücken zu fallen. Wir könnten versuchen, seiner Bitte zu folgen, ihm den Rücken zu stärken. Möglichkeiten, anderen beim Kreuztragen zu helfen, gibt es immer noch genug …
Alexander Bergel
30. August
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Predigt am 21. Sonntag im Jahreskreis
zu Jes 22,19-23 und Mt 16,13-20
Schlüsselfragen sind immer Schlüsselfragen. Denn daran entscheidet sich, wer reinkommt und wer nicht. Und vor allem: Wer es selbst bestimmen kann, ohne immer jemand anderen fragen zu müssen. In der Kirche ist das genauso wie in der Firma oder im Verein. Und wo es um Schlüsselfragen geht, sind Schlüsselfiguren meist nicht weit. Einer dieser Schlüsselfiguren sind wir eben begegnet: Simon Petrus. Auf diesen Felsen will Jesus seine Kirche bauen. Und die Schlüssel zum Himmelreich gibt’s obendrauf. Auch hier: Schlüsselfragen sind offensichtlich Schlüsselfragen.
Wie auch immer es damals anfing, wie auch immer Jesus das Fels-Sein und den Schlüsseldienst des Petrus verstanden haben mag – was daraus auch geworden ist, können wir in der Kuppel der Peterskirche in Rom sehen. In riesigen Buchstaben steht das Jesus-Wort dort zu lesen. Es ist der in Stein gehauene Machtanspruch der Päpste, die sich von jeher auf diesen Auftrag Jesu berufen. Doch auch wenn man Petrus ehrlicherweise nicht als den ersten Papst bezeichnen kann, hat sich das Papsttum historisch doch von ihm her entwickelt. Und nicht nur das.
Keine vier Jahrhunderte dauerte es, da war die Kirche zur Staatskirche geworden und ihre Amtsträger zu Beamten. Wie schnell wurde Politik gemacht. Wie oft wurden plötzlich Dinge entschieden, von denen man sich schon fragen kann: Was haben die eigentlich mit dem Evangelium zu tun? Wie oft wurden – und werden auch heute noch – Menschen ausgeschlossen: Menschen, die mit ihren Fragen quer kommen. Menschen, die bestimmten moralischen Ansprüchen nicht genügen. Das Schloss ist zu, der Schlüssel in mächtigen Händen. Ob das so gemeint war? Dieser Frage muss man sich stellen.
Vielleicht muss man dazu aber auch nicht nur nach Rom schauen. Wie sieht’s denn hier bei uns aus? Benutzen wir unsere Schlüssel immer dazu, Türen zu öffnen? Spüren Menschen, die uns begegnen, dass unser Gott einer ist, der befreit – und keiner, der einengt? Gelingt es uns, den Schlüssel zum Herzen von Menschen zu finden, die in sich verschlossen oder verbittert oder verletzt oder von dieser Kirche maßlos enttäuscht sind? Schaffen wir es, andere neugierig zu machen auf die Botschaft Jesu – vielleicht gar nicht so sehr durch große Worte, sondern einfach dadurch, dass wir da sind? Und noch eine Frage: Können wir es haben, Menschen neben uns groß werden zu sehen?
Jesaja, der Prophet, berichtet von einem Gottesdiener, der Menschen klein gehalten und nur an sich und seinen Machterhalt gedacht hat. Solchen Leuten wird der Schlüssel am Ende wieder weggenommen. Alle, die ihre Schlüssel benutzen, um zu verschließen und nicht, um Herzen zu öffnen, stehen dem Plan Gottes im Weg. Vielleicht hat Jesus dem Petrus genau deshalb diesen ganz besonderen Schlüssel anvertraut. Weil er wusste: Dieser Mann hat das Herz am rechten Fleck. Er kämpft. Und leidet. Und hofft. Und liebt. Offene Türen, offene Hände und offene Herzen. Darauf kommt es an. Ob uns das gelingt, ist am Ende wohl die entscheidende Schlüsselfrage.
Alexander Bergel
23. August
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Predigt am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel
zu Lk 1,39-56
„… denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“ Leichtfertig sagt sie das wohl nicht. Immerhin liegt ein beschwerlicher Weg hinter ihr. Nicht nur der übers Gebirge. Und was noch kommt? Keiner weiß es. Doch trotz alledem stimmt Maria ihr Lied an. Ein Lied, das den Sturz der Mächtigen besingt. Ein Lied, das davon träumt: Einmal muss es doch geschehen! Einmal muss sich doch zeigen, dass den Mächten des Todes die Puste ausgeht und die Potentaten, die Unterdrücker, die Angsteinflößer, die Todbringer, die Vergewaltiger, die Sklavenhalter ausgespielt haben! Einmal, ja einmal muss es doch geschehen!
Marias Lied ist ein Lied der Hoffnung. Der Ermutigung. Und der Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse. Aber es ist kein Lied der Vertröstung. Kein Lied, das sagt: „Irgendwann, ja, da wird es geschehen. Du musst halt nur lang genug warten.“ Nein, so verstanden wären wir ganz schnell bei den Religionskritikern vergangener Zeiten und auch der Gegenwart angelangt, die im Glauben vor allem Opium fürs Volk und Vertröstung aufs Jenseits erkennen. Das aber will und darf der Glaube niemals sein. Trost schon, Vertröstung nein.
Maria singt ja auch nicht: „Der Mächtige wird Großes an mir tun!“, sondern: „Er hat Großes an mir getan!“ Maria blickt zurück auf ihr Leben. Was hatte sie schon alles erlebt? Leicht war das nicht. Einfache Verhältnisse. Römische Besatzung. Ein brodelnder politischer Kessel. Und dann dieses Kind! Wie soll sie das bloß erklären? Doch: „Der Mächtige hat Großes an mir getan!“ Wer die Welt mit den Augen dieser Maria betrachtet, der sieht zuerst das Heil. Und erst dann all das, was diesem Heil im Wege steht. Ob uns das auch gelingt?
Wenn Sie in Ihr Leben blicken, wenn Sie auf Ihre Beziehungen, auf Ihre Arbeit schauen, auf das, was Sie gerne tun, auf das, wo andere meinen, Sie hätten da ein richtiges Talent – würden Sie da nicht auch sagen können: „Der Mächtige hat Großes an mir getan“? Wer so über sich denkt, der sieht sich vor allem als ein Beschenkter, als eine Beschenkte. Wer so über sich denkt, der wird aber auch im anderen zuerst das Gute sehen. Und der wird sich erheben und dafür eintreten, dass Gottes Traum von dieser Welt kein frommer Wunsch bleibt, sondern immer mehr Wirklichkeit wird. Der Blick auf Maria lässt uns erahnen, welche Kraft der Glaube an einen Gott schenkt, der spürbar wird in allem, was sich ereignet. Und der diese Welt zu einem besseren Ort machen will – auch durch mich.
Wenn wir heute auf das Leben der Mutter Jesu blicken, tun wir es vom Anfang und vom Ende her. Maria hat über den Tod hinaus zu spüren bekommen, wie machtvoll Gott an ihr gehandelt hat. Und nicht nur an ihr. Das ganze Leben mit allem, was dazu gehört: alles Kämpfen und Ringen, alles Suchen und Fragen, alle Momente der Leere und der tiefen Erfüllung, alle Wunden und Narben, alle Hoffnung und jeder Augenblick geschenkter Liebe – kurz: der ganze Mensch mit Leib und Seele, er geht auch im Tod nicht verloren, sondern hat eine Zukunft. Ein für alle Mal. Und das Schöne daran ist: Diese Zukunft beginnt nicht irgendwann. Nein, sie hat schon längst angefangen. Erinnern Sie sich?
Alexander Bergel
9. August
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Predigt am 17. Sonntag im Jahreskreis
zu 1 Kön 3,5.7-12, Röm 8,28-30 und Mt 13,44-46
„Als er eine besonders wertvolle Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte sie.“ Eine Perle. Sonst nichts. Und wovon will er leben? Typisch Bibel! Immer wieder werden da große Bilder gezeichnet und verrückte Lebensentwürfe vorgestellt. Nur wie das dann gehen kann, so ganz praktisch, davon hören wir nichts. Der Mann mit der Perle ist da kein Einzelfall.
Und genau darüber bin ich so froh! Auf diese Weise eröffnet die Bibel nämlich eine Dimension des Lebens, die ich mit ziemlicher Regelmäßigkeit aus dem Blick verliere. Sie zeigt eine Welt ohne Kosten-Nutzen-Analyse, ohne wirtschaftliche Fachberatung, ohne Hausrat-, Haftpflicht-, Lebens- und Gefühlsversicherung. So wird die Bibel zu einer Mutmacherin für alle, die genug haben von den vielen Bedenkenträgern und den „Ich hab’s Dir doch gleich gesagt“-Typen. Heute gleich in allen drei Lesungen.
Und trotzdem: So verrückt kann man doch gar nicht sein! Eine Perle – und dafür alles verkaufen? Bist du dir da sicher, Jesus? – So verrückt kann man doch gar nicht sein: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.“ Alles wird gut?! Bist du dir da sicher, Paulus? – So verrückt kann man doch gar nicht sein: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz!“ Was ist mit Macht und Einfluss, mit Kriegsgewinn und großer Politik? Bist du dir da sicher, Salomo?
Wer in die Welt schaut, wie sie ist, der kann schon ernsthafte Zweifel bekommen, ob wir es nicht doch eher mit großen Märchenerzählungen zu tun haben, mit Geschichten, die sich am Lagerfeuer wunderbar erzählen lassen – am wirklichen Leben mit all seinen Zwängen jedoch ziemlich vorbei gehen. Genau das aber ist doch der Punkt! Was sind denn das für Zwänge? Und wo kommen sie her? Natürlich müssen wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Natürlich wollen wir, dass unsere Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Natürlich macht sich der Abwasch nicht von selbst. Natürlich geht es in der großen wie der kleinen Politik um Verhandlung und Kompromiss. Und natürlich werden sich verfeindete Kriegsparteien nicht in die Arme fallen, wenn man nur oft genug weiße Tauben in die Lüfte steigen lässt.
Aber irgendwann muss es doch mal anfangen. Irgendwann muss doch einer anfangen, nach der Perle zu suchen, nach dem Schatz, der zum tragenden Grund des eigenen Lebens wird. Irgendwann können wir nicht mehr davor weglaufen. Auch wenn die Begründungen sehr einleuchtend sind: „Das hat doch noch nie funktioniert!“ Oder: „Man sieht doch, was aus diesen Träumern geworden ist!“ Oder: „Wenn die Kinder groß, die Raten fürs Haus abbezahlt sind, ich endlich in Rente bin – dann habe ich vielleicht Zeit für solche Sachen!“
Kann man so sehen, sicher. Führt aber dazu, das Wichtigste zu verpassen. Genau davor will uns die Bibel schützen. Mut will sie machen. Mut, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und sich bewegen zu lassen. Denn wer genau hinschaut, der spürt: Die Bibel ist kein Märchenbuch, in ihr begegnet uns die harte Realität. Wer sich dieser Realität aber stellt und so verrückt ist, an einen Gott zu glauben, der alles zum Guten führt – der kann und wird sein Leben verändern! Und wenn sich dann auch noch alle Schatzsucher dieser Welt zusammentun … Sie haben ja recht: Das ist verrückt! Aber vielleicht – vielleicht machen Sie es einfach trotzdem?!
Alexander Bergel
26. Juli
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Predigt am 16. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 13,24-35
„Hast du nicht guten Samen auf den Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?“ Nicht nur Menschen im agrarischen Kontext oder im heimischen Garten fragen sich das gelegentlich. Doch so sehr sie dann auch zu analysieren versuchen, woher es denn wohl kommen mag – meist nützt das alles nichts. Das Unkraut ist da, und man muss eine Haltung dazu entwickeln. Das Gleichnis vom Unkraut im Acker macht deutlich, worum es Jesus hier geht, worum es ihm immer geht: um eine Haltung.
Und welche ist das? Auf keinen Fall eine Haltung der Extreme. Jesus ist niemand, der alles laufen lassen will, frei nach dem Motto: „Ist doch eh alles egal.“ Nein, das ist es nicht. Aber auch die selbstgewisse klare Haltung der messerscharfen Kante lehnt er ab. Wohin die führen kann, zeigt uns der Blick auf die vielen Scheiterhaufen der Kirchengeschichte.
Jesus geht es um einen realistischen Blick auf die Welt, die ist, wie sie ist. Dieser Blick offenbart, dass die in unseren Tagen wieder immer beliebter zu werden scheinende Haltung des ‚Ganz oder gar nicht‘, des ‚Schwarz oder Weiß‘, des ‚Richtig oder Falsch‘ genau so wenig zu einer Lösung führt wie das sich andererseits auch immer mehr Raum suchende ‚Ist doch egal!‘-Vorzeichen.
Der Weg Jesu? „Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“ Diese Antwort ist keine Referenz an alle, die sagen: „Hat doch eh alles keinen Sinn.“ Im Gegenteil. Der realistische Blick auf das, was uns in der Welt begegnet, ermutigt uns, das zu stärken, was gut ist. Ohne an dem zu verzweifeln, was Unheil und Zerstörung bringt. Wenn Jesus vom Senfkorn spricht, dem kleinsten aller Körner, ist dies ja ein Bild für das, was sich aus dem Kleinen, das wir bringen, an Großem entwickeln kann. „Ich kann ja doch nichts tun“ – diese verbreitete resignative Einstellung lässt Jesus nicht gelten.
„Doch, Mensch, du kannst etwas tun! Und wenn es ein Lächeln ist für die, die gerade nichts zu lachen hat. Oder ein sich an die Seite stellen für den, der gerade eine unendliche Einsamkeit spürt. Oder dein Auftreten und dich Äußern zu einem Thema, von dem alle glauben, diese Sache ist ausdiskutiert. Doch Mensch, du kannst etwas ändern! Sei wie die Frau mit dem Sauerteig. Sie mischt ihn unter das Mehl, das staubige, das Trockene, immer und immer wieder. Glaube mir“, so höre ich Jesus sagen, „das Brot wird himmlisch schmecken. Riechst du es nicht auch schon?“
Alexander Bergel
19. Juli
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Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 10,37-42
Am vergangenen Sonntag wurde Heiner Wilmer in sein Amt als Bischof von Münster eingeführt. Die katholische Seele konnte wieder einmal richtig durchatmen bei der gut inszenierten Feierlichkeit im Münsteraner Dom. Nicht zu viel Pomp, eine sensible Musikauswahl, Frauen mit etwas mehr als Statistenrollen im Altarraum und ein Bischof, der als ‚einer von uns‘ daherkommt. Ein echter Emsländer, der Platt spricht und so jugendlich auftritt wie wenige andere in kirchlichen Spitzenpositionen (außer vielleicht noch Papst Leo).
Ich bin ehrlich: Wenn überschwängliches Lob auf der einen und überbordende Erwartung auf der anderen Seite Hand in Hand gehen, werde ich misstrauisch. Denn zur Wahrheit des neuen Bischofs in unserem Nachbarbistum gehört auch, dass er zwar immer wieder von einer schonungslosen Aufarbeitung in Fällen sexualisierter Gewalt spricht – dabei selbst oft aber keine eindeutige Rolle gespielt hat. Und diese Fälle holen ihn nun langsam ein.
Der Betroffenenrat Nord, ein Gremium, das sich an die Seite von Menschen stellt, die in den Bistümern Hamburg, Hildesheim und Osnabrück sexualisierte Gewalt erlitten haben, berichtet von Fällen, in denen Heiner Wilmer als Bischof von Hildesheim viel Zeit hat verstreichen lassen und eher abgewartet als gehandelt hat. Begründet wird ein solches bischöfliches Abwarten kirchlicherseits auch heute immer noch mit den zu damaligen Zeiten geltenden Vorschriften (wir sprechen von den 2020er-Jahren, als die Vorwürfe öffentlich wurden, nicht von 1965), von kirchenrechtlichen Vorschriften, die den Kirchenleitungen ein klareres Nachforschen und Eigeninitiative nicht zur Pflicht gemacht hätten.
Wer aber nur nach Gesetzeslage entscheidet oder, wie bei Bischof Wilmer auch geschehen, einen Pfarrer maßregelt, der einfach nicht aufhören will mit dem Nachhaken, und nicht den schwachen, den verletzten, den nicht selten völlig zerstörten missbrauchten Menschen im Blick hat, der sollte, meine ich jedenfalls, vorsichtig sein mit vollmundigen Aussagen wie „Nie wieder!“ oder „Wir stehen an der Seite der Betroffenen!“
Jesus war da anders. Was er sagte, tat er auch. Immer wieder. Sein Konzept war ganz einfach: Hingehen. Schauen, was ist. Zuhören. Und dann nicht nur davon sprechen, dass es einen Gott gibt, der deinem Leben Sinn und Richtung geben kann, sondern alles tun, damit Menschen das auch spüren können.
Eine Vergnügungsreise ist das selten, denn auf diesem Weg begegnet uns das Kreuz. Unser eigenes, vor allem aber das der anderen. Zum Mitleiden gehört dann auch, dieses Kreuz tragen zu helfen. Seine Schwere auszuhalten. Und Erleichterung zu schenken. Nicht am Weg stehen zu bleiben, sondern ihn mitzugehen.
Jesus hat sich der Welt gestellt, ihren Abgründen, ihrer Angst, ihrem Horror, ihrem Tod. Ohne auszuweichen. Bis zum bitteren Ende. Wer in seiner Spur unterwegs ist, sollte das ebenso versuchen. Um es zu bestehen, das Leid. Um dagegen anzugehen. Und um eine Hoffnung in die Welt zu bringen, die von Ostern nicht nur spricht, sondern die Kraft der Auferstehung erfahrbar werden lässt.
Mit anderen Worten: Wir müssen neu lernen, umzusetzen, womit Jesus seine Jüngerinnen und Jünger damals beauftragt hat: „Lasst die Menschen spüren: Auch wenn du am Ende bist, auch wenn dir Hören und Sehen vergangen ist, auch wenn dich das Leben sprachlos gemacht hat, auch wenn deine Schmerzen übergroß sind, die körperlichen genauso wie die seelischen – auch wenn das alles so ist: Hör nicht auf zu vertrauen! Vertraue, dass da ein Gott ist, der dich sieht und sich um dich sorgt!“
Das Bistum Münster hat einen neuen Bischof. Ich wünsche Bischof und Bistum, dass sie aus dem Jubelmodus hineinfinden in eine Weggemeinschaft, die nicht blendet mit und sich nicht blenden lässt von wohlfeilen Worten und Gesten. Eine Weggemeinschaft, die den Mut hat, sich der Wahrheit zu stellen. Der Wahrheit schlimmster zerstörerischer Verbrechen, die eine Realität sind inmitten der Kirche, vor denen allzu viele – auch in unserem Bistum – immer noch die Augen verschließen.
Apropos wohlfeil: Diesen Mut zur Wahrheit wünsche ich auch uns. Uns, die wir vielleicht nicht viel zur Aufarbeitung von Verbrechen sexualisierten oder geistlichen Missbrauchs in unserer Kirche beitragen können, die wir aber sicher auch unsere blinden Flecken und Verdrängungsmechanismen haben. Blinde Flecken, wenn es um Andersdenkende, Andersfühlende, Andersliebende geht.
Man wird auch uns daran messen, ob den theoretisch leichten Worten, wie sie auf den Bänken vor unseren Kirchen stehen (‚Kein Platz für Hass und Gewalt!‘, ‚Kein Platz für Diskriminierung!‘, ‚Kein Platz für Antisemitismus!‘) Taten folgen. Ob wir Begegnungen ermöglichen, die Menschen sagen lassen: „Hier darf ich sein. Hier kann ich glauben. Hier kann ich leben. Und frei atmen. Auch wenn meine Geschichte schwer zu ertragen ist. Auch wenn ich nicht so bin, wie manche es gerne hätten. Auch wenn ich mich nicht so leicht einfügen lasse oder einfügen will in das meist gutbürgerliche Leben einer katholischen Pfarrei.“
Ja, an unseren Taten wird man sehen, ob wir den Weg Jesu wirklich gehen wollen. Mit dem Kreuz auf der Schulter. Vor allem dem Kreuz der anderen.
Alexander Bergel
27. Juni
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Predigt am 12. Sonntag im Jahreskreis
zu Jer 20,10-13 und Mt 10,26-33
Propheten, das ist nicht neu, Propheten müssen mit Widerstand rechnen. Weil es selten bequem ist, was sie sagen. Weil sie den Finger in die Wunde legen. Weil sie Unehrlichkeit nicht ertragen. Und Ignoranz. Und schon gar nicht eine Haltung, die sich selbst zum Mittelpunkt des Universums macht. Weil sie genau dagegen immer wieder angehen, werden Propheten lächerlich gemacht, für verrückt erklärt und bekämpft. Auch Jeremia bekommt das zu spüren: „Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Zeigt ihn an! Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze.“ Es musste ihm klar gewesen sein, dass viele so reagieren würden. Und dennoch: Jeremia geht seinen Weg weiter. Denn er spürt: Das ist nicht einfach nur eine fixe Idee. Nein, er kritisiert und hinterfragt eine Gesellschaft, die ihre Mitte verloren hat. Er bekämpft religiöse und politische Machthaber, die vergessen haben, dass es nicht um Selbsterhalt gehen muss, sondern um das Wohl eines ganzen Volkes.
Wenn der Mann aus Nazareth viele Jahrhunderte später einen ähnlichen Weg einschlägt und am Ende dafür am Kreuz sterben muss, spüren wir einmal mehr, wie wenig sich die Dinge ändern lassen. Menschen neigen durch alle Zeiten hindurch ganz offensichtlich dazu, sich friedlich einzurichten. Und dabei nicht gestört werden zu wollen. Und – seien wir ehrlich – es ist ja auch nur allzu verständlich, oder? Wer wünscht sich denn auch nicht, friedlich bei einem lauen Lüftchen und einem guten Glas Wein auf der Terrasse zu sitzen und in den eigenen Garten zu schauen? Wer wünscht sich nicht, bei all den Belastungen, die das Leben für einen bereit hält, nicht ständig mit den großen Problemen der Welt konfrontiert zu sein? Wer würde nicht gerne die Augen schließen und einfach für sich und seine Familie in Ruhe und Frieden leben? Ich glaube, die meisten würden es am liebsten genauso machen. Doch wenn es wirklich alle so machen, dann kippt am Ende auch alles. Wirklich alles.
Jesus wusste das. Genauso wie die vielen Prophetinnen und Propheten vor ihm und danach. Deshalb hat sein aufrüttelnder, Mut machender Ruf auch heute nichts von seiner Aktualität verloren: „Fürchtet euch nicht!“ Fürchtet euch nicht, die eigene Komfortzone zu verlassen! Fürchtet euch nicht, Partei zu ergreifen für die Armen und Schwachen! Die übrigens gar nicht so weit weg wohnen, sondern vielleicht sogar auf der anderen Straßenseite. Fürchtet euch nicht, die selbstgemachte Katastrophe des Klimawandels anzuprangern und alternative Lebensformen zu entwickeln! Fürchtet euch nicht, für die Rechte von Arbeitnehmern einzutreten, die keine Lobby haben! Fürchtet euch nicht, weiter nachzufragen, woher unsere Lebensmittel und unsere Kleidung kommen und unter welch menschenunwürdigen Bedingungen sie teilweise hergestellt werden! Fürchtet euch nicht, Rassismus und Antisemitismus beim Namen zu nennen und für die Rechte aller Menschen einzutreten! Egal woher sie kommen. Egal was sie fühlen. Egal wen sie lieben. Egal, woran sie glauben. Fürchtet euch nicht, Strukturen des Bösen zu erkennen und zu verändern! Fürchtet euch nicht, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern immer wieder einzufordern! Oder sie einfach zu leben. Fürchtet euch nicht, eurem Gewissen zu folgen! Fürchtet euch nicht, unbequem zu sein, wenn ihr ein Ziel erkannt habt, das über eure kleine Welt hinausweist! Fürchtet euch nicht!
Prophetin, Prophet sein – das ist kräftezehrend. Und oft frustrierend. Einfacher ist es, das zu tun, was alle machen. Das stimmt. Doch wo führt das hin? Weil es immer wieder diese Mahnerinnen und Mahner gegeben hat, konnten Dinge sich verändern. Selten schnell. Fast nie sofort. Manchmal auch nur in Teilen. Oder gar nicht. Und doch gab es immer wieder Menschen, die nicht aufgegeben haben. Menschen wie Jeremia und Elija, Debora und Rut, Maria von Magdala, Hildegard von Bingen und Teresa von Avila. Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und Hannah Ahrend, Martin Luther King, Nelson Mandela, Eugen Drewermann und noch viele andere. Sie hatten keine Angst. Und haben weitergemacht. Trotz allem. Wo wären wir ohne sie? Gute Frage. Noch wichtiger aber: Wer geht ihren Weg weiter?
Alexander Bergel
21. Juni
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Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 9,36-10,8
Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Das war mein erster Gedanke, als ich am Freitag die neue Ausgabe der Zeitschrift Christ in der Gegenwart in Händen hielt. Auf der Titelseite findet sich immer ein kleiner, aber meist sehr feiner Gedankenimpuls zum Evangelium des kommenden Sonntags. Nachdem ich den gelesen hatte, war mit klar: Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Und daher hören Sie heute keine Predigt von mir, sondern Gedanken von Burkhard Hose, Hochschulpfarrer in Würzburg. Er schreibt:
Beim Schlussgottesdienst des Katholikentags in Würzburg sprach Katrin Brockmöller, die Direktorin des Katholischen Bibelwerks, in ihrer Schrifteinführung davon, dass die in der Apostelgeschichte geschilderte Szene nach der Himmelfahrt wie ein Foto aus dem Familienalbum anmute. Interessant sei beim Betrachten solcher Fotos, wer darauf zu sehen sei, wer neben wem stehe und welche Geschichten es dabei zu erzählen gebe.
Auffällig sei bei der Nennung der Personen, die sich nach der Schilderung der Apostelgeschichte im Obergemach in Jerusalem einfanden, dass dort zwar die Namen aller Apostel genannt werden, dazu noch Maria und die Brüder Jesu, „die Frauen“ aber nur summarisch und ohne Nennung ihrer Namen erscheinen (vgl. Apg 1,12–14). Im Lukasevangelium hingegen werden im Vorfeld der Himmelfahrt nicht nur die Apostel, sondern auch Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, namentlich genannt (vgl. Lk 24,10).
Auch im „Album der Apostelgeschichte“ fänden sich an anderer Stelle viele „Fotos von Frauen“: Rode, Lydia, Priscilla, Maria und Tabita, Damaris und viele andere Verkündigerinnen der Botschaft. Als Brockmöller dann noch erwähnte, dass der Abschluss des Katholikentags auf das Datum des Festes der Apostelin Junia falle, die von Paulus in Röm 16,7 als Herausragende unter den Aposteln erwähnt wird, brandete unter den rund 14000 Menschen auf dem Würzburger Residenzplatz spontaner Applaus auf. Vielen Mitfeiernden und auch mir ging dieser Moment unter die Haut. Ich hatte das Gefühl, als hätten sich die Applaudierenden genau danach gesehnt: dass ein patriarchal verengtes Bild historisch, aber auch gegenwärtig ergänzt wird.
Ich kann das aktuelle Sonntagsevangelium von der Berufung der Apostel nicht lesen, ohne an diesen Moment in Würzburg zu denken. Auch bei der Aussendung der Jünger werden nur die Namen der zwölf Apostel genannt. Auch auf diesem „Foto“ suche ich vergeblich nach den vielen Frauen, die sich Jesus angeschlossen hatten. Nur wenig hilft da der Verweis auf die Symbolik des Zwölferkreises, der ja nur die Fülle der zwölf Stämme Israels repräsentieren sollte und nicht als dokumentarische Auflistung der Menschen in der Nachfolge Jesu zu verstehen ist.
Wer auf biblischen „Fotos“ zu sehen ist und wer unsichtbar bleibt, hat Auswirkungen bis in unsere Tage. Bis hin zu lehramtlichen Begründungen, wer zu Ämtern zugelassen ist und wer nicht. Bis hin zu tatsächlichen Fotografien vom Schlussgottesdienst des Katholikentags, bei dem die Predigt und der Altar allein männlichen Amtsträgern vorbehalten blieb. In der Bericht-erstattung waren auf offiziellen Fotos zunächst nur die Bischöfe und wir Priester am Altar zu sehen. Nach der Direktorin des Bibelwerks, die mit ihren Auslegungen entscheidende inhaltliche Akzente gesetzt hatte, musste man lange suchen. Vor diesem Hintergrund ein letzter, leicht schmunzelnder Blick auf die Zwölferliste des Matthäus: Als Einziger unter den Evangelisten „schmuggelt“ er auf das ehrwürdige „Familienfoto“ hinter den Namen des Apostels Matthäus den Zusatz „der Zöllner“ (Mt 10,3). So weit Burkhard Hose.
Wir brauchen neue, wir brauchen andere Bilder. Wir brauchen die sichtbare Präsenz von Frauen und Mädchen in der Kirche. Nicht als Staffage. Nicht als Quotenlösung. Nicht als Nice-to-have. Schaffen wir diese Bilder! Es ist gar nicht schwer! Nehmen wir die Osternacht. Da steht eine junge Frau am Ambo und singt die Osterbotschaft. In diesem Jahr Franziska Bodde, in den letzten beiden Jahren Hanna Dierker. Warum? Weil Maria Magdalena die erste Osterzeugin war. Da verkündet Gemeindereferentin Hildegard Vielhaber-Schulte bei der Feier der Erstkommunion das Evangelium. Warum? Weil sie den Kindern und Eltern in den Monaten der Vorbereitung das Wort Gottes nahebringt. Da assistiert die ausgebildete, aber (noch) nicht ordinierte Diakonin Andrea Tüllinghoff am Gründonnerstag gemeinsam mit Diakon Hans Ulrich Schmiegelt bei der Fußwaschung. Warum? Weil sie in unserer Pfarrei und darüber hinaus zutiefst diakonisch tätig ist.
Es sind nur Bilder. Aber Bilder haben eine Kraft. Momentan sind es noch Schnappschüsse. Kritiker werden sagen: Es ist eine Schnapsidee. Egal. Von den Jüngerinnen und Jüngern hat man am Morgen des Pfingsttages auch vermutet, sie seien betrunken gewesen. Waren sie aber nicht. Im Gegenteil. Sie waren Teil und Motoren von etwas ganz Neuem!
Alexander Bergel
14. Juni
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Predigt am 10. Sonntag im Jahreskreis
zu Mt 9,9-13
Wenn ich ein Geschäft betrete und die Händlerin oder der Verkäufer spricht mich mit Namen an, hebt das meine Stimmung, und das Verkaufsgespräch steht von Anfang an unter einem guten Stern. Natürlich: Marketingstrategen raten allen, die ein Produkt an den Mann und die Frau bringen möchten, eine positive Beziehung zur Kundin oder zum Kunden aufzubauen. Den eigenen Namen zu hören, trägt sicher dazu bei. Hinter diesem Erfolgsrezept liegt wohl die tiefe Sehnsucht vermutlich aller Menschen, gesehen zu werden.
„Jesus sah einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm.“ In dieser Szene ist es andersherum. Matthäus, der Zöllner, der es sich vom Geld anderer ganz gut gehen lässt, hört seinen Namen – und nichts ist danach mehr so wie vorher. Jesus will jedoch kein Produkt an den Mann bringen. Nein, er will von Matthäus etwas haben: sein Herz. Jesus gelingt es immer wieder, Grenzen zu überschreiten. Er macht das nicht theoretisch, nicht distanziert, nicht gönnerisch, nicht von oben herab. Jesus sieht den Menschen in seiner konkreten Situation. Und handelt.
Der, den alle hassen, weil er Macht hat, überhöhte Steuern einzuziehen, genau den spricht er an. Und indem er ihn anspricht, indem er ihn nicht reduziert auf seine Tätigkeit oder sein Auftreten, sein Machtgebaren, hinter dem sich vielleicht nur ein zutiefst verunsicherter, verletzter Mensch verbirgt, indem Jesus seinen Namen nennt, verschwindet all das Nebensächliche. All das Verkorkste. All das, was einem eine falsche Sicherheit gibt. Und so lässt Matthäus alles stehen und liegen. Denn er spürt: Da hat mich einer durchschaut. Und er will mich. Trotzdem.
Manchmal geht so etwas von einem Moment auf den nächsten. Mir fällt wie Schuppen von den Augen: Ich muss gar nicht um mich schlagen. Ich muss der Welt gar nichts beweisen. Ich brauche diesen ganzen Macht- und Einfluss- und Perfektions- und Überheblichkeitsfirlefanz gar nicht. In anderen Fällen dauert es lange vom ersten Gedanken bis zur Änderung meines Lebensstils. Ein oft mühsamer, schmerzhafter, aber heilender Prozess.
Entscheidend ist nicht, wie lange dieser Weg dauert. Entscheidend ist, ob ich mich traue, meinem Herzen zu trauen. Jesus tut es jedenfalls. Er traut meinem Herzen. Weil er einer ist, der selbst ein Herz hat. Ein Herz, das den Menschen sieht. Den Menschen mit all seiner Schwäche. Den Menschen mit all seiner Bedürftigkeit. Den Menschen mit all seiner Sehnsucht danach, gesehen zu werden. Deshalb isst er mit denen, vor denen andere die Nase rümpfen. Deshalb richtet er den Blick auf alle, die am Rande stehen. Deshalb legt er die Gesetze so aus, dass Menschen unter ihnen atmen können und nicht zugrunde gehen.
Matthäus saß am Zoll. Er tat das, was er immer tat. Und wovon er gut leben konnte. Aber offensichtlich war er innerlich so leer, dass das Rufen seines Namens ihm einen neuen Weg geöffnet hat. Stellen Sie sich einmal vor, ganz still für sich, Jesus würde in diesem Augenblick Ihren Namen rufen. Löst das in Ihnen noch etwas aus?
Alexander Bergel
7. Juni
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Predigt an Pfingsten
zu Gen 11,1-9, Apg 2,1-12 und Joh 20,19-23
Um es gleich vorwegzusagen: Ähnlichkeiten mit anwesenden Personen sind natürlich rein zufällig. Und zweitens: Die Rollenverteilung in der nun folgenden Szene könnte selbstverständlich auch andersherum sein.
Ein Mann und eine Frau sitzen beim Abendessen. Die Frau sieht Kapern in der Suppe und fragt: „Was ist das Grüne in der Suppe?“ Eine Frage mit sehr viel Potential. Auf der Sachebene geht es um die Feststellung: Da ist etwas Grünes. Die Frau bringt damit zum Ausdruck: Ich weiß nicht, was es ist. Auf der Beziehungsebene sagt sie: Du hast gekocht, du wirst es schon wissen. Und das führt zum Appell: Sag mir doch, was es ist!
Eigentlich ganz einfach. Eigentlich. Aber oft läuft es ja eher so: Der Mann versteht seine Frau folgendermaßen: Auf der Sachebene heißt die Information immer noch: Da ist etwas Grünes. Der Mann hört: Mir schmeckt das Essen nicht. Auf der Beziehungsebene interpretiert er also: Du bist ein miserabler Koch! Und das führt zum Appell: Lass das nächste Mal das Grüne weg! Da der Koch die Frage nicht auf der Sachebene, sondern auf der Gefühlsebene hört, kommt es zu folgendem Dialog: „Was ist das Grüne in der Suppe?“ – „Mein Gott, wenn es dir hier nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen gehen!“
Diese Szene kann ebenso im Auto vor einer grünen Ampel stattfinden oder auch – Grüße gehen raus an Loriot – bei allen Fragen rund um den Härtegrad von Frühstückseiern oder beim Versuch einer vielbeschäftigten Hausfrau, den Mann mal aus dem Sessel zu bugsieren und zum Spazierengehen zu schicken. Stichwort: „Ich hole dir deinen Mantel!“ Was der Mann am Ende des Dialogs zusammenfassend für sich und die Nachwelt festhält, ist den meisten sicher bekannt: „Morgen bringe ich sie um!“ Kurz – wiederum Loriot: „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen!“
Keine Sorge, dieser Frage gehen wir heute nicht nach. Aber dem Thema „Kommunikation auf verschiedenen Ebenen“. Ist das nicht etwas, das ziemlich gut zu Pfingsten passt? Ich meine, schon. Denn an Pfingsten geht es um Sprache. Es geht um Verstehen und nicht Verstehen. Um verstopfte Ohren und offene Herzen. Die Ausgangslage, bevor sich Pfingsten ereignet, ist offensichtlich: Alle sind nur bei sich. Die mythologische Geschichte des Turmbaus zu Babel schenkt uns ein Bild dafür. Ein Bild für dieses Verkapselt-Sein, für den Drang nach oben ohne Rücksicht auf Verluste, für das nur um sich selbst Kreisen. Damals war es so, heute ist es oft nicht anders.
Da gab es vielleicht mal ein gemeinsames Projekt, einen gemeinsamen Weg, eine Verbindung der Herzen: eine Freundschaft, eine Partnerschaft, ein berufliches Ziel, eine Vision – aber irgendwann hat das Herz aufgehört, aufmerksam zu sein für das, was der andere braucht, was die andere fühlt. Und man lebt nur noch nebeneinanderher.
Da gab es mal einen Konsens in unserem Land, dass wir nur gemeinsam eine Zukunft haben können. Demokratie bedeutet ja nicht, immer dieselbe Meinung zu haben, im Gegenteil! Eine Demokratie zu gestalten, bedeutet, um die Sache zu ringen, Wege zu suchen, die allen eine positive Entwicklung ermöglicht. Heute erleben wir überall auf der Welt, auch bei uns, ein zunehmendes Erstarken jener Kräfte, die unterscheiden wollen in Menschen mit Würde und Menschen ohne Würde. Faschistoide Meinungen werden absolut gesetzt („Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“), der Gegner in letzter Konsequenz vernichtet.
In unserem Bistum hatten wir mal die große Überschrift: „Gott und den Menschen nahe!“ Was sich selbstverständlich anhört, möchte ich gerne wieder etwas deutlicher in die aktuelle Diskussion einbringen. Die neue Überschrift lautet nämlich: „verändert bleiben!“ Das muss nicht falsch sein, denn es stimmt: Die Situation der Christinnen und Christen in Deutschland ist: Wir sind eine Minderheit. In zwanzig Jahren gibt es bei uns vermutlich nur noch einen Bevölkerungsanteil der Christen von 10 %. Das heißt: Es kann nicht alles so bleiben, wie es war. Und das wird es auch nicht. In unserer Pfarrei gehen wir ja schon lange Wege des sich Veränderns. Seien es neue Gottesdienstformen, sei es die immer breiter aufgestellte Arbeit unserer Caritas, die besonders stark über den eigenen Kirchturm hinausblickt, oder unser großes Projekt Kolumbarium St. Franziskus, das – in Deutschland einmalig – ein Ort wird für alle, ohne dass wir unsere christliche Grundlage verstecken.
Verändert bleiben – das Bistumsstichwort kann der Gefahr erliegen, mit schönen Worten am Ende eine technische Abwicklung von Strukturen zu werden. In diesen Strukturen leben aber Menschen. In diesen Strukturen leben wir! Und spätestens da kommt nun er ins Spiel: der Heilige Geist. Die Erfahrung von Ostern (Jesus tritt durch verschlossene Türen hindurch und rührt die Herzen der verängstigten Jüngerinnen- und Jüngerschar an) und die Erfahrung von Pfingsten (Die Kraft aus der Höhe wirbelt alles gehörig durcheinander, sie öffnet die Ohren und schafft eine Verbindung zwischen Verstand und Herz) – die eine wie die andere Erfahrung damals kann zu unserer Erfahrung werden.
Sie kann zu unserer Erfahrung werden, wenn wir anfangen, die sachliche Analyse mit den Augen des Herzens zu betrachten. Also: Die Herausforderungen in unserer Demokratie gehen mich an! Bring dich ein! Rede! Höre! Widerspreche! Versöhne! Die Veränderungen in unserer Pfarrei gehen mich an! Lass andere teilhaben an deinem Glauben! An deinen Fragen! An deiner Kreativität! Die Entwicklungen in unserem Bistum gehen mich an! Misch dich ein! Mit Herz und Verstand! Mit Lust und Leidenschaft! Damit wir eine Gestalt finden, die nicht nur technisch abgewickelt wird, sondern ein Herz hat.
Es wird auch weiterhin Momente geben, in denen man spürt: Es ist schwierig. Denn wir sind und bleiben unvollkommene Menschen (Stichwort: Das Grüne in der Suppe). Pfingsten zu feiern, ermutigt mich aber, nicht aufzugeben. Nicht aufzugeben, sondern Sinn und Verstand, Herz und Bauch, Intellekt und Gefühl zusammenzudenken und so immer wieder Brücken zu schlagen.
Vielleicht werden wir dann immer weniger hören: „Mein Gott, wenn es dir hier nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen gehen!“, sondern: „Danke, dass du mir von dir erzählt hast!“ Wäre das nicht ein wahrhaft pfingstlicher Weg in die Zukunft?
Alexander Bergel
24. Mai
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Gebet, Musik & Poesie
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»Komm, Heiliger Geist, komm!« Dieses gesungenes Gebet zu Pfingsten
hören Sie hier.
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»Veni Sancte Spiritus!« Den kraftvollen Pfingsthymnus aus Notre-Dame de Paris
hören Sie hier.
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Am 2. Ostersonntag begegnet uns Jahr für Jahr der zweifelnde Thomas. Durch allen Zweifel hindurch ist er doch der sehnsuchtsvoll Glaubende. Oder wird es immer mehr. Thomas begegnet dem Auferstandenen, der ihm seine Wunden hinhält. »Sei nicht ungläubig, sondern gläubig«, ruft ihm Jesus zu. Und die Antwort? »Mein Herr und mein Gott!«
Von diesem Ringen, von dieser Sehnsucht und ihrer Erfüllung ist der Gesang »Adoro te devote – Gottheit tief verborgen« von Thomas von Aquin durchdrungen:
Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: Du mein Herr und Gott!
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester lass die Hoffnung, treu die Liebe sein.
Sie finden diesen Gesang im Gotteslob unter der Nummer 497.
Hören können Sie ihn hier (Strophe 4, 2:42).
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»Weib, was weinest du?« Einer der berührendsten Gesänge zum Osterfest.
Es gäbe sicher nach wie vor so manches, was nicht nur Frauen in dieser Kirche zu beweinen hätten. Aber es gab und es gibt sie dennoch immer noch: die Verkünderinnen dieser einen unglaublichen Botschaft. Sollte deren Kraft, die schon einmal nicht nur Felsen vor Grabhöhlen in Bewegung brachte, nicht auch heute Steine wegzuräumen in der Lage sein?
Den Gesang aus den Osterdialogen von Heinrich Schütz können Sie hier hören.
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Ein Sehnsuchtslied – hier können Sie es hören.
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Hier hören Sie einen Gesang des Osnabrücker Jugendchors zum Karsamstag.
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Ein Klassiker zu Epiphanie.
Hier können Sie ihn hören
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Ein kleines musikalisches Juwel – entstanden in unserer Gemeinde.
Hier können Sie es hören.
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Erwartung bewegt …
Maria durch ein Dornwald ging,
Kyrie eleison.
Maria durch ein Dornwald ging,
der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen.
Jesus und Maria.
Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Kyrie eleison.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.
Da haben die Dornen Rosen getragen,
Kyrie eleison.
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen.
Jesus und Maria.
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Lied im Gotteslob Nr. 224
Text: August von Haxthausene
Das gesungene Lied finden Sie hier.
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Schaukasten-Gedanken
… können für einen kurzen Augenblick ansprechen oder irritieren
oder einfach nur Freude bereiten.
Hier finden Sie die schönsten Exemplare, die vor unseren Kirchen hängen,
zum Anklicken.
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