Predigtgedanken am Weltfrauentag
zu Joh 4,5-42
Es war um die sechste Stunde. Mittagszeit. Heißer geht es kaum. Da kam eine Frau, um Wasser zu schöpfen. In der Frühe, dann, wenn alle anderen kamen, war für sie kein Platz. An diesem Mittag aber, da bekommt sie eine Aufmerksamkeit, die alles verändern sollte. Denn auch Jesus ist da. Eigentlich will er sich nur ein wenig ausruhen. Und einen Schluck trinken. Aber ein Schöpfgefäß, das hat er nicht dabei. Die Frau schon. Und er, er hat etwas, das sie gar nicht mehr kennt. Jesus hat ein offenes Ohr. Und Antworten auf ihre Fragen, die sie ganz tief in sich vergraben hat. Jesus gibt der Frau eine Antwort, die in diese Tiefe hinein geht. Er bietet ihr Wasser, das keinen Durst mehr zulässt.
Je länger sie sich unterhalten, desto deutlicher wird der Frau, woher dieses Wasser kommt. Es kommt von einem, der ins Herz schaut. Der zuhört. Der den Menschen so nimmt, wie er ist. Den Menschen mit seiner Geschichte. Mit seinen Verletzungen und Brüchen. Den Menschen mit seinen Fragen und seiner Sehnsucht. Die Frau merkt – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben: Hier geht es um mich. Dieser Jesus – er wendet sich mir zu. Nur mir. Jetzt. Und er verurteilt nicht. Er bewertet nicht. Er schaut mich an. Und macht aus einer Ausgeschlossenen eine Botschafterin, die sich plötzlich etwas zutraut. Und ihrem Dorf berichtet, was geschehen ist.
Im Gegensatz zu vielen männlichen Verkündern ist der Name der Frau nicht überliefert. Wie so oft. Aber von ihrem Schicksal, von dem, was in ihr steckt, und von dem, was sie sich plötzlich zu trauen wagt, davon sprechen wir bis heute. Zum Glück! Denn auch heute noch gibt es Frauen wie sie. Frauen, die an den Rand gedrängt, die kleingehalten oder sogar verfolgt werden. Und die trotzdem eintreten für ihre Sache. Weil sie spüren: Ich muss es tun! Weil sie spüren: Ich habe einen Auftrag! Weil sie spüren: Wenn nicht ich, wer sonst?
Ich denke an die alte Frau, der ich vor einiger Zeit begegnet bin. Ganz plötzlich war da eine Tiefe im Gespräch, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Es war ein Gespräch über ihr Leben. Und über meines. Über ihren Glauben. Und über meinen. Über ihren Kirchenfrust. Und über meinen. Sie hatte schon so vieles erlebt. So viele Aufbrüche kommen und wieder verschwinden sehen. Weil es da die Mächtigen in der Kirche gibt, die einfach sagen: Nein, das machen wir nicht. Sie hat mir erzählt, wie sie sich diesen Mechanismen entgegengestellt hat. Ohne zu verzweifeln. Jahrzehntelang. Und dann sagte mir diese alte Frau: „Sie erleben das ähnlich, oder? Aber geben Sie nicht auf! Dafür ist die Botschaft Jesu zu kostbar!“ Was für ein Gespräch! Ein Jakobsbrunnengespräch mitten in Osnabrück.
Ich denke an die Frauen und Männer, die sich Ende Januar zur letzten Versammlung des Synodalen Weges getroffen haben. Sie haben darum gerungen, wie die Botschaft Jesu in unsere Zeit hineingetragen werden kann. Und zwar so, dass die Strukturen der Kirche, ihr Machtanspruch, ihre Entscheidungen, wer würdig ist und wer nicht, dieser Botschaft nicht mehr entgegenstehen. Viele wollen Veränderungen. Manch Mächtige wollen sie verhindern. Als ob es darum ginge, Gott vor irgendetwas schützen zu müssen. Nein, kein Kirchenmann muss Gott retten oder ihn schützen. Jesus selbst hat sich, hat Gott doch verwundbar gemacht. Hat ihn mitten in diese Welt gestellt. In eine Welt mit all ihren Herausforderungen, Krisen und zerstörerischen Dynamiken. Und mitten in dieser Welt hat Jesus seine Arme weit ausgebreitet und zu allen, zu wirklich allen gesagt: „Kommt, die Tore stehen offen!“ Manchmal musste Jesus zwar auch erst lernen, wie grenzüberschreitend diese offenen Arme sind. Nicht selten sogar haben ihm Frauen dabei auf die Sprünge geholfen. Aber er hat sie geöffnet. Und niemand hat das Recht, die Arme wieder zu schließen und Stopp-Schilder aufzubauen.
Ich denke an die vielen Frauen im Iran, die aufgestanden sind gegen das Regime der Mullahs. Die Kopf und Kragen riskiert haben, weil sie die Wahrheit sagen. Weil sie sich nicht einreden lassen wollen, dass sie minderwertig sind. Weil sie ihre Heilige Schrift, den Koran, nicht lesen als ein Buch der Unterdrückung, sondern als Botschaft, die den Menschen zu Gott führen will. Und nicht in die Folterkammer oder an den Galgen.
Immer wieder sind es Frauen, die den Finger in die Wunde legen. Die mutig voran gehen. Die sich nicht zermürben lassen. Die alles auf eine Karte setzen. Die weiterkämpfen, weiter Ausschau halten. Und oft genug auch einfach weiter sind. Weiter im Denken. Weiter im Fühlen. Weiter im Lieben. Davon könnte die Kirche, ja die ganze Welt eine Menge lernen. Ich hoffe, dass sie es irgendwann tut. Und ich hoffe, dass sie sich nicht entmutigen lassen, diese Frauen, dass sie nicht aufhören, aufzustehen und weiterzugehen. Die Frauen an den vielen Jakobsbrunnen dieser Welt.
Alexander Bergel