Seit frühester Zeit feiern Christen die Eucharistie über den Gräbern von Heiligen, vor allem der Märtyrer, die ihren Glauben mit der Hingabe des Lebens besiegelt haben. Als Getaufte wissen wir uns mit allen verbunden, die vor uns gelebt und sich zu Christus bekannt haben. Vor dem neuen Altar in der Heilig-Geist-Kirche sind bei der Altarweihe am 17. März 2019 zum Zeichen dieser Verbundenheit über den Tod hinaus – wie bereits bei der Weihe des ersten Altars im Jahr 1955 – die Reliquien der Heiligen Maria Goretti beigesetzt worden.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Maria Im Alter von zwölf Jahren nach einer versuchten Vergewaltigung von ihrem Peiniger getötet. Auf dem Sterbebett vergab sie ihm. Bald darauf schon setzte die Verehrung dieses ermordeten Kindes ein. Während die Kirche bis in die 1970er Jahre eher verzerrend betonte, Maria sei gestorben, um ihre Keuschheit zu bewahren, sehen wir aus heutiger Perspektive vor allem ein Mädchen, dem – wie so vielen Kindern, Frauen und Männern vor ihr und danach – Gewalt angetan wurde. In einer solchen Situation die Kraft zur Vergebung zu finden, ist fast schon übermenschlich.

Wenn wir im Jahr 2019 die Reliquien eines gepeinigten und gequälten Kindes vor unserem Altar beigesetzt haben, ist dies ein Bekenntnis: Menschen, denen schweres körperliches und seelisches Leid zugefügt wurde, haben ihren Platz mitten in der Kirche – in einer Kirche, in der selbst schwerste Verbrechen an Menschen geschehen sind. Die Reliquien Maria Gorettis mahnen uns, dies nie zu vergessen und alles zu tun, um aufzuarbeiten, zu heilen und konsequent Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Würde jedes Menschen schützen helfen. Den Gedenktag dieser jungen Heiligen feiern wir jedes Jahr am 6. Juli.