Gedanken nach einer Predigt des Bischofs von Passau
zur Frage der Menschenwürde
Nach dem Terroranschlag auf dem Christopher-Street-Day in Berlin am 26. Juli 2026 habe ich einige Gedanken formuliert und auch meiner Kirche die ein oder andere Frage gestellt. (Zu diesem kleinen Text gelangen Sie hier.)
Nun hat Stefan Oster, der Bischof von Passau, in einer Predigt zum Thema Menschenwürde am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel durchaus bedenkenswerte Fragen formuliert. Man muss diese Fragen sicher nicht in allem so beantworten, wie er es tut. Aber nachdenkenswert sind sie allemal.
Widersprechen aber möchte ich seinen Aussagen, mit denen er direkt auf die Christopher-Street-Days Bezug nimmt:
Wenn wir die Christopher-Street-Days betrachten mit ihren vielen Facetten von offen zur Schau gestellten Lebensweisen, sexuellen Präferenzen und angeeigneten Identitäten, dann wird auch hier unmittelbar anschaubar, wie fundamental sich Gesellschaft verändert hat. Und ja, es ist ein Ausdruck der Freiheit der Menschen, den unsere Demokratie ausdrücklich ermöglicht. Und es wird zugleich deutlich, wie schwer wir uns als gläubige Menschen tun, all das, was da gezeigt oder inhaltlich vertreten wird, mit unserem christlichen Menschenbild zu versöhnen. Wir stellen angesichts mancher Dinge die ehrliche Frage: Entspricht das der Würde, die uns von Gott gegeben ist – oder widerspricht es ihr? Hat der Schriftsteller Dostojewski am Ende Recht, wenn er sagt: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt?
Der Bischof spricht von »angeeigneten Identitäten«. Weiß er, wovon er spricht?
Der Bischof schreibt, es werde deutlich, »wie schwer wir uns als gläubige Menschen tun, all das, was da gezeigt oder inhaltlich vertreten wird, mit unserem christlichen Menschenbild zu versöhnen«. Ich tue mich damit nicht schwer. Und ich muss da auch nichts versöhnen.
Der Bischof fragt: »Entspricht das der Würde, die uns von Gott gegeben ist – oder widerspricht es ihr?« Was genau soll denn dort der Menschenwürde widersprechen?
»Wenn es Gott nicht gibt«, so zitiert der Bischof Dostojewski, »ist alles erlaubt«. Mit anderen Worten: Der Ausdruck von sexueller Vielfalt, von gemeinsamem Aufstehen gegen Unterdrückung und Diskriminierung ist Ausdruck des Nichtglaubens an Gott?
Eine abenteuerliche These. Nein, mehr noch: Es ist eine gefährliche Sicht, da sie Menschen, die leben, wie sie sind, zum Gesicht einer postulierten Gottesvergessenheit unserer Gesellschaft oder gar seiner Ablehnung macht.
Ich kann in dem Zusammenhang nur wiederholen, was ich bereits am 27. Juli geschrieben habe:
Was kann
ich tun,
dass Menschen
sein können,
wie sie sind,
einfach weil sie
Menschen sind?Ich kann:
Aufstehen.
Mitgehen.
Widersprechen.
Zuhören.
Mitleiden.
Die Liebe schützen.Und
meine Kirche,
was kann
die
tun?
Sie könnte
aufhören.Aufhören
mit gönnerischer Miene
unter
Umständen
»diesen Menschen«
Gottes Segen
zu gewähren.Aufhören
zu unterscheiden
zwischen Menschen,
deren Liebe Gott enthält
und jenen,
wo nur ein bisschen Gott
zu spüren ist. Wenn überhaupt.Aufhören
zu verleugnen,
dass sie
Menschen
schwer belastet hat
und das bis heute
tut.Sie könnte aufstehen,
meine Kirche.
Sie könnte aufstehen
und um Verzeihung bitten.
Und Dinge beim Namen nennen.
Und sich schämen.
Und dann sagen, was so naheliegend ist:Alle Menschen
sind geliebte Kinder Gottes.
Auch dann, wenn Männer Männer lieben und Frauen Frauen.
Auch dann, wenn jemand sein Geschlecht erst finden muss.
Auch dann, wenn jemand so ganz anders ist,
als man sich das naturrechtlich
zusammenreimt.Sie könnte aufstehen,
meine Kirche.
Und immer mehr zu dem Ort werden,
nach dem sich jeder sehnt:
Ein Ort,
an dem ich sein darf.
Einfach so.Hatte Jesus
sich das nicht mal so
gedacht?
Alexander Bergel
18. August