Predigtgedanken in der Osternacht

Und plötzlich war da kein Dunkel mehr, nur noch Licht. Trauer wich der Freude und der Schmerz einem Glücksgefühl, das sich nicht in Worte fassen lässt. Ob es so war, damals in Jerusalem? Wahrscheinlich nicht. Genau so wenig wie heute an den vielen Gräbern dieser Welt. Denn seien wir ehrlich: Auch wenn wir mitten in der Nacht nun von strahlendem Licht umgeben sind – die Nacht, sie ist ja nicht verschwunden. Im Gegenteil: Die Dunkelheit ist immer noch da. Nicht nur der Blick aus den Fenstern verrät es, auch der ehrliche Blick in unser Leben. Ist das vielleicht der Grund, warum wir der Dunkelheit in der letzten Stunde ganz schön viel Raum gelassen haben? Bis hinein in die Geschichte von Maria Magdalena und Jesus am Grab. Ja, vielleicht ist das der Grund. Aber der Reihe nach.

Am Anfang haben Sie sich auf den Weg gemacht. Durch die Nacht hindurch, hin zum Feuer. Plötzlich war da ein Flackern, mitten in der Nacht. Vielleicht hören Sie noch das Knacken des Holzes, sehen noch die Funken, die den Weg ins Dunkle suchen und finden. So wie Sie selbst kurze Zeit später auch. Vielleicht tastend und unsicher, froh über jemanden, an dessen Seite Sie Ihren Weg in die Kirche gehen konnten. Und dann kam sie, diese eine große Kerze, Symbol für den, dessen Auferstehung wir feiern. Frohlocket, ihr Chöre der Engel! Geschwunden ist allerorten das Dunkel! Noch nicht ganz, das ist offensichtlich. Und doch: Wenn jede und jeder dieses Licht an sich heranlässt, geschieht etwas. Wir sehen Umrisse, alles wird deutlicher erkennbar. Wir erkennen in dem, der neben uns steht, ein menschliches Gesicht. Augen schauen uns an. Augen, die sagen: Ich freue mich, dich zu sehen.

Und nachdem wir die alten Geschichten gehört haben, wird es immer klarer, worum es in dieser Nacht geht. Es geht um eine neue Sicht. Um Mut. Und Vertrauen. Adam und Eva – das sind wir. Wir am Anfang eines Weges, der immer wieder neu beginnen kann. Noah und die Arche – das sind wir. Wir inmitten der Abgründe und Wagnisse unseres Lebens, oft mit dem Wasser bis zum Hals. Mose und Mirjam – das sind wir. Wir auf der Suche nach Freiheit, nach Wahrheit und nach Glück. Maria Magdalena und Jesus – das sind wir. Wir mittendrin im Wechselspiel von Tod und Leben, von Trauer und Freude, von Abschied und Neuanfang. Und all das inmitten einer Welt, die immer kälter zu werden droht. Inmitten einer Welt, die vielen Angst macht, wie schon lange nicht mehr. Inmitten einer Welt, in der Menschen ums Leben kommen, weil sie frei sein wollen.

Es ist immer noch dunkel in dieser Welt. Und das Licht, das wir feiern, kann diese Dunkelheit nicht überstrahlen, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, eine Nebelkerze oder ein inszeniertes Feuerwerk zu sein, das der Realität nicht standhalten kann. Was aber ist die Realität? Adam und Eva haben das Paradies hinter sich gelassen, weil sie spüren, dass das Leben nicht nur Licht, sondern auch Schatten enthält. Der Preis der Freiheit. Aber sie haben sich. Und auch jenseits des Paradieses einen Gott, der sie nicht schutzlos in die Welt entlässt. Noah war kein Träumer. Er war Realist. Deshalb baute er seine Arche, auch wenn alle anderen meinten:

Der spinnt. Tod und Unheil, all das umgab ihn. Doch dann kam die Taube mit dem Ölzweig. Und der Regenbogen. Mose und Mirjam finden sich mit dem Gesetz der Sklaventreiber nicht ab. Sie gehen los, durch Mauern des Nichtgangbaren hindurch. Und werden erwartet von der Freiheit. Maria Magdalena bleibt nicht bei sich in ihrer Trauer. Von wegen „tot ist tot“. Sie geht weiter. Liebt weiter. Vertraut weiter. Und dann hört sie ihren Namen. Und alles ist anders.

Kennen Sie solche Erfahrungen? Da ist ein Mensch, mindestens einer, der geht mit mir durch Dick und Dünn. Da plane ich etwas, was keiner versteht, aber ich spüre: Ich muss es tun. Da ist der ungeheure Drang nach Freiheit, und all die Relativierer, die Vernünftigen, die, die wissen, wie es läuft, können sie mir nicht ausreden. Meine Trauer, die Trauer um einen geliebten Menschen oder eine Idee oder etwas, was einfach nicht mehr ging, diese Trauer wandelt sich in die Erkenntnis: Sie hat nicht das letzte Wort über mein Leben, nein, sie war nur der Durchgang zu etwas ganz Neuem! All das – wenn Sie so etwas auch schon mal erlebt haben, wissen Sie, was ich meine –, all das geschieht selten mit absoluter Klarheit und meist nicht in der Glut des Mittags. Nein, all das geschieht oft im Dunkel der Nacht oder kurz bevor der Morgen dämmert. Und es braucht Zeit. Aber dann, wenn sich die Kraft des Neuen entfaltet, wird das Leben wieder strahlend hell.

Ich traue diesem Licht, denn er kommt nicht protzig daher. Es kennt die kleine Flamme und den flackernden Kerzenschein genauso wie das lodernde Feuer und die helle Mittagssonne. Und auch wenn wir wissen, es wird weiter dunkle Stunden geben und die ängstliche Sorge um die Zukunft dieser Welt lässt sich nicht einfach so zur Seite legen, könnten wir es doch so machen, wie all die Frauen und Männer, deren Geschichten wir uns in dieser Nacht erzählt haben: Wir können unser Licht leuchten lassen, auch wenn es flackert und kurz vor dem Erlöschen ist, weil wir seine Kraft in dieser Nacht erlebt haben. Und dann – dann könnten wir losgehen und trotz allem eines tun: dem Leben mehr vertrauen als dem Tod.

Alexander Bergel