Predigtgedanken nach Veröffentlichung der Studie „Macht durch Charisma“
über Geistlichen Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften
Wie kommt man zum Glauben? Wie kam ich zum Glauben, wie Sie? Vermutlich werden die meisten sagen, dass der erste und auch der nachhaltigste Zugang über das Elternhaus kam, Eltern, Großeltern, familiäre Strukturen, dann Kontakte in Schule oder Kirchengemeinde. Einige haben einen anderen Zugang, z. B. über Literatur, andere finden einen Zugang über Vorbilder, über Menschen, die Eindruck hinterlassen, die beeindrucken.
Ein besonderer Aspekt dabei: Vertrauen. Vertrauen in Personen, in Menschen aus dem nahen oder weiteren Umfeld, Vertrauen in das, was mich beeindruckende Menschen machen, wie sie handeln. Vertrauen führt zum Glauben. Vielleicht ist sogar der doch nicht einfach zu umschreibende Begriff „Glauben“ leichter verstehbar, wenn ich ihn durch „Vertrauen“ ersetze. Ich glaube an dich, ich vertraue dir. Vertrauen in Menschen, Vertrauen auch in den Gott, von dem mir erzählt wird. Vertraue ich jemandem, lasse ich mich ein – auf diesen Menschen, auch auf Gott.
Was nun, wenn dieses Vertrauen enttäuscht wird? Wenn ich über Absichten getäuscht werde? Was, wenn das geschenkte Vertrauen von meinem Gegenüber missbraucht wird? Wenn es für eigene, egoistische Zwecke umgeleitet wird? Wie das geht? Davon berichtet eine Studie, die gerade veröffentlicht wurde unter dem Titel „Macht durch Charisma“, Untertitel „Missbrauch geistlicher Autorität“.
Die Studie wurde von den Bistümern Osnabrück und Münster und der Ordensgemeinschaft der Thuiner Franziskanerinnen in Auftrag gegeben. Für Osnabrück und die Thuiner Schwestern wurde insbesondere die so genannte Christusgemeinschaft in den Blick genommen. Vorwurf: Missbrauch geistlicher Autorität.
Das ist nun für uns nichts irgendwie Theoretisches, sondern betrifft uns als Menschen im Bistum Osnabrück unmittelbar, es geschah hier, in unserem kirchlichen Umfeld. Laut Studie wurde von einigen Priestern und Ordensfrauen zunächst ein Umfeld geschaffen, in dem sich anfangs junge Leute, später auch ganze Familien wohl fühlten, ein Umfeld, das sozialen Halt bot und zugleich eine geistliche Richtung anbot, die auch in Fragen der Religion Halt bot.
Soweit, so wenig problematisch, könnte man meinen. Leider blieb es nicht dabei: Die Leitungsfiguren dieser Gemeinschaft hatten irgendwann einen unantastbaren Nimbus, wie sie waren, was sie taten, was sie verlangten, konnte und durfte nicht mehr hinterfragt werden. Von einer Ordensfrau hieß es, durch sie spreche der Heilige Geist unmittelbar.
Nun wurde definiert, wie man – ggf. auch mit wem man – zu leben hatte. Es wurde definiert, was zu glauben ist und wie der Glaube zu leben ist. Sakramente, insbesondere das Bußsakrament, die Beichte, wurden als Instrument der Beeinflussung und Kontrolle genutzt – und missbraucht. Traute sich jemand zu widersprechen, ließ man ihn fallen – was besonders schwerwiegend ist, wenn das einzige soziale Umfeld eine solche Gemeinschaft ist und man dann vor dem sozialen Nichts steht.
Geistliche Gemeinschaften hat es in der Kirche immer gegeben. Menschen, die sich zusammentaten, um in einer bestimmten Weise – auch gemeinsam – zu leben. Die Orden sind solche Gemeinschaften. In der jüngeren Vergangenheit sind so genannte „Neue geistliche Gemeinschaften“ entstanden. Meistens unproblematisch.
Aber es gibt auch die anderen, von denen die Studie berichtet: Gemeinschaften, die in Unfreiheit führen. Gemeinschaften, deren Leitungspersonen sich als über allen anderen stehend sehen. Gemeinschaften, in denen Abhängigkeiten entstehen, die von einzelnen Personen, nicht selten mit einem geistlichen Amt versehen – Priester, Ordensleute – für eigene Zwecke missbraucht werden – und sei es nur dazu, das eigene Ego zu steigern.
So etwas hat Menschen krank gemacht, solche Dinge haben Menschen das Vertrauen in andere verlieren lassen. So etwas hat Menschen das Vertrauen in Gott, den Glauben verlieren lassen. Dabei hat doch Jesus genau das nicht gewollt: Er war es doch, der krankmachende Dämonen austrieb. Er war es doch, der Menschen aus allen denkbaren Unfreiheiten in die Freiheit führte. Er war es doch, der Blindheit, der blinde Flecken von Menschen wegnahm, um zur Erkenntnis zu kommen, der in Bewegung setzte, was durch Lahmheit festgelaufen war.
Wieder eine Studie, die die Kirche nicht gut aussehen lässt? Das kann lästig werden, will man, muss sich damit schon wieder auseinandersetzen? Ich meine, man muss es. Denn das Beschriebene geschah in unserem Umfeld, innerhalb der Kirche. Wenn damit jetzt Schluss ist, und wenn dafür eine weitere Studie eine Hilfe ist, ist das sicher gut.
Ich möchte in einer Kirche leben und mich engagieren, der man vertrauen kann und deren Vertretern man vertrauen kann. Denn: Zum Glauben kommt man über Vertrauen. Ohne Vertrauen kein Glaube.
Stefan Schweer
27. September