Predigtgedanken in Wahlzeiten

„Groll und Zorn sind Gräuel, und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.“ Ob sich die Agitatoren unserer Tage, die Scharfmacher, die Spalter von dieser Analyse aus dem Buch Jesus Sirach beeindrucken lassen? Unwahrscheinlich. In zunehmendem Maße erleben wir es ja. Wir erleben, wie mit diesen Gefühlen gespielt wird, wie Groll und Zorn gezielt eingesetzt werden. Wir erleben es zum Beispiel dann, wenn die Generaldebatte im Deutschen Bundestag in der vergangenen Woche nicht nur zur Showbühne wird, sondern zur Schrei- und Beleidigungsarena der untersten Schublade. Im smarten Kostüm steht die Oppositionsführerin am Rednerpult. Jene Frau, die andere Politiker Flachzangen nennt, während sie selbst, rhetorisch mäßig brillant, den politischen Gegner zu filetieren versucht. Groll und Zorn werden gesät. Wie immer auf Kosten derer, die sich nicht wehren können.

Zum Beispiel auf Kosten jener Menschen, die in den vielen Flüchtlingslagern dieser Welt leben. Auch dort haben Groll und Zorn ein Zuhause. Mehr noch aber das Gefühl der Ausweglosigkeit und der Angst. Viele geflüchtete Menschen hatten und haben Angst um ihr Leben. Und, ja, auch immer mehr Politikerinnen und Politiker haben Angst. Angst, etwas falsch zu machen. Das ist die Stunde der Scharfmacher. Überall auf der Welt schlagen Menschen wild um sich, mit Worten und Taten. Überall auf der Welt vergiften Menschen das Miteinander. Bedarf es da nicht doch einer gehörigen Portion Groll und Zorn, um gegen all das anzugehen?

Der Weg Jesu ist – wie so oft – ein anderer. Seine Aufforderung geht so: „Fang bei dir selbst an. Denke daran, wie oft du dich schon verrannt hast. Wie oft du schon schuldig geworden bist. Wie sehr du davon lebst, dass andere dir einen neuen Anfang schenken. Also: Wage das Unmögliche und hab Geduld. Immer wieder. Und immer mehr!“ „Ja“, möchte man da sagen, „du hast recht, Herr! Aber wir dürfen doch diese Ungerechtigkeit nicht einfach so weiterlaufen lassen. Wir dürfen doch nicht zusehen, wie Menschen umkommen, nur weil sie in der falschen Gegend leben. Wir dürfen doch nicht zulassen, dass unsere Erde den gewinnmaximierenden Konzernen geopfert wird. Wir dürfen doch nicht zusehen, wie Potentaten ihr Volk niederknüppeln und in Kriege stürzen oder Menschen einfach so verschwinden. Wir dürfen doch nicht zusehen, wie Politiker des rechten Rands diesen in die Mitte verschieben und uns vorgaukeln, dass so alles gut wird. Wir müssen doch was tun!“

„Ja“, so stelle ich es mir vor, könnte Jesus sagen, „das stimmt. Wer mir folgt, muss sich die Hände schmutzig machen. Wer mir folgt, der legt den Finger in die vielen Wunden dieser Zeit. Wer mir folgt, der kämpft! Aber eines solltest du bedenken, wenn du überleben willst: Lass dich nicht vergiften! Sei nie so durchdrungen von Gewalt und Hass, dass du nicht mehr in den Spiegel schauen kannst. Lass den anderen leben. Nur so kannst du ihn gewinnen.“ „Du hast leicht Reden, Jesus, doch was ist mit den vielen Unterdrückten dieser Tage, was mit den vielen Opfern von Willkür und Terror? Was mit all den Radikalen, die ihren Weg gehen ohne Rücksicht auf Verluste?“

Die Fragen sind richtig. Denn all das ist ja da. Und all das wird bleiben. Aber der Funke Hoffnung, für den Jesus sein Leben gab, weil er standhaft war und für seine Überzeugungen eintrat, dieser Funke Hoffnung, der bleibt auch. Und er treibt uns an zum Handeln. Und er hat eine reale Chance, nicht ausgelöscht zu werden, dieser Funke Hoffnung. Wenn ich mich nicht vergiften lasse.

Alexander Bergel
13. September