Predigtgedanken zu Pfingsten

Um es gleich vorwegzusagen: Ähnlichkeiten mit anwesenden Personen sind natürlich rein zufällig. Und zweitens: Die Rollenverteilung in der nun folgenden Szene könnte selbstverständlich auch andersherum sein.

Ein Mann und eine Frau sitzen beim Abendessen. Die Frau sieht Kapern in der Suppe und fragt: „Was ist das Grüne in der Suppe?“ Eine Frage mit sehr viel Potential. Auf der Sachebene geht es um die Feststellung: Da ist etwas Grünes. Die Frau bringt damit zum Ausdruck: Ich weiß nicht, was es ist. Auf der Beziehungsebene sagt sie: Du hast gekocht, Du wirst es schon wissen. Und das führt zum Apell: Sag mir doch, was es ist!

Eigentlich ganz einfach. Eigentlich. Aber oft läuft es ja eher so: Der Mann versteht seine Frau folgendermaßen: Auf der Sachebene heißt die Information immer noch: Da ist etwas Grünes. Der Mann hört: Mir schmeckt das Essen nicht. Auf der Beziehungsebene interpretiert er also: Du bist ein miserabler Koch! Und das führt zum Apell: Lass das nächste Mal das Grüne weg! Da der Koch die Frage nicht auf der Sachebene, sondern auf der Gefühlsebene hört, kommt es zu folgendem Dialog: „Was ist das Grüne in der Suppe?“ – „Mein Gott, wenn es dir hier nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen gehen!“

Diese Szene kann ebenso im Auto vor einer grünen Ampel stattfinden oder auch – Grüße gehen raus an Loriot – bei allen Fragen rund um den Härtegrad von Frühstückseiern oder beim Versuch einer vielbeschäftigten Hausfrau, den Mann mal aus dem Sessel zu bugsieren und zum Spazierengehen zu schicken. Stichwort: „Ich hole dir deinen Mantel!“ Was der Mann am Ende des Dialogs zusammenfassend für sich und die Nachwelt festhält, ist den meisten sicher bekannt: „Morgen bringe ich sie um!“ Kurz – wiederum Loriot: „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen!“

Keine Sorge, dieser Frage gehen wir heute nicht nach. Aber dem Thema „Kommunikation auf verschiedenen Ebenen“. Ist das nicht etwas, das ziemlich gut zu Pfingsten passt? Ich meine, schon. Denn an Pfingsten geht es um Sprache. Es geht um Verstehen und nicht Verstehen. Um verstopfte Ohren und offene Herzen. Die Ausgangslage, bevor sich Pfingsten ereignet, ist offensichtlich: Alle sind nur bei sich. Die mythologische Geschichte des Turmbaus zu Babel schenkt uns ein Bild dafür. Ein Bild für dieses Verkapselt-Sein, für den Drang nach oben ohne Rücksicht auf Verluste, für das nur um sich selbst Kreisen. Damals war es so, heute ist es oft nicht anders.

Da gab es vielleicht mal ein gemeinsames Projekt, einen gemeinsamen Weg, eine Verbindung der Herzen: eine Freundschaft, eine Partnerschaft, ein berufliches Ziel, eine Vision – aber irgendwann hat das Herz aufgehört, aufmerksam zu sein für das, was der andere braucht, was die andere fühlt. Und man lebt nur noch nebeneinanderher.

Da gab es mal einen Konsens in unserem Land, dass wir nur gemeinsam eine Zukunft haben können. Demokratie bedeutet ja nicht, immer dieselbe Meinung zu haben, im Gegenteil! Eine Demokratie zu gestalten, bedeutet, um die Sache zu ringen, Wege zu suchen, die allen eine positive Entwicklung ermöglicht. Heute erleben wir überall auf der Welt, auch bei uns, ein zunehmendes Erstarken jener Kräfte, die unterscheiden wollen in Menschen mit Würde und Menschen ohne Würde. Faschistoide Meinungen werden absolut gesetzt („Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“), der Gegner in letzter Konsequenz vernichtet.

In unserem Bistum hatten wir mal die große Überschrift: „Gott und den Menschen nahe!“ Was sich selbstverständlich anhört, möchte ich gerne wieder etwas deutlicher in die aktuelle Diskussion einbringen. Die neue Überschrift lautet nämlich: „verändert bleiben!“ Das muss nicht falsch sein, denn es stimmt: Die Situation der Christinnen und Christen in Deutschland ist: Wir sind eine Minderheit. In zwanzig Jahren gibt es bei uns vermutlich nur noch einen Bevölkerungsanteil der Christen von 10 %. Das heißt: Es kann nicht alles so bleiben, wie es war. Und das wird es auch nicht. In unserer Pfarrei gehen wir ja schon lange Wege des sich Veränderns. Seien es neue Gottesdienstformen, sei es die immer breiter aufgestellte Arbeit unserer Caritas, die besonders stark über den eigenen Kirchturm hinausblickt, oder unser großes Projekt Kolumbarium St. Franziskus, das – in Deutschland einmalig – ein Ort wird für alle, ohne dass wir unsere christliche Grundlage verstecken.

Verändert bleiben – das Bistumsstichwort kann der Gefahr erliegen, mit schönen Worten am Ende eine technische Abwicklung von Strukturen zu werden. In diesen Strukturen leben aber Menschen. In diesen Strukturen leben wir! Und spätestens da kommt nun er ins Spiel: der Heilige Geist. Die Erfahrung von Ostern (Jesus tritt durch verschlossene Türen hindurch und rührt die Herzen der verängstigten Jüngerinnen- und Jüngerschar an) und die Erfahrung von Pfingsten (Die Kraft aus der Höhe wirbelt alles gehörig durcheinander, sie öffnet die Ohren und schafft eine Verbindung zwischen Verstand und Herz) – die eine wie die andere Erfahrung damals kann zu unserer Erfahrung werden.

Sie kann zu unserer Erfahrung werden, wenn wir anfangen, die sachliche Analyse mit den Augen des Herzens zu betrachten. Also: Die Herausforderungen in unserer Demokratie gehen mich an! Bring dich ein! Rede! Höre! Widerspreche! Versöhne! Die Veränderungen in unserer Pfarrei gehen mich an! Lass andere teilhaben an deinem Glauben! An deinen Fragen! An deiner Kreativität! Die Entwicklungen in unserem Bistum gehen mich an! Misch dich ein! Mit Herz und Verstand! Mit Lust und Leidenschaft! Damit wir eine Gestalt finden, die nicht nur technisch abgewickelt wird, sondern ein Herz hat.

Es wird auch weiterhin Momente geben, in denen man spürt: Es ist schwierig. Denn wir sind und bleiben unvollkommene Menschen (Stichwort: Das Grüne in der Suppe). Pfingsten zu feiern, ermutigt mich aber, nicht aufzugeben. Nicht aufzugeben, sondern Sinn und Verstand, Herz und Bauch, Intellekt und Gefühl zusammenzudenken und so immer wieder Brücken zu schlagen.

Vielleicht werden wir dann immer weniger hören: „Mein Gott, wenn es dir hier nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen gehen!“, sondern: „Danke, dass du mir von dir erzählt hast!“ Wäre das nicht ein wahrhaft pfingstlicher Weg in die Zukunft?

Alexander Bergel